Archiv des Autors: LeaThailand

Menschen auf einer Welt

สวัสดีค่ะเพื่อนๆ

Zuerst: bitte entschuldigt meine Verspaetung, diesmal habe ich mir tatsaechlich sehr viel Zeit gelassen mit meinem neuen Eintrag. Und gleich zunaechst: diesmal wird mein neuer Eintrag anders als die vorherigen sein. Diesmal moechte ich nicht wie sonst von zu wenigen der vielen unglaublichen Geschehnisse hier erzaehlen und an tausend Stellen darauf hinweisen, wie sehr sich mein deutsches und mein thailaendisches Zuhause doch voneinander unterscheiden. Selbstverstaendlich ist es immer einfacher, Differenzen und Verschiedenheiten zu entdecken, so etwas hebt sich nun mal viel leichter vom restlichen Umfeld ab. Und doch werde ich das Gefuehl nicht los, die Welt wuerde immer kleiner, je laenger ich hier in Thailand lebe, die Unterschiede sind zwar noch immer da, aber mir fallen viel haeufiger Gemeinsamkeiten ins Auge zwischen diesen beiden Laendern, beiden Heimaten.

Ehe ich an dieser Stelle fortfahre, wuerde ich euch bitten, euch noch ein paar Minuten Zeit zu nehmen und diesen Erfahrungsbericht von Fabio durchzulesen, der sein Austauschjahr in der Tuerkei verbracht hat. Fabio erzaehlt vom Cay, der in seinem Gastland die Verbindung zwischen verschiedensten Leuten aus verschiedensten Gegenden mit den verschiedensten Hintergruenden darstellt. Und er wirft Fragen auf, ueber die man einige Zeit nachdenken kann (und es meiner Meinung nach definitiv einmal tun sollte). Wir sind alle “Menschen auf einer Welt” und doch fehlt es haeufig an Verstaendnis fuereinander; wir sind zu unterschiedlich, um uns mit jedem zu verstehen, aber viele sinnlose Auseinandersetzungen liessen sich mit einer kleinen Prise Offenheit und dem Bewusstsein, dass wir eben alle zusammen Menschen und Erdenbuerger sind, sicher vermeiden.

Ich habe Fabios Bericht zum Anlass genommen, mich einfach mit Leuten aus Deutschland und Thailand ueber diese Dinge zu unterhalten. Ueber kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, den Cay in der Tuerkei und den Reis in Thailand, was einen Menschen zum Menschen macht. Und mit der Einverstaendnis dieser Personen werde ich im Laufe der Zeit ihre Gedanken zu diesen Themen in diesem Beitrag veroeffentlichen.

(An alle Austauschschueler: falls ihr Zeit und Lust habt, meldet euch einfach und macht mit, ich wuerde mich sehr freuen, wenn das hier zu einem Gemeinschaftsprojekt werden koennte.)

 

 

 

„Was uns verbindet ist das, was uns unterscheidet. Kein Mensch auf der Welt gleicht einem anderen, wir sind alle wir selbst, niemand ist ‚duer‘ als du. Es ist schon ein Wunder, dass jeder einzigartig ist, und eigentlich werde ich jeden Tag daran erinnert, allein, wenn ich einem Fremden auf der Strasse begegne. Ich meine, haettest du dir vorstellen koennen, dass es genau diese Person, mit genau diesen Eigenschaften, die ganz genau so aussieht, gibt?“

(Fah aus Thailand)

 

 

„Ich glaube, was uns alle als Spezies ‚Mensch‘ miteinander verbindet, ist der Trieb zu ueberleben, um unsere Gene an andere Generationen weiterzugeben. Das ist eine sehr biologische Haltung, aber ich habe in meinem Beruf als Arzt viel mit Biologie zu tun. Wann immer ich eine schwangere Frau in der Notaufnahme meines Krankenhauses sehe, mache ich den zugegeben etwas zynischen Witz, Schwangerschaft sei der biologische Imperativ unserer DNA. Wenn man bedenkt, dass sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten versuchen, zu ueberleben, liefert mir das eine Erklaerung fuer all die Gewalt und den Krieg, den wir in dieser Welt mitansehen. Es faellt mir schwerer, etwas Kulturelles zu finden, dass allen Menschen gemeinsam ist, und vielleicht liegt das daran, dass ich Amerikaner bin. In Amerika existieren viele verschiedene Kulturen nebeneinander in einem Land, die sich zwar gerne vermischen und gegenseitig beeinflussen, aber auch nicht immer der gleichen Meinung sind. Wenn ich in einem Land mit mehr kultureller Eintracht und Homogenitaet leben wuerde, haette ich vielleicht eher eine Neigung zu einer Art ‚kulturellem Kleber‘.

Ansonsten halte ich die Suche nach Ideen, die aus unserer Welt einen besseren Ort machen koennten, fuer das erbaulichste gemeinsame Ziel in der weltweiten Gesellschaft. Wir als Menschen formen und teilen unsere Ideen miteinander, das duerfte wohl das typischste Kennzeichen unseres Wesens sein. Dieser Suche nach Ideen habe ich auch meine relativ optimistische Einstellung gegenueber uns Menschen und der Welt, die wir bewohnen, zu verdanken.“

(Paul aus den USA)

 

 

„Es gibt bestimmte Dinge, Gesten, Gewohnheiten, etc., die fast allen Menschen zu eigen sind oder zumindest von fast allen verstanden werden. Das beste Beispiel dafür ist wohl das Laecheln: Egal wo auf der Welt man ist, jeder versteht es. (Wir haben mit der Zeit auch einige andere Moeglichkeiten entwickelt, miteinander zu kommunizieren, allen voran Sprache und Schrift. Doch das Problem bei allen diesen Kommunikationsmitteln ist, dass sie missverstanden werden koennen… aber dieser Gedanke fuehrt jetzt nicht weiter. Wieder zu dem Verhalten, das Menschen miteinander verbindet – und zugleich auch voneinander trennt.) Aber all diese Dinge sind fuer mich lediglich Zeichen, Indizien, die auf eine Verbindung hinweisen, eine gemeinsame Vergangenheit, vielleicht auch eine gemeinsame Zukunft.

Das Problem ist nun, dass:
a.) sich nicht alle Menschen darüber im Klaren sind, wie viel sie mit anderen Menschen gemeinsam haben.
b.) es manche Menschen vielleicht auch gar nicht wahr haben wollen bzw. nicht ueber solche Dinge nachdenken und es ihnen egal ist. Punkt a.) steht dabei in direkter Verbingung zu Punkt b.)
c.) ich der Überzeugung bin, dass es immer zwei Ebenen gibt: einmal die private, persoenliche Ebene und dann die oeffentliche, weltweite Ebene, in der Kriege gefuehrt, Wirtschaftssanktionen verhaengt und weitreichende, diplomatische Gespraeche gefuehrt werden. Warum das so ist, kann ich auch nicht genau sagen, aber die Gemeinsamkeiten scheinen sich in vielen Punkten auf die persoenliche Ebene zu beschraenken. Auf der oeffentlichen Ebene spielen viel eher die Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppierungen eine Rolle sowie ihre eigenen Vorteile und Ziele, denn nur so kann sich die Gruppierung erhalten.
d.) Menschen eine Prioritaetenliste haben (auch das gehört für mich zum Mensch-Sein dazu: eine eigene Meinung haben, gleichgueltig davon, wie gut oder schlecht sie begruendet ist), die (zugegebenermassen verstaendlicherweise) meist vom eigenen Leben, den eigenen Freunden und Verwandten, dem eigenen Umfeld, … dominiert wird. Eine billige Schokolade ist meist wichtiger als die armen Kinder in Afrika. Es gibt sicher auch noblere Beispiele, aber die kann man sich dazudenken.

Und vor allem diese letzte Eigenschaft ist es, die Menschen miteinander verbindet, aber genauso schnell auch wieder Welten zwischen sie bringen kann: Wenn diese Verbindung dir wichtig ist, kannst du sie weiter staerken. Sie ist immer da, aber es liegt an dir, sie zu pflegen. Und ebenso liegt es in deiner Hand, deine eigenen Wuensche und Begierden an erste Stelle zu setzen oder dein Leben auch einfach bequem vor dich hin zu leben, als die Verbindung zu anderen Menschen zu pflegen.

Diese Freiheit, Entscheidungen zu treffen, eine eigene Meinung zu haben, dass ist es, was (fuer mich zumindest), einen Menschen zum Menschen macht. Und das gibt ein großes Potential, zum Guten wie zum Schlechten.“

(Katharina aus Deutschland)

 

 

An dieser Stelle noch einmal ein riesengrosses Dankeschoen an alle, die sich Zeit hierfuer genommen haben. Und auch danke an euch Leser. Vielleicht stoesst das hier ja den einen oder anderen zum Nachdenken an. 🙂

Lieben Gruss,

Lea

Advent, Advent, kein Lichtlein brennt

สวัสดีค่ะทุกคน

Es ist schon wieder ein Monat rum, sogar schon mehr, und bald bin ich seit sechs Monaten auf thailaendischem Boden. Ein halbes Jahr, das klingt so lang, aber… das ist es beim besten Willen nicht. Oft genug kann ich gar nicht betonen, wie schnell die Zeit in diesem so bunten Land vergeht (wir sind euch mittlerweile 543 Jahre und sechs Stunden voraus, wer’s genau wissen will ^^).

Advent, Advent, kein Lichtlein brennt. Hier drueben zumindest. Die meisten Leute, denen ich von Weihnachten und der Vorweihnachtszeit in Deutschland berichte, halten Adventskranz und Christkind schlichtweg fuer irgendwelche fiesen deutschen Zungenbrecher ohne weitere Bedeutung. Schade eigentlich, und das finden viele Thais, denen ich dann davon erzaehle, selbst auch – aber im Buddhismus spielt die Geburt von Jesus nun mal keine unbedingt grosse Rolle. Weihnachten wuerde zwar nahe legen, dass zumindest die Christen da ein bisschen adventliche Stimmung verbreiten, aber auch das ist nicht der Fall. Ich hab es mir zu einer Art Mission gemacht, in dieser “kalten Jahreszeit” mit absolut antiweihnachtlichen 30 Grad ein klein wenig vom deutschen Weihnachtsflair in ein paar Momente zu straeuen. Meine Gastfamilie und ich haben schon Plaetzchen in der Friteuse und der Mikrowelle gebacken, weil es in thailaendischen Haushaelten keine Backoefen gibt, viele Leute moechten gern deutsche Weihnachtslieder lernen, andere haben im Internet Anleitungen fuer Strohsterne gefunden und jetzt basteln wir alle zusammen in der Mittagspause manchmal Stroh(halm)sterne. Die Thais interessieren sich aber nicht nur fuer irgendwelche aeusserlichen Spielereien, sondern sie wollen die Hintergruende erfahren, sie fragen mich nach Maerchen aus Deutschland, sie wollen wissen, ob man Schnee essen kann (!), was bitte Koenige mit Weihnachten zu schaffen haben – und woher der Brauch stammt, sich an Weihnachten gegenseitig zu beschenken.

Im Dezember gibt es andere Dinge, um die die Thais sich Gedanken machen. Am Fuenften gleich steht zum Beispiel der Geburtstag des Koenigs an und damit auch gleichzeitig der Vatertag und das ist einer der hoechsten Festtage im thailaendischen Kalender. Ob ihr es glaubt oder nicht – ueberall traegt man gelbe T-Shirts. ALLE Leute. Ich kam mir vor wie bei einem Flashmob oder einem Weltrekordversuch, als ich das sah; es war zugegebenermassen echt ziemlich beeindruckend. Und abends trafen sich viele Thais in der Stadt bei einer Zeremonie zu Ehren des Koenigs, wo dann unter anderem die National- und Koenigshymne gesungen wurden und anschliessend so gegen halb sieben (wenn es eben schon dunkel ist hier) zuendeten alle Kerzen an und das ganze Land rief wie aus einem Mund “ทรงพระเจริญ” (‘song pradjoen’), also Lang lebe der Koenig, waehrend im Hintergrund (oder war es nicht viel eher der Vordergrund?) ein mords Feuerwerk losbruellte. Sobald ich Fotos finde, werde ich welche hochladen – Wahnsinn, das war ein aussergewoehnlicher Moment.

Mir ist bewusst, dass ich dieses Mal laenger gebraucht habe, etwas zu schreiben. Das liegt hauptsaechlich daran, dass ich – oh Wunder – nicht wirklich Zeit gefunden habe. Ja, ich weiss, Zeit muss man sich nehmen, aber manchmal ist die eben entweder sehr gut versteckt oder aber es gibt andere Dinge, die einem im Kopf rumschwirren. Bei Austauschschuelern ist es vermutlich Letzteres. Gerade was den Blog angeht habe ich mir am Anfang auch fest vorgenommen, ihn gut zu pflegen und regelmaessig zu berichten, aber eigentlich gibt es in einem Austauschjahr immer irgendetwas, was gerade interessanter ist, als sich hinzusetzen und zwei, drei Stunden zu tippen. Tut mir leid. Prokrastination habe ich aber glaube ich auch ein bisschen von den Thais gelernt, die Schuld liegt also nicht ausschliesslich bei mir 😉

Abgesehen von den thailaendischen Gesellschaftsnormen wuerde ich aber auch gerne meine in den letzten Monaten um einige Stunden taeglich ausgeweiteten Aufenthalte in der Schule ankreiden. Bis letzten Mittwoch war ich zu Hause um zu schlafen und zu fruehstuecken und den Rest des Tages habe ich in der Schule verbracht. Warum? Nun ja, Unterricht dauert bis knapp 16 Uhr, und danach war Chorprobe bis 20 Uhr; am Wochenende gnaedigerweise “nur” von neun morgens bis sechs abends. Was bitte fuer ein Chor, und warum proben wir da derart intensiv? Lange Geschichte.

Angefangen hat es wohl damit, dass ich noch in meiner allerersten Schulwoche gebeten wurde, die Schulband auf dem Klavier zu begleiten. Obwohl die Band nur fuer den Wettbewerb gegruendet wurde (und danach sofort wieder aufgeloest), blieb der Kontakt zwischen uns Musikern bestehen und vor knapp drei Monaten fragten mich meine Freunde aus der Band, die auch im Schulchor dabei waren, ob ich nicht Lust haette, da auch Klavier zu spielen. Ich willigte ein und wir hatten alle heiligen Zeiten mal zu dreissigst im Musiksaal eine Art Zusammenkunft, wo wir ueberwiegend mit Quatschen beschaeftigt waren. Bis dann unser Chorleiter ankuendigte, wir wuerden Ende Oktober an einem Wettbewerb in unserer Provinz teilnehmen. Eine ganze Woche vorher fingen wir dann auch tatsaechlich mit dem Ueben an und wir schafften es trotz dieser “ausgiebigen Vorbereitungsphase”, aus dem Wettbewerb als Sieger hervorzugehen. Das bedeutete fuer uns, dass wir uns fuer die “naechste Runde” qualifiziert hatten, und das war noch ein Wettbewerb letzten Freitag, bei dem die besten Choere aus zwanzig Provinzen des ภาคเหนือ (also dem Nordwesten Thailands) gegeneinander antraten (obwohl es bis letzten Sonntag hiess, der Wettbewerb wuerde erst am kommenden Montag stattfinden). Diesmal begannen wir fruehzeitig mit den Proben, naemlich knapp zwei Wochen nach unserem Sieg in พิษณุโลก. Zwei Lieder sollten wir vorbereiten, und wir hatten uns fuer ยามค่ำ, ein vom Koenig persoenlich komponiertes Stueck, sowie das Festival Sanctus von John Leavitt entschieden. Und gerade das zweite Stueck fand ich absolut genial – was durchaus daran liegen koennte, dass es auf Latein war. Der allerletzten Sprache, von der ich geglaubt haette, ihr in Thailand zu begegnen, aber das machte das Ganze nur noch besser. Nennt mich verrueckt, aber ich bin vor Freude ziemlich an die Decke gegangen, als ich zum ersten Mal die Partitur gesehen habe, ganz einfach deshalb, weil es wie ein Stueck Heimat war, ganz ploetzlich aufgetaucht aus der riesigen Notentruhe im Musiksaal. Ich sollte uebersetzen, bei der Aussprache mithelfen (nein, es heisst nicht Galolia und nicht Ekkaeaeaelasid ^^) und die Hintergruende des Textes erklaeren. Und ueber mehrere Monate hinweg fieberten wir dem 19. Dezember entgegen, wo sich an einer Schule in แพร่ zeigen sollte, ob wir das Zeug dazu hatten, in Bangkok beim Landeswettbewerb anzutreten. Und wie schon gesagt, am Freitag war es dann soweit. Wir mussten fuer die Reise nach แพร่ sehr frueh aufstehen und obwohl es nicht so weit weg war, war es doch um einige Grad kuehler als in พิษณุโลก; bevor es richtig losging, froestelten wir im Pulk auf dem Sportplatz. Einmal noch kurz die Stuecke durchgehen, und dann hiess es ab auf die Buehne – als letzte Gruppe. Der Chor lief zur Hoechstform auf, ich selbst bekam es wie immer bei solchen Gelegenheiten mit den Nerven zu tun und produzierte an ein paar Stellen ganz schoen interessante Klaenge, was mir hinterher dann Sorgen bereitete, weil meine Freunde ihre Sache so gut gemacht hatten und ich fuerchtete, sie viele Punkte gekostet zu haben. Was mich aber nach wie vor sehr beeindruckt, ist die Atmosphaere dieses Konzerts, denn Wettbewerb kann man es fast nicht nennen. Voellig fremde Leute aus unterschiedlichen Provinzen unterhielten sich, gingen gemeinsam was essen, als die Spannung des Auftritts dann endlich von allen Schultern verschwunden war, und machten natuerlich miteinander Musik. Mir machte gerade das besonders viel Spass. Ein Grundschulchor probte beispielsweise in allerletzter Sekunde noch “Lemon Tree” und ich durfte noch schnell mitspielen, weil ich die Akkorde kannte. Jetzt fliegen in Facebook glaube ich auch irgendwo “Wefies” von diesen Leuten und mir rum 😉 Jedenfalls verwandelte sich das anfaengliche “yay, wir haben’s ueberlebt” meiner Freunde bald in ein “oh nein, vermutlich waren wir nicht gut genug und haben ครูเบนซ์ enttaeuscht” um. In so einer Situation heisst es in Thailand oft “erst mal was essen”, und so auch in dieser. Um die Schule herum waren viele mobile Laeden mit den unterschiedlichsten Gerichten verteilt, also holte sich die ganze Mannschaft Mittagessen und dann blieb uns nichts anderes uebrig, als auf das Urteil der Jury zu warten. Es flossen ein paar Traenen und wir taten uns selbst zugegebenermassen ein wenig leid, aber dann nach knapp einer Stunde tauchte endlich ein Mitglied des Bewertungsgremiums auf und steuerte grinsend auf den Pavillion zu, in dessen Schatten wir uns alle versammelt hatten. In einem Nebensatz hiess es dann “ach ja, ihr habt im Uebrigen gewonnen, im Februar fahrt ihr nach Bangkok zum Landeswettbewerb”. Die nachfolgende Szenerie war ziemlich episch und haette einem Actionfilm entsprungen sein koennen. Wie auf Knopfdruck kreischten und lachten und weinten alle los, halbvolle Takeawayboxen flogen durch die Luft und Menschen sich gegenseitig in die Arme. Wir verneigten uns tief vor dem Mann, der uns diese Botschaft ueberbracht hatte, und zu allem Ueberfluss lud ครูเบนซ์ uns auch noch zum Abendessen ein, was erneut in einem Anflug von Begeisterung aehnlichem Ausmasses endete. Bangkok ruft – morgen gehen die naechsten Proben los.

Es ist aber noch einige Zeit hin bis Februar. In den naechsten Monaten werde ich auf jeden Fall noch an meinem Thai feilen – ich kann zwar mittlerweile fast alles sagen, was ich zu sagen habe, und wenn ich jemandem zuhoere, nimmt das “blabliblu”, das sonst zum einen Ohr rein und beim anderen gleich wieder rausgeht, immer weiter ab. Thai ist gerade mit seinen unterschiedlich hoeflichen Woertern, die aber eigentlich alle das Gleiche bedeuten, und den doch relativ grossen Unterschieden zwischen geschriebener und gesprochener Sprache manchmal ziemlich verwirrend. Aber die Fortschritte machen sich immer deutlicher. Mich quatschen manchmal die “fahrenden Haendler” auf ihren Motorrollern an und geraten voellig aus dem Haeuschen, wenn ich dann auch auf Thai antworten kann oder mich mit ihnen ueber das Fussballspiel Thailand – Malaysia unterhalten kann.

Apropos fahrende Haendler. Hier in Thailand gibt es sehr, sehr viele mobile Laeden, die durch die ganze Stadt touren und die verschiedensten Dinge verkaufen, aber meistens ist es Essen. An unserer Schule schauen jeden Tag unterschiedliche Leute vorbei mit ihren Fleischspiesschen, ihrem Eis oder ihrem Obst. Erst letzte Woche wurde mir aber klar, dass es nicht nur solche Kuechen auf Raedern gibt, nein, auch die Medizinfrau kommt mit dem Motorroller. Als ich am Montag zum Musiksaal hinueberpilgerte, wartete dort auf den Baenken vor dem Raum eine reichlich bunt angezogene und mit viel Schmuck behangene Frau und um sie herum scharten sich die Chormaedels, waehrend die etwas abgehoben wirkende Person dort unzaehlige Doeschen, Tiegel, Tuben und Tueten auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Da war von der Schlankmachseife ueber die Anti-Dunklehaut-Tabletten und der Crème fuer ein “ausdrucksstaerkeres Dekollete” bis zum Schafembryonengel fuer zarte Haut alles dabei. Fand ich sehr interessant. Ich habe nichts eingekauft, aber ein paar meiner Freundinnen, und angeblich wirkt das Zeug.

Thailand ist immer wieder sehr verwirrend fuer mich und genauso haeufig ein Test fuer die Beschaffenheit des inneren Geduldsfadens. Prinzipiell schiebt man hier unangenehme Angelegenheiten so weit wie nur irgend moeglich auf und manchmal vergisst man sie auch geflissentlich, was dann sehr gerne auch mal den Ausloeser fuer mehr oder minder grosses Chaos spielt. Zuspaetkommen ist hier glaube ich eine Art Grundrecht. Der extremste Fall, der mir bisher untergekommen ist, ist auch gar nicht so lang her – vor paar Wochen an einem Samstag wurden wir wie ueblich auf neun zum Musiksaal bestellt. Als dann um zehn alle anwesend waren, gab es von unserem Chorleiter nach wie vor keine Spur und es wusste auch niemand so genau, wo er abgeblieben sein koennte; er tauchte dann gegen 15 Uhr auf. Aber wann und wer auch immer nicht puenktlich kommt, niemand schaut irgendwie komisch, Kommentare und Fragen gibt es eigentlich auch keine, den der Zuspaetkommer wird schon seine Gruende haben – wie man sie selbst ja auch gelegentlich hat. Und was den Humor der Thais angeht, so besteht der groesstenteils aus Schimpfwoertern und es kommt auch immer wieder ein Spruch, der unter die Guertellinie abzielt, aber Ironie und Sarkasmus verwendet man in Thailand (beschoenigt ausgedrueckt) nur sehr selten. Schade eigentlich. Und das bedarf auch einiger Umgewoehnung…

Noch gute eineinhalb Wochen, dann ist das Jahr schon wieder um. In Thailand gibt es zwar an Weihnachten keine Geschenke, aber die kommen dann an Neujahr ins Spiel. Meine Gastfamilie will eine Art Geschenketombola veranstalten, also so, dass jeder ein Geschenk bastelt und die dann unter allen verlost werden und nicht so wie in Deutschland, dass man einfach etwas fuer alle seine Freunde und Verwandten macht. Das klingt interessant. In ungefaehr einem Monat berichte ich euch vielleicht davon. Bis dahin wuensche ich euch und euren Lieben aber schon mal ein frohes Weihnachtsfest und “guten Rutsch” rueber in ein fantastisches neues Jahr. Und ganz viel Schnee obendrein – hier in Thailand traeumen alle von wie mit Puderzucker bestaeubten Palmwedeln und einer duennen Eisschicht auf dem Teich hinter dem Sportplatz, aber stattdessen ist es noch immer unbarmherzig warm (wenn auch immer kuehler) und der Weihnachtsbaum im Einkaufszentrum nur aus Plastik mit irgendetwas Chemischem auf den “Zweigen”. Fuer Billionen an Selfies reicht das aber aus.

Viele liebe Gruese und สวัสดีปีใหม่

Lea

Carpe diem

หวัสดีจา

“Nutze den Tag.” Nun, diese Uebersetzung des beruehmten Ausspruchs “Carpe diem!” von Horaz kennt wohl jeder. Genau wie “Geniesse den Tag”. Es ist unglaublich einfach, seine Tage im Austauschjahr unter diesem Grundsatz zu verbringen: etwas Offenheit, vermischt mit Neugier und ein paar Loeffeln Geduld und gutem Willen. Eine Prise Humor gehoert auch dazu, obendrauf noch das Talent, den Moment zu leben. Gut, etwas Glueck braucht man natuerlich auch, das stimmt. Aber packt diese Dinge ein in euer Austauschjahr und ihr seid sehr gut geruestet.

Also man kann Tage ja auf vielerlei Art und Weise nutzen. Einmal kann man den Briefstau abarbeiten, der sich langsam angesammelt hat, man kann Thai ueben, sein Zimmer aufraeumen, das Auto mal wieder sauber machen. Oder man unternimmt etwas mit Freunden, oder macht sich einen schoenen Tag mit der Gastfamilie, gerade die Ferien bieten da viel Spielraum. Mittlerweile sind sie zwar schon wieder vorbei, aber ich blicke zurueck auf sehr, sehr ereignisreiche Wochen: ich konnte Freunde im Internat meiner คุณแม่ besuchen, war auf dem YFU-Midyearcamp und hatte mit allen anderen Austauschschuelern einer wundervolle (und schlaflose) Zeit, wurde letzte Woche spontan zur Pianistin des Schulchores gemacht und bestritt mit diesen supertollen Leuten dann ebenso spontan (aber erfolgreich) einen Wettbewerb vergangenes Wochenende, auch das Wegfahren kam nicht zu kurz – meine Gastfamilie nahm mich mit in vier verschiedene Provinzen. Unsere freien Wochen konnten meine Gastfamilie und ich, da wir ja alle Ferien hatten, sehr viel gemeinsam nutzen. Zu Hause beim Spiele spielen oder Filme schauen, aber auch bei den weniger interessanten Taetigkeiten wie Putzen oder Kochen. Wir besuchten meine Gastschwester im Isaan, haben einen Pavillon im Garten aufgebaut, ein Federballturnier mit den Nachbarskindern veranstaltet. Wir trieben so dahin, Plaene gab es keine, man konnte einfach schauen, was der neue Tag so bringen wuerde. In den Ferien habe ich auch eine Art Schulunlust entwickelt. So sehr ich mich auch darauf freute, meine Freunde wiederzusehen… Ferien bleiben Ferien, und ich hoffe, richtig zu gehen wenn ich annehme, dass ein jeder Schueler, haette er die Wahl, Ferien der Schulzeit vorziehen wuerde.

Ich persoenlich habe bemerkt, dass das Tage geniessen meistens nur unterbewusst ablaeuft und ich mir nur in den seltensten Momenten wirklich darueber klar werde, wie hoch ich innerlich huepfe. Erst heute aber habe ich in einer sehr passiven Lage aktiv den diem gecarpt, und zwar sass ich zu besagtem Zeitpunkt mit ein paar Freunden bei stroemendem Regen vor der Kopiererhuette unserer Schule. Gemeinsam lauschten wir dem Trommeln der Tropfen auf dem Wellblechdach und dem leisen Surren der Drucker, waehrend wir uns ueber Gott und die Welt unterhielten und darauf warteten, dass uns der Rueckweg zum Klassenzimmer freigegeben wuerde. Unbewusst streift einen das Hochgefuehl um einiges haeufiger. Im Nachhinein faellt mir das oft auf, an Tagen, an denen ich beispielsweise in meinem holprigen Thai ohne ein einziges englisches Wort ueberlebt habe. Wenn einem immer wieder irgendetwas daemmert – dass warm duschen ein wirkliches Privileg ist beispielsweise, oder dass Ketchup den Thais wohl zu allem schmeckt, vom Toast ueber die Pizza bis hin zum Ei. Oder aber an dem Punkt, an dem man sich wirklich zu Hause fuehlt und wenn man auf die Postkarte der Gastschwester aus Japan mit einem Brief aus Chiang Mai antwortet.

Eine weitere Erkenntnis der anderen Art war fuer mich die, dass Thailand ein Land der offenen Tueren ist. Und das meine ich woertlich. Die allermeisten Haeuser weisen weder eine Klingel noch sonst irgendeine Vorrichtung auf, mit der sich Besuch ankuendigen kann, und unter Tags ist die Haustuer eigentlich immer unverschlossen, es sei denn, es ist niemand zu Hause. Bei uns gehoert es dann auch dazu, dass immer wieder Gaeste hereinschneien, manchmal bringen sie bisschen was zu essen mit, manchmal sitzen sie bisschen im Wohnzimmer oder in der Kueche und reden miteinander, manchmal bedienen sie sich auch bloss aus dem Kuehlschrank und verschwinden dann gleich wieder. Auf der metaphorischen Ebene verhaelt es sich aehnlich. Auch wenn viele Thais am Anfang viel zu schuechtern sind, einen Falang anzusprechen, sind sie (wenn sie auftauen) furchtbar neugierig, stellen daher auch viele Fragen und – ganz wichtig – machen viele Fotos. Zu diesem Zwecke haben die Thais wohl auch eine Vorrichtung der etwas anderen Art erfunden. Sie selbst nennen es “Selfie-Stab”, das ist ein Teleskoparm, auf dessen Ende eine Halterung fuers Handy befestigt ist. Selbstausloeser einstellen, den Arm ausfahren, posieren, klick.

Die juengsten Ereignisse sollten an dieser Stelle auch abgedeckt werden, gerade ob der Tatsache, dass hier gestern ลอยกระทง (sprich “Loy Grathong”) gefeiert wurde. Loy Grathong bedeutet woertlich uebersetzt “ein Grathong schwimmen lassen”, und das ist eine wichtige Zeremonie am วันลอยกระทง. Aber vorweg, was ist jetzt dieses ominoese Grathong? Ganz allgemein: eine schwimmende Sache, die Leute in Thailand entweder kaufen oder selbst machen und die dann zu Ehren der Flussgoettin ins Wasser gelegt und vom Fluss fortgetragen wird. Normalerweise ist das Grathong aus vielen, vielen Blumen und Bananenblaettern und moeglichst natuerlich, damit der Fluss nicht verschmutzt und damit die Geister provoziert werden; es gibt aber auch Varianten aus einer Art Semmel, wo sich dann die (ohnehin schon viel zu gut gefuetterten) Fische freuen koennen. An Loy Grathong wird praktisch ueberall ein einziges Lied gespielt, der “Loy Grathong”-Song, der davon erzaehlt, dass im zwoelften Monat (des traditionellen thailaendischen Mondkalenders) getanzt wird und mit dem Grathong alle Sorgen dem Fluss uebergeben werden. Loy Grathong ist somit ein Fest der Erneuerung und der Liebe, aber auch in der Religion spielt es eine Rolle. Zu Ehren von Gautama Siddharta werden auf dem Grathong Raeucherstaebchen und eine Kerze befestigt und das Wegschwimmenlassen erinnert an die buddhistische Maxime, sich nicht von Hass oder Aerger leiten zu lassen.

Loy Grathong rueckte auch in der Schule immer naeher, die m4-Schueler konnten an einem Grathongbastelnachmittag teilnehmen, in meiner Thaimusikklasse spielten wir den Loi Grathong-Song, und da Phitsanulok am Nan-Fluss liegt, wurde die ganze Stadt in Erwartung vieler Gaeste wunderschoen dekoriert. Bei uns in der Familie mussten wir dann bisschen improvisieren, weil wir darauf gezaehlt hatten, mit einer Freundin ein Grathong zu machen, aber da sie die Einzige war, die sich damit auskannte, und sie dann aber doch keine Zeit fand, kauften wir am Abend des Fests einfach welche. Gross genug war die Auswahl jedenfalls – aber leider war unser Aufenthalt unter den Feiernden nur sehr kurz. Mein Gastvater schien zum Leidwesen meiner คุณแม่ und mir selbst weniger als nur “nicht angetan” von den vielen, vielen Leuten um uns rum und den Wolken, denen immer wieder ihre Last an Regentropfen zu schwer wurde. Wir machten daher leider nur ein paar Fotos, bevor wir schon wieder nach Hause fuhren, ein Grathong liessen wir auch nicht schwimmen. Was ich mir allerdings nicht nehmen liess, war, die tausenden und abertausenden Khom Loy, also Papierlaternen mit einem kleinen Feuer, der das Ganze zum Aufsteigen bringt, zu fotografieren. Es war mehr als beeindruckend, im Meer der Lichter zu stehen, den Blick nach oben zu richten und die eben noch so unscheinbaren… Papiertueten zu den Sternen schweben zu sehen. Und um einen rum noch mehr glueckliche Gesichter, in allen Augen glitzerte es im wahrsten Sinne des Wortes. Das war fuer mich ein wahrhaft magischer Moment. Und ich verstehe zwar, dass mein Gastvater schnell wieder heimwollte, weil wirklich sehr viele Menschen da am Fluss waren, aber ich finde, einmal im Jahr haette man das schon ein, zwei Stunden in Kauf nehmen koennen. Na ja, meine Gastmutter und ich haben beschlossen, das Loyen nachzuholen am Sonntag, mit meiner Freundin – und einem selbstgemachten Grathong. Hoffentlich sind die Flussgeister uns auch dann noch gewogen ^^

Einmal moechte ich noch auf “Carpe diem” verweisen. Die Lateiner unter euch moegen ja  wissen, dass das Tag geniessen beziehungsweise den Tag nutzen eine sehr freie Uebersetzung von carpere ist, die woertliche Uebersetzung waere viel eher pfluecken. Und obwohl hier vor einigen Wochen schon die “kalte Jahreszeit” angebrochen ist (mit Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad), wachsen einem im Garten die Fruechte praktisch direkt in den Mund. Wir koennen immer wieder Kokosnuesse “pfluecken”, die Zimtaepfel sind schon weg und die Mangos werden immer suesser – อร่อยมากๆ !

Wenn ich nicht jeden Tag aufs Neue so beinah schon kindlich begeistert waere, wuerde ich wahrscheinlich tausend Traenen weinen. Das Ende von Morgen kommt und geht in einer derart unverschaemten Geschwindigkeit, dass es verwunderlich ist, dass ich ueberhaupt noch mit dem ganzen Leben und so hier nachkomme – und bald ist schon Halbzeit, und dann gefuehlt noch dreimal schlafen, bis es zurueck nach Hause geht. Diese Erkenntnis hat mich erst gestern relativ schmerzlich aus dem tagtaeglichen Staunen gerissen; dieser Traum von Austauschjahr ist endlich und waehrend man ihn lebt, sollte man “Carpe diem” wohl in allen Ehren halten.

Ich wuensch euch allen was, macht’s gut! Viele liebe Gruesse,

Lea

 

P. S.: Ich hab Fotos versprochen, ich werd Fotos hochladen – sobald mich der Fotomanager von WordPress laesst. Nur Geduld, aufgeschoben bedeutet nicht aufgehoben ^.^
Edit: Es funktioniert! Theoretisch. Im Code sind die Bilder jetzt vorhanden (aber kann man sie auch sehen?)

Backen
Khanom
Khom Loi
Grathongbasteln
LoiGrathong

Auf der bunten Seite der Macht

หวัสดีค่ะ

Es ist wieder ein fuerchterlich kurzer Monat vor mir weggelaufen. Zeit, einen neuen Teilbericht aus der Sicht einer ฝรั่ง im fernen Thailand zu erstatten.

An dieser Stelle folgen die ueblichen Worte, also dass ich total geflasht vor lauter Eindruecken bin und so, dass mir das alles zu schnell geht, dass es zu viel gibt, um euch alles haarklein zu schildern. Wie die letzten Male auch habe ich mir ein paar fuer mich erzaehlenswerte Momente rausgepickt. Lasst euch mitnehmen auf die bunte Seite der Macht.

Eine durchaus berechtigte Frage duerfte jetzt lauten, wieso ich meinen Aufenthalt in diesem elefantenkopffoermigen Land dort drueben diesmal mit “auf der bunten Seite der Macht” betitle. Dazu habe ich einige Gruende, und die fangen jeden Montag morgen um acht Uhr an. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich naemlich normalerweise die ganze Schule schoen nach Klassen und Mattayoms geordnet auf dem Sportplatz zur Morgenansprache. Und diese widerum beginnt damit, dass die thailaendische Flagge gehisst wird und dazu die Nationalhymne gesungen wird – von allen. Es gibt Thais, die wahnsinnig gut singen koennen, auch an unserer Schule, aber dieser Moment jeden Morgen, in dem sich alle 1461 Stimmen erheben, erinnert mich doch immer an diesen Punkt in Harry Potter mit der Schulhymne, die ja jeder nach seiner Lieblingsmelodie singen darf. Gut, wir haben eine Marching Band, die unseren “Chor” begleitet, aber genau so stelle ich mir dieses Hymnesingen in Hogwarts vor. Manche meiner Mitschueler singen leise, andere sehr laut, die einen schneller oder langsamer als die anderen, und die Melodie ist zwar entfernt gleich, aber jeder singt in einer anderen Tonlage. Und in gewisser Weise ist das echt cool, weil einfach trotzdem jeder mitmacht.

Natuerlich gibt es auch haufenweise sichtbare Buntigkeiten. Mal abgesehen von der Schuluniform (die auch an anderen Schulen zumindest in Grundzuegen relativ gleich aussieht) traegt jeder, was er gerade will, und das kann vom bunt gemusterten Rock ueber die Fussballmontur bis hin zur waschechten Feiertagsklamotte sein. Eine besonders gute Gelegenheit, diese “bunte” Menschenmischung zu beobachten, bietet sich praktisch jederzeit, wenn man gerade unter Leuten ist, also auf einem Markt, wenn man Essen geht, oder auch wenn man gelangweilt im Auto sitzt und darauf wartet, dass der Stau und die roten Ampeln einem den Heimweg freigeben. Um einen rum kann man die Leute beobachten, mal laeuft ein Moench mit Laptoptasche ueber der Schulter vorbei, mal sieht man eine ganze Familie, die auf einem einzigen Motorroller durch den Verkehr kurvt und meistens nicht einmal Helme traegt – im Auto schnallen sich auch nur die allerwenigsten Leute an (so viel zu Sicherheit).

Autofahren ist generell ein sehr faszinierendes Thema fuer mich. Beispielsweise ist mir die Fahrt zu meiner Gastschwester in Bangkok mehr wie eine Achterbahnfahrt vorgekommen, was einerseits an den Bremshubbeldingern liegt, die man sehr oft auf der Strasse uebersehen hat, und andererseits an der Geschwindigkeit, sowohl in- als auch ausserhalb von Staedten. Offiziell darf man in der Stadt 50 und auf Autobahnen 120 km/h fahren; wenn es schnell gehen muss (was bei der beruehmten thailaendischen Puenktlichkeit so gut wie immer der Fall ist) dehnt man diese Begrenzungen aber gern um 20 km/h aufwaerts aus.

Sehr ueberraschend verhaelt es sich auch mit Gebaeuden. Gerade in den ersten Wochen konnte ich mich daran kaum sattsehen, vor allem an den Daechern. Wo wir in Deutschland unsere Haeuser mit Ziegeln in sehr braven Farben schmuecken, leuchtet hier und da in Thailand ein feuerrotes oder koenigsblaues Dach durch die Baeume, ich bin aber auch schon an welchen in schreiendem Gruen vorbeigekommen. Was mich auch oft ueberrascht ist die Holzhuette neben dem Herrenhaus – Thailand ist nicht nur bunt, sondern in gewisser Weise auch ein Land der Gegensaetze.

Aber zurueck zu bunt – die Kleidung ist sehr verschieden, das kann man wohl sagen. Auch gibt es ein bestimmtes Muster, wann man welche Farbe anzieht, das liegt daran, dass den verschieden Wochentagen verschiedene Farben zugeschrieben werden. Montags laufen dann immer erstaunlich viele gelbe Hemden vorbei, um nur ein Beispiel zu nennen. Was mich manchmal ein wenig wundert, ist dass in Thailand der Respekt, der einem entgegengebracht wird, ganz stark davon abhaengt, wie man ausschaut (und wie man riecht ^^). Jeder duscht hier mindestens einmal, aber eher mehrfach am Tag, und es wird nicht nur in der Schule sehr viel Wert darauf gelegt, dass alles เรียบร้อย (das beinhaltet ordentliches Aussehen und gute Manieren) ist. Dagegen ist es eine Alltaeglichkeit, zu spaet zu etwas zu kommen oder einfach mal gar keinen Plan zu haben und alles spontan zu managen. Manchmal zu spontan fuer meinen Geschmack. Dieses “spontan” reicht von einfach so mit Lehrern (fuer Deutsche undenkbar) uebers Wochenende einen Ausflug machen bis hin zu mal eben eine Rede auf Thai in die Hand gedrueckt zu bekommen, die man noch an besagtem Morgen vor einem Komitee zu halten hat. Chrm. Ich bin prinzipiell eine Person, die gern zumindest grob vorausplant, und da ist Thailand dann manchmal eine schwere Probe fuer den inneren Geduldsfaden ^^ Die Austauschlehrerin an unserer Schule aus Amerika hat mir aber einen sehr wertvollen Tip gegeben. Voraus, สบาย ist ein beliebter Ausdruck in Thai, der etwa “relaaaaaax” entspricht. Thais sind bei weitem toleranter fuer Situationen, die hohes สบาย von einem fordern als wir Westler, man kann also sagen, die “innere Sabai-Box” eines Thais ist viel grosser als die eines Farangs. Ziel in einem Austauschjahr ist es also unter anderem, seine eigene Sabai-Box zu hegen und zu pflegen, damit diese waechst und man dann auch mit solch hyperspontanen Situationen gelassen grinsend umgehen kann.

Man kann Thailand aber nicht nur Auesserlichkeiten wegen als bunt bezeichnen. Wenn man sich die Menschen und deren Gewohnheiten etwas naeher anschaut, fallen einem sicherlich erst einmal die verschiedenen Religionen ins Auge – der Grossteil der Thais sind Buddhisten (oh, und das ist der Grund fuer viele weitere Buntigkeiten, vor allem im Bereich religioese Dekoration), aber es gibt auch viele Muslime, gerade im Sueden, und Christen begegnet man auch immer wieder. Was allerdings allen gemeinsam ist, sind zwei Dinge. Erstens ist die Religion fuer alle zumindest bis zu einem gewissen Grad wichtig. Anders als in Deutschland gehoert Religion wohl fuer Thais zum Leben dazu, egal welche, aber jeder glaubt an irgendwas; Atheisten hab ich bisher noch keine getroffen. Zweitens: fast alle sind das, was man bei uns als ziemlich aberglaeubisch bezeichnen wuerde. Das heisst, Geistergeschichten sind staendig und ueberall in aller Munde und sehr, sehr viele Leute glauben auch daran. Erst letzte Woche wurde in der Bibliothek eine muntere Gruselgeschichtenrunde veranstaltet und dort war von Gespenstern die Rede, die fuer bestimmte Personen sichtbar an Strassen nach Taxis winkten, oder von japanischen Soldaten, die ab und an vor den Computerraeumen unserer Schule zu finden seien. Vor der Informatikstunde machte dann auch prompt eine Art kurze Panik die Runde. Hm. Mir wurde auch schon einige Male die Frage gestellt, ob ich an Geister glaube (und ob es denn in Deutschland viele davon gaebe), auf ein “Nein” hin folgte dann ein “warum” seitens der Neugierigen.
Es ist ausserdem so, dass in Thailand nur etwa drei Viertel der Bevoelkerung “richtige” ethnische Thais sind. Es gibt viele Einwanderer aus China, aber auch Malaysia oder Laos oder Kambodscha. Eine relativ bunte Mischung, wie man so schoen sagt; was aber sehr gut funktioniert. Mir ist noch nicht aufgefallen, dass hier irgendjemand aufgrund seiner Abstammung benachteiligt oder doof angeredet wird, ganz im Gegenteil. All diese unterschiedlichen Menschen machen Thailand wie man so schoen sagt zu einer “multi-kulti”-Gesellschaft.

Was dann auch noch eine sehr bunte Angelegenheit ist, ist das Essen (tut mir leid, aber dieses Thema muss wieder angesprochen werden ^^). Auf der Orientation-Week in Bangkok hab ich mir noch zu jeder Mahlzeit genau notiert, was da so drin war, und seitdem habe ich noch sehr viele andere unterschiedlichste Dinge probieren duerfen, aber es gibt so irrsinnig viele Gerichte, dass eine genaue Analyse von allen und jeden Tag ein Ding der Unmoeglichkeit ist. Fakt ist jedoch, alle Geschmacksrichtungen sind in saemtlichen Abstufungen vorhanden, und nicht alles, was total raffiniert aussieht, schmeckt auch so (und umgekehrt). Zudem ist es moeglich, so gut wie alle Gerichte sowohl im “high so” (Thai-Slang fuer “high society”) Sternerestaurant eines Einkaufszentrum als auch am fuer deutsche Verhaeltnisse eher schaebigen Strassenstand zu besorgen. Ich persoenlich wuerde es jedoch niemandem empfehlen, in der Mall zu essen, weil es dort meistens viel zu teuer ist und es an der Strasse aber genau so sauber und lecker ist, bloss fuer viel weniger Geld. Diesem Umstand zufolge trifft man an Staenden, an denen gutes Essen in haeufig gebrauchten und gespuelten Plastikschuesseln verkauft wird, sowohl den Businessmanager im massgeschneiderten Anzug als auch den typischen Normalsterblichen mit weniger gut bezahltem Job.

In Suedostasien ist derzeit ASEAN ein wichtiges und beinahe allgegenwaertiges Thema. Keks fuer den, der schon vorher weiss, was das ist (ich hatte bis zu meiner Ankunft in Thailand noch nie was davon gehoert). ASEAN ist die Association of Southeast-Asian Nations und in etwa vergleichbar mit der EU: zehn Staaten haben sich zusammengeschlossen, um Wirtschaft und Politik und so gemeinsam zu verbessern. Dieses “Ueber den Tellerrand schauen”, das Denken auf internationaler Ebene, wird hier in Thailand immer wieder an verschiedenen Stellen im Alltagsleben weitergegeben und vertieft, sei es in der Schule beim ASEAN-Day, wo die verschiedenen Laender vorgestellt werden und man mal die jeweilige Nationaltracht anprobiert, oder an einem Markt, wo Kinder die ASEAN-Hymne singen. Ueberall findet man ASEAN-Kalender oder Hallo in den “ASEAN-Sprachen”. Auch wird den Leuten immer weiter bewusst, wie wichtig es ist, Englisch sprechen zu koennen. Es ist bloss so, dass in den Schulen der Unterricht in den meisten Faechern sehr theoretisch gehalten ist (bei fuenfzig Schuelern pro Klasse ist viel Praxis ohnehin schwieriger als bei dreissig), in Sprachen ist das beispielsweise abschreiben und auswendiglernen. Einmal durfte ich mit einem Amerikaner Grundschueler am Englischtag animieren und mir ist aufgefallen, wenn man sie beispielsweise anstatt “how are you” “how are you today” fragt, verstehen viele das schon nicht mehr, und das ist bei vielen Phrasen (und auch nicht nur bei Grundschuelern) der Fall. Soll jetzt nicht heissen, die Thais koennen kein Englisch, aber Deutsche im gleichen Alter koennen es meistens um einiges besser. Klar, fuer Thais ist das auch viel schwieriger, aber dennoch glaube ich, dass da die Art und Weise, in Deutschland Unterricht zu halten, an vielen Stellen effizienter ist als die in Thailand.

Mal ganz nebenbei bemerkt ist Thailand in Suedostasien das einzige Land, das nie von irgendeiner westlichen Kolonialmacht erobert wurde – es gibt also auch einen Grund fuer “die Macht”. ^.^

In meinem Alltag laeuft alles “wie immer” – keine wirklich herausstechenden Ereignisse. Die letzten eineinhalb Wochen waren an meiner Schule die Midtermtests: das Schuljahr ist in Thailand in zwei Semester aufgeteilt und am Ende jeder Haelfte ist einmal geballte Examenwucht. Obwohl ich nur in Englisch und Chinesisch meine Tests geschrieben habe (was dann aber doch acht Stueck an der Zahl waren), hatte ich schon einiges zu tun, und ich beneide meine Mitschueler nicht. Anders als in Deutschland muss man hier keine Aufsaetze schreiben, sondern es laeuft alles ueber Multiple Choice. Das hat mich sehr ueberrascht – zumindest in Thai hatte ich etwas Textproduktion erwartet, aber da hatte ich wohl falsch gedacht. Heute war der letzte Tag und nun wartet ein ganzer Monat wundervoller Ferien auf uns, die haben wir uns alle redlich verdient! 🙂

Diesmal habe ich keine Bilder angefuegt, weil ich keine das Thema betreffenden gemacht habe. Entweder werden es naechsten Monat mehr oder ich hole die Fotos nach – versprochen. Bis dahin macht es alle gut, ich wuensch euch was.

เจอกันนะจ้า

Lea

Es war einmal in 543 Jahren…

สวัสดีค่ะทุกคน

Ja, ihr habt richtig gelesen – es war einmal IN 543 Jahren (ganz so schlecht ist meine Ausdrucksweise im Hinblick auf Grammatik dann doch noch nicht ^^). Mein Bericht fuer den August, auf Thailaendisch สิงหาคม, ist ein Bericht aus der Zukunft. Gut, das waren die beiden Vorhergehenden theoretisch auch, doch lasst mich erklaeren: In Thailand ist die am weitesten verbreitete Religion der Buddhismus. Der hat wie das Christentum ja auch seine eigene Zeitrechnung (kurz BE von Buddhist Era) – aber die startet 543 Jahre vor der unsrigen und gilt in Thailand. Das Jahr AD 2014 entspricht also dem Jahr 2557 BE.

In diesem Monat ist wieder so unglaublich viel passiert, dass ich euch wieder nur von ein paar Highlights erzaehlen kann. Es sind oft die normalsten Kleinigkeiten, die die groessten Gefuehlsregungen hervorrufen, im positiven wie auch im negativen Sinne. Oftmals ist der Alltag hier schon sehr vertraut und manches geht einem mit einer ueberraschenden Selbstverstaendlichkeit von der Hand, manchmal ist etwas verwirrend, manchmal schraeg, skurril, erschreckend oder grotesk, aber auch wunderschoene oder furchtbar lustige Erlebnisse zeichnen meine Tage und Wochen in เมืองไทย.

In thailaendischen Schulen gibt es jedes Jahr den sogenannten Color Sports Day, also eine Art Sportfest. Zu diesem Anlass teilt sich die Schule auf mehrere Farben auf, in unserem Fall waren es vier Teams (blau – สีฟ้า, gruen – สีเขียว, lila – สีม่วง und orange – ลีแสด). Im Vorfeld bereiten die Farben einiges vor (unter anderem designen sie T-Shirts, die dann tatsaechlich professionell bedruckt/bemalt werden [wie sagt man dazu?!]), natuerlich trainieren die Sportler, aber wer nicht bei den Wettkaempfen mitmacht, kann cheerleaden oder sich an den dekorativen Taetigkeiten beteiligen. Das Ganze wird ueberwacht und gemanagt von den m6lern, also der Oberstufe. Ich war bisschen Maedchen fuer alles, hab mal den m6lern mit den Cheerleadern geholfen, hab Dekoration gebastelt, mit den Cheerleadern aus m4 und m5 den Farbsong geuebt, was auch gerade so anstand. In der Woche vor dem Sportday traf man sich innerhalb der Farben nach der Schule immer an einem bestimmten Ort, um Dinge zu organisieren oder eben zu ueben. Zu diesem Zwecke verkuerzte die Schule jede Stunde um zehn Minuten, sodass um 14:30 statt um 16:00 Unterrichtsschluss war, und danach hatten die Farben genug Zeit.

Am Tag vor dem Sportday waren unsere Adjaans wohl ขี้เกียจสอน, denn der komplette Unterricht fiel aus. Diese Gelegenheit nutzte einer meiner Thailehrer und ein paar andere Lehrer, um mit mir thailaendisch zu kochen. Im Lehrerzimmer schnippelten wir Obst, crushten Erdnuesse, frittierten Ei, brieten Huhn, machten Somdtam und gruenes Curry, andere Beilagen deren Namen ich nicht behalten konnte und verbrachten den gesamten Vormittag mit Mittagessen kochen. Als eine Art Appetizer brieten wir in sowas wie einem Kocher, dessen Temperaturregler kaputt war, zwei Scheiben Toast, was sich als recht schwierig erwies, da man jederzeit damit rechnen musste, dass einem der Toast ankokelte, aber wir hatten das (dank der Erfahrung der Lehrer im Umgang mit dieser Geraetschaft) ganz gut drauf. Wir wollten dann noch eine Art suesse, dickfluessige Kondensmilch draufschmieren, und waehrend wir danach suchten, machte sich eine Lehrerin an unserem Toast zu schaffen. Die Schere in ihrer Hand legte nahe, dass sie eine dieser unmoeglich aufzureissenden Plastikverpackungen in die Knie zwingen wollte, doch stattdessen setzte sie dazu an, den Toast in mundgerechte Stuecke zu schnipseln. So sehr ich ihre Bemuehungen auch zu schaetzen wusste, die fremde Kultur und das “nichtfalschnichtlustigblossanders” im Kopf zu behalten versuchte – das zog irgendendeinen Stoepsel in mir und das Lachen sprudelte mehrere Minuten lang (!) voellig ungehemmt aus mir heraus. Wer haette gedacht, dass sich der Kochkurs in eine Runde Bauchmuskeltraining verwandeln wuerde. Erst nach einiger Zeit hatte ich mich wieder halbwegs im Griff und konnte den ein wenig verdatterten (oder schlichtweg grinsenden) Adjaans den Grund fuer meinen ploetzlichen Gefuehlsausbruch erlaeutern – was zu Gelaechter ihrerseits fuehrte.
Nach der “Schule” wurde ich ein bisschen spontan zu den Spasscheerleadern meiner m6-Klasse dazugeschleust, weil ich bei keinem Wettkampf mehr mitmachen konnte – die Teams standen schon fest und ich war weng zu spaet dran. Diese “Zweitcheerleader” existierten neben den “regulaeren” Cheerleadern und waren eine kleine Vereinigung bisschen verrueckter Klassenkameradinnen, die einen fuerchterlich wilden Tanz einstudierten und sich aufgrund dessen Laenge selbst nur die Haelfte merken konnten. Ich durfte bei der letzten Probe mitmachen, was sehr viel Spass gemacht hat und uns einige belustigte Blicke vorbeikommender Schueler einbrachte (wir uebten draussen vor dem m6-Gebaeude).

Der Sportday selbst erstreckte sich ueber zwei Tage statt einem, wie die Bezeichnung vermuten liesse. Tag 1 – ein Donnerstag – bestand fuer uns Extracheerleader erst mal aus Dressup. Jemand hatte einfarbige Pluderhosen auftreiben koennen, man flocht sich gegenseitig exzentrische Frisuren und verpasste sich noch exzentrischeres Makeup, band sich Stoffstreifen um die Handgelenke, die beim Tanzen wunderschoen flatterten – und machte sich auf zum Swimmingpool, um die dort stattfinden Wettkaempfe mit seiner Anwesenheit zu bereichern. Gemeinsam mit den Trommlern sorgten wir fuer die noetige Stimmung – was in der prallen Sonne eine Herausforderung war, sowohl fuer uns als auch fuer die Schminke. Die Tribuenen standen eindeutig im falschen Winkel, das war tatsaechlich sonnenklar. Was den Tanz angeht endete das Ganze hauptsaechlich in unkoordiniertem Gefuchtle und zahllosen Lachanfaellen 😉 Zwischendurch hatten wir dann aber auch Pause und konnten ungestoert den Schwimmern zusehen. Es gab keine Leinen im Wasser, um die Bahnen voneinander abzugrenzen, und deswegen geschah es recht oft, dass ein Schwimmer mit einem anderen kollidierte, gerade beim Rueckenschwimmen. Zudem waren die Bademeister erschreckend haeufig im Einsatz, in manchen Laeufen sogar mehrfach. Ob es an der Hitze lag oder an etwas anderem, weiss ich nicht, aber es war sehr seltsam fuer das, was man so von Deutschland gewoehnt war. Am Abend dieses doch sehr sportlichen Tages ging ich frueh schlafen, da es mir bereits vor Freitag grauste – ich hatte um vier Uhr morgens einen “Termin” beim Kostuemshop. Denn auch am Sportday sollte wieder eine Prozession stattfinden. Ich hatte jedoch Glueck, denn als ich in aller Herrgottsfruehe am Kostuemshop antanzte, warteten (bzw. doesten oder schliefen) dort bereits einige andere von สีแสด, die schon zwei Stunden vor mir hatten da sein muessen. Ich hatte ja schon fast damit gerechnet gehabt, wieder eine flattrige Hose zu bekommen, aber stattdessen wickelte man mich in eines dieser Thaikleider – mitsamt der zugehoerigen Kopfbedeckung (die schwerer war, als sie den Anschein machte). Knappe zweieinhalb Stunden spaeter wurden wir zur Schule kutschiert, bekamen alle moeglichen Schilder, Fahnen und Zeremonienstoecke ueberreicht und los ging die Prozession in Richtung Sporthalle – in vier geordneten Pulks, fein nach Farben sortiert. Das begleitende Blitzlichtgewitter verstand sich beinah schon von selbst ^^, als wir ins Stadion einmarschierten und dort den Schulsong sowie die Nationalhymne sangen. Was laenger dauerte als erwartet, denn viele Lehrer hatten offenbar einiges zu sagen. Bis wir dann entlassen wurden, war es neun Uhr und allesamt sehr hungrig. Um dem abzuhelfen, fand sich die Cheerleadertruppe im Klassenzimmer ein, fruehstueckte ausgiebig Klebreis mit Beilagen, befreite sich vom Prozessionsmakeup und verschnoerkelte sich mit neuen Ornamenten. Oder Grausligkeiten. Am Freitag entschieden wir uns fuer Letzteres, denn wir hatten Mullbinden entdeckt und konnten so die eine in eine Mumie verwandeln, eine andere in einen Zombie – und wir erschufen noch weitere Kreaturen. Fertig aufgehuebscht kehrten wir zurueck ins Stadion, feuerten die Laeufer an und folgten anschliessend dem Menschenstrom in die Sporthalle, wo weitere Wettkaempfe stattfanden – diesmal eher lustiger Natur. Neben Tauziehen spielte man beispielsweise eine Art Hindernislauf, be idem man unterwegs ein mehrteiliges Superheldenkostuem anzulegen hatte und dann getragen von Farbkollegen ins Ziel “flog”. Oder Topfschlagen, oder etwas, das entfernt an Golf erinnerte: Die Teilnehmer bekamen eine Gurke um die Huefte gebunden, die an einem Stueck Seil baumelte, und nur damit musste man einen Tennisball durch die halbe Halle bugsieren. Als die Massen von diesen Spielen abgelenkt waren, zogen sich ein paar der m6ler der verschiedenen Farben erneut um, und tauchten schliesslich in schillernden Outfits wieder auf. Denn nun folgte die Cheerleader-Competition, von der ich bislang nichts gewusst hatte. Jede Farbe hatte Superspezialcheerleader, die eine richtige Show einstudiert hatten, mit Faechern, Nebelmaschine, richtiger Tanzchoreographie und Hebefiguren. Jeder einzelne Auftritt hatte etwas schwer Beeindruckendes – ich haette keinen Sieger kueren koennen. Aber die Entscheidung hatten uns ja eh die Sportlehrer abgenommen ^^ Waehrend die Jury sich ihr Urteil bilden konnten, wurden die Sieger der uebrigen Wettbewerbe verlesen, und mir fiel auf, dass dabei die Reihenfolge anders herum gehalten wurde als in Deutschland. Wo wir Wert auf Spannung legen und uns vom letzten Platz zum ersten hocharbeiten, kam hier der erste Platz stets auch zuerst aufs Podium. Ganz zum Schluss, mit dem prunkvollsten Pokal, kam das Cheerleaden. Lang hinausgezoegert, aber als verkuendet wurde, สีแสด haette in dieser Kategorie gewonnen, kochte unser Viertel der Halle foermlich. Man tanzte, man klatschte, man schrie, man feierte, dafuer hatten sie alle hart gearbeitet und keine Muehen gescheut. Dieser Sportday klang in einer wunderbaren Atmosphaere aus und ich bin sicher, dass ich das lang in Erinnerung behalten werde.

Wenige Wochen spaeter stand dann das naechste Ereignis vor der Tuer, aber das war eher auf privater Ebene: der Geburtstag der Koenigin. Gut, was hat das jetzt mit Privat zu tun. Hatte ich mich auch erst gefragt. Aber in Thailand sind die Geburtstage von Koenigin und Koenig von aeusserster Wichtigkeit und Mutter- und Vatertag richten sich nach diesen Geburtstagen. Da in Thailand der Respekt vor Aelteren, insbesondere den Eltern, um einiges groesser geschrieben wird als in Deutschland, werden diese Feiertage auch entsprechend zelebriert. Die Schule wurde mit vielen blauen Fahnen geschmueckt (da blau neben der Jasminblume das Symbol des Muttertags ist), es gab eine Zeremonie zu Ehren der Koenigin und des Muttertags, wir Schuelerinnen und Schueler bastelten Karten fuer unsere คุณแม่s und kauften Anstecknadeln mit Jasminblumen. Am Muttertag selbst (hatten wir Schulfrei ^^) ueberreichte man die Karte, untermalt von einem Wai, und wuenschte einen สุขสันต์วันแม่. Manche Familien unternahmen etwas groesseres, fuhren ueber mehrere Tage weg, da wir langes Wochenende inklusive Brueckentag bekommen hatten, viele gingen essen, und wieder andere blieben einfach nur zu Hause, liessen es sich gut gehen und genossen die Gelegenheit, faul sein zu duerfen.

Boah, das war viel. Und nur ein Bruchteil von alldem, was hier alles los war. Ich bin mir sicher, anderen Austauschschuelern, egal wo auf der Welt sie ihr Gastland haben, geht es wie mir: ein neues Land, eine neue Kultur, alles neu. Auch nach zwei Monaten (eine vergleichbar kurze Zeit, aber trotzdem). Eine unglaubliche Flut an Informationen. Desoefteren hat man wirklich das Gefuehl, der Kopf wuerde platzen (gerade wenn man beispielsweise kurz davor ist, zu verstehen, was der Lehrer da redet, den Faden dann doch wieder verliert und unter Anstrengung versucht, ihn wieder zu finden ^^).

Vielen Dank fuer eure Aufmerksamkeit und Ausdauer xD Macht es alle gut.

Lea

Cheerleaders Etwas abgespacter Teil des Orange-Staff-Teams Cheerleading-Wettbewerb