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Worüber ich noch nicht gesprochen habe

24 Tage verbleiben mir noch als Austauschschülerin in Ungarn, bis ich zurück nach Deutschland gehe – zuerst aufs YFU YES-Camp in der Nähe Berlins, und dann schließlich wieder nach Hause. Über den Großteil meiner Erlebnisse habe ich in meinem Blog bereits geschrieben, in diesem Beitrag soll es deshalb um etwas anderes gehen: um Werte und Gefühle. Das sind Dinge, die man weder kaufen, noch auf Fotos festhalten kann, die dir niemand zeigt oder beibringt, sondern sich mit unseren Erfahrungen und unserem Umfeld entwickeln und verändern.

 

SELBSTSTÄNDIGKEIT

Eine der wohl offensichtlichsten Lektionen, die man im Ausland lernt, ist Selbstständigkeit. Es beginnt schon mit dem Flug alleine in ein anderes Land, das vielleicht zehn oder mehr Stunden entfernt liegt. Okay, in meinem Fall waren es nur zwei, aber trotzdem hatte ich in den darauffolgenden 10 Monaten noch reichlich Dinge, die ich auf einmal alleine erledigen musste. Viele waren banal und eigentlich selbstverständlich, aber trotzdem habe ich vor meinem Austauschjahr nie einen Brief zur Post gebracht, einen Granatapfel aufgeschnitten oder den Trockner bedient, weil sowas in Deutschland immer automatisch meine Eltern erledigt haben. Aber natürlich gab es auch wirklich herausfordernde Situationen, zum Beispiel in der Schule oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Budapest. Man ist eben in einem unbekannten Land und kommt aus seiner Komfortzone heraus, um die Sachen zu lernen, die noch neu für einen sind, aber schon bald immer vertrauter werden.

 

ORGANISATION

Um all die neuen Situationen besser zu verarbeiten und unter Kontrolle zu kriegen, muss man sich strukturieren. Für mich ist der Alltag besonders stressig, da meine Schule wegen dem Musikprogramm bis nachmittags oder abends andauert und ich dann eventuell noch zuhause übe, gleichzeitig aber meine Freunde in Budapest treffen und noch Zeit mit meiner Gastfamilie verbringen will. Dazu kommen noch Skype-Gespräche, YFU-Organisationen, das Pendeln von Budapest nach Hause und umgekehrt, Lernen für Musiktheorie, Einträge in mein Tagebuch, meinen Blog usw. – das ist eine Menge mehr als Zuhause in Deutschland, und da dachte ich schon, dass meine Wochentage vollgestopft sind. Trotzdem kriege ich alles meistens irgendwie hin, indem ich Termine in den Kalender schreibe und alle Aufgaben, die mir zwischendurch einfallen, in mein Handy schreibe und zuhause direkt erledige. Was mir außerdem geholfen hat, ist eine Tagesroutine: Wenn die täglichen Aktivitäten immer ungefähr denselben Ablauf haben, spart das viel Zeit und Energie, weil man nicht mehr darüber nachdenken muss. Ich habe trotzdem sehr lange gebraucht, um hier eine zu entwickeln und fühle mich erst seit ungefähr drei Monaten richtig vertraut in meinem Alltag – wenn man darüber nachdenkt, ist es ziemlich erstaunlich, nach wie länger Zeit man sich so wirklich an das Gastland und seine Gewohnheiten anpasst.

 

ANPASSUNG

Apropos Anpassung: Es ist der Schlüssel zu allem. Die Hinterfragung der bisherigen eigenen Gewohnheiten und die gleichzeitige Akzeptanz von neuen Verhaltensweisen lässt uns offener und toleranter werden. Aber man muss auch das richtige Maß finden: Sich so sehr öffnen, dass man sich mit seiner Familie versteht, Freunde findet, sich im Gastland wohlfühlt – sich gleichzeitig aber nicht selbst verlieren. Man muss eben für sich selbst entscheiden, welche positiven Eigenschaften der andere Kultur man übernehmen will, wie sehr man sich verändern möchte.

Tatsächlich hat meine Bereitschaft zur Anpassung ständig gewechselt: Es gab Tage, da hatte ich mich in meiner Gastfamilie die schönsten Erlebnisse, und es gab Tage, an denen ich einfach keine Lust hatte, am Familienleben teilzunehmen. Diesen Monat waren wir zusammen in Italien und ich fühle mich dort jetzt so wohl wie nie zuvor – ganz wie zuhause eben. Entgegengesetzt verhält es sich in der Schule: Am Anfang habe ich noch reichlich Smalltalk geführt und war offen zu allen, jetzt habe ich einfach keine Motivation mehr dafür. Manchmal bin ich einfach genervt von der Stimmung in der Klasse, aber ich habe auch meine Leute gefunden, mit denen ich mich verstehe und bin jetzt ganz ich selbst, ohne mich extra nett und aufmerksam zu verhalten. Aber das ist okay, denn man kann eben nicht jedem gefallen und überall hineinpassen.

 

SELBSTBEWUSSTSEIN

Aber wie macht man das überhaupt, ganz man selbst sein? Das ist wohl eine dieser Fragen, die uns unser ganzes Leben lang begleiten werden und auf die man doch keine Antwort bekommt. Ein Stück näher kommt man ihr im Auslandsjahr aber vielleicht trotzdem: man trifft so viele neue Menschen, probiert neue Hobbies aus und ist vielen unbekannten Situationen und Herausforderungen ausgesetzt. In anderen Worten, man wird selbstbewusster. Vielleicht entdeckt man ja sogar eine Welt, in die man besser hineinpasst als in die ursprüngliche.

 

NATIONALBEWUSSTSEIN

Es gibt durchaus Punkte, die mir in Ungarn besser gefallen als Zuhause, zum Beispiel sind die Menschen höflicher und respektvoller und es gibt viel mehr Kultur (Traditionen, Nationalgerichte, auch musikalisches und künstlerisches Interesse). Aber ich bin trotzdem glücklich, in Deutschland zu leben, was mir erst in Ungarn so richtig klar geworden ist. Hier ist nämlich schon einiges schlechter geregelt und läuft nicht so organisiert ab, und die westlichen Länder werden als Vorbilder bewundert. Die deutsche Sprache ist übrigens sehr beliebt und wird von vielen als Fremdsprache gelernt, weshalb sie für mich ebenfalls inzwischen viel schöner klingt.

Ich persönlich hatte während meines Austauschjahres zwar trotzdem nicht wirklich Heimweh, dennoch hat sich auch meine Sicht auf mein Zuhause im Speziellen verändert: Ich weiß es jetzt viel besser zu schätzen, dass ich ein eigenes Zimmer habe, dass meine Mutter jeden Tag kocht oder dass mein Vater alles, was ich ihm in die Hand drücke, reparieren kann. Auf diese Dinge freue ich mich schon, wenn ich in vier Wochen zurückgehe.

 

FERNBEZIEHUNG

Außerdem freue ich mich auf das Wiedersehen meines Freundes. Ich kann mir vorstellen, dass viele andere in der Situation sind, in der ich vor einem Jahr war, deshalb möchte ich ein bisschen über meine Fernbeziehung schreiben. Für meinen Freund und mich stand immer fest, dass wir uns nicht trennen werden, sondern versuchen, die Zeit zu überstehen, solange ich im Ausland bin. Und es hat funktioniert, auch wenn manchmal Zweifel aufkamen. Denn es gab Phasen, in denen die Gefühle für den anderen ziemlich in den Hintergrund gerückt sind, doch schon bald darauf wurden sie wieder durch Zeiten ersetzt, in denen man sie deutlich wahrgenommen und den anderen vermisst hat. Alles in allem lief es viel besser und harmonischer als ich dachte – ich bin stolz, dass wir er geschafft haben. Natürlich ist es nicht die Lösung für jeden, zusammenzubleiben: Wenn man sich wegen der Fernbeziehung nicht richtig auf sein Auslandjahr konzentrieren kann, weil man die ganze Zeit streitet, macht es durchaus Sinn, sich fürs erste zu trennen – dasselbe gilt auch dafür, wenn man sich wegen der Beziehung eingeschränkt fühlt. Wichtig ist nur, dass man immer ehrlich bleibt und über die jeweiligen Vorstellungen spricht. Ich würde es jedenfalls immer erst einmal versuchen und dann sehen, wie beide damit zurechtkommen. Auf keinen Fall würde ich wegen dem Partner aufs Ausland verzichten – denn wenn die Fernbeziehung nicht funktioniert, hätte es das wahrscheinlich auf lange Sicht genauso wenig. Und ein Austauschjahr ist schließlich eine große persönliche Entwicklung mit lauter unvergesslichen Erfahrungen.

Lucia

Ostern

Der April war ein ereignisreicher Monat, ich war viel mit YFU und meiner Gastfamilie unterwegs und wir hatten Besuch von Luna und Hanna, die nur ein halbes Austauschjahr in Ungarn gemacht haben. Es waren schöne, aber auch stressige Erlebnisse, weshalb die Ferien zu Mitte des Monats genau richtig kamen – dort hatte ich viel Zeit zum Entspannen und gleichzeitig auch einen Einblick ins ungarische Osterfest.

 

VELENCE

Anfang des Monats war ich mit meiner Gastfamilie zum zweiten Mal im Wellnesshotel, diesmal im Ort Velence, der direkt an einem See liegt. Meine Familie in Deutschland würde nie auf diese Weise den Urlaub verbringen, deshalb war es eigentlich ganz schön für mich, die Erfahrung zu machen. Das Zimmer und das Essen waren sehr gut, die Pools waren aber nur im Innenraum und nicht im Freien. Insgesamt war es sehr schön, aber nicht wegen den Wellnessangeboten, sondern weil ich viel Zeit mit meiner Gastfamilie verbracht habe.

 

DEBRECEN

Das Wochenende danach habe ich mit anderen Austauschschülern in einer ländlichen Gegend in der Nähe der Stadt Debrecen verbracht. Dort fand ein YFU-Workshop statt, bei dem wir ungarische Schüler getroffen und gemeinsam einige Dinge unternommen haben: Wir haben ein paar Spiele gespielt, waren Eis essen, in einem Thermalbad (von denen es in Ungarn relativ viele gibt) und hatten abends noch zwei kleine Feiern zusammen.

Wir waren auch auf einem Roma-Festival, allerdings nur wir Austauschschüler, weil viele Ungarn den Sinti und Roma ablehnend gegenüberstehen und man Probleme vermeiden wollte. Ich persönlich fand es aber spannend, die besondere Musik dort zu hören und auch ein paar Fakten zu der Kultur mitzukriegen – schließlich hat man in Deutschland überhaupt keine Berührungspunkte damit.

Gewohnt haben wir kostenlos in den Schlafsälen der Schule und das Essen wurde für uns im Jugendzentrum zubereitet. Es hat gut geschmeckt und war immer etwas Traditionelles, was ich gut fand, denn so habe ich noch ein paar neue typisch ungarische Gerichte kennengelernt. Nur von der Menge her war es wirklich viel zu viel (das ist übrigens auch typisch ungarisch) und ich war nach dem Wochenende wirklich pappsatt.

Auf dem Weg nach Hause haben wir uns noch in Debrecen umgesehen. Die Stadt ist zwar die zweitgrößte Stadt Ungarns, aber war trotzdem klein und idyllisch und sah ein bisschen so aus wie gemalt. Es war sehr schön, aber ich bin doch froh, dass ich weder dort noch auf dem Land wohne, sondern in (bzw. in der Nähe) der großen lebhaften Hauptstadt.

 

SCHULE

Zurück in Budapest, hatte ich noch eine Woche Schule vor mir. Naja, zwei davon waren eigentlich gar keine richtigen Schultage: Am Montag war „Diáknap“ (auf deutsch „Schülertag“), den es in Ungarn an jeder Schule gibt und bei dem Spiele gespielt und kleine Theaterstücke aufgeführt werden. Und am Freitag war Kammermusiktag, ein Konzerttag also, bei immer zwei bis fünf Instrumente etwas zusammen vorgespielt haben. Es waren zwar ein paar ungewöhnliche und interessante Kombinationen dabei, die ich vorher noch nie gehört habe, so wie zum Beispiel Harfe und Saxophon, aber ich bevorzuge doch lieber Instrumente im Solo, wo sie nach meiner Meinung besser zur Geltung kommen.

Pünktlich zum Schulende habe ich mein Ungarischbuch durchgearbeitet – stattdessen lese ich jetzt einfachere Bücher wie „Alice im Wunderland“ in der Landessprache. Es fühlt sich gut an, die Sprache endlich so erlernt zu haben, dass man sein Umfeld – Gespräche in der U-Bahn, Nachrichten im Radio, Plakate auf der Straße – ohne Anstrengung verstehen kann, und auch das Sprechen klappt jetzt ziemlich flüssig. Am Ende des Austauschjahres möchte ich auf jeden Fall die angebotene Sprachprüfung in B2 versuchen, um meine Ungarischkenntnisse für mich selbst (und wer weiß, für was es sonst nochmal gut sein könnte) festzuhalten.

 

FERIEN

Dann waren Ferien (an meiner Schule ein paar Tage früher als an den meisten anderen:) ), und gleichzeitig kamen auch Luna aus Belgien und Hanna aus Deutschland nach Budapest. Besonders über Hannas Besuch habe ich mich gefreut, weil wir uns im ersten Halbjahr hier sehr gut angefreundet und viel zusammen unternommen haben. Aber ehrlich gesagt hat mich ihre Rückkehr auch etwas nachdenklich gemacht: Immerhin wohnt sie in Deutschland und wir haben die Möglichkeit, uns oft zu besuchen, aber was ist mit den anderen Austauschschülern aus Mexiko oder Thailand, oder mit meiner Gastfamilie? Abschiede sind weder schön noch leicht – das war die allererste Lektion des Austauschjahrs, als wir uns am Flughafen von den Leuten verabschieden mussten, die wir eigentlich nicht in unserem Leben missen wollen. Bald werden wir diese endlich wiedersehen, aber dafür auch erneut Abschied nehmen müssen von so vielen anderen Menschen, die einem hier wichtig geworden sind. Und nicht nur von Menschen muss man sich trennen, sondern auch von der Schule, vom Essen, und von Budapest.

Letzteres ist mir besonders nochmal durch die Reise nach Prag mit YFU bewusst geworden: Obwohl die tschechiche Stadt sehr schön und touristisch war, hat mir bei gedanklichen Vergleichen oft die ungarische Hauptstadt besser gefallen. Es wird wohl immer so etwas wie mein zweites Zuhause bleiben, in dem ich mich besser auskenne als dort, wo ich tatsächlich augewachsen bin – denn wenn die Zeit begrenzt ist, will man sie so gut ausnutzen wie möglich und viel unternehmen, während man im Heimatort die Attraktionen, die es zu bieten hat, gar nicht richtig zu schätzen weiß. Das Austauschjahr hat mir damit eine wichtige Lektion über Zeitnutzung und außerdem auch viel Tatendrang mitgegeben, um meine Lebensweise zu reflektieren und an Gewohnheiten zu arbeiten.

 

OSTERN

An Ostersonntag wurde ich von meiner kleinen Gastschwester Hanna geweckt, damit wir auf der Terasse die Ostergeschenke suchen konnten, die mein Gastvater vorher dort versteckt hatte. Ich fand es süß, dass für Fanni und mich auch noch etwas dabei war, obwohl wir ja eigentlich nicht mehr wirklich zu den Kindern gezählt werden können.

Später am Vormittag kam meine Gastoma noch vorbei, danach waren wir zusammen im Kino und haben uns den Animationsfilm „Royal Corgi – Der Liebling der Queen“ angesehen, der lustig und einfach zu verstehen war. Mit der Mischung aus Popcorn, Schokohasen und den verschiedenen Gerichten, die meine Gastmutter für die Feiertage gekocht hat, war ich dann definitiv für die nächsten drei Tage noch gut gefüllt. Eier, die für mich eigentlich definitiv zum Fest dazugehören, gab es bei uns aber überraschenderweise keine, und außer meiner Gastoma, die nur ein paar Straßen weiter wohnt, haben wir auch niemanden aus der Familie getroffen. Ich denke deshalb, Ostern hat keinen so großen Stellenwert für meine Gastfamilie, aber das kann ich deshalb natürlich nicht über das ganze Land behaupten, das ja eigentlich christlicher als Deutschland ist.

Ein traditonell ungarischer Brauch mit heidnischer Herkunft ist es übrigens, dass die Jungen die Mädchen an Ostermontag mit einem Eimer Wasser begießen (oder heutzutage auch mit Parfüm besprühen), damit sie nicht „verwelken“ und ihre Fruchtbarkeit, Gesundheit und Schönheit erhalten bleibt. Im Austausch und zum Dank dafür sollen sie dann ein buntes Osterei erhalten. Auch mein Gastvater hatte (im Gegensatz zu uns Frauen im Haus) sichtlich Spaß daran, uns ein bisschen mit Wasser aus einer Sprühflasche zu besprühen. Inwiefern dieser Brauch sinnvoll ist und die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann fördert, kann natürlich angezweifelt werden, aber schließlich hat man in jedem Land ein paar alte Gewohnheiten, die nicht mehr in die Werte der heutigen Zeit passen. Ich fand es jedenfalls sehr interessant, mal etwas aus Ungarn zu erfahren, was man in Deutschland überhaupt nicht hat, und hoffe auf weitere Eindrücke dieser Art in den verbleibenden zwei Monaten.

Lucia

Frühling

Eigentlich ist es erstaunlich, wie groß der Einfluss des Wetters auf unsere Stimmung ist. Der Wechsel vom Winter in den Frühling ermöglichte Spaziergänge in T-Shirt und Jeansjacke, Eisdielen-Besuche mit meiner Gastfamilie, Kaffee und Kuchen im Freien, und Joggingrunden und Picknicks im Park. Die Sonne, die morgens durch mein Fenster scheint, die Blumenbeete und grün werdenden Bäume, die milde Abendluft in den Straßen von Budapest – all das weckte mich aus meinem mürrischen Winterschlaf und brachte mich dazu, mich aufs Neue in die wunderschöne Hauptstadt Ungarns zu verlieben.

 

AUSFLÜGE

Und so kam es, dass ich in diesem Monat alles erkundet habe, was ich in Budapest noch so sehen wollte, wie zum Bespiel eines der berühmten Thermalbäder (unten im Bild), die große Markthalle, das Terrormuseum oder den Zoo.

Ich war auch im Parlament, was als Ausflug von YFU angeboten wurde, im Sissi-Schloss in der Stadt Gödöllö (unteres Foto), und mit meiner Gastschwester Fanni noch einmal im historischen Buda-Viertel. Ich habe mich bei allem zum Teil wirklich ein bisschen wie ein Tourist gefühlt, aber auf der anderen Seite war auch alles ganz vertraut – eben wie zuhause.

 

KONZERTE

Auch in der Schule gab es Änderungen zum Winterende. Da klassische Konzerte bevorzugt in der kalten Jahreszeit stattfinden, hatten wir Anfang März unseren letzten Chorwettbewerb. Und obwohl die Proben wirklich schlecht waren, haben wir den überraschenderweise gewonnen, was nicht nur Preisgeld, sondern auch eine sehr glückliche Lehrerin einbrachte. Auch mit der ganzen Schule waren wir im letzten gemeinsamen Konzert der Saison. Es war ein sehr eindrucksvolles Finale mit einem großen Orchester, einem noch größeren Chor und sehr professionellen Solosängern. Aber natürlich ist die Zeit der Vorführungen nicht vorbei – bald stehen stattdessen wieder eigene Auftritte an.

Außerdem war ich noch mit meiner YFU-Betreuerin, Esther aus Italien und David aus Mexiko auf einem Indie/Rock Konzert der ungarischen Band „Esti Kornel“, was mir sehr gut gefallen hat. Ich muss tatsächlich sagen, dass mir die ungarische Musik sogar besser gefällt als die deutsche. Ich würde mich also definitiv freuen, wenn ich ein solches Erlebnis wiederholen könnte 🙂

Zuletzt war ich auch im Theater, was mein Geburtstagsgeschenk an Esther war, und wir haben das Musical Én, József Attila (auf deutsch „Ich, József Attila“) geschaut. Der Protagonist, nach dem auch das Musical benannt ist, ist ein berühmter ungarischer Dichter, dessen Biographie in dem Stück nachgespielt wurde. Es war sehr gut gemacht, aber ich musste mich schon ziemlich konzentrieren, um die Handlung zu verstehen. Es war einer von diesen Momenten, in denen ich mir gewünscht habe, Ungarisch wäre meine Muttersprache – aber das ist dann auf der anderen Seite ja auch eine gewisse Motivation zum Weiterlernen.

 

SKIFAHRT

Eine Unterbrechung hatte die Frühlingsstimmung dann doch – und das war die viertägige Skifahrt in der Slowakei, die von YFU organisiert wurde. Aber ich war gerne bereit, in der Hinsicht eine Ausnahme zu machen, denn es war eine wirklich schöne Reise. Ich war eine von denen, die vorher noch nie vorher Ski gefahren sind, aber der Leiter und die anderen Austauschschüler haben uns natürlich geholfen. Es war eine gute Erfahrung, und die gemeinsamen Tage haben uns als Gruppe noch einmal näher zusammengebracht.

 

GESPALTEN

Aber um so besser man sich mit den Austauschschülern, der Gastfamilie, den Klassenkameraden versteht, umso besser man Ungarisch spricht und sich in Budapest auskennt, desto mehr nähert sich der Zeitpunkt der Rückkehr, der auf einmal nicht mehr unendlich weit weg, sondern erschreckend nah erscheint. Natürlich ist das Gefühl dabei nicht nur negativ: Man freut sich auf Familie und Freunde, auf das eigene Haus mit eigenen Regeln, auf die Muttersprache um einen herum, auf das Leibgericht von Mama, und tatsächlich auch auf einen anständigen Döner vom Türken um die Ecke. Aber auf der anderen Seite denkt man an all das, was einem hier fehlen wird. Und das ist eigentlich auch ein bisschen positiv, denn dadurch wird man dankbar für das, was man erleben darf, und nutzt seine Zeit so gut wie möglich aus, um die noch kommenden drei Monate unvergesslich zu machen.

Lucia

Normalität

Eigentlich ist diesen Monat gar nichts Ungewöhnliches passiert – zumindest aus meiner jetzigen Perspektive: Wäre der Februar mein erster Monat im Austauschjahr, wäre natürlich noch alles neu und unbekannt, aber weil ich nun ein halbes Jahr hier bin, ist mir doch schon so Vieles vertraut. Ja, das meiste hat tatsächlich ein Gefühl von Normalität erreicht, dadurch, dass ich mich an meine Gastfamilie, meine Schule und an die ungarische Kultur angepasst habe. Aber natürlich habe ich trotzdem, wie eben auch gelegentlich im normalen Alltag, einige neue Erfahrungen gemacht:

 

SCHULE

Ich weiß nicht genau, was sich geändert hat, aber für dieses Halbjahr hat mein Klavierlehrer weit mehr mit mir geplant als im letzten und mir fünf neue Stücke gegeben. Mir gefällt das sehr gut, ich habe endlich den Druck, den ich anfänglich von dieser Schule erwartet hatte, und bin jetzt viel motivierter beim Üben. Ich bemerke auch immer mehr die Fortschritte, die ich im Vergleich zum Anfang des Austauschjahres gemacht habe.

Mit dem Chor hatten wir außerdem wieder einen Auftritt und der war in der Liszt Ferenc Akademie – die Universität für Musik in Budapest, von dem berühmten Komponisten persönlich gegründet. Der Konzertsaal war sehr sehr schön, mit vielen Statuen und goldenen Verzierungen ausgestattet, und es war ein ehrenhaftes Gefühl, dort vor so vielen Menschen auftreten zu dürfen. Ich hoffe natürlich, dass unsere Performance hinsichtlich dem Anlass gut genug war, jedenfalls schien aber die Dirigentin sehr zufrieden mit uns.

Meinen Vorsatz von Januar, sich mehr in die Schule zu integrieren, konnte ich übrigens auch in die Tat umsetzen: Ich habe mit ein paar Mädchen zum ersten Mal gesprochen und war zwischen den letzten Proben mit Lili und Katinka aus meiner Klasse zusammen essen, wodurch wir uns wieder etwas näher gekommen sind und ich auch viele lustige Geschichten über meine anderen Klassenkameraden gehört habe.

 

GASTFAMILIE

Ein anderer Vorsatz war es, mehr Zeit mit meiner Gastfamilie zu verbringen, was sich diesen Monat mehr oder weniger von selbst ergeben hat: Wir waren zusammen in einem Thermalbad (für die ist Budapest sehr bekannt) und bei einem Skikurs, weil im nächsten Monat die YFU-Skifahrt stattfindet. Und ein Wochenende bin ich komplett zuhause geblieben, was sehr entspannend war und mir Gelegenheit gegeben hat, viele Dinge zu erledigen, die ich schon lange machen wollte, aber nicht geschafft habe. Und ich habe angefangen, auch mit Fanni nicht mehr auf Englisch, sondern auf Ungarisch zu reden, was sich zwar noch sehr merkwürdig anfühlt, aber woran wir uns beide hoffentlich schnell gewöhnen werden.

 

AUSFLÜGE

Ansonsten war ich, was auch schön war, viel mit Freunden unterwegs: Abgesehen vom Gym, Kino und Essen gehen war ich zwei Mal in Ungarns zweitgrößter Stadt Szeged (auf dem einen Bild der Dom) – einmal, um Kenyas Geburtstag nachzufeiern, und einmal auf einem klassischem Konzert in wunderschönen Theater der Stadt (zweites Bild).

Dann hatte noch Esther Geburtstag, den wir Austauschschüler auch zusammen gefeiert haben, und vorher haben sich noch die Leute aus dem Musikprogramm getroffen und wir haben ein bisschen gemeinsam musiziert, bzw. jeder hat den anderen etwas vorgespielt. Ich fand es sehr interessant, die Fähigkeiten der anderen zu sehen – es hat mir bewusst gemacht, wie froh ich bin, dieses Programm gewählt zu haben und die Musik für dieses Jahr als zentralen Teil meines Lebens bezeichnen zu können. Und auch wenn sich das bei meiner Rückkehr ändern sollte, ein Teil von mir wird sie immer bleiben und durch mein Austauschjahr ist mir das erst recht deutlich geworden. Ich blicke also gespannt auf die verbleibenden Monate hinaus und versuche, noch so viel neues Wissen (und Können) zu gewinnen, wie ich kann!

Lucia

Halbzeit

Die erste Hälfte meines Austauschjahres ist jetzt vorüber und gibt Anlass dazu, alles Erlebte zu reflektieren und Ziele für den Rest der Zeit zu setzen. Denn auch wenn ich in den letzten 5 Monaten schon einen Einblick in die ungarische Kultur erhalten habe, der weit unter die Oberfläche geht, gibt es vor allem noch viel über Musik und über mich selbst zu lernen und viele Dinge, an denen ich im Rahmen meines Aufenthalts arbeiten möchte.

 

HALBJAHRESCAMP

Das von YFU Ungarn organisierte Halbjahrescamp fand vom 10.-12. Januar in der Stadt Esztergom statt. Es diente dazu, gemeinsam über Fortschritte und Probleme der letzten Zeit zu sprechen und uns Ratschläge für die noch kommenden Monate zu geben – uns also beim eigenen Reflektieren zu unterstützen. Am ersten Tag haben wir einen Ungarisch-Test absolviert (bei dem ich zu den drei besten gehörte 🙂 ), dann ging es um unser Wohlbefinden im Austausch von der Ankunft bis jetzt. Ein typisches Auslandsjahr beginnt nämlich mit Begeisterung für die neue Kultur, die jedoch immer weiter nachlässt und eventuell zu einer Krise bzw. Kulturschock in der Mitte des Jahres (also genau jetzt) führt, bevor man sich wieder besser fühlt und sich wirklich an das andere Land angepasst hat. Ich persönlich habe eigentlich meinen Aufenthalt in Ungarn zu jedem Zeitpunkt genossen, aber es stimmt schon, dass die anfängliche Euphorie über alles Neue nicht mehr da ist, sondern man sich an das Meiste gewöhnt hat und momentan manchmal auch Dinge aus Deutschland vermisst. Dazu gehört auch die Zeit für einen selbst: Hier übe ich stattdessen Klavier, treffe Freunde in Budapest oder verbringe Zeit mit meiner Gastfamilie – aber das sind wiederum Dinge, die ich in Deutschland nicht machen kann und die in nach meiner Rückkehr sicherlich vermissen werde.

Am zweiten Tag haben wir zuerst einen Ausflug in die Stadt gemacht und dann über unser Verhältnis zur Gastfamilie gesprochen: Mit wem verstehen wir uns am besten und wie können wir uns manchen Familienmitgliedern besser annähern? Und gibt es Verhaltensweisen von uns, an denen wir arbeiten sollten? Bei mir ist meine Beziehung zu meiner älteren Gastschwester Fanni am besten, aber eigentlich verstehe ich mich mit allen sehr gut. Jedoch könnte ich definitiv mehr mit ihnen unternehmen, weil ich immer lange Schule habe, an den meisten Wochenenden mit Freunden unterwegs bin und deswegen ziemlich oft spät nach Hause komme. Wir haben außerdem auch über die Schule und unsere Situation in der Klasse geredet. Ich muss sagen, dass ich in der Hinsicht ein bisschen enttäuscht bin, denn ich hatte erwartet, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon enger mit meinen Klassenkameraden befreundet wäre. Es sind zwar alle nett zu mir, aber außerhalb der Schule treffen wir uns nicht wirklich – wobei das nach meinem Eindruck nicht zwingend etwas mit mir zu tun hat, sondern damit, dass es eine Musikschule ist: Es gibt Unterricht am Nachmittag und Abend, und wenn man keinen Unterricht hat, dann übt man am Instrument, weshalb die Schule immer gefüllt und sozusagen der zentrale Treffpunkt für Freundesgruppen ist. Trotzdem möchte ich gerne versuchen, mehr über meine Klassenkameraden zu erfahren und auch mit Leuten aus anderen Klassen Kontakt zu knüpfen.

Dann haben wir noch über die Ungarn im Allgemeinen gesprochen. Dabei ist mir klar geworden, wie umfassend wir die Unterschiede dieser Nation zu unserer eigenen begreifen und beschreiben können: Es gab ein Spiel, bei dem jemand eine Behauptung über Ungarn aufstellen sollte und jeder, der zustimmte, aufstand. Dinge wurden genannt wie „Ungarn haben sehr leckeres Essen“ oder „Ungarn sind immer höflich“, aber auch Negatives wie „Ungarn sind verschlossen gegenüber Fremden“ und „Ungarn reagieren sehr unfreundlich, wenn man Englisch spricht“. Mir ist in der Hinsicht ein drastischer Unterschied zwischen Jung und Alt aufgefallen: Die Jugendlichen reagieren meist sehr fasziniert, wenn sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme, und oft sagen sie, dass sie später auch einmal ins Ausland möchten, weil sie Ungarn langweilig finden. Die ältere Generation ist hingegen genau das Gegenteil: Spreche ich an der Kasse oder mit Kontrolleuren Englisch, werde ich nicht selten abschätzig behandelt. Das könnte mitunter vielleicht an der Geschichte liegen: Ungarn musste immer viele Niederlagen einkassieren, und dadurch gibt es ein allgemeines Ungerechtigkeitsgefühl und eventuell Angst gegenüber Neuem, Fremden in den Köpfen der Menschen. Dabei können die Ungarn stolz auf ihr Land sein, dass so eine einzigartige Sprache, gutes Essen und eine schöne Hauptstadt hat.

Am letzten Tag haben wir alle von unseren glücklichsten Moment erzählt (bei mir das Eislaufen mit meiner Gastfamilie), eine Liste mit Dingen erstellt, die wir im Austausch noch machen möchten und dann schließlich unseren Brief an uns selbst bekommen, den wir auf dem Arrival Camp verfassen sollten. Es war ein komisches Gefühl, ihn zu lesen und hat einen realisieren lassen, wie sehr man sich doch schon verändert hat. Angeregt von all diesen Ideen und Erkenntnissen sind wir dann schließlich wieder nach Hause zu unseren Gastfamilien gefahren, bereit für die zweite Hälfte unseres Austauschjahres – mit Ausnahme von Hanna und Sabrina aus Deutschland und Luna aus Belgien, die nur ein halbes Jahr in Ungarn verbracht haben und von denen wir uns das darauffolgende Wochenende leider schon verabschieden mussten. Aber wir konnten auch Ingrid aus Argentinien neu begrüßen, die jetzt im Januar ihr Austauschjahr begonnen hat und bis Ende November bleibt.

 

SEMESTERENDE

Auch in der Schule beginnt nun ein neues Halbjahr. Im Januar gab es deshalb Examen und lauter Konzerte, um sich auf dieses vorzubereiten (bzw. um das alte abzuschließen) und außerdem ein Kammermusikkonzert. In dieser Woche war dann die halbjährige „Konzertwoche“, bei der jeder Schüler von der ganzen Schule im großen Saal etwas vorspielt und die besten nach Abstimmung im „Superkonzert“ landen. Die Klavierspieler waren alle am Dienstag dran und obwohl ich sonst keine Probleme mit Auftritten habe, war ich schon ziemlich aufgeregt: So viele Leute, mit denen ich etwas zu tun habe, haben mich schließlich zum ersten Mal gehört. Aber es ist gut gelaufen und danach war es ein großartiges Gefühl, die Herausforderung gemeistert zu haben.

Ich fand es richtig interessant, zu sehen, was die anderen Schüler für Instrumente spielen und wie gut sie sind, außerdem war es für mich das erste Mal, dass ich zum Beispiel ein Saxophon- oder Harfensolo gehört habe. Viele Leute an meiner Schule sind auch im Tontechnik-Programm, d.h. sie lernen, selbst Musik zu produzieren, wovon ich mir durch ihre Vorstellungen endlich besser ein Bild machen konnte. Jetzt ist all der Stress jedenfalls erstmal vorbei, ich fange wieder mit neuen Klavierstücken an und ich bin schon gespannt, welche mein Lehrer für mich ausgesucht hat.

Lucia