Hasta luego Chilito mio

Queridos lectores:

Es ist unverzeihlich lange her, dass ich berichtet habe. Ich bin nun sogar schon seit drei Tagen wieder in meinem deutschen Zuhause und habe schon mit meiner chilenischen Familie, meinen besten Freundinnen und meinem Scout-Leiter geskypet. So schnell geht die Zeit vorbei… nicht mal ein Jahr ist es her, dass ich müde in mein noch fremdes Bett fiel und wie ein Stein schlief, weil ich den ganzen Tag lang nur Spanisch gehört hatte. Kaum 9 Monate ist es her, dass ich das erste Mal auf Spanisch träumte, und auch meine erste rote Note in Geschichte einkassierte (ihrerarts übrigens die einzige), und kaum einen Monat ist es her, dass mir auf der Re-Entry-Orientation in Santiago klar wurde: Ich muss zurück. Also: Abschiedsplanung. Hier und da eine kleine Geste, eine CD für meinen Orchesterdirigenten, eine Halskette für meine Klassenlehrerin… Und schon waren das Abschiedsessen, das Abschiedsgrillen, die Abschiedscarrete organisiert – und auch einige Überraschungstorten, da ich nur zwei Wochen vor Abflug 16 wurde.

Es ist nicht hart, sich zu verabschieden. Es ist unmöglich.

Als ich kurz vor der Abreise nach Chile stand, wartete ich vergebens darauf, dass mir wirklich klar würde, dass ich für ein Jahr mein Zuhause verlassen und ab und an vollkommen  vergessen würde. Diese Erkenntnis kam mir nicht einmal in Chile, in keinem Augenblick. Plötzlich lebte ich einfach an einem anderen Ort. Und fertig. Bewusster Übergang? Nicht vorhanden.

Und genauso war es auch beim Abschied von meiner Famnilie. Plötzlich hatten wir noch 5 Minuten, um am Busterminal anzukommen, die Koffer einzuladen und uns zu verabschieden, und mir zog sich der Magen zusammen. Die Kehle drückte. Ein Jahr, das klingt verdammt lang. Und es ist ja auch viel passiert. Aber genug? Reicht das, was ich aus der Zeit gemacht habe? Denn es ist ja nicht dasselbe, jetzt zu sagen „Wir sehen uns nächstes Jahr.“. Das mag schon stimmen, aber nächstes Jahr ist meine beste Freundin auf der Uni, mein älterer Bruder trägt das Haar bis auf die Schultern, und die Tochter meines Scoutleiters wird schon mit Zöpfen und auf beiden Beinen herumlaufen. Und ich, ich werde Besucher sein. Ein ersehnter Besucher, aber eben nur Besucher. Und trotzdem: Machen kann ich nichts. Also: Augen zu und durch. Taschentücher hatte ich zwar eingepackt, aber, wie sich herausgestellt hat, eigentlich nicht genug. Naja, der Jackenärmel hilft notfalls auch.

Auch der Abschied von Chiloé an sich fiel mir schwer. Meine geliebte Insel, so ganz besonders… ein Fleckchen Chile, das den Curanto pflegt, bei Nebel den Caleuche begrüßt, und beim Cuecatanzen das Pañuelo auf Kniehöhe wirbelt. Wo ich Regen und Kühle liebgewonnen habe. Chiloé es mi tierra querida…

Und im Endeffekt stand ich dann am Flughafen, mit zwei Koffern, einem Rucksacker und einer Jacke in der Hand, und musste durch die Papierkontrolle. Eine letzte Umarmung von Onkel und Tante, und dann endete auch schon mein chilenisches Dasein. Ich war wieder eine deutsche Alleinreisende, ungewiss gegenüber dem, was mich dort drüben erwartete, zusammen mit vielen anderen blonden Jugendlichen.

Schon vier Tage ist es her, dass ich meine beiden „Mitflieger“ anhalten wollte, weil ich plötzlich Angst hatte, durch die Ankunftstür zu gehen und meine Mutter wiederzusehen, und sie dann endlich wieder in die Arme schloss.

Vier Tage ist es her, und immer noch ist es seltsam, Werbeschilder auf Deutsch zu lesen. Immer noch klingt das Deutsche in meinen Ohren unglaublich platt und formlos, und immer noch ist alles irgendwie falsch. Die Sonne ist falsch, die Wärme ist falsch, und die huppellosen Straßen sind auch falsch. Aber gut, das wird schon wieder vorbeigehen. Das weiß ich. In Sachen Gewöhnung sind wir ja jetzt alle Experten. Aber will ich das eigentlich?

Jetzt sind wir aber keine ATS mehr, sondern Justees: Kürzlich zurückgekommene Ex-ATS. Noch nicht Ehemalige, der Ankommprozess ist ja noch nicht abgeschlossen. Aber eben fast schon.

Das Jahr ist vorbei, endgültig vorbei. Genau wie die ganzen anderen Jahre unseres Lebens. Und wir sind alle wieder zurückgekommen, wir kennen ja die Regeln. Doch das Jahr müssen wir jetzt auf unser Leben ausweiten. Nicht einfach abreisen und da ankommen, wo wir vor einem Jahr waren, sondern abreisen und zurückkommen und weitermachen vom Jetzt aus; die chilenischen Kontakte pflegen und auf die baldige Rückkehr hoffen. Hasta luego Chilito mío!

Adiós a ustedes, cuídense mucho

Kara

Navidad, Año Nuevo, Valparaiso y Los Jaivas!

¡Queridos lectores!

Die Zeit vergeht zu schnell, vor kurzem habe ich meine Freundin zur einmonatigen Sommerschule in Santiago verabschiedet und jetzt ist sie auch schon wieder zurück. Und auch ich bin gereist: Al Norte Chico, nach Valparaiso, Viña del Mar und auch wieder mal nach Los Andes, um die Familie zu besuchen. Aber erst einmal: Weihnachten und Neujahr in Chile.

Ende November kam ein Paket aus Deutschland an, mit drin einige dieser kleinen aufstelbaren, kartenartigen Adventskalender. Mit Aufklappbildchen. „Mama, du musst nicht so viele Adventskalender schicken, die haben hier sicherlich dieselben.“ hatte ich meiner Mutter etwa zwei Monate vorher gesagt. Falsch gedacht: Auf der Arbeit meines Vaters machte ich das Paket auf. „Das ist ja eine schöne Karte“ meinte mein Vater. „Ein Adventskalender.“ Ich wusste nicht, wie man „Advent“ auf Spanisch sagt, probierte es mit dem deutschen Wort. „Adviento“, meinte mein Vater. „Aber ihr seid doch gar keine Katholiken?“ Da hat er recht. Was hat das damit zu tun?, wunderte ich mich, und fand heraus, dass der Advent in Chile nur von Erzkatholiken gefeiert wird. Na dann…, dachte ich, und verpasste meinen Brüdern und besten Freuden Adventskalender. Mein älterer Bruder war der erste, und er fragte: „Was ist das?“ – „Ein Adventskalender.“ – „Was ist Advent?“ Ich war geplättet. Und diese Frage wurde mir häufig gestellt. Also, für nächstes Weihnachten: Ein Paket voller Adventskalender nach Chile! Für meine Familie übernahm ich dann etwas, dass meine deutsche Mutter jedes Jahr für mich macht: Ich bastelte selbst einen Adventskalender, mit deutschen Mitbringseln. Ich kam bis zum 13. Dezember mit meinen Geschenken, den Rest wollte ich aus chilenischen Kleinigkeiten zusammenbasteln, aber meinen Eltern gefiel der Adventskalender so sehr, dass sie die andere Hälfte für uns Kinder bestückten. Und mit meiner Mutter arrangierten wir einen Adventskranz… Ein bisschen hat sich die deutsche Tradition hier in Chile dann aber doch geändert: Die Adventskalender wurden abends aufgemacht, nicht morgens. Und da hab ich im Handumdrehen das Weihnachten meiner chilenischen Familie ein bisschen deutscher gemacht…

Der Weihnachtsbaum und die Lichterketten waren in den meisten chilenischen Häusern bereits am 3. Dezember angebracht. Wir selbst haben dieses Jahr ein bisschen gewartet, weil mein älterer Gastbruder bis Mitte Dezember auf Abschlussreise in Brasilien unterwegs war, er hat im November Cuarto Medio beendet und fängt jetzt im März an der Uni an. Am 15. Dezember also, einen Tag nach seiner Ankunft, wurde der Baum vom Dachboden geholt. Es ist ein schöner Baum, wenn auch aus drei Plastikteilen, wie eigentlich alle chilenischen Weihnachtsbäume. Unserer war grün und sah auch recht echt aus, aber es gibt auch weiße Modelle, und Nel, eine andere deutsche Austauschschülerin, feierte Weihnachten mit einem Holz- und Drahtbaum, wunderschön. Und ein Lehrer mit einem selbstgebastelten Wollbaum… Die Zweige wurden außeinandergefaltet, die blinkenden und bunten Lichterketten angebracht, und danach die Weihnachtsbaumanhänger, mit darunter auch ein paar, die ich aus Deutschland geschickt bekommen hatte. Heiligabend wurde wie auch in Deutschland mit einem festlichen Essen gefeiert, und um Mitternacht ging es dann ans Geschenkeauspacken. Mein „kleiner“ Bruder übernahm die Moderation, ich die Übergabe. „Das hier ist von… den Großeltern für… Kara.“ Ich packte aus, eine wunderschöne kurzärmelige Bluse mit Blumenmuster. Bedankte mich mit einem Kuss auf die Wange bei meinen Großeltern. Und weiter ging es, Geschenk für Geschenk. Es wurde viel Kleidung geschenkt, Sommerkleidung, schließlich ist Weihnachten in Chile im Hochsommer. Und dann war es auch schon vorbei, am nächsten Tag ein Familienausflug, und dann auch schon wieder normaler Alltag, meine Eltern mussten arbeiten. Einen zweiten Weihnachtstag gibt es in Chile nämlich leider nicht.

Ich muss zugeben, dass ich es schwer fand, und immer noch schwer finde, Weihnachten in Chile objektiv zu betrachten, mit dem „Nicht schlechter, nicht besser, nur anders“-Blick, den YFU (und vor meiner Abreise und vor Weihnachten auch meine Mutter) immer so betont hat. Es ist kompliziert, ein Fest, dass man seit der Kindheit mit Kälte, Dunkelheit, Kerzenlicht, familiärer Geborgenheit und ein bisschen Magie verbindet, so anders zu erleben. Und unmöglich, keinen Nostalgie-Anfall zu bekommen. Aber im Nachhinein kann ich sagen, dass es ein sehr schönes Weihnachten war, mit meiner geliebten zweiten Familie.

Neujahr ist hier auch sehr familiär, und natürlich – wir sind ja in Chile – unglaublich abergläubisch. In die Sektgläser zwölf Weintrauben, eine für jeden Monat, und beim Essen dieser Trauben: Für jede einen Wunsch. Einen Dollar in den Schuh, damit im nächsten Jahr das Geld nicht zu knapp wird, und um Mitternacht: Mit dem Koffer eine Runde ums Viertel drehen. Damit man im nächsten Jahr reisen kann. Die Sekunden werden im Fernsehen heruntergezählt, 45-44-43, die Spannung steigt, 33-32-31, 2014 naht, 14-13-12, ich lächle meinen „kleinen“ Bruder vor gespannter Freude an, 8-7-6, ich kann das breite Lächeln nicht unterdrücken, 3-2-1 und… 0, schon ist es vorbei. 2014 ist da, Papierschnipselböller abfeuern, eine Umarmung für jeden, die besten Wünsche, Anstoßen, Trauben essen. Ein kurzer Eintrag in Facebook, Feuerwerk in Santiago im Fernsehen, halb 2, wir gehen schlafen. Natürlich gibt es auch Silvesterparties, die allerdings erst nach Mitternacht anfangen, weil der Jahreswechsel Familiensache ist. Silvesterböller sind in Chile leider längst nicht so popular wie in Deutschland…

Und damit waren diese beiden großen Feste auch schon vorbei, und der Alltag kam zurück – Alltag 2014.

Mitte Januar reiste ich gemeinsam mit meinen beiden Brüdern nach Valparaiso, insgesamt verbrachten wir rund 24 Stunden im Bus. Längst nicht so anstrengend, wie es klingt: Der Trick ist, den langen Teil der Reise nachts zu verbringen… Zuerst ging es im Auto 3 Stunden nach Castro, von dort aus 16 Stunden im Bus nach Santiago, mit Warten, In-den-Bus-steigen und Im-Taxi-abgeholt-werden kamen wir drei Stunden später im Haus meiner Großeltern in Los Andes an, aßen zu Mittag, und setzten uns dann erneut in den Bus: Zweieinhalb Stunden nach Valparaiso. Vom angenehmen in den letzten Tagen sonnigen Sommer Chiloés (bei 20 °C waren Top und kurze Hose angesagt) reisten wir in eine tödliche Hitze: In Los Andes kamen wir in diesen Tagen etwa auf 30 °C, und es war einer der „frischeren“ Tage, in Valparaiso waren es dank Küstennähe nur etwa 25 °C. Und trotzdem viel zu warm.

Ich besuchte mit meinen Cousinen Valparaiso und Viña del Mar. Die beiden Städte sind sehr unterschiedlich, und wer beide gesehen hat, hat eine deutliche Meinung, welche der beiden schöner ist. Das hängt von der Persönlichkeit eines jeden einzelnen ab.

Viña del Mar, oder einfach kurz „Viña“, hat diesen magazinweißen Glanz. Eine Hauptstraße mit hohen weißen Häusern, gesäumt von Palmen. Renovierte, ordentliche Wohnhäuser, zwei Malls, verbunden durch eine verglaste Brücke über der Hauptstraße, mit einem roten Vorplatz. Die Straße führt zum Strand, Sandstrand mit blauem Meer, am Saum der Treppe ein kleiner Markt, eine „Feria“, mit Rucksäcken, Strähnchen zum Reinflechten, Strandkleidung, Armbändern und anderer Schmuck. Saftig grüne Grasflächen, ich habe keinen Schimmer, wie die so grün bleiben bei der starken und durchgehenden Sonneneinstrahlung. Viña ist sauber, turistisch, angenehm europäisch… und unpersönlich.

Valparaiso ist ein Wimmelbild. Der Flohmarkt in der Nähe der Plaza O’Higgins ist ein Anfang, da gibt es Kleidung, Bücher, Raritäten, alten Kram. Die Häuser im Zentrum von Valparaiso haben Alterungszeichen: schwarze Flecken, Risse in der Fassade, verbleichte Farben. Namenszüge auf den Sockeln. Vom Zentrum aus erreicht man die sieben Hügel mit ruckelnden Aufzügen, für 100 oder 300 Pesos, abhängig vom Hügel, pro Person. Im Nachhinein wurde ich von meiner Mutter erinnert, dass ein Ministerium oder die Botschaft, so genau erinnere ich mich da jetzt nicht mehr, jedenfalls eine deutsche Institution, vor diesen Aufzügen warnt, weil die Sicherheitsbestimmungen nicht allzu genau eingehalten werden. Also, wenn ihr irgendwann einmal vor der Entscheidung stehen solltet, in einen dieser Aufzüge zu steigen, denkt daran… Auf den Hügeln Valparaisos fäng eine bezaubernde, verwinkelte, bunte Welt an: Die bunten Häuser Valparaisos, jeder Fleck verfügbarer Mauer mit bunten Bildern bemalt oder besprüht, und alle paar Meter ein kleiner Laden, mit Kunst, Büchern, Kunsthandwerk, Kleinigkeiten, Musik. Valparaiso ist zum Langsamgehen, zum In-die-Seitenstraßen-schauen. In Valparaiso kann man sich ohne Karte verirren, ohne sich wirklich zu verlieren, weil man einfach runter in Richtung Hafen geht und wieder genau weiß, wo man ist.  Und deswegen sollte man seine Zeit nicht mit Suchen verschwenden, sondern einfach nur mit Gucken verbingen. Ich habe Valparaiso genossen und kann ganz und gar entschieden sagen: Ich mochte Valparaiso deutlich lieber als Viña. Auch wenn es ein bisschen schmutziger ist als Viña, weniger gepflegt. Eine Anekdote: Nicht wie in den anderen Städten Chiles gibt es in Valparaiso viele Straßenhunde, sondern viele Straßenkatzen. Valparaiso nennt man sogar „Stadt der Katzen“ und es gibt viel „Kunst mit Katzen“ ;D

Wieder zurück in Quellón begrüßte uns der Regen. Auf Chiloé gibt es Regen mit grauen Wolken, Schauer mit grauen Wolken, Tröpfeln mit grauen Woken und – mein Lieblingswetter – Regen mit Sonne und dunkelgrauen Wolken. Das  gibt der Natur ein mystisches Licht, der dunkle Himmerl und das sonnig beschienene Grün, die Farbintensität. Valparaiso ist wunderschön und bezaubernd, aber Chiloé… Chiloé ist magisch.

Vergangenen Mittwoch hatte ich das Glück, ein Konzert der Jaivas in Chonchi zu erleben, mit freiem Eintritt. Bei einer so großen, jetzt 50 Jahre alten Gruppe von großen Musikern ist das unglaublich… Denn Chonchi liegt nur zwei Stunden von Quellón entfernt, auf Chiloé. Eine Stunde vorher waren wir da, reservierten Plätze vor der Bühne, draußen natürlich. Aßen Papas Fritas und warteten. Nach der „Vorband“ – zwei Musiker aus Chonchi – und einem von allen mitgesungenem – auch von mir, die ich stolz sagen kann, dass ich den gesamten  Text kann – „Lamento Boliviano“ bestiegen die Jaivas die Bühne. Sieben Musiker; Keybord, Schlagzeug, Gitarre, Bass, Didgeridoo, Flöte, Percussion, Stimme, und andere Instrumente; ein großartiges Konzert. Mitten im zweiten Lied begann es, in Strömen zu regnen, aber das machte niemandem etwas aus, wir hüpften trotzdem, schrien trotzdem, tanzten trotzdem, klatschen trotzdem zu Musik aus 50 Jahren Geschichte der Jaivas, wenn auch tropfnass bis zum Schluss. Mama, freu dich schon mal auf die zweistündige Videoaufzeichnung, die du dir zu Hause wirst reinziehen müssen… wenn sie auch ein bisschen wacklig sein mag von Zeit zu Zeit. Es war ein unglaublich emotionales Konzert, und ich bin wirklich glücklich und dankbar, dass ich die Jaivas live erleben durfte.

Bis gestern hatten wir hier in Quellón Besuch von einer Gruppe Scouts aus Melipilla, mit denen wir als Avanzada der Gruppe Paicavi Quellón campen gegenagen sind, in Chaiguao, wenn auch nur für zwei Nächte. Scout zu sein, ist eine tolle Erfahrung, und an alle YFUler: Die Energizer sind allesamt Scoutspiele. Wer also auf den YFU-Vorbereitungstagungen die Energizer lieb gewonnen hat, sollte Scout werden: Da gibt es dieselben und mehr und mehr und mehr. Stundenlang laufen wir im Kreis herum ;D

Und das war auch schon wieder mein Bericht, liebe Grüße an alle!

Kara

Resumen del año

Queridos lectores!

Es ist unglaublich lange her, dass ich eschrieben habe, zweieinhalb Monate. Tut mir leid. Seit zwei Wochen sind Ferien, und endlich – Zeit zum Schreiben. Am letzten Tag des Jahres.

Seit fünf Monaten bin ich hier. Was ist in diesen sechs Monaten passiert?

Mein erster Tag in Quellón. Sonne, Regenjacke, Wind. Nach einer Nacht mit Bettheizung, drei Wolldecken und einer Wolldecke; nach chilenischer Art höchstkompliziert gefaltet. Vor einigen Wochen bekam ich diese Kunst des Bettfaltens endlich mal in weniger als 10 Minuten hin. Meine Direktorin lerne ich auf der Straße kennen, stolz verstehe ich, als sie uns daran erinnert, morgen um halb neun in der Schule anzutanzen. Mein Geschichtslehrer läuft auf der anderen Straßenseite rum, mein Vater ruft ihm „Ihre neue Schülerin!“ zu und klopft mir stolz auf die Schulter. „Glatzköpfig, wie ich“ zwinkert er mir zu. Schuluniform kaufen. In dem Schulpullover habe ich M, dank meiner langen Arme. Ein bisschen peinlich berührt muss ich fragen, wie ich mir die Schulstrümpfe anziehen soll, einen Tag später werde ich sehen, dass es eigentlich egal ist. Grau und Blau, das ist meine Schuluniform. So schlecht sieht sie gar nicht aus, denke ich. Dann geht die Schuhprozedur los. Die grauen Schuhe, die ich mitbringe, sind nicht konform, schwarz müssen sie sein. Die für Mädchen als Schulschuhe üblichen Ballerinas mit Riemchen gibt es aber leider incht in Größe 39/40. Auch um andere schwarze Schuhe in 39/40 zu inden, müssen wir durch drei Läden rennen. Meine Schuhe sind nicht schön, aber wenigstens passen sie. Der Weg zwischen den Läden führt über Holzbretter, auch innerhalb Quellóns werden die Straßen erneuert; ein Riesenprojekt in ganz Chile. Die Leute sehen mich neugierig an, ich bin 1,77m groß und bis vor 6 Monaten war ich nach meiner Definition noch braunhaarig, hier bin ich aber blond. Mittlerweile nehme sogar ich meine Locken als blond wahr. Es geht nach Hause, „a tomar once“.

Mein erster Schultag. Am Morgen wird die Schuluniform angezogen, ein unsicherer Blick in den Spiegel, die müden Augen. Schminken geht nicht, da muss ich durch. Und rein ins Auto. Meine beiden Brüder zischen sofort in ihre Klassenräume, noch vor halb neun, ich selbst bleibe mit meinen Eltern bis 9 Uhr unten, verstehe etwa die Hälfte von dem, was sie mit einer Lehrerin besprechen. Dann werden wir in meinen Klassenraum geschoben, ein Kuss auf die Wange von meinen Eltern, dann stehe ich alleine vor meiner neuen Klasse. Wir sind mit mir 21, ich werde in die erste Reihe gesetzt, alleine aufgrund der geraden Zahl, und jeder einzelne stellt sich vorne an der Tafel vor. Mir, damals eine sehr schüchterne Person, wird das Gott sei Dank erlassen. Die erste Stunde: Mathe. Den Stoff kenne ich, deswegen verstehe ich zumindest den Zusammenhang; das Unterrichtsgespräch allerdings? Keine Chance. Es ist laut, die Hände werden nicht gehoben, stänig wird gelacht. Alle schreiben fleißig von der Tafel ab, machen sich Notizen. 5 Funktioen werden durchgehauen, erstmal ohne selbstständige Übungsaufgaben. Eineinhalb Stunden verfliegen im Flug. Die Mädchen hinter mir verwickeln mich in ein Gespräch, dem ich kaum folgen kann. Eine fängt an, statt langsamer lauter mit mir zu reden. „Pame, no grites, si no es sorda! No entiende, pero no es sorda!“ lacht ihre Freundin. Ich frage nach dem Stundenplan, er wird mir auf der Rückwand meines Heftes notiert. „Vamos?“ kommt es von meiner Seite. „Mm-h“ antoworte ich, folge und bekomme heraus, dass es zum Frühstück gehen soll. In Physik verstehe ich gar nichts, „Tue ich auch nie.“, meint später mein großer Bruder. Der Tag vergeht im Flug.

Meine ersten Freundschaften. Maria setzt sich neben mich, damit ich nicht so alleine bin, wenig später tauschen wir in die Mitte des Raumes, weil sie nicht so gerne vorne sitzt (mich hatte das auch schon genervt) und am nächsten Tag ziehen wir unseren ganzen Tisch in die andere Reihe, um direkt vor Coni und Johanna zu sitzen, meinen jetzt besten Freundinnen. Dieser Prozess dauerte so etwa zwei Wochen. Seitdem sind wir unzertrennlich.

September. Am 10. September, dem letzten Tag vor der Ferienwoche, gehen wir in chilenischen Trachten zur Schule: Die Frauen als Huasas oder Chinas, die Männer als Huasos. Meine Mutter leiht mir ein Kleid und das Tuch zum Cueca-Tanzen, so richtig durchgedrungen bin ich aber in der einen Sportstunde, in der wir geübt haben, aber leider nicht, fürs Tanzen bin ich generell nicht besonders begabt. Es verlangt aber zum Glück auch niemand von mir. Danach gehts nach Los Andes, insgesamt 16 Stunden Autofahrt in den Norden, die wir an zwei Tagen bewäktigen. Chiles Straßen sind bequem: Karten braucht da keiner. Die Autobahn geht geradeaus, wenn das Städtchen, zu dem man will, auf dem SChild steht, biegt man ab. Und folgt der Straße. Und ist da. Nicht wie in Deutschland, wo man ohne Karte, Navi oder besonders gute Streckenkentnisse völlig verloren ist… Die Woche des 18. September wird mit Empanadas, Cueca, der chilenischen Flagge und viel Essen gefeiert. Dasheißt vor allem: Viel Fleisch. Schwein, Huhn und Rind, Kartoffeln oder Reis, und als Gemüse Tomaten oder Salatblätter. Mein bevorzugter Salat: La chilena, Tomaten mit Zwiebel. Hier wird auch aus kaltem Broccoli mit Öl und Salz Salat gemacht.
Wir von Chiloé leiden in Los Andes im September unter der Hitze und laufen in T-Shirt und kurzer Hose rum; die Einwohner frösteln bei unserem Anblick und ziehen sich gleich noch eine zweite Jacke über. Im Sommer werden es dort 40 Grad. Ein Ausflug in den Schnee kostet uns trotzdem nur 1 Stunde im Auto, dann stehen wir (nach 12 Serpentinen) im zentimeterhohen Schnee, zwischen weißem Wind und mit sehr viel Kälte. Dummerweise ohne Handschuhe, Schneeballschlacht war aber bei dem eher eishaftigen Schnee an diesem Tag so oder so unmöglich. Auf der Rückfahrt kommen wir an einer Schlucht vorbei, das man unter dem Namen Pferdesprung kennt. Mein Vater erzählt mir die Geschichte dazu: Ein Bauer wurde damals von einer alten Hexe verfolgt und in seiner Angst wagte er den Sprung über die Schlucht, auf seinem Pferd. Die Schlucht ist breit, wirklich breit, es ist völlig unmöglich, darüberzuspringen. Doch der verängstigte Bauer, oder besser gesagt sein Pferd, schafften es von einer Seite zur anderen und entkamen so der Hexe. Chilenen sind unglaublich gut im Geschichtenerzählen und Übertreiben, das macht sie für mich zu den perfekten Gesprächspartnern.

Ungefähr in dieser Woche fing ich auch an, meine chilenischen Eltern Mamá und Papá zu nennen. Das hatten wir nicht besprochen, sondern irgendwas rutschte es mir einfach heraus und niemand hat etwas gesagt. Und nach ein, zwei Tagen wurde mir auch endlich bewusst, dass meine Brüder meine Großeltern mit „Usted“, also „Sie“ ansprechen: als ich meine Mutter danach fragte, meinte sie, dass das weniger eine Sache von Respekt, sondern mehr von „cariño“ sei, also mehr eine Liebkosung. Für cariño gibt es im Deutschen leider keine Übersetzung, ist aber ein großer Bestandteil des chilenischen Alltags. Cariño hat mit alldem zu tun, was wir für andere machen, Aufmerksamkeit, Umarmungen, sich sorgen, etc.

Auf dem Heimweg nach Quellón steht eine Kuh in der Kurve. Mein Vater bremst, bliebt aber nicht stehen, sondern fährt einen vorsichtigen Schlenker. Niemand verliert ein Wort, mein Kichern geht zum Fenster raus. Und zu Hause fressen uns wöchentlich fremde Schafe, Kühe oder Pferde das Gras ab… Spart das Rasenmähen. Chilenische Gärten sind sowieso anders als deutsche: große, verwilderte Wiesen, und in einem Teil eben ohne Gras, sondern mit Erde, die an anderer Stelle der Wiese ausgehoben wurde, dort stehen dann ein paar Sträucher. Jetzt im Sommer blühen an jedem Haus die Rosen. Die werden auch nicht groß in Form geschnitten, und auch sonst stört sich niemand daran, dass die Sträucher und Bäume auf den Bürgersteig oder die Straße hinausstakseln. Da fängt in Deutschland manch einer Gerichtsprozesse an…

Schulanfang. Prügungen, PSU, Arbeiten, Präsentationen. Alles mit Note. Viel, anstrengend, und doch finde ich jeden Morgen ein bisschen Lust, in die Schule zu gehen. Auch wenn ich dank nächtlichem Lernen nicht auch noch die Zeit finde, Tagebuch oder gar Blog zu schreiben. Nicht mal zum Lesen habe ich Zeit. „In den Ferien“, denke ich… Und jetzt sind die Ferien da. Ich habe mit einem Durchschnitt von 6,3 Tercero Medio abgeschlossen, jede Hausaufgabe, jede Arbeit, jede Prüfung und jede Präsentation mitgemacht und bin unglaublich stolz.

Mehr als das kann ich am Ende dieses Jahres, 2013, aber sagen, dass ich mich als Person nicht verändert, sondern entwickelt habe. Ich bin lockerer, selbstständiger, selbstsicherer und auch liebevoller geworden, im Sinne des chilenischen cariño.

Und sprachlich ist es mir jetzt endlich möglich, die Späße zu verstehen, ich kenne dank meiner Familie einige Redewendungen. Ich kann endlich wieder Ironie und Sarkasmus benutzen – mein Vater dachte schon, ich wäre eine ernste Person und wäre erst in Chile lustiger geworden. Ich denke schon seit einiger Zeit auf Spanisch, jetzt aber eher auf Chilenisch. Das Chilenische ist deutlich anders als das spanische Spanisch, mit seinen ganzen Modismos, verschluckten „s“ und der schnellen Aussprache. Außerdem habe ich mir auch das Chilote angewöhnt – Jueeeeeeeeeeeeeeee (Jesús, María y José)…

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr, da drüben fehlen ja nur noch nur noch eineinhalb Stunden bis die Silvesterböller 2014 ankündigen… Bald kommt ein Bericht über Weihnachten und Silvester und einen typischen Tag auf Chiloé.

Liebe Grüße

Kara

Colegio

Meine Schule ist keine öffentliche Schule. Deswegen kann ich jetzt nicht allgemein über chilenische Schulen sprechen. Ich habe natürlich eine Schuluniform, aber die ist gar nicht soo schrecklich, und an Individualität stiehlt sie mir überhaupt nichts – auffallen tue ich so oder so mit meiner Größe und meinem „blonden“ Haar, denn hier hat wirklich jeder schwarzes Haar. Ausgenommen ich und zwei andere Mädchen an meiner Schule, scheint mir. Vor allem von den Kleinen werde ich zum Teil angestarrt. Unterschied an dieser Stelle zu deutschen Kindern, die starren: Wenn du dem Blick eines chilenischen Kindes begegnest, lächelt es dich an. Genauso die Jugendlichen, Erwachsenen und älteren Leute. Naja, die Jugendlichen nicht immer, aber oft.

Zurück zum Schulsystem: Es gibt verschiedene Profile, die beeinflussen, welche Fächer man hat. Ich habe gehört, dass es vier gibt, aber an meiner Schule gibt es nur zwei, nämlich científico und humanista. Man wählt nach der segundo medio, vorher hat man glaube ich alle Fächer, aber insgesamt deutlich weniger Stunden. Ich bin humanista und sehr froh darüber, weil ich auf die Weise zwar deutlich mehr lesen muss, gleichzeitig aber auch Chile von einer anderen Seite kennenlerne und Fächer habe, die es in Deutschland nicht gibt. Zusätzlich zu Mathe, Physik, Sport, Englisch, Lenguaje, Biologie, Geschichte habe ich noch Literatura y Identidad, etwas mehr Geschichte, auf PSU vorbereitend, Psychologie und Realidad Nacional. Letzteres ist eines meiner Lieblingsfächer, weil wir – zumindest im Moment – über die chilenische Kultur reden, um herauszufinden, was es heißt, ein Jugendlicher in Chile zu sein. Und da ich bei alldem natürlich nicht für Chile, sondern nur für Deutschland sprechen kann, tauschen wir uns über unsere Kulturen aus – und deswegen bin ich ja auch hier. Und mit diesem Fach lerne ich Chile und die Chilenen auch noch auf eine andere Weise kennen.

Der Schultag fängt um halb 9 an, und da es eine katholische Schule ist, kommt immer zuerst unsere Religionslehrerin und liest uns einen Text oder eine Geschichte über ein Thema vor, dass sie uns ans Herz legen möchte, beispielsweise unsere Mütter zu achten, Zeit mit unseren Familien zu verbringen und über die Bedeutung der Freundschaft nachzudenken. Manchmal beten wir ein Vaterunser, meistens aber nicht. Danach beginnt der Unterricht, mit Stunden, die eineinhalb Stunden dauern. Dazwischen gibt es Pausen, in denen wir in den Speisesaal gehen, um die Reste des Frühstücks der Kleinen abzustauben, Fotos mit der Webcam schießen, Musik hören und Mittagessen. Ich bin an zwei Tagen um 5 und an den restlichen um Viertel vor 6 fertig. Und wir haben wirklich viele Prüfungen. Jede Woche vier bis fünf, und auch oft zwei an einem Tag. Und man muss im Unterricht immer mitschreiben. Das heißt in den meiste Fächern ohne Pause, weil eigentlich nur der Lehrer redet. Und ich dachte, ich wüsste bereits, was Frontalunterricht ist… Aber es ist trotzdem spaßiger, weil sich die Lehrer mit Freuden ablenken lassen – da könnten sich die Deutschen einiges abgucken!

Generell ist die Beziehung mit den Lehrern eine andere. Das fängt schon damit an, dass man die Lehrer hier auch mit „Tío“ und „Tía“ anspricht, und ansonsten mit „Profe“ ruft. Und während es in Deutschland indirekte Detektivarbeit benötigt, den Vornamen eines Lehrers zu erfahren, weil es unglaublich unhöflich wäre, danach zu fragen, musste ich hier bei meinen ersten Essays die Lehrer fragen, wie sie denn mit Nachnamen heißen, weil das draufstehen muss – angesprochen werden sie hier mit Vornamen. Und man darf die Lehrer auch berühren, also zum Beispiel am Arm fassen und ähnliches, auch wenn das für mich persönlich noch ein bisschen ungewohnt ist.

Wie sieht die chilenische Schulpause aus? Genauso wie der Unterricht eigentlich, nur ohne Mitschreiben und in manchen Klassenräumen mit Musik aus Lautsprechern. Schüler reden, Schüler lachen, Lehrer reden mit Schülern, Lehrer lachen mit oder über Schüler, Schüler machen Fotos. Das zumindest macht die eine Hälfte, die teilt sich aber am Anfang der Pause auch noch in eine Delegation von Mädchen auf, die ins Bad und vor die Spiegel gehen. Die andere Hälfte macht dann was anderes: Essen kaufen gehen, in dem Mittelteil der Schule Fußball/Volleyball/Basketball spielen, oder man geht raus in die Pampa (spanisches Wort, wird hier auch so benutzt als fester Begriff), in unserem Fall zwei Wiesen mit Blick auf das wunderschöne Quellón.

Ich glaube, insgesamt haben wir hier weniger Ferientage als in Deutschland, weil man uns nicht bei jedem Feiertag frei gibt. Dafür werden aber – wenn auch nicht mit freien Tagen, aber so eigentlich besser – alle sonstigen Tage gefeiert, die es so gibt. Schülertag, Lehrertag, ein Tag wegen Nationalfeiertag (es war nicht genau der Tag), Kindertag, Jugendtag, Schulgeburtstag. Gefeiert wird dann mit verschiedenen Aktivitäten, das bedeutet zumindest nur einen kurzen Teil des Tages Unterricht und den anderen Spiele und ähnliches.

Was hier im Unterricht oft im Vordergrund steht, ist PSU. PSU ist die Abschlussprüfung nach der Schule, allerdings nicht von der Schule, sondern von der Universität, auf die man gehen möchte, gestellt. Die Ergebnisse des PSU zählen bei jeder Uni verschieden viel, es wird nämlich auch der Notendurchschnitt der letzten drei Jahre und gesondert der des letzten Jahres mit einbezogen. Und wenn man mit seinen ganzen Daten auf einen bestimmten Wert (ebenfalls von der Uni festgelegt) kommt, wird man angenommen. Das PSU teilt sich in vier Prüfungen auf: PSU Matemáticas, PSU Lenguaje, diese beiden sind Pflicht, und PSU Historia y Ciencias Sociales oder PSU Ciencias, da muss man sich entscheiden, welches man machen will. Ein Ensayo PSU besteht aus 75-80 Fragen in Multiple-Choice-Form, für die man 2,5 Stunden Zeit hat. Das proben wir in gesonderten Klassen jede Woche mit alten Ensayos, allerdings in den Klassen nur eineinhalb Stunden, also ohne alles zu beenden, weil man die Zeit fast immer komplett braucht. Und einmal pro Monat sind dann zwei Tage für PSU-Simulation reserviert: Morgens 2,5 Stunden PSU Lenguaje, die dritte Stunde normal Unterricht, Mittagessen, 2,5 Stunden PSU Ciencias; der andere Tag morgens 2,5 Stunden PSU Matemáticas, dritte Stunde normaler Unterricht, Mittagessen, 2,5 Stunden PSU Historia. Die Maximalpunktzahl beim PSU liegt bei 850, und diese Punktzahl geht dann auch mit einem Prozentanteil in die Abschlussnote des jeweilig zugehörigen Fachs ein – und wenn man falsch antwortet, werden 0,25 Punkte abgezogen! Aber es ist auch so für mich als Deutsche nicht schwierig, einigermaßen gute Ergebnisse zu bekommen, auch wenn ich das PSU Historia nicht mitschreibe, sondern Extraarbeiten bekomme. Aber alle anderen Prüfungen schreibe ich seit der ersten Woche mit – und manchmal lasse ich aus Faulheit auch mal mein Wörterbuch zuhause 😉

Schule in Chile ist anstrengender oder besser gesagt ermüdender als in Deutschland, ganz einfach, weil der Tag länger dauert. Schule in Chile ist mit mehr Lernen verknüpft, anderes Lernen – nämlcih schlichtes Auswendiglernen, und zwar nicht von generellen Prinzipien, sondern von wissenschaftlichen Namen eines jeden kleinen Details einer Sache, egal in welchem Fach. Das bedeutet mehr Druck, weil ständig Prüfungen sind, Druck zu Hause. Denn Schule in Chile ist auch entspannter als in Deutschland, zumindest während man in der Schule ist und  nicht zu Hause für die Schule lernt. Schule in Chile ist „más entretenido“, die direkte Übersetzung in diesem Falle wäre „unterhaltsam“, aber das trifft es eigentlich nicht so ganz, wir sind ja nicht in einem Kindergarten, aber man lacht mehr, genießt mehr, redet mehr, teilt mehr. Schule in Chile ist fast wie ein zweites Zuhause, verbunden mit Freundschaft, Streit, Zusammenleben, Essen, Lachen, Erinnerungen, Pflichten, Genervtsein, in manchen Fällen Schlaf und der Kenntnis eines jeden Winkels, verbunden mit Stammorten. Und natürlich verbunden mit Lernen.

A Casa

¡Queridos lectores!

Es ist lange her, ich weiß. Ich bin jetzt schon seit 25 Tagen in Chile und seit 21 Tagen bei meiner Familie. Und seit 3 Wochen gehe ich in die Schule. Aber mir kommt es vor, als wäre ich schon viel länger hier. Heute habe ich es auch gemeistert, an der richtigen Stelle dem Busfahrer „Tío, por acá“ zu sagen und bei der Banco de Chile auszusteigen. Dort arbeitet mein Gastvater. Wenn ich früh genug Schule aus habe, laufe ich runter ins Zentrum, manchmal nimmt mich auch jemand mit, da meine Gastbrüder eine Menge Leute kennen.

Mein Schultag endet nie vor 5 Uhr, und danach geht es meistens noch mit einem Treffen oder ähnlichem weiter. Und das zweimal die Woche. Die anderen Tage bin ich theoretisch um Viertel vor 6 fertig, praktisch bleibe ich dienstags und donnerstags noch zum Volleyball in der Schule. Ihr müsst wissen, dass ich eigentlich nicht besonders sportlich bin, um nicht zu sagen gar nicht, in Deutschland mache ich nur Musik, aber ich dachte mir, ich mach einfach mal alles, was sich so anbietet. Freitags bzw. samstags gehe ich zum Kinderorchester. Naja, ich war bisher erst einmal da, und da kam der Lehrer/Dirigent nicht da, aber ich hab schon mal gemerkt, dass es zwei ¾-Celli gibt, da werde ich mich wohl ein bisschen umstellen müssen. Diesen Samstag hatte ich zum ersten Mal Scout. Ihr seht, mein Plan ist wirklich voll. So gegen 7 ist mein Gastvater in der Bank fertig, bis dahin warten wir dort. Dann holen wir meine Gastmutter ab und fahren nach Hause. Da ist es kalt. Es gibt hier glaube ich nirgendwo eine Zentralheizung, sondern immer Heizlüfter. Wir haben auch zwei Kamine, einen unten und einen oben, aber die brauchen mehr Zeit, bis sie warm sind, deswegen werden zuerst die Heizlüfter angeworfen. Und nach dem Abendessen kommt dann die Schularbeit, zumindest für mich, und dafür setze ich mich immer mit Teppich und Kissen vor den Kamin und damit ans obere Ende der Treppe. Das mit der nicht vorhandenen Zentralheizung hat aber auch etwas Positives: es bringt die Familie zusammen.

Die Menschen hier sind aber generell mehr und näher zusammen. Und man teilt eigentlich alles. Essen, Materialien, Essen, Laptops, Essen, die Einzelarbeit, Essen, den Spiegel. Ich nehme im Moment oft mein Notebook mit, weil wir das für Literatura brauchen, und wenn ich es in den Pausen nicht brauche, es aber eingeschaltet ist, setzt sich auch mal meine Freundin an ihren Facebook-Account. Und wenn irgendjemand zum Kiosk geht, sind zwei Drittel des Einkaufes für den Rest der Klasse. Wie uns YFU Chile gesagt hat: Wir werden dick wiederkommen! Aber sie meinten auch, dass es nur einen Monat dauert, wieder abzunehmen…

Mit der Verständigung klappt es jeden Tag besser, auch wenn ich am Anfang gar nichts verstanden habe. Man redet hier einfach anders, als ich es von meiner Spanischlehrerin gewöhnt bin, und auch deutlich anders als in Santiago. Das hat es mir am Anfang sehr schwer gemacht, die Leute zu verstehen, aber das klappt mittlerweile ganz gut. Reden ist da viel schwieriger, vor allem, weil ich das „r“ nicht rollen kann 🙁 Aber das wird schon 😉

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Un abrazo

Kara

Veröffentlicht unter Chile