Ein Vierteljahr

Ich bin nun schon mehr als ein Vierteljahr hier in Ungarn und der letzte Monat ist für mich total schnell vorbeigezogen. Langsam verstehe ich, warum es heißt, dass für Austauschschüler die Zeitwahrnehmung ganz anders ist als normalerweise – es gibt einfach so viel zu tun, dass man manchmal gar keine Zeit mehr hat, das Erlebte zu reflektieren. Ich schreibe hier also alles auf, tatsächlich auch, um den vergangenen Monat für mich selbst festzuhalten. Erst hatte ich das Gefühl, im November ist überhaupt nichts passiert, das erwähnenswert genug für einen Blogeintrag ist, aber als ich nachgedacht hab, ist mir aufgefallen, dass eigentlich sehr viel passiert ist:

 

HERBSTFERIEN

Auch in Ungarn gibt es (zum Glück) eine Woche Herbstferien. Die erste Novemberwoche habe ich also damit verbracht, in meinem Bett zu entspannen und mich von den ganzen Geschehnissen um mich herum zu erholen. Naja, jedenfalls habe ich mir das vorgenommen (wobei ich es sogar für zwei oder drei Tage tatsächlich verwirklichen konnte), stattdessen habe ich die anderen Austauschschüler getroffen, von denen ich einige seit der Kroatienreise nicht mehr gesehen hatte, bin mit meiner Gastfamilie nach Gödöllö (eine Stadt in unserer Nähe) gefahren und habe einen Großteil meiner restlichen Zeit am Klavier verbracht, was im Endeffekt auch viel Spaß gemacht hat. Einen Tag war unsere ganze Schule auf einem klassischen Konzert und es hat mir wirklich gut gefallen, morgen werden wir auf noch eins gehen und ich freue mich schon darauf!

 

SCHULEREIGNISSE

Schließlich hat dann die Schule wieder angefangen, mit einigen Änderungen für mich. Zunächst konnte ich mich endlich an meine langen Wochentage gewöhnen (montags bis 7, dienstags bis 6, plus die Stunde nach Hause), es ist für mich weniger anstrengend und ich kann mich auch am Ende des Tages noch konzentrieren. Das wird jetzt immer wichtiger, denn die Lehrer haben angefangen, mich in den Musikfächern miteinzubeziehen und zu benoten. Jede Woche gibt es Hausaufgaben, wie zum Beispiel ein kurzes Volkslied auswendig zu lernen (Solfézs) oder eine Abfolge von Akkorden in einer anderen Tonart auswendig zu spielen (Musiktheorie).

Während ich Solfézs, wo es eher ums musikalische Gehör – sozusagen die praktische Umsetzung von Musiktheorie – geht, noch gerade so irgendwie verstehe, ist Musiktheorie oft immer noch ein Rätsel für mich. In Ungarn wird nämlich, um das Erlernen von Stücken zu erleichtern, die sog. „relative Solmisation“ angewendet – dabei entsprechen die Laute do, re, mi usw. je nach Tonart verschiedenen Tönen und werden dann gesungen. Diese Methode muss ich ganz neu lernen, deswegen war der Überraschungstest, den ich letzte Woche geschrieben habe, eine kleine Katastrophe. Klein deshalb, die Lehrerin mich natürlich noch anders als die anderen benotet, und weil ich mir hier glücklicherweise keine Gedanken um meinen Zeugnisdurchschnitt machen muss.

Zwischennoten haben wir übrigens schon bekommen, David (mein mexikanischer Klassenkamerad) und ich aber bis jetzt nur in den Klavier- und Kammermusikstunden, im Chor und in Sport – in Klavier habe ich sogar eine 5 (entspricht einer 1 in Deutschland). Im Großen und Ganzen mag ich meinen Lehrer gerne, er gilt als einer der besten in der Schule und gibt gute Tipps. Jedoch kommt er gerne mal 15 Minuten zu spät zum Unterricht, sodass wir nur ein Stück besprechen können statt mehrere – und was soll man sagen, als Deutsche kann ich, wie das Klischee es sagt, nichts Gutes davon halten. Auf charakterlicher Ebene ist er mir aber wiederum sehr sympathisch, er hat immer gute Laune und pflegt guten Kontakt zu seinen (ehemaligen) Schülern: Mitte des Monats waren wir alle, wie er es jedes Jahr organisiert, gemeinsam Pizza essen.

Auch im Chor habe ich eine 5, so wie fast jeder andere auch – das Fach wird nicht allzu ernst gesehen und auch so bewertet. Weil vor zwei Wochen aber ein Wettbewerb anstand, hat die Lehrerin doch etwas Druck gemacht hat und wir hatten manchmal zwei Stunden Übung statt einer. Am Ende hat sich die Mühe und Extrazeit gelohnt, denn für unseren Auftritt haben wir den Goldpreis bekommen 🙂 Mit anderen Leuten bin ich so auch mehr in Kontakt getreten, denn unser Chor ist groß und umfasst alle Mädchen, die nicht im Orchester spielen.

 

YFU TEEPARTY

Am Ende des Monats fand dann die YFU Teeparty, auf ungarisch YFU délután, statt. Dort kamen alle Austauschschüler zum ersten Mal seit dem Arrival Camp wieder zusammen und es wurde sich darüber ausgetauscht, wie das Jahr von jedem bisher verlaufen ist. Ich würde sagen, jeder hatte bis jetzt eine gute Zeit hier, auch wenn manche die Gastfamilie wechseln mussten (im Extremfall sogar mehrmals) und man sicherlich schon einige schlechte Erfahrungen gesammelt hat. So war mein schlimmstes Erlebnis, wie ich in der Metro ohne Verwarnung 8000 Forint (etwa 25 Euro) zahlen musste, weil ich meinen Schülerausweis mit meinem Ticket vorzeigen musste und ihn nicht bei mir hatte. Aber ein wenig Geldmangel ist sowieso etwas, das womöglich jeder Austauschschüler hat, vor allem wenn man in einer Hauptstadt lebt und jeden Tag an lauter verlockenden Geschäften vorbeikommt. Tipps gegen solche Dinge – und alle anderen auch – kriegen wir von unseren YFU Betreuern (hier auch „Angel“ genannt), die in Ungarn nur ein paar Jahre älter sind als wir selbst und auch ein Austauschjahr hinter sich haben. Mein Angel ist zum Beispiel erst 17, aber dadurch kann sie mich auch sehr gut verstehen und mir immer gut helfen, was praktisch ist.

Meine Gastfamilie ist wirklich super und es gibt eigentlich nichts, was ich an ihr auszusetzen hätte – ich fühle mich hier zuhause. Mit allen verstehe ich mich gut und mir werden wirklich viele Freiheiten gelassen, bis jetzt hatten wir also noch nie Probleme. Auch die Tatsache, dass ich mir ein Zimmer teile, macht mir entgegen meiner Erwartungen fast gar nichts aus, wobei ich die meiste Zeit sowieso unterwegs bin. Natürlich vermisst man immer einige Dinge und Angewohnheiten, wie bei mir die Kaffeemaschine (meine Gastfamilie trinkt keinen Kaffee) oder die Netflixmarathons mit Nachos vor meinem Zimmerfernseher – aber schließlich wäre es auch komisch, wenn nicht, oder? Dafür weiß man diese Dinge, wenn man zurückkehrt, dann viel besser zu schätzen – und am Ende vermisst man dann dort die Dinge, an die man sich das letzte Jahr über gewöhnt hat. Aber den Preis bin ich bereit zu zahlen, dafür dass man überhaupt die Möglichkeit hat, einen Einblick in einen anderen Alltag und eine andere Kultur zu erhalten.

Lucia

 

Herbst

Der ungarische Herbst ist wie aus einem Bilderbuch: Draußen herrscht immer genau das richtige Wetter, trocken und weder zu warm, noch zu kalt, um zwischen den sich bunt färbenden Bäumen spazieren zu gehen und dabei die frische Luft einzuatmen, die einen zur selben Zeit belebt und entspannt. Es ist ein perfekter Übergang vom Sommer in den Winter, und passend zum Wechsel der Jahreszeit beginne auch ich, mich zu verändern. 

 

INTERNATIONALE FREUNDSCHAFTEN

Was einem eigentlich nur selten in den Sinn kommt, wenn man über das bevorstehende Austauschjahr nachdenkt, ist die Freundschaft mit anderen Austauschschülern –  vielmehr macht man sich Sorgen, innerhalb der Schulklasse nicht gut aufgenommen zu werden und sich kein soziales Umfeld aufbauen zu können. In Ungarn ist es aber eine besondere Situation: Sowohl das Land als auch YFU Hungary ist klein, und ebenso die Zahl der Schüler, die pro Jahr herkommen (auf dem Arrival Camp waren wir 20). Dadurch ist alles familiärer und es gibt viele gemeinsame Veranstaltungen, durch die man die anderen Austauschschüler besser kennenlernt – Anfang Oktober waren wir zum Beispiel fast alle gemeinsam für eine Woche in Kroatien, was wirklich Spaß gemacht und uns alle viel näher zusammengebracht hat. Wir alle erleben schließlich ähnliche Dinge und verstehen uns gegenseitig am besten – und so kommt es, dass man auf einmal Freunde hat, die aus der ganzen Welt kommen, was ein überwältigendes Gefühl ist.

Wir treffen uns regelmäßig in Budapest, in dessen Umfeld die meisten von uns leben und wo auch die Leute aus den anderen Städten oft unterwegs sind, und unternehmen dann etwas zusammen oder spazieren einfach nur ein bisschen durch Ungarns wunderschöne Hauptstadt. Dort finde ich mich inzwischen gut zurecht und ich bin echt stolz darauf, diesen Ort als mein Zuhause bezeichnen zu können.

Auch mit meinen Klassenkameraden beginne ich, mich anzufreunden: Letzten Monat haben mich zwei Mädchen zum ersten Mal gefragt, ob ich etwas mit ihnen unternehmen möchte, und in der Schule umarmen sie mich immer zur Begrüßung/Verabschiedung. Sie sind echt süß und helfen mir immer, wenn ich eine Frage oder ein Problem habe. Ich mag meine gesamte Klasse auch sehr gerne, aber man merkt eben schon, dass die Sprache noch als Hürde zwischen uns steht – das motiviert einen aber auf der anderen Seite natürlich nochmal stärker, fleißig Ungarisch zu lernen 🙂

 

DIE UNGARISCHE SPRACHE

Ich habe im Vergleich zum Anfang, wo ich kaum ein Wort verstanden habe, auch schon viele Fortschritte gemacht, und versuche jetzt immer, kleine Dinge wie Bestellungen im Restaurant auf Ungarisch zu erledigen. Es war so ein schönes Gefühl, als ein Passant mich nach der nächsten Straßenbahn gefragt hat und ich zum ersten Mal in meiner Zeit hier nicht „English, please“ oder „I don’t speak hungarian“ stottern musste, sondern ihm in seiner Sprache antworten konnte. Übrigens fällt einem erst im Ausland auf, wie oft man generell – vor allem in einer Hauptstadt – von Fremden angesprochen wird, wie wichtig Sprache eigentlich ist und wie hilflos man sich manchmal fühlt, wenn man sie nicht sprechen kann. Und auch wenn man sie beherrscht, ist da immer noch der Akzent, der einen, sobald man den Mund aufmacht, als Ausländer entlarvt – in Ungarn ein besonders komisches Gefühl, weil es hier kaum Einwanderer gibt und es somit auch fast nie vorkommt, dass jemand die Sprache neu lernt.

Zum Lernprozess selbst kann ich sagen, dass Ungarisch viel leichter ist, als ich dachte und als dessen Ruf es voraussagt. Zu Anfang wirken die vielen verschiedenen Vokale und langen Wörter tatsächlich sehr einschüchternd (siehe Foto), vor allem wenn man sich fast keins davon aus anderen Sprachen herleiten kann, dafür fallen einem auf den zweiten oder dritten Blick die vielen logischen Strukturen und Regeln auf, nach denen die Sprache fast ausnahmslos aufgebaut ist. Am meisten gefällt mir zum Beispiel, dass das Ungarische nur drei Zeitformen besitzt, und in der Grammatik nicht zwischen männlich und weiblich unterschieden wird (statt „er“ oder „sie“ sagt man einfach „ö“), auch nicht beim Artikel. Außerdem ist das Schreiben sehr einfach, weil man einfach immer so schreibt, wie man spricht. Schwierigkeiten habe ich dagegen mit den Vokalen: Es kann gut sein, dass manchmal ein „a“ statt ein „á“ ein völlig neues Wort bewirkt – „kar“ heißt besispielsweise „Arm“, während „kár“ „Schaden“ bedeutet. Das „a“ (ein Mix aus dem deutschen „o“ und „a“, ähnlich wie in „Pollen“) zählt für mich übrigens zu den schwer auszusprechenden Buchstaben, zusammen mit dem „gy“ (ähnlich wie in „Adjektiv“). Aber egal welche Sprache man lernt, man sollte sich nie einschüchtern lassen, wie ich finde, und sich stattdessen auf seine Fortschritte und positiven Erfahrungen konzentrieren.

 

DIE EIGENE KULTUR

Auch über die eigene Sprache denkt man auf einmal verstärkt nach, wenn man eine neue lernt. Im letzten Monat ist mir klar geworden, wie froh ich darüber bin, dass Deutsch meine Muttersprache ist. Wir haben einfach so verdammt viele sonderbare Regeln und Ausnahmen, Redeweisen, Abkürzungen und verschiedene Aussprachen, dass ich mir gar nicht ausmalen will, wie sie sich als Fremdsprache verhält. Meine italienische Freundin Esther, die auch hier ist, lernt jedenfalls Deutsch und hat schon für sich festgestellt, dass Ungarisch tatsächlich leichter ist.

Die Reflexion über das eigene Land beschränkt sich natürlich nicht nur auf die Sprache: Das Eintauchen in eine andere Kultur lässt einen so viel über die eigene hinterfragen, und man entdeckt viele positive Dinge, die man übernehmen möchte (zum Beispiel das Essen) – andererseits aber auch einige negative Aspekte (wie ein geringeres Umweltbewusstsein), an die man sich anpassen muss. Ich beziehe mich dabei aber nicht nur auf Ungarn: Jeder Austauschschüler gibt mir als Repräsentant seines Herkunftslandes einen kleinen Einblick in dessen Welt, sodass ich auf einmal, zum ersten Mal in meinem Leben, den Drang verspüre, mal nach Japan, Thailand oder Mexiko zu gehen. Man entdeckt somit, wie wenig man eigentlich weiß und was es noch alles zu lernen gibt, was einen offener und neugieriger werden lässt.

Noch in Deutschland dachte ich, die Zeit im Ausland vergeht wie im Flug, vollgestopft mit einzigartigen und spannenden Erlebnissen, und wenn man zurück kommt, realisiert man plötzlich, wie sehr man eigentlich im letzten Jahr gereift ist. Stattdessen fühlt es sich eher so an, als würde ich mich selbst von außen betrachten, Schritt für Schritt die Veränderungen wahrnehmen, die mein Charakter hier durchlebt. Diese bewusste Persönlichkeitswandlung macht mich umso neugieriger darauf, was für ein Mensch ich wohl in 8 Monaten sein werde und wie ich dann auf alles zurückblicke.

Lucia

Schulalltag

Seit dem 3. September, also fast einem Monat, gehe ich auf das „Szent István Kiraly“ Musikgymnasium in Budapest. Es gefällt mir sehr gut, auch wenn es manchmal anstrengend ist und ich montags erst um 20 Uhr zuhause bin. Ich nehme nämlich jeden Tag hin und zurück eine halbe Stunde die S-Bahn und je zwei Stationen mit der U-Bahn und Straßenbahn, was für jemanden, der aus einem eher dörflichen Ort kommt, echt ungewohnt ist – es fühlt sich aber irgendwie auch gut an, auf einmal ein Teil der Großstadt mit all dem geschäftigen Trubel zu sein.

Meine Mitschüler sind alle sehr freundlich und offen und versuchen mir immer bestmöglichst zu helfen, wenn ich eine Frage habe oder etwas nicht verstehe – auch wenn das aufgrund der Sprache vielleicht nicht immer klappt und es manchmal damit endet, dass wir in einem wilden Mix aus Deutsch, Englisch und Ungarisch sprechen. Aber in meiner Klasse ist auch ein anderer Austauschschüler, David aus Mexiko, den ich bereits auf dem Arrival Camp kennengelernt habe und dank dem ich zum Glück nie als einzige ratlos dastehe. Wir unterhalten uns oft über Dinge, die uns hier in Ungarn besonders auffallen, und die ich in den nächsten Absätzen aufgelistet habe.

 

DIE UNGARISCHE SCHULE

Im Großen und Ganzen ist die ungarische Schule eigentlich ziemlich ähnlich zur deutschen, es finden sich viele Gemeinsamkeiten. Das betrifft zum Beispiel

  • Den Unterricht im Klassenverband
  • Die Fächer
  • Die Länge der Unterrichtsstunden (45 min) und Pausen (10-15 min)
  • Den technischen Stand
  • Die Regeln (entgegen meiner Erwartungen gleich streng)

Im Laufe der Zeit sind mir trotzdem immer mehr Details eingefallen, die ich so aus Deutschland nicht kenne. Hier die Unterschiede:

  • Zum Schulsystem im Allgemeinen: Die Grundschule dauert acht Jahre, danach kann man eine sog. Spezialfachschule (2 Jahre), ein Gymnasium (4 Jahre) oder eine Berufsschule (3-4 Jahre) besuchen, die nochmals in verschiedene Typen unterteilt wird. Bei den Fremdsprachen kann zwischen Englisch und Deutsch gewählt werden, das Niveau ist an meiner Schule durch den Musikschwerpunkt jedoch nicht so hoch und die Kommunikation ist manchmal (noch) schwierig.
  • Das Unterrichtskonzept ist viel altmodischer: Es gibt klassische Sitzreihen und der Lehrer (fast immer weiblich) hält in der Regel einen Monolog, während die Schüler selbst dafür verantwortlich sind, die wichtigen Dinge in ihr Heft zu notieren.
  • Wir – bzw. meine Mitschüler – haben bis jetzt schon in jedem Fach einen Test geschrieben, wobei die Note (von 1-5, eine 5 ist am besten) jedes Einzelnen am Ende laut in der Klasse vorgelesen wird.
  • Wir haben 5 Schulstunden die Woche Sportunterricht – das klingt anstrengend, aber eigentlich sind es nur 5 Minuten Laufen und dann spielt man Fußball, Ping Pong oder Badminton.
  • Mir scheint es, als wäre hier mehr Respekt vor den Lehrern vorhanden: Ich habe noch nicht gesehen, dass jemand etwas Unerlaubtes gemacht hat und ermahnt werden musste. Am Anfang der Unterrichtstunde steht man außerdem auf, und wenn man den Lehrern auf dem Flur begegnet, sagt man „Guten Tag“ bzw. „Auf Wiedersehen“.
  • Am ersten Schultag und bei besonderen Anlässen trägt man schwarz-weiß und ein Hemd bzw. eine Bluse.
  • In der Mensa gibt es – typisch für Ungarn – vor jedem Gericht eine Suppe, man kann jedoch oft nicht zu Ende essen, weil die zwei Mittagspausen (um 11.35 und 12.35, für mich etwas zu früh) nur 15 Minuten dauern und man sich noch anstellen muss.

 

DAS MUSIKPROGRAMM

Auch weil meine Schule auf einen Beruf im musischen Bereich vorbereitet, sind hier viele Dinge anders als an meiner deutschen Schule:

Wann immer man freie Zeit findet, wird am Instrument geübt. Die Schule fängt erst um 9 Uhr an, sodass man auch schon um 7 Uhr kommen und in einem der vielen Räume spielen kann, die alle mit einem Klavier oder Flügel ausgestattet sind (auch die Klassenräume). Ich schlafe zwar lieber aus, dafür kann ich aber in den Englisch- bzw. Deutsch- und den Ungarischstunden üben, von denen David und ich freigestellt wurden.

Außer der Fremd- und Muttersprache gibt es noch 3 weitere für den Abschluss relevante Fächer (Mathe, Geschichte, Physik) und Sport, die bis 14:30 Uhr unterrichtet werden. In den meisten davon verstehe ich gar nichts und ich mache stattdessen Ungarischübungen (mein Ungarisch hat sich auch schon sehr verbessert 🙂 ). Außerdem gibt es noch das Fach Tontechnik, das Orchester bzw. den Chor für die Klavierspieler und Volkstanz, der zwei Stunden des normalen Sportunterrichts ersetzt. Danach folgen die Musikfächer, die über zwei Schulstunden andauern: Sólfezs (eine Art Training des absoluten Gehörs), Musiktheorie und Musikliteratur. Für jemanden, der nur Vorkenntnisse aus dem herkömmlichen Musikunterricht in Deutschland mitbringt, ist das echt schwer nachzuvollziehen, aber ich gebe mein Bestes, um das Wissen der anderen aufzuholen.

Der Unterricht im Hauptinstrument (bei mir das Klavier, man kann auch noch ein zweites Instrument wählen) findet zwei Mal die Woche für eine Stunde statt. Ich merke jetzt schon, dass ich mich vor allem in meiner Technik verbessert habe, denn mein Klavierlehrer weiß einfach unheimlich viel und gibt mir sehr viel neue Kritik. Seit Neuestem habe ich auch Kammermusikstunden, das heißt, man spielt ein Stück zusammen mit einem Schüler auf zwei Instrumenten – in meinem Fall Klavier und Geige. Ich bin sehr gespannt, wie es am Ende klingen wird 🙂 . Ich werde mit dem Üben am Ball bleiben und euch in meinem nächsten Beitrag über alles auf dem Laufenden halten!

Lucia


Neue Welt

DER FLUG

Der Tag, mit dem mein Auslandsjahr anfing, oder besser gesagt, der Tag, der mich in eine völlig neue Welt hineinkatapultierte, war der 15. August und begann um 5:30 Uhr. Um 9 Uhr sollte mein Flug nach München gehen, wo sich alle deutschen Austauschschüler treffen und von da aus nach Budapest fliegen sollten. Bei mir hat das irgendwie nicht ganz hingehauen – wegen einer Sicherheitsmaßnahme hat sich mein erster Flug verspätet und ich um ca. 10 Minuten das Boarding in München verpasst. Für mich war das aber gar nicht weiter schlimm, es hat sich irgendwie angefühlt wie ein erster Schritt der Selbstständigkeit, meinen Flug umzubuchen und alleine zu fliegen. Ähnlich war es auch beim Abschied: Während ich die Tage vorher noch ziemlich viel Angst davor hatte, fiel es mir am Flughafen auf einmal viel leichter als erwartet – und als ich erstmal alleine durch den Sicherheitscheck ging und ins Flugzeug einstieg, fühlte ich mich richtig gut. Bei der Ankunft in Budapest, mit all den fremden Sprachen um mich herum und diesem Gefühl von Freiheit und Abenteuer, war ich mir endgültig sicher: Mein Auslandsjahr war definitiv eine gute Entscheidung gewesen.

 

ARRIVAL CAMP

Vom Flughafen wurde ich von einer YFU Teamerin abgeholt, die mich zusammen mit einem argentinischen Austauschschüler zum Arrival Camp fuhr. Insgesamt waren wir dort 20 Teilnehmende aus 8 verschiedenen Ländern, darunter am meisten Deutsche und Japaner. Wir haben dort 3 Tage lang zwar ungefähr dieselben Dinge gelernt wie auf der 5-tägigen VBT (Vorbereitungstagung) in Deutschland, mir hat es persönlich jedoch viel besser gefallen – vielleicht, weil ich jetzt den Sinn hinter den Aufgaben erkannt habe und alles nicht mehr in weiter Ferne, sondern genau vor mir lag. Außerdem haben wir noch etwas Ungarisch gelernt! Ich hatte zwar vorher schon angefangen, aber ich fand es trotzdem hilfreich wegen der Aussprache. Am letzten Tag, dem 18. August, an dem wir von den Gastfamilien abgeholt wurden, sollten wir uns dann sogar in mehreren Sätzen vor allen vorstellen – das sah zum Beispiel so aus:

Sziasztok, Lucia vagyok. Németországból jöttem és tizenhat éves vagyok.

Das heißt auf Deutsch „Hallo zusammen, ich bin Lucia. Ich komme aus Deutschland und ich bin 16 Jahre alt.“ Danach sollten wir noch sagen, zu welcher Familie und in welche Stadt wir kommen und dass es uns freut, alle kennenzulernen. Als alle die Vorstellung hinter sich gebracht haben, durften wir dann endlich zur Gastfamilie gehen und in unser neues Zuhause fahren…

 

GASTFAMILIE

Meine Gastfamilie sieht so aus: ich habe eine große (17) und eine kleine (9) Gastschwester, zwei Hunde, eine Schildkröte und natürlich eine Gastmutter und einen Gastvater. Sie sind alle sehr nett und mit der älteren Gastschwester teile ich mir das Zimmer. Direkt am Anfang habe ich festgestellt, dass hier eigentlich niemand den typisch ungarischen Klischees entspricht, die uns am dem Camp beigebracht wurden, wie zum Beispiel immer die Zimmertür offen zu lassen oder einem den Teller ständig nachzufüllen. Für mich also nicht viel Ungewohntes – auch das Essen ist mir oft durch meine rumänische Herkunft vertraut – deshalb habe ich mich direkt wohl bei ihnen gefühlt und hatte bis jetzt zum Glück noch kein Heimweh. Natürlich dauert es noch ein bisschen, bis man dieses Haus und die Familie wirklich als sein Zuhause betrachtet, aber ich denke daran wird man sich relativ schnell gewöhnen, vor allem wenn man dann schon etwas Ungarisch sprechen kann. Im Moment kann ich mich leider nur richtig mit meiner großen Gastschwester (auf Englisch) unterhalten, aber ich lerne jeden Tag dazu und schnappe vor allem beim Spielen mit meiner kleinen Gastschwester viele neue Wörter auf.

Wegen des Musikgymnasiums, das ich besuchen werde, wohne ich in der Nähe Budapests. Darüber bin ich auch wirklich froh, denn ich liebe diese Stadt! Am 20. August, dem Nationalfeiertag, sind wir dort zum ersten Mal hingegangen, um uns zusammen das Feuerwerk anzuschauen. Vor ein paar Tagen waren wir dann in meiner Schule, um mich anzumelden, schließlich geht es am 3. September ja auch schon los. Ich bin gespannt, wie es sein wird und werde auf jeden Fall in meinem nächsten Beitrag davon erzählen 🙂

Lucia

 

Wie es anfängt

Hallo, ich bin Lucia, 16 Jahre alt, spiele Klavier und trete in genau zwei Wochen mein Musikaustauschjahr in Ungarn an. Meine bevorstehenden Erfahrungen und Erlebnisse möchte ich in diesem Blog gerne mit euch teilen – vorher will ich aber erzählen, wie alles anfing:

 

WIESO INS AUSLAND?

In eine andere Welt eintauchen, eine neue Kultur erleben, die Fremdsprachenkentnisse weiterentwickeln – das war für mich schon immer faszinierend. Die Möglichkeit, selbstständig sein eigenes Abenteuer zu erleben und an den Herausforderungen zu wachsen, klingt einfach verlockend, auch in Hinsicht der Persönlichkeit. Ein positiver Nebeneffekt ist natürlich der Pluspunkt im Lebenslauf 🙂 Und weil eigentlich alle Schüler mit Auslandserfahrung mit lauter Begeisterung darüber sprechen und meins sogar noch mit Musik zu tun hat, hat mir das den endgültigen Anstoß gegeben, mich zu bewerben.

 

WIESO UNGARN?

Zugegeben, besonders die USA hat mich fasziniert, seit ich ein Kind war und in zahlreichen Büchern und Filmen Eindrücke aus der amerikanischen High-School und Kultur einfing. Doch trotzdem hat Ungarn mich letztendlich für ein Austauschjahr überzeugt, und zwar aus verschiedenen Gründen:

  • Ungarn ist eins von vier Ländern, in denen das Musikprogramm angeboten wird. Die Musik – besonders das Klavier spielen – ist für mich sehr wichtig, und gerade Ungarn ist für seine großen Komponisten wie Liszt und Bartók bekannt. Deshalb sehe ich es als große Ehre und Chance an, dort im nächsten Jahr musikalisch gefördert zu werden.
  • Zu Osteuropa fühle ich mich in besonderer Weise hingezogen: Ich bin in Ungarns Nachbarland Rumänien geboren und trage damit vielleicht schon ein Stück weit die Kultur mit, in die ich im nächsten Jahr eintauchen möchte. Auch zu Ungarn fühle ich mich verbunden, denn wir waren die letzten Jahre mehrmals dort im Urlaub, und gerade Budapest ist wunderschön! Das, was ich bisher von dem Land gesehen und erfahren habe, hat nur positive Eindrücke bei mir hinterlassen.
  • In Ungarn habe ich außerdem die Möglichkeit, eine neue Sprache zu lernen! Und da mir das eher leichtfällt, sehe ich ihren Ruf als besonders schwierige Sprache als eine Herausforderung an 🙂

 

AUFREGUNG

Stichwort Herausforderung – so ein Jahr ohne ein vertrautes Umfeld und fern von allen Menschen, die man in sein Herz geschlossen hat, wird natürlich nicht einfach. Jetzt, wo es fast so weit ist, steigt auch die Aufregung immer weiter und verschiedene Fragen geistern einem durch den Kopf: Was soll ich alles einpacken und wie wird der Abschied werden? Wie ist meine Gastfamilie so, wie ist die Schule, die Musikstunden? Sind die Klassenkameraden nett? Schaffe ich es, Freunde zu finden und mich einzuleben? Werde ich Deutschland vermissen und will schon früher wieder zurück, oder kann ich mich am Ende gar nicht mehr von Ungarn losreißen?

Ich denke, zwischendurch kalte Füße zu kriegen ist ganz normal – am Ende bleibt uns jedoch nichts anderes übrig, als den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, für den wir uns selbst entschieden haben. Wir müssen uns anpassen, auf Menschen zugehen und selbstständig werden. Ich mache diese Reise, um meine Persönlichkeit zu reifen und mich positiv zu verändern. Und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mit auf meine Reise kommen wollt.

Lucia