Auch ich melde mich mal wieder – Weihnachten, die Sprache und das Wetter

Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wie lange ich hier schon nichtsmehr geschrieben habe! Es tut mir sehr leid, ich hoffe, man vergibt mir, in nächster Zeit kommt mehr, versprochen!
Hier also nun mal wieder ein Bericht über die Themen und Ereignisse der letzten Monate:

Weihnachten und Silvester
Es ist wirklich schon eine ganze Weile her, aber da es vielleicht einige interessiert, möchte ich trotzdem davon berichten:
Wie man sich vielleicht denken kann, spielt Weihnachten in der Türkei keine große bzw. gar keine Rolle, obwohl das erstmal ganz anders scheint:
Schon ab Ende November wurden Malls, Cafés und auch unsere Wohnung mit (Plastik)Tannenbäumen, Lichterketten, Weihnachtssternen, und sogar Weihnachtsmännern und Rentieren dekoriert, und überall lief Weihnachtsmusik. Dies alles geschah aber keineswegs in Vorbereitung auf den 24., sondern auf den 31. Dezember. Silvester wird hier nämlich ungefähr so gefeiert, wie Weihnachten bei uns. Den ganzen Dezember über gibt es Neujahrsfeiern (was wahrscheinlich etwas komisch klingt, aber wir in Deutschland feiern doch auch nicht nur an den eigentlichen Weihnachtstagen!), und am Abend des 31. feiern die meisten Türken dann mit der Familie zusammen und tauschen kleine Geschenke aus.
Der 24.12. war bzw. ist hier also ein Tag wie jeder andere, und ich musste, wie alle anderen auch, zur Schule gehen. Das war ein recht komisches Gefühl, denn allen meinen Klassenkameraden war es (natürlich) total egal, dass es sich um einen der wichtigsten christlichen Feiertage handelt, und ich war mit meiner sich immer wieder anbahnenden Festtagsstimmung alleine. Nach der Schule sollte sich das aber ändern, denn ich bin zu einer anderen Austauschschülerin gefahren, um mit ihr und ihrer Gastfamilie ein wenig zu feiern. Wir hatten einen sehr sehr schönen Abend mit Plätzchen aus Deutschland und Loriot, und es gab sogar Geschenke. Am nächsten Tag haben wir die Schule dann ausnahmsweise mal Schule sein lassen und sind zur deutschen Botschaft zu einem Weihnachtsgottesdienst gefahren. Das war wunderbar und hat sich angefühlt wie ein Kurztrip nachhause. Alles in allem hatte ich also ein wirklich gelungenes Weihnachtsfest, und der gefürchtete Heimwehhöhepunkt ist nicht eingetreten.

Die Sprache
Als erstes mal: Türkisch ist anders als Deutsch. Das war ja von Anfang an klar.
Es handelt sich um eine agglutinierende Sprache, was bedeutet, dass sehr viel durch Suffixe ausgedrückt wird. Wenn ich also zum Beispiel sagen möchte „Ich bin in der Schule.“, sage ich auf Türkisch „Schule-in-ichbin“, „Okuldayım“. Man kann also ganze Sätze in einem Wort ausdrücken, was den türkischen Satzbau aber natürlich ungefähr zum Gegenteil des deutschen macht. Am Anfang war das ein wenig ungewohnt und verwirrend, vor allem weil Türken allgemein recht schnell sprechen und es da schon mal zur Herausforderung wird, das eigentliche Wort unter den ganzen Anhängseln zu erkennen, aber inzwischen komme ich ganz gut klar. Ich spreche zwar noch lange nicht fließend, und verstehen ist immer noch ziemlich schwer, aber ich bekomme eigentlich immer mit, worum es geht, und kann mich in jeder Situation verständigen.

Was ist sonst noch so passiert?
Leider gar nicht so viel. Den Großteil meiner Zeit verbringe ich, wie gesagt, in der Schule. Dort versuche ich in manchen Fächern, wie Psychologie, Geschichte oder Türkisch zuzuhören und ein bisschen zu verstehen, in anderen lese ich, schreibe Tagebuch, oder versuche mich aufzuraffen, Türkisch zu lernen. Nachmittags und an den Wochenenden treffe ich mich meistens mit den anderen Austauschschülern, da meine türkische Klasse eigentlich immer lernen oder Hausaufgaben machen muss. Zusammen haben wir aber zıemlıch viel Spaß, beim Kaffeetrinken und Ankara erkunden, und die Leute, wie auch die Stadt, sind mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen.
Vor einem Monat, während der Halbjahresferien, war außerdem das Midterm, also das YFU Mittelseminar. Es war sehr schön, die anderen mal wieder zu sehen und von ihren Erfahrungen zu hören, nur leider viel zu kurz! Trotzdem, und wider aller Zweifel, bin ich seitdem irgendwie wieder motivierter und positiver als vorher.
Oh, außerdem war ich endlich mal im Theater! Es unterscheidet sich nicht großartig vom deutschen, nur dass es wesentlich billiger ist (ein Schülerticket kostet 6TL (2€)). Ich habe ‚Die drei Schwestern‘ und ‚Die Möwe‘ gesehen (hier war gerade eine Tschechow-Woche), aber da meine neue Gastfamilie genauso theaterverrückt ist wie ich, wird es garantiert nicht das letzte Mal gewesen sein.

Der allgemeine Gemütszustand
Mir geht es gut! Nach einigem Hinundhergewechsle wohne ich nun in meiner vierten Gastfamilie, und ich fühle mich sehr sehr wohl dort und bin glücklich, hier zu sein. Ich habe jetzt zwei Gastbrüder, mit denen ich mich gut verstehe und wohne ziemlich zentrumsnah, was sehr schön ist. Der Weg zu Schule jeden Tag kommt mir zwar ein bisschen wie eine halbe Thüringenrundfahrt vor, aber so schlimm ist es eigentlich gar nicht und wenn ich mich an eins gewöhnt habe, dann ist das an die langen Wege, die hier zum Alltag gehören.
Die letzte Zeit war sehr schwierig, aber jetzt, da ich ,aus dem Gröbsten raus‘ bin, fühle ich mich wie ein anderer Mensch als noch vor einem halben Jahr. Ich fühle mich nicht nur viel älter, sondern kommt es mir auch so vor, als hätten sich viele meiner früheren Prioritäten und Ansichten durch diesen Perspektivenwechsel verändert.
Jetzt bin ich sehr gespannt, was noch so auf mich zukommt. Es ist bemerkenswert, wie viel schneller die Zeit vergeht, seit die Hälfte rum ist. Die vier Wochen seit unserem Bergfest Ende Januar sind wie im Flug vergangen, was heißt, dass ich mich ein bisschen ranhalten muss, um alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe. Ich hoffe, bald noch ein paar andere Ecken der Türkei sehen zu können und der türkischen Sprache noch ein bisschen mächtiger zu werden. Außerdem muss ich unbedingt noch ein paar türkische Gerichte kochen lernen, nicht zuletzt um damit dann in Deutschland angeben zu können 🙂

Und nun zum wichtigsten aller Themen – Das Wetter
Der lange und schneereiche ankaraner Winter, den mir alle versprochen hatten, ist leider nicht eingetreten. Es war zwar eine Weile recht kalt, aber jetzt steigen die Temperaturen auch schon wieder seit ein paar Wochen, und es ist teilweise so warm, dass man nur in Stickjacke draußen die Sonne genießen kann. Das einzige, was momentan vorsichtig andeutet, dass wir noch nicht Frühsommer haben, sondern dass es sich lediglich um Ende Februar handelt, sind der für die Region eigentlich unübliche Regen, der die Sonnenstrahlen unterbricht und überall ein herrliches -Land-Unter-Feeling auslöst.
Wahrscheinlich ist es aber auch besser, dass der große Schnee ausgeblieben ist, das eine Mal das es hier nämlich geschneit hat, hat sich der Verkehr, der sowieso schon gewöhnungsbedürftig ist, in ein heilloses Chaos verwandelt, ab Einbruch der Dunkelheit (also so gegen 16:30 Uhr) ging gar nichts mehr und die Bevölkerung Ankaras schien restlos überfordert. Meine Laune hat das bisschen Weiß aber unsagbar gehoben.
Ich hoffe, die Wissbegierde aller derer, die sich immer wieder hoch interessiert nach dem Wetter hier erkunden, ist nun erstmal gestillt 😉

Alles Gute und viele Grüße
Lena

Feiertage auf Türkisch

Anfang Oktober hatte ich eine Woche Ferien, denn die islamische Welt feierte ihr wichtigstes Fest, das Kurban Bayramı, auf deutsch bekannt als Opferfest. Es erstreckt sich (offiziell) über vier Tage und begann dieses Jahr am 15. Oktober. Gedenkt wird dabei Ibrahim, der um seine Liebe zu Gott zu beweisen, bereit war, seinen einzigen Sohn zu opfern. Kurz bevor er diesen Plan in die Tat umsetzen konnte, und somit sein Vertrauen zu Gott bewiesen hatte, gebot ihm dieser Einhalt und er opferte einen Widder.
In der Türkei wird dieses Fest im Kreise der Familie gefeiert. Ich fuhr mit meiner Gastfamilie in ein kleines Dorf namens Hacılarobası in der Nähe von Safranbolu nord-östlich von Ankara, der Heimatstadt meines Gastvaters. Das Dorf wurde gefühlt von ca. 20 älteren Ehepaaren bewohnt und bestand aus nicht viel mehr als ein paar sehr türkischen Häusern und einer neontürkisen Moschee mit beleuchtetem Minarett und im Umkreis von bestimmt 20/30 Kilometern fand man nichts als Berge, Bäume und einem kleinen Fluss. Eine willkommene Abwechslung also, denn im Speckgürtel von Ankara (wie auch im Stadtzentrum) ist „echte“ Natur eher rar und langsam fange ich wirklich an, den Thüringer Wald zu vermissen 😉
Den ersten Bayramtag verbrachten wir damit, durch das Dorf zu laufen und verschiedene bekannte Familien zu besuchen. Es wurde allen „İyi bayramlar“ (So mehr oder weniger „Frohes Fest“) gewünscht, den Älteren wurde von den Jüngeren die Hand geküsst und die Besucher bekamen erst eine kleine Süßigkeit und dann Çay, Börek und Dolma. Abends wurde dann, wie es die Tradition will, ein Tier geschlachtet. Was genau für eins weiß ich nicht, auf jeden Fall muss es ein großes gewesen sein, das Fleisch wurde nämlich im halben Dorf verteilt und selbst der Teil, den meine Gastfamilie bekam war eine Woche später noch nicht aufgebraucht. An den darauffolgenden Tagen machten wir Ausflüge nach Safranbolu, wo wir noch mehr Verwandte besuchten, in einem mini Canyon „wanderten“ und uns die wunderschöne historische Altstadt anschauten und am letzten Bayramtag sind wir dann zurück nach Ankara gefahren, um abschließend auch noch den dort lebenden Familienmitgliedern einen Besuch abzustatten. Ein Fazit also: die Sache mit der türkischen Großfamilie war keine Lüge!

Kurz darauf folgte am 29.10. der türkische Nationalfeiertag, der Cumhuriyet Bayramı, oder auch Tag der Republik. Es war also theoretisch der 90. Geburtstag der Türkischen Republik, denn am selben Tag 1923 rief Mustafa Kemal Atatürk diese aus. Um das zu feiern gab es am Vormittag in der Schule eine Zeremonie, zu der mehrere Reden gehalten wurden und der Schuchor mehrere Lieder sang, aus denen ich immer wieder Worte wie Vaterland, Nation, Freiheit, Republik und so weiter raushörte. Nachdem zum Abschluss noch einmal der İstiklâl Marşı, also die türkisch Nationalhymne gesungen wurde, war der Rest des Tages frei.

Dieser Feiertag bringt mich auf ein anderes Thema, von dem ich hier noch erzählen möchte, denn es scheint mir ein wichtiger Teil des Lebens in der Türkei zu sein: der Nationalstolz und die Liebe zu Atatürk, dem „Türkenvater“. In jedem öffentlichen Gebäude und in jedem Klassenraum hängt hier mindestens ein Bild von Atatürk, sowie eine seiner Reden und die Nationalhymne. Er ist in jedem Schulbuch und auf jedem Geldschein abgedruckt und überall stehen Statuen zu seiner Ehre. An vielen Autos kann man seine Unterschrift als Aufkleber sehen, viele Männer tragen Anstecknadeln oder Krawatten mit ihm darauf, es gibt Handyschutzhüllen, Lesezeichen, Stirnbänder und eigentlich alles, was man sich sonst noch vorstellen kann. Die Türken sind unglaublich stolz auf ihn und ihm ungemein dankbar und sehen sich als seine Kinder, und niemand würde auch nur auf die Idee kommen, ein schlechtes Wort über ihn zu verlieren. Außerdem weht hier die türkische Flagge an jeder Ecke, und montags und freitags wird vor, bzw. nach der Schule von allen Schülern die Nationalhymne gesungen. Wenn ein Türke diese hört, bleibt er auf der Stelle stehen bis sie zu Ende ist. Das alles ist vor allem für uns Deutsche am Anfang sehr sehr ungewohnt und es mag einem auch etwas übertrieben vorkommen, vor allem wenn man den praktisch nicht existenten Nationalstolz zu hause gewöhnt ist, aber ich habe mich langsam daran gewöhnt und singe nun brav Montag und Freitag die Hymne mit. Entgehen kann man dem ganzen nämlich sowieso nicht.

Es sind jetzt schon mehr als zwei Monate vergangen, seit ich alles gewohnte und vertraute verlassen habe und die Zeit kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Trotzdem kann ich noch nicht sagen, die „Anfangsphase“ komplett überstanden zu haben und mich mit meinem „türkischen Leben“ wohl zu fühlen. Die besagten letzten zwei Monate waren wahrscheinlich die schwierigste und kraftraubendste Zeit meines bisherigen Lebens, und es gibt Momente, in denen ich mich frage, wie ich hier jemals „richtige“ Freunde finden soll, wie zum Teufel ich diese Sprache fließend lernen soll und ob das alles die richtige Entscheidung war. Vor ein paar Tagen habe ich außerdem die Gastfamilie gewechselt. Dafür gab es verschiedene Gründe, aber meine neue Familie ist toll, auch wenn es nicht einfach ist, nochmal vollkommen von neuem anzufangen. Ich wohne zwar immer noch in Ankara, allerdings in einem anderen Stadtteil, weshalb ich in den nächsten Wochen auch noch meine Schule wechseln muss. Ich hoffe, dass wenn das geschafft ist wieder ein bisschen Ruhe und Gewohnheit in mein Leben hier kommt und ich dann langsam anfangen kann, meine Zeit hier ein bisschen mehr zu genießen.

Bis bald und viele Grüße
Lena

Der Kosinus von 37 und andere Kleinigkeiten über das türkisch Leben

İch bin jetzt mehr als einen Monat hier, und mich beschleicht so langsam ein schlechtes Gewissen, weil dieser Blog bisher so uninformativ war. Hier also nun ein paar hoffentlich interessante Worte zu Dingen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. İch hoffe, damit ein bisschen vermitteln zu koennen, wie ich die Tuerkei momentan erlebe.

Die Schule
nimmt den Großteil meines Lebens hier ein. Sie beginnt jeden Tag um 8:15 und endet 15:20. Wir haben taeglich 8 Unterrichtsstunden a 40 Minuten und zwischendurch eine 45 minuetige Mittagspause. Jede Klasse hat einen eigenen Klassenraum und im Gegensatz zu meiner deutschen Schule, wo die Schueler „zu den Lehrern“ gegangen sind, kommen hier die Lehrer „zu uns“. Dabei haben diese meist nicht viel mehr dabei als ein paar Stifte fuer die Tafel und ab und zu ein Lehrbuch. Wenn der Lehrer den Raum betritt steht die Klasse auf. Der Lehrer, der von Schuelern wie auch von anderen Lehrern nicht mit seinem Namen, sondern mit Hocam (mein Lehrer) angeredet wird, sagt etwas wie Günaydın (Guten Morgen) oder İyi Dersler („Guten Unterricht“) worauf die Schueler Sağ ol (Danke, woertl. Sei gesund) antworten und sich setzen. Der Unterricht ist sehr frontal und theoretisch und die meisten Stunden laufen so ab, dass der Lehrer etwas diktiert oder an die Tafel schreibt was die Schueler abschreiben. Dazu ist ausserdem zu sagen, dass hier keine Hefter wie in Deutschland benutzt werden, sondern Hefte, da mann sowieso keine Arbeitsblaetter bekommt. Geschrieben wird mit Druckbleistiften. Stellt der Lehrer dann aber doch mal eine Frage oder fordert die Schueler zur Mitarbeit auf, ist die ganze Klasse viel aktiver, als ich es von deutschen Klassen gewohnt bin und alle melden sich und machen mit.
Die wichtigsten Faecher sind Mathe und die Naturwissenschaften, die teilweise auf einem viel hoeheren Niveau Unterrichtet werden, als in Deutschland und von den Schuelern extrem ernst genommen werden. Allerdings ist, wie schon gesagt, alles sehr sehr theoretisch und ich bin mir nicht sicher, ob meinen Klassenkameraden klar ist, was sie da eigentlich gerade lernen und dass das, praktisch betrachtet, manchmal garnicht so kompliziert ist, wie es die Theorie scheinen laesst. Des weiteren benutzen wir hier weder Taschenrechner noch Tafelwerk, und ich verstehe noch nicht ganz, woher die hier einfach so wissen, dass der Kosinus von 37 rund 0,8 ist.

Die Freizeitgestaltung
sieht momentan noch ein bisschen mau aus. Meine Nachmittage verbringe ich hauptsaechlich zuhause, da die Hauptaktivitaet meiner tuerkischen Klassenkameraden (und Gastschwestern) aus Hausaufgaben, lernen und fernsehen besteht. Der Fernseher ist allgemein sehr wichtig. Meine Gastfamilie hat (mindestens, wenn ich keinen uebersehen habe) vier davon und wenn ausser mir noch jemand zuhause ist laeuft immer mindestens einer. Selbst manchmal beim Fruehstueck und beim Abendessen werden alle moeglichen Serien und Talentshows und und und geschaut. Fuer mich momentan noch sehr schwer zu verstehen, warum das sein muss, da ich es z.B. bei Essen noch als eher stoerend empfinde, wenn die ganze Zeit auf dieses Ding gestarrt wird. Aber daran werde ich mich wohl gewoehnen mussen.
Eine weitere Sache, die mir die Suche nach Freizeitaktivitaeten noch ein wenig erschwert ist die Dershane. Fragt man tuerkische Jugendlich, was sie nach der Schule oder am Wochenende machen, kann man sich sicher sein, dass dieses Wort faellt. Es handelt sich dabei um eine Art Nachhilfe, nur dass so gut wie alle dorthin gehen, denn dort wird anscheinend das getan, was in der Schule bei all dem Frontalunterricht und der Theorie viel zu kurz kommt: es wird geuebt. Und noch mehr gelernt. Und sich auf die Examen vorbereitet. Und das eben jedes Wochenende mehrere Stunden, und in der 11. und 12. Klasse auch an Wochentagen nach der Schule. İn Deutschland denkt wahrscheinlich kaum jemand, dass „gerade in der Tuerkei“ die Jugendlichen so viel lernen muessen, aber es ist echt erstaunlich, mit was fuer einer Disziplin die Schueler hier in ihrer „Freizeit“ einen Uebungstest nach dem anderen machen..

Die Mentalitaet
wird mir als anfangs etwas „ernste und verklemmte Deutsche“ immer sympathischer. Die Menschen sind sehr offen und freundlich und unglaublich hilfsbereit. İch fuehle mich als Auslaender sehr sehr willkommen und auch wenn niemand so wirklich zu verstehen scheint, was ich hier genau mache sind alle interessiert und um mein Wohl besorgt. İch fuehle mich wirklich schlecht wenn ich daran denke, wie manche Tuerken in Deutschland behandelt werden!
Ausserdem habe ich das Gefuehl, dass alles viel gelassener und entspannter als in Deutschland ist und ich merke, wie diese Gelassenheit langsam auch auf mich abfaerbt. Was ich auch sehr angenehm finde, ist, dass sehr gern geteilt wird. Kauft sich zum Beispiel eine Freundin eine Packung Kekse, kann jeder davon essen und sie ist nicht beleidigt, wenn fuer sie nurnoch einer uebrig bleibt, denn morgen kauft jemand anders etwas zu essen, wovon sie dann auch etwas abbekommt. So spendiert jeder ab und zu irgendwas und keiner hat das Gefuehl, dem anderen etwas zu schulden. Das ist so herrlich entspannt…

Das Essen
beschraenkt sich keinesfalls auf Doener und Lahmacun. Ganz im Gegenteil, es ist so vielfaelltig, dass es schwer ist, etwas allgemeines dazu zu sagen, außer eben dass es so viel gibt. Und alles wirklich gut schmeckt. Zu fast jedem Gericht gibt es Weißbrot und Yoğurt, also „Naturjoghurt“, den man dazu isst. Außerdem sind meistens alle drei Mahlzeiten am Tag warm.

Der Verkehr
ist immer wieder aufregend. Auf den meisten Straßen fahren die Autos mehrspurig und oft gibt es dort wo ich lebe keinen wirklichen Fußweg, das heisst man laeuft eben auf dem Stueck Erde, was zwischen Fahrbahn und Wohnanlagenzaun uebrig ist. Fußgaengerampeln gibt es zwar, aber die werden kaum beachtet. Wie man hier also ueber die Strasse kommt? Hoffen und rennen! Da das alle machen sind auch die Autofahrer daran gewoehnt und sie halten ab und zu an, um die Fußgaenger vorbei zu lassen.
Das wohl bekannteste tuerkische oeffentliche Verkehrsmittel ist wohl der Dolmuş, ein Kleinbus in dem bar bezahlt wird und der keine festen Haltestellen hat, sondern dort haelt, wo es die Pasagiere wuenschen. İch bin leider noch nie mit einem gefahren, da es meine Gastfamilie fuer zu gefaehrlich haelt. Stattdessen fahre ich hauptsaechlich Bus (was auch immer wieder ein Erlebnis ist. Wirklich, eigentlich ist es voll bis obenhin, aber die fuenf Leute, die da an der Haltestelle stehen koennen wir sicher noch mitnehmen , und wenn sie fast auf dem Schoß der Busfahrers sitzen muessen, sie passen noch rein!!!) und Metro.

Die Religioesitaet
der Menschen ist bei weitem nicht so stark zu spueren, wie man in Deutschland oft vermutet. Natuerlich gibt es an fast jeder Ecke eine Moschee, von deren Minarett fuenf mal am Tag der Ezan also der Gebetsruf des Muezzin ertoent. Aber zum Beispiel Kopftuecher sieht man wahrscheinlich wesentlich seltener als in manchen Teilen Berlins und in der Schule sind sie sowieso verboten, worueber die Leute, mit denen ich bisher Gesprochen habe, auch sehr gluecklich zu sein scheinen.

 

İch hoffe, mit diesem Beitrag einen kleinen Einblick in mein momentanes Leben gegeben zu haben. İch melde mich bald wieder, bis dahin alles Gute!
Lena

PS: Um eine weitere Annahme vieler Deutsche ueber die Tuerkei zu zerstoeren, moechte ich noch sagen, dass ich seit einer Woche nur noch mit dicken Socken, Schal und Pullover unter der Jacke rausgehen kann. Es ist so kalt geworden in Ankara!!

Schule

Aber erst einmal noch eine Woche Ferien. Da ich hier noch niemanden kannte und auch noch nicht alleine Metro oder Bus fahren durfte, bedeutete das hauptsaechlich Langeweile. Den Großteil meiner Zeit habe ich also alleine zuhause verbracht und versucht, mir die türkische Grammatik ein wenig naeher zu bringen. Ein bisschen Abwechslung gab es aber schon, wie zum Beispiel ein Treffen mit den YFU-Freiwilligen, die in Ankara leben (und fast alle ihr Auslandsjahr in Deutschland verbracht haben) oder der „Besuch“ verschiedenster Ministerien. Der Tag, an dem wir die ganzen Formalien erfüllen mussten war wahrscheinlich bisher einer der eindrucksvollsten hier. Nur so viel: nachdem wir (mein Gastvater und ich) an fünf verschiedenen Orten weggeschickt und auf eine andere zustaendige Stelle verwiesen worden, um dann schlussendlich in einem überfüllten kelleraehnlichen Raum, durch den fröhlich zwitschern zwei Wellensittiche flogen, rauszukommen, kann ich nur noch über Menschen laecheln, die über die Arbeit in deutschen Ministerien schimpfen 😉 Naja, das Formular das ich brauchte habe ich jedenfalls bekommen.
An den Wochenenden besuchen wir meistens irgendwelche Verwandte oder Bekannte. Davon gibt es unglaublich viele, und bei allen bekommt man Çay, etwas zu essen und ein Fotoalbum in die Hand gedrückt, um sich noch mehr Familienmitglieder anzuschauen.

Nachdem die Ferienwoche überstanden war, begann am Montag die Schule. İch besuche ein Anadolu Lisesi, das heißt eine Schule für die neunte bis zwölfte Klasse. İch gehe in die zehnte, obwohl ich die letztes Jahr in Deutschland schon gemacht habe, aber in der elften und zwölften Klasse sind alle Schüler so sehr mit der Vorbereitung auf die Abschlussprüfung (oder Aufnahmeprüfung für die Uni, ich weiß es nicht genau) beschaeftigt, dass es dort sehr schwer geworden waere, Freunde zu finden. Die Leute in meiner Klasse sind alles sehr nett und interessiert, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob sie verstanden haben, warum ich hier bin. Auf jeden Fall versuchen alle, sich, soweit es ihre Englischkenntnisse zulassen, mit mir zu unterhalten, und naja, ein bisschen Türkisch verstehe ich ja auch. Außer den in Deutschland üblichen Faechern habe ich hier jetzt Türkische Literatur, Deutsch als Fremdsprache, Psychologie, Geometrie (zusaetzlich zu Mathe), İslamische Religion und Kultur und noch ein zwei Faecher, bei denen ich noch nicht genau weiß, was sie sein sollen. Momentan ist der Unterricht noch recht entspannt, was heißen soll, dass wir eigentlich nichts machen. Der Lehrer ist zwar da, geht aber nur durch die Reihen und schaut zu, wie sich die Schüler so die Zeit vertreiben. İch hoffe und glaube, dass sich das in den naechsten Wochen aber aendern wird.

Bis bald und viele Grüße
Lena

Nach der Ankunft ist vor der Ankunft

In den letzten Tagen befand ich mich wohl im bislang merkwürdigsten Stadium der Auslandsjahrvorbereitung: schübeweise befiel mich ab und zu Aufregung, die gleichzeitig Vorfreude und Angst mitsich brachte und in manchen dieser Momente wurde mir die Endgültigkeit meiner Abreise bewusst. Die meiste Zeit wurde ich allerdings durch die letzten Vorbereitungen recht gut abgelenkt. Die Gastgeschenke mussten besorgt werden, der nötige Papierkram wollte zusammengesucht sein und eigentlich wollte ich ja auch noch Türkisch lernen?!

Aber dann ging es am Sonntag endlich los: von Dresden nach München, von wo wir alle zusammen die „große Reise“ antraten. Nach einem nur knapp 2 1/2 stündigen Flug kamen wir im sonnigen İzmir an. Die Tage seitdem haben wir 17 Austauschschüler (14 Deutsche, eine Kanadierin, eine Niederlaenderin und eine US- Amerikanerin) in einer Jugendbegegnungsstaette nördlich von İzmir zusammen verbracht, oder besser gesagt genossen, denn hier ist es wunderschön und alles ist ungewohnt entspannt. Bei den Seminaren hören wir die Wellen des Mittelmeers hinter uns rauschen und Schutz vor der immer scheinenden Sonne finden wir unter Palmen. Außerdem sind wir alle jetzt schon abhaengig von Çay (Tee), den wir hier fast rund um die Uhr trinken.

Die Zeit hier neigt sich aber nun auch langsam dem Ende zu und heute ist schon der letzte Abend. Morgen werde ich dann nach einer ca. 8 stündigen Autofahrt mein eigentliches Ziel erreichen und in Ankara endlich meine Gastfamilie kennenlernen.

İch hoffe, bald mehr berichten zu können. Viele Grüße, Lena