Archiv des Autors: Lucia

Halbzeit

Die erste Hälfte meines Austauschjahres ist jetzt vorüber und gibt Anlass dazu, alles Erlebte zu reflektieren und Ziele für den Rest der Zeit zu setzen. Denn auch wenn ich in den letzten 5 Monaten schon einen Einblick in die ungarische Kultur erhalten habe, der weit unter die Oberfläche geht, gibt es vor allem noch viel über Musik und über mich selbst zu lernen und viele Dinge, an denen ich im Rahmen meines Aufenthalts arbeiten möchte.

 

HALBJAHRESCAMP

Das von YFU Ungarn organisierte Halbjahrescamp fand vom 10.-12. Januar in der Stadt Esztergom statt. Es diente dazu, gemeinsam über Fortschritte und Probleme der letzten Zeit zu sprechen und uns Ratschläge für die noch kommenden Monate zu geben – uns also beim eigenen Reflektieren zu unterstützen. Am ersten Tag haben wir einen Ungarisch-Test absolviert (bei dem ich zu den drei besten gehörte 🙂 ), dann ging es um unser Wohlbefinden im Austausch von der Ankunft bis jetzt. Ein typisches Auslandsjahr beginnt nämlich mit Begeisterung für die neue Kultur, die jedoch immer weiter nachlässt und eventuell zu einer Krise bzw. Kulturschock in der Mitte des Jahres (also genau jetzt) führt, bevor man sich wieder besser fühlt und sich wirklich an das andere Land angepasst hat. Ich persönlich habe eigentlich meinen Aufenthalt in Ungarn zu jedem Zeitpunkt genossen, aber es stimmt schon, dass die anfängliche Euphorie über alles Neue nicht mehr da ist, sondern man sich an das Meiste gewöhnt hat und momentan manchmal auch Dinge aus Deutschland vermisst. Dazu gehört auch die Zeit für einen selbst: Hier übe ich stattdessen Klavier, treffe Freunde in Budapest oder verbringe Zeit mit meiner Gastfamilie – aber das sind wiederum Dinge, die ich in Deutschland nicht machen kann und die in nach meiner Rückkehr sicherlich vermissen werde.

Am zweiten Tag haben wir zuerst einen Ausflug in die Stadt gemacht und dann über unser Verhältnis zur Gastfamilie gesprochen: Mit wem verstehen wir uns am besten und wie können wir uns manchen Familienmitgliedern besser annähern? Und gibt es Verhaltensweisen von uns, an denen wir arbeiten sollten? Bei mir ist meine Beziehung zu meiner älteren Gastschwester Fanni am besten, aber eigentlich verstehe ich mich mit allen sehr gut. Jedoch könnte ich definitiv mehr mit ihnen unternehmen, weil ich immer lange Schule habe, an den meisten Wochenenden mit Freunden unterwegs bin und deswegen ziemlich oft spät nach Hause komme. Wir haben außerdem auch über die Schule und unsere Situation in der Klasse geredet. Ich muss sagen, dass ich in der Hinsicht ein bisschen enttäuscht bin, denn ich hatte erwartet, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon enger mit meinen Klassenkameraden befreundet wäre. Es sind zwar alle nett zu mir, aber außerhalb der Schule treffen wir uns nicht wirklich – wobei das nach meinem Eindruck nicht zwingend etwas mit mir zu tun hat, sondern damit, dass es eine Musikschule ist: Es gibt Unterricht am Nachmittag und Abend, und wenn man keinen Unterricht hat, dann übt man am Instrument, weshalb die Schule immer gefüllt und sozusagen der zentrale Treffpunkt für Freundesgruppen ist. Trotzdem möchte ich gerne versuchen, mehr über meine Klassenkameraden zu erfahren und auch mit Leuten aus anderen Klassen Kontakt zu knüpfen.

Dann haben wir noch über die Ungarn im Allgemeinen gesprochen. Dabei ist mir klar geworden, wie umfassend wir die Unterschiede dieser Nation zu unserer eigenen begreifen und beschreiben können: Es gab ein Spiel, bei dem jemand eine Behauptung über Ungarn aufstellen sollte und jeder, der zustimmte, aufstand. Dinge wurden genannt wie „Ungarn haben sehr leckeres Essen“ oder „Ungarn sind immer höflich“, aber auch Negatives wie „Ungarn sind verschlossen gegenüber Fremden“ und „Ungarn reagieren sehr unfreundlich, wenn man Englisch spricht“. Mir ist in der Hinsicht ein drastischer Unterschied zwischen Jung und Alt aufgefallen: Die Jugendlichen reagieren meist sehr fasziniert, wenn sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme, und oft sagen sie, dass sie später auch einmal ins Ausland möchten, weil sie Ungarn langweilig finden. Die ältere Generation ist hingegen genau das Gegenteil: Spreche ich an der Kasse oder mit Kontrolleuren Englisch, werde ich nicht selten abschätzig behandelt. Das könnte mitunter vielleicht an der Geschichte liegen: Ungarn musste immer viele Niederlagen einkassieren, und dadurch gibt es ein allgemeines Ungerechtigkeitsgefühl und eventuell Angst gegenüber Neuem, Fremden in den Köpfen der Menschen. Dabei können die Ungarn stolz auf ihr Land sein, dass so eine einzigartige Sprache, gutes Essen und eine schöne Hauptstadt hat.

Am letzten Tag haben wir alle von unseren glücklichsten Moment erzählt (bei mir das Eislaufen mit meiner Gastfamilie), eine Liste mit Dingen erstellt, die wir im Austausch noch machen möchten und dann schließlich unseren Brief an uns selbst bekommen, den wir auf dem Arrival Camp verfassen sollten. Es war ein komisches Gefühl, ihn zu lesen und hat einen realisieren lassen, wie sehr man sich doch schon verändert hat. Angeregt von all diesen Ideen und Erkenntnissen sind wir dann schließlich wieder nach Hause zu unseren Gastfamilien gefahren, bereit für die zweite Hälfte unseres Austauschjahres – mit Ausnahme von Hanna und Sabrina aus Deutschland und Luna aus Belgien, die nur ein halbes Jahr in Ungarn verbracht haben und von denen wir uns das darauffolgende Wochenende leider schon verabschieden mussten. Aber wir konnten auch Ingrid aus Argentinien neu begrüßen, die jetzt im Januar ihr Austauschjahr begonnen hat und bis Ende November bleibt.

 

SEMESTERENDE

Auch in der Schule beginnt nun ein neues Halbjahr. Im Januar gab es deshalb Examen und lauter Konzerte, um sich auf dieses vorzubereiten (bzw. um das alte abzuschließen) und außerdem ein Kammermusikkonzert. In dieser Woche war dann die halbjährige „Konzertwoche“, bei der jeder Schüler von der ganzen Schule im großen Saal etwas vorspielt und die besten nach Abstimmung im „Superkonzert“ landen. Die Klavierspieler waren alle am Dienstag dran und obwohl ich sonst keine Probleme mit Auftritten habe, war ich schon ziemlich aufgeregt: So viele Leute, mit denen ich etwas zu tun habe, haben mich schließlich zum ersten Mal gehört. Aber es ist gut gelaufen und danach war es ein großartiges Gefühl, die Herausforderung gemeistert zu haben.

Ich fand es richtig interessant, zu sehen, was die anderen Schüler für Instrumente spielen und wie gut sie sind, außerdem war es für mich das erste Mal, dass ich zum Beispiel ein Saxophon- oder Harfensolo gehört habe. Viele Leute an meiner Schule sind auch im Tontechnik-Programm, d.h. sie lernen, selbst Musik zu produzieren, wovon ich mir durch ihre Vorstellungen endlich besser ein Bild machen konnte. Jetzt ist all der Stress jedenfalls erstmal vorbei, ich fange wieder mit neuen Klavierstücken an und ich bin schon gespannt, welche mein Lehrer für mich ausgesucht hat.

Lucia

Weihnachten

Der vergangene Monat war geprägt von lauter Lichtern auf den Straßen, Schnee, der tatsächlich liegen blieb (und die damit verbundene Kälte), Plätzchen und Schokolade, „Last Christmas“ Ohrwürmern, Geschenken, „Kevin allein zu Haus“, und natürlich vielen (mal lustigen, mal langweiligen) Besuchen von Verwandten. Weihnachten, oder auch „Karácsony“, wie es dieses Jahr für mich hieß, wird in Ungarn eigentlich ziemlich ähnlich gefeiert wie in Deutschland und als Fest der Familie angesehen. Trotzdem war es für mich eine ganz neue und auch etwas komische Erfahrung, denn es war eben nicht meine Familie, mit der ich Weihnachten verbracht habe…

 

ADVENTSZEIT 

Was wäre die Adventszeit ohne Adventskalender? Pünktlich am 1. Dezember haben meine Gastschwestern und ich einen von meinen Gasteltern bekommen. Ich hätte gar nicht unbedingt erwartet, dass es das in Ungarn auch gibt und habe mich daher umso mehr über diese kleine Geste gefreut. Und auch meine Mutter hat mir einen für jeden, auch die Eltern, aus Deutschland zugeschickt, zusammen mit Klamottennachschub und selbst gebackenen Plätzchen, die sehr gut angekommen sind 🙂 Einige Tage später war dann schon Nikolaus – auch hier legt man sich kleine Geschenke in die Stiefel. Meine Familie hat mir einen Schokostern und Ohrringe geschenkt, und sogar die Schulmensa hat sich beteiligt und an jeden einen kleinen Schokonikolaus vergeben – oder eher einen Schokoweihnachtsmann. In Ungarn kommt der Weihnachtsmann (oder der „Mikulás“) nämlich schon am 6. und an Weihnachten bringt stattdessen das Christkind die Geschenke.

Am folgenden Wochenende war ich mit Hanna, einer anderen deutschen Austauschschülerin, auf dem Weihnachtsmarkt in Budapest. Die Innenstadt wurde wirklich schön geschmückt, mit beeindruckenden Lichtern überall, vom Markt selber wurden wir aber leider etwas enttäuscht. Es ähnelte alles ziemlich einer kleineren Version der deutschen Märkte – nur wird Glühwein hier erst ab 18 verkauft, und Schmalzkuchen oder gebrannte Mandeln waren nirgendwo zu finden. Aber es gab dafür an allen Ecken Lángos, mein persönliches ungarisches Lieblingsessen – ein großes Fladenbrot mit Käse, Sauerrahm und Knoblauch.

Am 14. Dezember hat YFU die alljährliche Weihnachtsparty in einem Café veranstaltet. Es gab Kuchen und Kekse, und wir haben alle fleißig das ungarische Weihnachtsgebäck probiert. Besonders typische Zutaten sind Zimt und Mohn, die aber für Ausländer etwas ungewohnt sein können, da das Aroma ziemlich stark ist. Einige von uns Austauschschülern, auch ich, spielten im Laufe des Abends noch etwas auf dem Instrument vor, wodurch eine schöne und familiäre Atmosphäre geschaffen wurde. Als sich dann die Feier dem Ende zuneigte, bin ich mit Kenya (aus Mexiko) zusammen zu Opal (aus Thailand) gegangen, um bei ihr zu übernachten. Und am nächsten Morgen gab es dann tatsächlich den ersten Schnee in diesem Winter – für mich nichts besonderes, aber für die anderen beiden das allererste Mal, weshalb sie sich unglaublich gefreut haben. Sogar ich wurde ein bisschen von ihrer guten Stimmung mitgerissen (und das, obwohl der Winter und ich eigentlich bitterlich verfeindet sind), und kam auf die Idee, Plätzchen – oder Vanillekipferl, die Hanna dann vorgeschlagen hat – zu backen. Die Arbeit hat sich jedenfalls gelohnt und auch Kenya, Opal und ihren Gasteltern haben die deutschen Kekse am Ende geschmeckt!

Ab da begann der alljährliche Geschenke-Stress: Der 24. rückte langsam gefährlich nah, weshalb es dringend Zeit wurde, alles fertig zu kriegen. Es ist natürlich nicht so einfach, etwas passendes für Menschen zu finden, die man noch nicht so lange kennt, aber glücklicherweise gibt es in Budapest unzählige Läden, die gute Ideen liefern: Für meinen Gastvater habe ich einen Weihnachtshut gefüllt mit Schokolade besorgt, für meine Gastmutter Kosmetikartikel und Duftkerzen, für meine kleine Gastschwester Hanna viele glitzernde Einhornartikel, und für meine große Gastschwester Fanni einen Weihnachtspulli und Oreo-Kekse. Auch für einen Klassenkameraden von mir, den ich beim Wichteln gezogen habe, habe ich einige Kleinigkeiten gekauft.

Am letzten Schultag wurden dann die Geschenke ausgetauscht, nach einem gemeinsamen Frühstück mit Kuchen, Keksen und dem leckeren ungarischen Tee. Mein Geschenk kam übrigens von der Klassenlehrerin und ich muss sagen, dass sie mir echt schöne Sachen ausgesucht hat: Socken mit Hundemotiv, Ohrringe, Duschgel, ein Musikheft und Schokolade. Auch Katinka aus meiner Klasse hatte eine kleine Tüte mit Geschenken für uns Mädchen, was ich wirklich nett und aufmerksam fand. Nach der Weihnachtsfeier in der Klasse hat sich dann die ganze Schule in der Turnhalle versammelt, um die seit Längerem erprobten Volkstanz-Choreographien aufzuführen, und als das geschafft war, haben wir noch zusammen Weihnachtslieder gesungen – das macht in einem Musikgymnasium, in dem alle Leute mitsingen, echt Spaß. Damit waren wir dann, zwei Tage früher als die anderen Schulen in Ungarn, in die Weihnachtsferien entlassen.

Die Vorweihnachtszeit scheint übrigens gleichzeitig die Zeit der Konzerte an meiner Schule zu sein: Am 5. Dezember hatte ich mein erstes Vorspiel in Ungarn, und auch wenn es nur klein war, war ich ziemlich aufgeregt, weil ich auswendig spielen musste. Letztendlich lief es ganz in Ordnung – das erste Stück war okay, das zweite hatte ziemlich viele Fehler, aber keinen befürchteten Komplett-Blackout, und für das dritte hat mein Lehrer mir sogar anschließend ein Kompliment gemacht. Am nächsten Tag gab es eine Meisterklasse im Klavier – das bedeutet, dass ein angesehener Pianist bzw. Klavierlehrer in die Schule kam, und dann eine einmalige Unterrichtsstunde gab. Das ganze war öffentlich, alle Klavierlehrer und -schüler haben also zugeschaut und nur einige von ihnen vorgespielt. Ich fand es ziemlich interessant (auch wenn ich nicht alle Anweisungen des Lehrers verstanden habe), denn er war wirklich sehr talentiert und auch witzig. Eine Woche später hatten wir dann wieder einen Chorauftritt, dieses Mal aber für die Gedenkfeier eines ungarischen Politikers, die sogar ins Fernsehen übertragen wurde – das hat mich irgendwie ein bisschen stolz auf meine Schule gemacht. Und das letzte Konzert, bei dem auch meine Familie zugesehen hat, war am Abend des letzten Schultags: Dort haben der Jungen- und Mädchenchor mit Begleitung des Streichorchesters gesungen.

Das Wochenende vor Weihnachten hatte noch meine Gastschwester Hanna Geburtstag. Was ich aber etwas merkwürdig fand war, dass wir ihren Geburtstag aus Zeitgründen schon eine Woche vorher gefeiert haben – meine Gastoma kam vorbei und es gab Torte und Geschenke. Für mich als Deutsche, wo ja schon ein „Alles Gute“ einen Tag zu früh Unglück bringen soll, war es schon sehr ungewohnt, vor allem, weil dann der Tag ihres richtigen Geburtstags nichts Besonderes mehr war. Aber für Hanna war es trotzdem schön, auch weil sie am nächsten Tag mit ihren Freundinnen zusammen zuhause gefeiert hat – und darauf kommt es ja am meisten an.

 

WEIHNACHTEN

Dann war Weihnachten. Hanna hat alle sogar schon morgens geweckt, damit wir die Geschenke unter dem (wie bei der Hälfte der Ungarn künstlichen) Tannenbaum auspacken konnten. Von meinen Gasteltern gab es zwei Gutscheine und eine Badekugel, von Fanni einen schwarzen Spitzenpullover und eine Handy-Armbinde fürs Joggen gehen, und von Hanna süße Weihnachtsdeko in Form einer Note, eines Violinschlüssels und einer Ballerina. Ich habe mich über alles sehr gefreut und hoffe, dass meine Geschenke auch gut bei allen angekommen sind.

Daraufhin gab es dann zusammen mit meiner Gastoma ein großes Mittagessen – etwas unerwartet für mich, weil man in Deutschland ja groß zu Abend ist, aber es war wirklich sehr lecker: Es gab eine Platte mit Schinken, Gemüse und Frikadelle mit Ei in der Mitte (speziell ungarisch) als Vorspeise und anschließend Hähnchen, gebraten und paniert mit Schafskäsefüllung, dazu Rotkohl, Eier- und Kartoffelsalat oder gekochte Kartoffeln. Das hat meine Gastmutter natürlich nicht alles alleine gekocht, sonst hätte sie wohl für Tage in der Küche gesessen, sondern den Großteil am Vortag in einem Restaurant bestellt. Zum Nachtisch hatten wir dann Tiramisu, das wir am Abend vorher zubereitet haben. Jedenfalls hatten wir so viel leckeres Essen, dass wir davon noch zu Abend und am nächsten Tag zu Mittag gegessen haben. Am Abend des 24. habe ich noch mit meinen Gastschwestern Twister (Hanna’s Weihnachtsgeschenk) gespielt und dann haben wir alle zusammen „Kevin – Allein zu Haus“ geguckt.

Am 25. Dezember haben wir viele Verwandte gesehen: Zuerst waren mein Gastgroßvater mit seiner Frau und meine große Gastschwester mit Mann und Kind bei uns, danach haben wir meine Gasturgroßmutter in einem Altenheim besucht und am Nachmittag waren wir bei meiner Gastgroßtante, wo sich auch Gastonkel und -tante mit ihren Familien einfanden. Es war schon ein bisschen langweilig, aber wir haben dann irgendwann „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt, was lustig war. Ich fand es sehr schön, dass alle so nett zu mir waren und ich wie selbstverständlich in die Familie aufgenommen wurde.

Der letzte Weihnachtstag war für mich der schönste: Nachdem uns am Vormittag meine andere Großtante mit ihrer Familie besucht hatte, sind wir am Nachmittag Eislaufen gegangen. Mein Gastvater kann sehr gut fahren – er hat mir gezeigt, wie man rückwärts fährt und zumindest versucht, mir Drehungen beizubringen. Dieses Ereignis werde ich so schnell nicht wieder vergessen – ich glaube sogar, dass ich Schlittschuhlaufen in Zukunft immer mit meinem Austauschjahr in Verbindung bringen werde.

Wie war Weihnachten also zusammenfassend für mich? Es gilt als Fakt, dass Austauschschüler um Weihnachten herum vermehrt Heimweh haben und einen Kulturschock erleben, auch „Weihnachtsblues“ genannt . Bei mir war eigentlich alles in Ordnung, aber irgendwie hat Weihnachten sich schon ein bisschen komisch und weniger besonders angefühlt. Was ich zum Beispiel von zuhause vermisst hab, war das Essen meiner Mutter, die Weihnachtsmusik und die Dekoration. Aber jeder feiert natürlich anders, und es war dennoch sehr interessant, dieses Jahr einen Einblick in ein anderes Weihnachten zu erhalten.

 

SILVESTER

Nach Weihnachten war das Jahr dann auch schon fast vorbei, und wir Austauschschüler waren fleißig am planen, was wir an Silvester zusammen machen würden. Doch letztendlich haben wir dann alle Pläne über Bord geworfen und uns entschieden, spontan zu sein: Zuerst waren alle bei mir zuhause, danach sind wir doch nach Budapest gefahren, um das Feuerwerk anzusehen. Und weil wir die eine HÉV (Vorstadtbahn) in meinem Dorf verpasst haben, haben wir tatsächlich Mitternacht in der Metro verbracht. Aber es war total lustig, weil wir alle beisammen waren und jeder der Mitfahrer gute Laune hatte, und außerdem ist sowas doch auch eine ziemlich einzigartige Erfahrung!

Das Feuerwerk selbst ist dann eher klein ausgefallen, aber das fand ich nicht weiter schlimm, weil es die ja schließlich jedes Jahr gibt. Jedenfalls hatten wir alle noch eine wirklich lustige Nacht zusammen. Ich habe mir für 2019 keine Vorsätze gemacht, sondern nehme mir einfach vor, aufmerksamer durch die Welt zu gehen und besonders die verbliebene Zeit meines Austausches bewusst zu erleben.

Frohes Neues Jahr! Boldog új évet!

Lucia

 

Ein Vierteljahr

Ich bin nun schon mehr als ein Vierteljahr hier in Ungarn und der letzte Monat ist für mich total schnell vorbeigezogen. Langsam verstehe ich, warum es heißt, dass für Austauschschüler die Zeitwahrnehmung ganz anders ist als normalerweise – es gibt einfach so viel zu tun, dass man manchmal gar keine Zeit mehr hat, das Erlebte zu reflektieren. Ich schreibe hier also alles auf, tatsächlich auch, um den vergangenen Monat für mich selbst festzuhalten. Erst hatte ich das Gefühl, im November habe ich überhaupt nichts erlebt, das erwähnenswert genug für einen Blogeintrag ist, aber als ich nachgedacht hab, ist mir aufgefallen, dass eigentlich sehr viel passiert ist:

 

HERBSTFERIEN

Auch in Ungarn gibt es (zum Glück) eine Woche Herbstferien. Die erste Novemberwoche habe ich also damit verbracht, in meinem Bett zu entspannen und mich von den ganzen Geschehnissen um mich herum zu erholen. Naja, jedenfalls habe ich mir das vorgenommen (wobei ich es sogar für zwei oder drei Tage tatsächlich verwirklichen konnte), stattdessen habe ich die anderen Austauschschüler getroffen, von denen ich einige seit der Kroatienreise nicht mehr gesehen hatte, bin mit meiner Gastfamilie nach Gödöllö (eine Stadt in unserer Nähe) gefahren und habe einen Großteil meiner restlichen Zeit am Klavier verbracht, was im Endeffekt auch viel Spaß gemacht hat. Einen Tag war unsere ganze Schule auf einem klassischen Konzert und es hat mir wirklich gut gefallen, morgen werden wir auf noch eins gehen und ich freue mich schon darauf!

 

SCHULEREIGNISSE

Schließlich hat dann die Schule wieder angefangen, mit einigen Änderungen für mich. Zunächst konnte ich mich endlich an meine langen Wochentage gewöhnen (montags bis 7, dienstags bis 6, plus die Stunde nach Hause), es ist für mich weniger anstrengend und ich kann mich auch am Ende des Tages noch konzentrieren. Das wird jetzt immer wichtiger, denn die Lehrer haben angefangen, mich in den Musikfächern miteinzubeziehen und zu benoten. Jede Woche gibt es Hausaufgaben, wie zum Beispiel ein kurzes Volkslied auswendig zu lernen (Solfézs) oder eine Abfolge von Akkorden in einer anderen Tonart auswendig zu spielen (Musiktheorie).

Während ich Solfézs, wo es eher ums musikalische Gehör – sozusagen die praktische Umsetzung von Musiktheorie – geht, noch gerade so irgendwie verstehe, ist Musiktheorie oft immer noch ein Rätsel für mich. In Ungarn wird nämlich, um das Erlernen von Stücken zu erleichtern, die sog. „relative Solmisation“ angewendet – dabei entsprechen die Laute do, re, mi usw. je nach Tonart verschiedenen Tönen und werden dann gesungen. Diese Methode muss ich ganz neu lernen, deswegen war der Überraschungstest, den ich letzte Woche geschrieben habe, eine kleine Katastrophe. Klein deshalb, die Lehrerin mich natürlich noch anders als die anderen benotet, und weil ich mir hier glücklicherweise keine Gedanken um meinen Zeugnisdurchschnitt machen muss.

Zwischennoten haben wir übrigens schon bekommen, David (mein mexikanischer Klassenkamerad) und ich aber bis jetzt nur in den Klavier- und Kammermusikstunden, im Chor und in Sport – in Klavier habe ich sogar eine 5 (entspricht einer 1 in Deutschland). Im Großen und Ganzen mag ich meinen Lehrer gerne, er gilt als einer der besten in der Schule und gibt gute Tipps. Jedoch kommt er gerne mal 15 Minuten zu spät zum Unterricht, sodass wir nur ein Stück besprechen können statt mehrere – und was soll man sagen, als Deutsche kann ich, wie das Klischee es sagt, nichts Gutes davon halten. Auf charakterlicher Ebene ist er mir aber wiederum sehr sympathisch, er hat immer gute Laune und pflegt guten Kontakt zu seinen (ehemaligen) Schülern: Mitte des Monats waren wir alle, wie er es jedes Jahr organisiert, gemeinsam Pizza essen.

Auch im Chor habe ich eine 5, so wie fast jeder andere auch – das Fach wird nicht allzu ernst gesehen und auch so bewertet. Weil vor zwei Wochen aber ein Wettbewerb anstand, hat die Lehrerin doch etwas Druck gemacht hat und wir hatten manchmal zwei Stunden Übung statt einer. Am Ende hat sich die Mühe und Extrazeit gelohnt, denn für unseren Auftritt haben wir den Goldpreis bekommen 🙂 Mit anderen Leuten bin ich so auch mehr in Kontakt getreten, denn unser Chor ist groß und umfasst alle Mädchen, die nicht im Orchester spielen.

 

YFU TEEPARTY

Am Ende des Monats fand dann die YFU Teeparty, auf ungarisch YFU délután, statt. Dort kamen alle Austauschschüler zum ersten Mal seit dem Arrival Camp wieder zusammen und es wurde sich darüber ausgetauscht, wie das Jahr von jedem bisher verlaufen ist. Ich würde sagen, jeder hatte bis jetzt eine gute Zeit hier, auch wenn manche die Gastfamilie wechseln mussten (im Extremfall sogar mehrmals) und man sicherlich schon einige schlechte Erfahrungen gesammelt hat. So war mein schlimmstes Erlebnis, wie ich in der Metro ohne Verwarnung 8000 Forint (etwa 25 Euro) zahlen musste, weil ich meinen Schülerausweis mit meinem Ticket vorzeigen musste und ihn nicht bei mir hatte. Aber ein wenig Geldmangel ist sowieso etwas, das womöglich jeder Austauschschüler hat, vor allem wenn man in einer Hauptstadt lebt und jeden Tag an lauter verlockenden Geschäften vorbeikommt. Tipps gegen solche Dinge – und alle anderen auch – kriegen wir von unseren YFU Betreuern (hier auch „Angel“ genannt), die in Ungarn nur ein paar Jahre älter sind als wir selbst und auch ein Austauschjahr hinter sich haben. Mein Angel ist zum Beispiel erst 17, aber dadurch kann sie mich auch sehr gut verstehen und mir immer gut helfen, was praktisch ist.

Meine Gastfamilie ist wirklich super und es gibt eigentlich nichts, was ich an ihr auszusetzen hätte – ich fühle mich hier zuhause. Mit allen verstehe ich mich gut und mir werden wirklich viele Freiheiten gelassen, bis jetzt hatten wir also noch nie Probleme. Auch die Tatsache, dass ich mir ein Zimmer teile, macht mir entgegen meiner Erwartungen fast gar nichts aus, wobei ich die meiste Zeit sowieso unterwegs bin. Natürlich vermisst man immer einige Dinge und Angewohnheiten, wie bei mir die Kaffeemaschine (meine Gastfamilie trinkt keinen Kaffee) oder die Netflixmarathons mit Nachos vor meinem Zimmerfernseher – aber schließlich wäre es auch komisch, wenn nicht, oder? Dafür weiß man diese Dinge, wenn man zurückkehrt, dann viel besser zu schätzen – und am Ende vermisst man dann dort die Dinge, an die man sich das letzte Jahr über gewöhnt hat. Aber den Preis bin ich bereit zu zahlen, dafür dass man überhaupt die Möglichkeit hat, einen Einblick in einen anderen Alltag und eine andere Kultur zu erhalten.

Lucia

 

Herbst

Der ungarische Herbst ist wie aus einem Bilderbuch: Draußen herrscht immer genau das richtige Wetter, trocken und weder zu warm, noch zu kalt, um zwischen den sich bunt färbenden Bäumen spazieren zu gehen und dabei die frische Luft einzuatmen, die einen zur selben Zeit belebt und entspannt. Es ist ein perfekter Übergang vom Sommer in den Winter, und passend zum Wechsel der Jahreszeit beginne auch ich, mich zu verändern. 

 

INTERNATIONALE FREUNDSCHAFTEN

Was einem eigentlich nur selten in den Sinn kommt, wenn man über das bevorstehende Austauschjahr nachdenkt, ist die Freundschaft mit anderen Austauschschülern –  vielmehr macht man sich Sorgen, innerhalb der Schulklasse nicht gut aufgenommen zu werden und sich kein soziales Umfeld aufbauen zu können. In Ungarn ist es aber eine besondere Situation: Sowohl das Land als auch YFU Hungary ist klein, und ebenso die Zahl der Schüler, die pro Jahr herkommen (auf dem Arrival Camp waren wir 20). Dadurch ist alles familiärer und es gibt viele gemeinsame Veranstaltungen, durch die man die anderen Austauschschüler besser kennenlernt – Anfang Oktober waren wir zum Beispiel fast alle gemeinsam für eine Woche in Kroatien, was wirklich Spaß gemacht und uns alle viel näher zusammengebracht hat. Wir alle erleben schließlich ähnliche Dinge und verstehen uns gegenseitig am besten – und so kommt es, dass man auf einmal Freunde hat, die aus der ganzen Welt kommen, was ein überwältigendes Gefühl ist.

Wir treffen uns regelmäßig in Budapest, in dessen Umfeld die meisten von uns leben und wo auch die Leute aus den anderen Städten oft unterwegs sind, und unternehmen dann etwas zusammen oder spazieren einfach nur ein bisschen durch Ungarns wunderschöne Hauptstadt. Dort finde ich mich inzwischen gut zurecht und ich bin echt stolz darauf, diesen Ort als mein Zuhause bezeichnen zu können.

Auch mit meinen Klassenkameraden beginne ich, mich anzufreunden: Letzten Monat haben mich zwei Mädchen zum ersten Mal gefragt, ob ich etwas mit ihnen unternehmen möchte, und in der Schule umarmen sie mich immer zur Begrüßung/Verabschiedung. Sie sind echt süß und helfen mir immer, wenn ich eine Frage oder ein Problem habe. Ich mag meine gesamte Klasse auch sehr gerne, aber man merkt eben schon, dass die Sprache noch als Hürde zwischen uns steht – das motiviert einen aber auf der anderen Seite natürlich nochmal stärker, fleißig Ungarisch zu lernen 🙂

 

DIE UNGARISCHE SPRACHE

Ich habe im Vergleich zum Anfang, wo ich kaum ein Wort verstanden habe, auch schon viele Fortschritte gemacht, und versuche jetzt immer, kleine Dinge wie Bestellungen im Restaurant auf Ungarisch zu erledigen. Es war so ein schönes Gefühl, als ein Passant mich nach der nächsten Straßenbahn gefragt hat und ich zum ersten Mal in meiner Zeit hier nicht „English, please“ oder „I don’t speak hungarian“ stottern musste, sondern ihm in seiner Sprache antworten konnte. Übrigens fällt einem erst im Ausland auf, wie oft man generell – vor allem in einer Hauptstadt – von Fremden angesprochen wird, wie wichtig Sprache eigentlich ist und wie hilflos man sich manchmal fühlt, wenn man sie nicht sprechen kann. Und auch wenn man sie beherrscht, ist da immer noch der Akzent, der einen, sobald man den Mund aufmacht, als Ausländer entlarvt – in Ungarn ein besonders komisches Gefühl, weil es hier kaum Einwanderer gibt und es somit auch fast nie vorkommt, dass jemand die Sprache neu lernt.

Zum Lernprozess selbst kann ich sagen, dass Ungarisch viel leichter ist, als ich dachte und als dessen Ruf es voraussagt. Zu Anfang wirken die vielen verschiedenen Vokale und langen Wörter tatsächlich sehr einschüchternd (siehe Foto), vor allem wenn man sich fast keins davon aus anderen Sprachen herleiten kann, dafür fallen einem auf den zweiten oder dritten Blick die vielen logischen Strukturen und Regeln auf, nach denen die Sprache fast ausnahmslos aufgebaut ist. Am meisten gefällt mir zum Beispiel, dass das Ungarische nur drei Zeitformen besitzt, und in der Grammatik nicht zwischen männlich und weiblich unterschieden wird (statt „er“ oder „sie“ sagt man einfach „ö“), auch nicht beim Artikel. Außerdem ist das Schreiben sehr einfach, weil man einfach immer so schreibt, wie man spricht. Schwierigkeiten habe ich dagegen mit den Vokalen: Es kann gut sein, dass manchmal ein „a“ statt ein „á“ ein völlig neues Wort bewirkt – „kar“ heißt besispielsweise „Arm“, während „kár“ „Schaden“ bedeutet. Das „a“ (ein Mix aus dem deutschen „o“ und „a“, ähnlich wie in „Pollen“) zählt für mich übrigens zu den schwer auszusprechenden Buchstaben, zusammen mit dem „gy“ (ähnlich wie in „Adjektiv“). Aber egal welche Sprache man lernt, man sollte sich nie einschüchtern lassen, wie ich finde, und sich stattdessen auf seine Fortschritte und positiven Erfahrungen konzentrieren.

 

DIE EIGENE KULTUR

Auch über die eigene Sprache denkt man auf einmal verstärkt nach, wenn man eine neue lernt. Im letzten Monat ist mir klar geworden, wie froh ich darüber bin, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Wir haben einfach so verdammt viele sonderbare Regeln und Ausnahmen, Redeweisen, Abkürzungen und verschiedene Aussprachen, dass ich mir gar nicht ausmalen will, wie sie sich als Fremdsprache verhält. Meine italienische Freundin Esther, die auch hier ist, lernt jedenfalls Deutsch und hat schon für sich festgestellt, dass Ungarisch tatsächlich leichter ist.

Die Reflexion über das eigene Land beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Sprache: Das Eintauchen in eine andere Kultur lässt einen so viel über die eigene hinterfragen, und man entdeckt viele positive Dinge, die man übernehmen möchte (zum Beispiel das Essen) – andererseits aber auch einige negative Aspekte (wie ein geringeres Umweltbewusstsein), an die man sich anpassen muss. Ich beziehe mich dabei aber nicht nur auf Ungarn: Jeder Austauschschüler gibt mir als Repräsentant seines Herkunftslandes einen kleinen Einblick in dessen Welt, sodass ich auf einmal, zum ersten Mal in meinem Leben, den Drang verspüre, mal nach Japan, Thailand oder Mexiko zu gehen. Man entdeckt somit, wie wenig man eigentlich weiß und was es noch alles zu lernen gibt, was einen offener und neugieriger werden lässt.

Noch in Deutschland dachte ich, die Zeit im Ausland vergeht wie im Flug, vollgestopft mit einzigartigen und spannenden Erlebnissen, und wenn man zurück kommt, realisiert man plötzlich, wie sehr man eigentlich im letzten Jahr gereift ist. Stattdessen fühlt es sich eher so an, als würde ich mich selbst von außen betrachten, Schritt für Schritt die Veränderungen wahrnehmen, die mein Charakter hier durchlebt. Diese bewusste Persönlichkeitswandlung macht mich umso neugieriger darauf, was für ein Mensch ich wohl in 8 Monaten sein werde und wie ich dann auf alles zurückblicke.

Lucia

Schulalltag

Seit dem 3. September, also fast einem Monat, gehe ich auf das „Szent István Kiraly“ Musikgymnasium in Budapest. Es gefällt mir sehr gut, auch wenn es manchmal anstrengend ist und ich montags erst um 20 Uhr zuhause bin. Ich nehme nämlich jeden Tag hin und zurück eine halbe Stunde die S-Bahn und je zwei Stationen mit der U-Bahn und Straßenbahn, was für jemanden, der aus einem eher dörflichen Ort kommt, echt ungewohnt ist – es fühlt sich aber irgendwie auch gut an, auf einmal ein Teil der Großstadt mit all dem geschäftigen Trubel zu sein.

Meine Mitschüler sind alle sehr freundlich und offen und versuchen mir immer bestmöglichst zu helfen, wenn ich eine Frage habe oder etwas nicht verstehe – auch wenn das aufgrund der Sprache vielleicht nicht immer klappt und es manchmal damit endet, dass wir in einem wilden Mix aus Deutsch, Englisch und Ungarisch sprechen. Aber in meiner Klasse ist auch ein anderer Austauschschüler, David aus Mexiko, den ich bereits auf dem Arrival Camp kennengelernt habe und dank dem ich zum Glück nie als einzige ratlos dastehe. Wir unterhalten uns oft über Dinge, die uns hier in Ungarn besonders auffallen, und die ich in den nächsten Absätzen aufgelistet habe.

 

DIE UNGARISCHE SCHULE

Im Großen und Ganzen ist die ungarische Schule eigentlich ziemlich ähnlich zur deutschen, es finden sich viele Gemeinsamkeiten. Das betrifft zum Beispiel

  • Den Unterricht im Klassenverband
  • Die Fächer
  • Die Länge der Unterrichtsstunden (45 min) und Pausen (10-15 min)
  • Den technischen Stand
  • Die Regeln (entgegen meiner Erwartungen gleich streng)

Im Laufe der Zeit sind mir trotzdem immer mehr Details eingefallen, die ich so aus Deutschland nicht kenne. Hier die Unterschiede:

  • Zum Schulsystem im Allgemeinen: Die Grundschule dauert acht Jahre, danach kann man eine sog. Spezialfachschule (2 Jahre), ein Gymnasium (4 Jahre) oder eine Berufsschule (3-4 Jahre) besuchen, die nochmals in verschiedene Typen unterteilt wird. Bei den Fremdsprachen kann zwischen Englisch und Deutsch gewählt werden, das Niveau ist an meiner Schule durch den Musikschwerpunkt jedoch nicht so hoch und die Kommunikation ist manchmal (noch) schwierig.
  • Das Unterrichtskonzept ist viel altmodischer: Es gibt klassische Sitzreihen und der Lehrer (fast immer weiblich) hält in der Regel einen Monolog, während die Schüler selbst dafür verantwortlich sind, die wichtigen Dinge in ihr Heft zu notieren.
  • Wir – bzw. meine Mitschüler – haben bis jetzt schon in jedem Fach einen Test geschrieben, wobei die Note (von 1-5, eine 5 ist am besten) jedes Einzelnen am Ende laut in der Klasse vorgelesen wird.
  • Wir haben 5 Schulstunden die Woche Sportunterricht – das klingt anstrengend, aber eigentlich sind es nur 5 Minuten Laufen und dann spielt man Fußball, Ping Pong oder Badminton.
  • Mir scheint es, als wäre hier mehr Respekt vor den Lehrern vorhanden: Ich habe noch nicht gesehen, dass jemand etwas Unerlaubtes gemacht hat und ermahnt werden musste. Am Anfang der Unterrichtstunde steht man außerdem auf, und wenn man den Lehrern auf dem Flur begegnet, sagt man „Guten Tag“ bzw. „Auf Wiedersehen“.
  • Am ersten Schultag und bei besonderen Anlässen trägt man schwarz-weiß und ein Hemd bzw. eine Bluse.
  • In der Mensa gibt es – typisch für Ungarn – vor jedem Gericht eine Suppe, man kann jedoch oft nicht zu Ende essen, weil die zwei Mittagspausen (um 11.35 und 12.35, für mich etwas zu früh) nur 15 Minuten dauern und man sich noch anstellen muss.

 

DAS MUSIKPROGRAMM

Auch weil meine Schule auf einen Beruf im musischen Bereich vorbereitet, sind hier viele Dinge anders als an meiner deutschen Schule:

Wann immer man freie Zeit findet, wird am Instrument geübt. Die Schule fängt erst um 9 Uhr an, sodass man auch schon um 7 Uhr kommen und in einem der vielen Räume spielen kann, die alle mit einem Klavier oder Flügel ausgestattet sind (auch die Klassenräume). Ich schlafe zwar lieber aus, dafür kann ich aber in den Englisch- bzw. Deutsch- und den Ungarischstunden üben, von denen David und ich freigestellt wurden.

Außer der Fremd- und Muttersprache gibt es noch 3 weitere für den Abschluss relevante Fächer (Mathe, Geschichte, Physik) und Sport, die bis 14:30 Uhr unterrichtet werden. In den meisten davon verstehe ich gar nichts und ich mache stattdessen Ungarischübungen (mein Ungarisch hat sich auch schon sehr verbessert 🙂 ). Außerdem gibt es noch das Fach Tontechnik, das Orchester bzw. den Chor für die Klavierspieler und Volkstanz, der zwei Stunden des normalen Sportunterrichts ersetzt. Danach folgen die Musikfächer, die über zwei Schulstunden andauern: Sólfezs (eine Art Training des absoluten Gehörs), Musiktheorie und Musikliteratur. Für jemanden, der nur Vorkenntnisse aus dem herkömmlichen Musikunterricht in Deutschland mitbringt, ist das echt schwer nachzuvollziehen, aber ich gebe mein Bestes, um das Wissen der anderen aufzuholen.

Der Unterricht im Hauptinstrument (bei mir das Klavier, man kann auch noch ein zweites Instrument wählen) findet zwei Mal die Woche für eine Stunde statt. Ich merke jetzt schon, dass ich mich vor allem in meiner Technik verbessert habe, denn mein Klavierlehrer weiß einfach unheimlich viel und gibt mir sehr viel neue Kritik. Seit Neuestem habe ich auch Kammermusikstunden, das heißt, man spielt ein Stück zusammen mit einem Schüler auf zwei Instrumenten – in meinem Fall Klavier und Geige. Ich bin sehr gespannt, wie es am Ende klingen wird 🙂 . Ich werde mit dem Üben am Ball bleiben und euch in meinem nächsten Beitrag über alles auf dem Laufenden halten!

Lucia