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Pēdējais ir pirmais

So, auch für mich ist die Zeit gekommen: Trotz zwei Wochen Verlängerung bin letztendlich auch ich wieder zurück. Diesen Teil schiebe ich noch ein bisschen auf, erstmal kommt das wundervolle YES und alle anderen Ereignisse der letzten drei Wochen.

 

YES

Steht für Young Europeans Seminar. Ein Abschlussseminar für alles ATS aus Europa, die in ein anderes europäisches Land gegangen sind. Wobei Europa sehr weit gesehen ist, da zum Beispiel auch Schüler aus Azerbaidschan teilgenahmen. Respektiv muss man allerdings sagen, dass fast alle entweder aus Deutschland kamen oder nach Deutschand gegangen sind. Am ersten Tag schon kam das seltsamen Gefühl auf, an das ich mich nie so recht gewöhnt habe, als sich alle anderen tränenreich bei ihren Gastfamilien verabschiedeten und bedankten, aber ich mit einem „Hab eine schöne Woche!“ vorm Flughafen abgesetzt wurde. Nicht natürlich, weil meine Gasteltern herzlos und froh mich los zu sein sind, sondern weil ich gar nicht nach Hause gefahren bin.

Die ersten deutschen Lufthäuche waren für einige fast zu viel. So flippte eine ATS im Angesicht eines Kiosks völlig aus und kaufte promt sämtliche dort verfügbaren Brezeln, die leider etwas trocken waren, aber ansonsten ein Traum nach 10 Monaten Brezelentzug 🙂 Auf dem Flughafen Frankfurt trafen wir erstmal andere ATS, aus Norwegen und aus Rumänien. Das ist so zu verstehen, dass sie aus Deutschland stammen und nach Norwegen bzw. Rumänien gegangen sind. Es wurden noch viele, viele mehr- bei 500 ATS und fast 100 Teamern ist es unmöglich, alles kennenzulernen.

Wundervoll war es trotzdem. Wir hatte je drei Workshops, die man sich vorher aussuchen sollte, zu Themen wie Demokratie, Unterdrückung u.s.w. Das Motto des YES dieses Jahr war „Transitions-Crossing Bridges“. Demzufolge wurden Vorträge gehalten, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch. Bemerkenswert war auch die sogenannte YES-World, die es dieses Jahr zum ersten Mal gab. Wir alle wurden in „Länder“ aufgeteilt, darin in „Familien“, mussten arbeiten und Steuern bezahlen. Meinem „Land“ ging es eigentlich recht gut, trotzdem artete das Projekt nach dem Mittagessen fast überall in Revolutionen aus. Die armen Teamer! Es war ziemlich verrückt und doch ein Heidenspaß. Wiederholung erwünscht!

Das Gefühl, wenn sich all deine neuen und alten Freunde in den Armen liegen, weinen, sich verabschieden und sich doch unglaublich auf ihre Familien daheim freuen, während du danebenstehst, ist bestenfalls als surreal zu beschreiben. Alle fuhren sie nach Hause- nur für mich ging es wieder zurück nach Lettland. Ein paar Stunden später war ich wieder da, in meinem geliebten Lettland. Witzigerweise hatte ich im Flugzeug einen deutschen Chor getroffen, der mir voller Stolz erzählte, dass er am Sängerfest teilnehmen würde. Sie wunderten sich ganz schön über meine wirren Erklärungen zu meiner Situation!

Nach etlichen weiteren Stunden der Irrens durch Riga(die Stadt ist schließlich nicht klein, und ich wusste nur die Bahnhaltestelle!) fand ich endlich die Schule, in der mein Kolektiv untergebracht war. Im Klassenzimmer, das für uns 13 für eine Woche reichen musste, fand ich zwei Mädchen vor, die mir sofort erklärten, dass keiner an einen Schlafplatz für mich gedacht hatte. Das war mir herzlich egal- beim YES hatten wir ausgesprochen wenig geschlafen und ich hatte keine Anhaltspunkte, dass sich das in dieser Woche ändern würde! Nach drei Stunden Schlaf auf dem harten Boden weckten mich meine restlichen Tanzkollegen, die um Mitternacht vom Training zurückkamen, mit den Worten: „Aufstehen Jara! Wir haben dir eine Luftmatratze besorgt!“  Einige Scherzkekse fanden es besonders lustig, mich um ein Uhr nachts an der Nase rumzuführen: „Aufstehen Jara! Frühstück!“

Es wurde eine unglaublich anstrengende Woche. Ungefähr um acht Uhr gab es Frühstück, ab elf gingen die Proben los, die durch die Mittagshitze bis in den Abend hinein reichten. Und diese Hitze ist nicht zu unterschätzen: Es waren etwa dreißig Grad, und das jeden Tag, mitten auf dem schattenlosen Platz. Kein Wunder also, dass sich alle meine alten Freunde wundern, weil ich so braun bin! Jedem Tänzer wurden pro Tag drei Liter Wasser zugeteilt. Das hört sich nach vielleicht viel an, aber nach einer Stunde war das Wasser nicht mehr kühl genug zum Trinken, sondern so warm, dass es sich zu Wasserschlachten eignete. Davon gab es wirklich zu genüge! Zusätzlich mussten wir den Weg zum Stadion zu Fuß gehen, eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück. An einem Tag gingen wir diesen Weg dreimal.. Ich glaube ich habe auch die Anstrengungen gut genug vor Augen geführt. Es heißt zwar, die Sänger haben es schwerer als die Tänzer, das halte ich aber für ziemlich unwahrscheinlich.

Also zurück zum Geiste des Festes: die Konzerte. Freitag und Samstag je eins um zwei bzw. drei Uhr und eins um zehn Uhr(abends, wohlgemerkt!). Plötzlich, wo wir alle in Volkstracht waren, zu 2000 einen Tanz vorführten und die Teilnehmer mehr jubelten als die Zuschauer, plötzlich verstand ich das Gefühl der Zusammengehörigkeit, von dem mir immer erzählt wurde. Stellt es euch einfach mal vor: die Tänze, die ihr ein Jahr lang geprobt habt. Die Erinnerung an die Anspannung vom März, als die Entscheidung fiel, wer teilnehmen würde. Die drei(für mich nur zwei, da ich einen verpasst hatte) Tage des unglaublich anspruchsvollen Trainings. Zweitausend Jugendliche auf dem Platz, die mit euch im Gleichschritt sind. Das Finale, bei dem ALLE 15000 Tänzer auf der Fläche Polka tanzten, jubelten und klatschten. Zudem hatte ich das Glück, das erste Konzert von der Zuschauerbühne aus mitzuerleben. Mir wurde eine Karte angeboten, und abzulehnen wäre einem Sakrileg gleichgekommen. Von oben hatte ich einen wundervollen Bilck auf die Formationen, die geformt werden- unten der Link zum Video. Vorsicht, das Konzert geht zweieinhalb Stunden! „Zuhause“ kamen wir erst um ein Uhr morgens an, mit Duschen(vier Stück pro Geschlecht für eine volle Schule), Bluse waschen und für Ruhe im Zimmer sorgen landeten wir meist um halb drei im Bett bzw. auf der Luftmatratze.

So ist es doch verständlich, dass wir Sonntag, nach der Parade durch die die Stadt, uns wieder ein paar Stunden hinhauten. Die Nacht zuvor war der Tänzerball im riesigen Stadion gewesen, für mich der letzte Ball und natürlich absolute Pflicht. Vorher wurde ich von meinen Mittänzerinnen überfallen, mit Glätteisen bearbeitet, geschminkt und in ein enges Kleid und hohe Schuhe gesteckt. War schließlich das letzte Mal! Die Parade war sehr schön, wir spazierten durch die Hauptstraße und über den Freiheitsplatz, wunken mit unseren Tüchern und jubelten jedes Mal, wenn uns jemand „begrüßte“, also „Sveiciens Miķelēniem!“ oder ähnliches brüllte.

Sonntag Abend fand dann das große Finale statt: Das Līgo-Konzert. Das Endkonzert der Sänger. Nicht umsonst das berühmteste und teuerste Konzert der ganzen Woche. 25000 Sänger auf einer Bühne! Wir als Teilnehmer kamen umsonst rein, normale Karten kosten etwa 50 Euro. Trotz der Müdigkeit, die meine Kollegen schon um halb acht in den Bus trieb, der uns wieder nachhause bringen sollte, blieb ich von halb sechs bis halb elf. Es war einfach unglaublich, so viele Sänger zu hören. Es hörte sich mehr wie vom Band an, dass so viele zusammen singen, ist relativ unglaublich. Als Bespiel die inoffizielle Hymne Lettlands „Saule, Pērkons, Daugava“ .

https://www.youtube.com/watch?v=6CqXcj6kgYo2013-07-05 14.39.43

 

 

 

 

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Finale

 

 

 

 

So, jetzt muss auch ich mich endlich diesem Thema stellen, so gerne ich es auch verdränge. Seit fast vier Wochen bin ich wieder zurück in Deutschland, fast vier Wochen ohne Lettland, ohne meine Freunde, mein Herzland, meiner (Gast-)Familie. Zwar habe ich meine „richtige“ Familie wieder, meine alten Freunde, dazu noch herrliche neue Bekanntschaften und das Wissen, durch die Austauschgemeinde Freunde in ganz Deutschland zu haben. Passend zu meiner Stimmung läuft im Radio das Lied ‚New Age‘: „Mit jedem Tag versuche ich darüber hinweg zukommen. Was auch immer es war, es ist vorbei. Du hast dich verändert, eine neue Zeit hat angefangen.“ Auch wenn es wieder meine alte Stadt ist, auch wenn meine Klassenkameraden und Freunde immernoch dieselben sind, auch wenn kaum ein Unterschied sichtbar ist: Es ist nicht dasselbe. Etwas hat sich verändert. Ich weiß nicht was mich an Lettland bindet, was es so unglaublich schwer macht, sich loszulösen. Um die Antwort zu finden, werde ich immer und immer wieder hinfahren müssen. Ich hoffe, die Antwort nie zu finden.

 

An die ATS dieses Jahres möchte ich noch hinzufügen: Die meisten meiner Zurückkehrerkollegen hassen euch. Das ist nicht persönlich zu nehmen. Ich selbst bin ziemlich neidisch, was das angeht(Was würde ich geben, an eurer Stelle zu sein…). Auf der anderen Seite wisst ihr so viel noch nicht, was man erst während oder gar nach dem Jahr lernt… Ich wünsche euch aus vollem Herzen ein unbeschreibliches Jahr. Diese Chance ist euch gegeben, ihr habe dafür gekämpft und es erreicht. Doch für euch fängt alles erst an, und nach der Rückkehr wird es nicht mehr dasselbe sein. Genießt dieses, euer, Jahr.

Ich verabschiede mich. Vielen Dank fürs Lesen und die Unterstüzung.

 

Jara

YES!

Also, liebe Freunde, ein vorletzter Blogeintrag! Der vorletzte, weil ein zusammengefasster Eintrag über unsere Litauenreise, Jāņi, das YES und das Gesangs- und Tanzfestival schlicht und ergreifend selbst für den ausdauersten Leser zu viel wären. Außerdem würde ich so ein Monster nie fertigkriegen.

Ja, da ich die Themen schon preisgegeben habe, lege ich mal gleich mit unserer letzten YFU-organiesierten Reise los. Diesmal ging es in die Litauische Hauptstadt Vilnius. Obwohl Litauen sowohl von der Einwohnerzahl sowie von der Fläche her größer ist, ist Vilnius kleiner als Riga. Viel werde ich nicht erzählen, nur das Vilnius ein paar beeindruckende Aussichten von Hügeln aus hat, und auch tatsächlich Hügel besitzt, die Altstadt sehr kunstvoll ist und die lieben YFU-Teamer und nicht haben verhungern lassen. Ein witzige Rallye war natürlich auch dabei- ob eine leere Coladose wohl denselben Wert hat wie ein Orange? Litauisch war eine merkwürdige Erfahrung, da es irgendwie halb russisch und halb lettisch ist und wir deswegen fast alles verstanden. Wie man die Speziallaute ausspricht, weiß ich leider immmernoch nicht…

Der letzte Schultag wurde hier am 31. Mai begangen. Wie am ersten Schultag kommt man schick angezogen, es werden Reden gehalten, Zeugnisse verteilt und Torten gegessen. Meine Klasse hatte sich die Mühe gemacht, mir ein Fotoalbum mit Betrag von jedem zu gestalten, sodass ich für immer eine Erinnerung an meine Klassenkameraden und Schule haben. Als ob ich die so schnell vergessen würde!

Ein besonderes Ereignis war „Pēdējais zvans“, die „letzte Klingel“ für die neunte und zwölfte Klasse, die danach nur noch Nachhilfe und Prüfungen haben. In Lettland gibt es zentrale Prüfungen nach der dritten, sechsten, neunten und zwölften Klasse. Nach der neunten ist die Grundschule beendet und man kann entweder weiter in die Oberstufe gehen oder in ein berufsorientierte Schule. „Pēdējais zvans“ ist eine feierliche Veranstaltung zwei Wochen vor Schulschluss, die von den Absolventen der neunten und zwölften Klasse organisiert wird, wobei man versucht so kreativ wie möglich zu sein. Unsere Neuntklässler zum beispiel fuhren in Schubkarren an, und die Zwölftklässler trugen die neuste Kartoffelsackmode.

Neben der letzten Klingel gibt es noch den offiziellen Abschluss, wenn die jeweiligen Neuner und Zwölfer ihre Prüfungen abgelegt haben und Zeugnisse verteilt werden. Bedeutete ein voller Saal bei schönster Sommersonne, Berge von Blumen für die Absolventen und Fotos ohne Ende. In Lettland ist es üblich, zu jeder Gelegenheit Blumen zu verteilen und von meinen Klassenkameraden musste ich mir anhören, dass diese Blumen vorallendingen eins sind-schwer!

Das muss natürlich noch erwähnt werden: Jāņu nakts, Mittsommernacht. Die lettisch Bezeichnung(eigentlich Līgo/Jāņi) beruht auf den Namenstagen:der 23. Juni feiern alles Līgas und am 24. Juni alle Jānisse. Und das sind nicht wenige! Traditionell bleibt man die ganze, kürzeste des Jahres, Nacht auf, singt Lieder und isst Käse. Mit meiner Familie fuhren wir nach Latgale, das östlichste der vier lettisch Regionen und das „russischste“. Das fiel auch sofort auf: Bei aller Anstrengung, ich verstand erstmal gar nichts! Latgalisisch ist ein abgespaltener Dialekt des Lettischen und für alle, die nicht aus Latgale kommen(Chewits, wie sie dort genannt werden) ziemlich unverständlich. Doch nach ein paar Stunden hatte man sich daran gewöhnt. Die Mittsommernacht ist erfüllt von Traditionen, einem vier Meter hohen Lagerfeuer(riesig!) und Volkstrachten. Wer eine besitzt trägt sie mit Stolz- so wie ich in der Nacht. Was mir nicht aufgefallen war: Mit meiner Mittellettischen Tracht falle ich 200 Kilometer im Osten ganz schön auf! Aber was solls. Dazu tragen alle Mädchen Blumenkränze und alle Janise Eichenbaumkränze, in denen der Kopf plötzlich ganz klein wirkt! Noch eine interessante Tradition ist zum Hochzeitterminfeststellen gedacht: Jedes unverheiratetes Mädchen wirft ihren Blumenkranz in eine Eiche. Wie oft geworfen werden muss, bis der Kranz hängen bleibt, so viele Jahre bis zur Hochzeit. So werden alle Bäume mit Blumen verziert…

 

So viel ich jetzt noch schreiben könnte, es bleibt mir noch nicht aml mehr Zeit für ein paar Bilder. Ich sitze wortwörtlich auf gepackten Koffern, morgen geht es auf zum YES nach Berlin! Doch ich bin noch nicht zu traurig – ich werde nicht nach Hause fahren, sondern direkt zurück nach Riga fliegen, um am Gesangs- und Tanzfest teilzunehmen. Aufgrund der abnormal vielen Proben(jeden Tag mindestens sechs Stunden, zwischen acht Uhr morgens und ein Uhr nachts) werde ich erst danach dazu kommen, euch zu berichten. Doch ich werde es tun, versprochen! Doch erstmal freue ich mich, alle alten Bekannten, gute Freunde und völlig Unbekannte auf dem YES zu treffen.

 

Uz tikšanos!

 

Jara

Drei Städte, drei Länder, drei Kulturen

Auf die vorsichtigen Fragen von Freunden und Familie aus Deutschland, ob wir denn so weit im Norden schon Frühling hätte, kann ich ohne Probleme antworten: Von wegen Frühling, der Sommer ist angebrochen! Noch vor etwa vier Wochen hat es 40 Zentimeter geschneit, jetzt haben wir einen Hitzerekord von 30(!) Grad. Hat sich das Warten doch gelohnt, der Winter ist übergangslos zum Sommer geworden. Darf ich also wieder beim Sport draußen schwitzen! Und zwar nicht nur in der Schule, nein nein. Die Letten sind ein überaus aktives Völkchen, meine freie Zeit verbringe ich mit meinen Gastbrüdern und Freunden draußen beim Tischtennisspielen, Basket- oder Volleyball. Stört nicht, dass ich keine dieser Sportarten allzu gut beherrsche ;-D Wer davon die Nase vollhat, kann in einem der nahen Seen schwimmen gehen oder eine Fahrradtour über das überaus flache Land unternehmen. Außer es gibt eine der wunderlichen Wetterphänomenen, die zur Normalität geworden sind: Regen und Sonnenschein oder Gewitter mit Blitz und Donner, aber ohne Regen.

Apropo Touren… in der vergangenen Zeit, schon fast zwei Monate, ach du meine Güte,  unternahm ich davon zwei. Also natürlich mehr, aber zwei in andere Länder: Das YFU-Mittelseminar in Tallinn, der Hauptstadt unseres Nachbarlandes Estland, und eine viertägige Reise nach St. Petersburg.

 

Tallinn

 

Das Mittelseminar wurde von allen heiß ersehnt, da wir uns unter ATS seit Weihnachten nicht mehr gesehen haben. Da ich nicht in Riga wohne, komme ich mir manchmal ein bisschen ausgesetzt vor, da die nächste ATS 84 Kilometer von hier entfernt wohnt. Auf der anderen Seite ist das nicht so viel, da das Bussystem gut ausgebaut ist und die Busse in alle Richtungen etliche Male täglich fahren.

Anfang April entschuldigte ich mich bei meiner Klassenlehrerin und fuhr nach Riga, wo sich alle ATS getroffen haben. Nach einigen Aufschreien zwischen eigentlich fast Fremden, die durch das Austauscherlebnis zu guten Freunden stapelten wir uns in einen kommerziellen Reisebus und machten uns auf nach Tallinn. Sechseinhalb Stunden später hatten wir unheimlich viel Kakao getrunken, Informationen ausgetauscht und alle Kopfschmerzen. Im Rekordtempo legten wir unsere Taschen in der Herberge ab und gingen essen. Für mich schon der erste Beweis, wovon ich schon viel gehört habe: Dass Estland ein sehr modernes Land ist. Im Restaurant starrte wir alle eine Weile verdutzt auf kleine Kärtchen, die uns ausgeteilt wurden, bis wir das Prinzip verstanden hatten: Du bestellst das Essen, wartest an der Theke bis du es bekommst und hälst dann das Kärtchen gegen einen Pieper, wo der Betrag übertragen wird. Nach dem Essen eilten wir gleich weiter in einen Buchladen, mit der Begründung: Überraschung! In der Tat war zu der Zeit die Tallinn Musik Week, an der auch Prāta Vētra gespielte, die beliebteste lettische Popband. Nicht ohne Grund, wie wir erfahren durften. Besonders mitreißend wurde es dann, als der Sänger die englischen Texte hinter sich ließ und die ganze Masse anfing auf Lettisch zu singen!

Unsere drei Tage Tallinn kann man mit zwei Wörtern sehr gut zusammenfassen: zu kurz! Teile des Programms waren zum Beispiel eine zum Schießen komische Stadtrallye, bei der wir uns nur dachten, welche Hirne haben sich diese Extraaufgaben ausgedacht?! Es war auf jeden Fall ein Erlebnis, ein paar Stunden wie die Bekloppten durch Tallinn zu rennen, und das Gelächter der Teamer, als sie sich unsere Videos angesehen haben, konnte man bis auf die Straße raus hören.

Tallinn ist eine wunderschöne Stadt. Sie ist sehr gut erhalten und in Schuss gesetzt, dafür aber ergibt sich ein Gefühl der Unechtheit. Es ist wie die Mischung einer Megametropole(in klein, schließlich hat Estland nur 1.3 Millionen Einwohner)und einer neu erbauten Altstadt. Dazu noch die ungewöhlich Sprache, die für mich aussieht wie endlose Vokalreihen, aber sich sehr schön anhört. Estnisch hält den Rekord für das Wort mit den meisten Umlauten hintereinander, jäääär (wenn ich nicht ganz falsch liege Eisstraße).

In Lettland gibt es übrigens jede Menge lieb-lustig gemeinte Vorurteile über Esten, etwa dass Esten das langsamste Volk der Welt ist oder dass in Estland die Bäume kürzer sind. Kann ich nur bestätigen, das mit den Baumen…Kiek in de Kök

 

 

 

 

 

Sicht durch ein Loch in der Mauer

 

Die Alexander-Newski-Kathedrale, ein ortodoxes Gotteshaus. In Tallinn gibt es erstaunlich viele Kirchen, wenn man berücksichtigt, dass die Esten das nicht-gläubigste Volk der Welt sind…

 Sankt Petersburg

Ja ihr habt richtig gelesen! Meine letzte Reise ging in das Land der Vorurteile, das Land der Korruption, der Unterdrückeung Lettlands, der Sowjetzeitbefürworter, und ganz sowieso da wo alle tun und lassen was sie wollen. So zumindest wurde mir Russland immer dargestellt- wie anders die Wahrheit herausfinden als hinfahren?

Die Reise war diesmal nicht von YFU, sonden von einer ATS(nenn wir sie mal „Saebelzahn“) organisiert. Das bedeutete für uns vier, die mitgefahren sind, unendlich viele Telefonate mit Familien in Deutschland und Österreich, Unterhatungen mit Gastfamilien und Freunden, die nicht so recht verstanden haben, warum Russland, und kleine Stressigkeiten mit YFU, da selbstorganisierte Reisen nicht so ganz lupenrein sind. Mit vielen Ratschlägen von beiden Familien und an allen Hindernissen vorbei ging es letzten Mittwoch los- vier Tage Russland! Zusammen mit einer Gruppe aus 8 Letten/Russlandletten, zwei Busfahrern und einer Reiseführerin ging es auf die Reise nach Sankt Petersburg, mit Exkursionen in alle größeren Touristensehenswürdigkeiten und noch einiges anderes. Die ersten Schwierigkeiten gingen an der Grenze zu Russland los, keine von uns hatte bisher eine Grenzkontrolle mit Visa über sich ergehen lassen müssen. Noch dazu gab es Ärger mit unserer ‚Australierin‘- zwischen австрия und австалия ist im Russischen nur ein Buchstaben unterschied.

Am ersten Tag besuchten wir das Kloster in Pskov, eine Stadt nahe der estnischen Grenze. Das Kloster war ungewöhnlich voll, da unsere Reise genau mit dem orthodoxen Ostern zusammenfiel. Gekleidet in Rock und mit Tuch auf dem Kopf(absolute Pflicht für alle weiblichen Besucher) staunten wir über die üppige russische Architektur. Besonders beeindruckend fand ich die bunten Farben, in denen sogar das Kloster gestrichen war- ein knallgrüne Kirche sieht man auch nicht alle Tage. Schon am ersten Tag merkten wir, unsere Reiseleiterin ist ein flotte alte Dame: Sie raste in einem Tempo durch sämtlich Aktionen, dass wir kaum mitkamen!

Eindrücke aus Pskov

 

Mehr Eindrücke aus Pskov

 

Abends um etwa ein Uhr kamen wir endlich im Hotel an, die eher eine einfache Unterkunft war, da wir sowieso nicht viel Zeit dort verbrachten. Totmüde fielen wir ins Bett, aber viel Zeit zum Schlafen hatten wir nicht…

Denn am nächsten Tag ging es morgens los auf eine Rundfahrt durch die Stadt, die Saebelzahn verrückt gemacht hat, da unsere Reiseleiterin eine sehr blumige Sprache verwendete… versucht das mal sinnvoll zu übersetzen:“Es ist so ein schöne Haus! Schaut doch mal, was ein wundervolles Haus! So eine klasse Stadt hier!“

Aber Unrecht hatte sie nicht, St. Petersburg ist wirklich eine wunderschoene Stadt und den Besuch auf alle Faelle wert. Genauer gesagt habe ich das Gefuehl, zurueckkehren zu muessen. Dass man irgendeine Kultur, geschweige denn die -zugegebenermassen- europaeischtste Stadt Russland in ein paar Tagen unmoeglich verstehen kann, hat mir das Austauschjahr beigebracht.

Ein Highlight des ersten Tages,und des ganzen Besuches, war der Besuch in der State Hermitage. Das russische Kunstmuseum ist nicht umsonst weltberuehmt, davon hat schon die ewige Schlange vor der Tuer gezeugt. uebringes wbeschweren sich touristen oft darueber, dass Einheimische wesentlich weniger bezahlen als Besucher. aber wenn man mal daruebe nachdenkt, in seinem Urlaub gibt man mehr Geld aus als im Alltag und viele Russen koennten sich einen Besuch in ihren eigenen Ausstellungen nicht leisten, wenn diese Ermaessigungen nicht waeren. Unsere Besuch in der Hermitage ging gleich mit einem Drama los- zwei von uns vier ATS hatten keinen ISIC, kurz fuer Internaitional Student Identification Card, eine internationale Ermaessigungskarte fuer Schueler. Sie erspart jedem Schueler eine Menge Geld, ich wuerde zum Beispiel auch im Supermarkt damit Ermaessigung bekommen und der Besuch der Ermitage ist mit ihr kostenlos. Da diese Karte in Lettland nur in Riga ausgestellt wird, hatten die beiden „Laendler“, unsere Oesterreicherin und ich keine. Nach einigem Stress mit unserer Reiseleiterin, die meinte wir muessten uns halt in der endlosen Schlange anstellen, da sie uns als gruppe  mit ISIC angemeldet hatte, stellte sich heraus: Der Besuch der State Hermitage ist fuer Unter-18-Jaehrige sowieso kostenlos!

Nur zu schade, dass es eigentlich nie reicht für so ein großes und wunderschönes Museum- wer kann schon fünf Stunden stehend sich Kunst ansehen? Den Versuch ist es aber auf jeden Fall wert, die Ermitage(ich muss zugeben, keine Ahnung wie man das richtig schreibt) ist ein einziges KUNSTWERK. Seht es euch selbst an, wenn ihr je nach Sankt Petersbug kommt!

Noch am selben Tag folgte eine Bootfahrt durch die vielen Kanäle der Stadt, vorbei an etlichen Prachtgebäuden. Endlich hatte ich verstanden, was unsere Geografieleherin uns mit ‚Kulturregionen‘ beibringen wollte. Ein Haus, das in Sankt Petersburg steht, wäre in Riga fehl am Platz, und die Architektur Tallinns würde in Berlin auffallen wie ein bunter Hund. Nicht das ein Unterschied an einem bestimmten Punkt festzumachen wäre, es ist mehr eine Atmosphäre, die jeder Stadt eigen ist. Es sind nicht die Straßenschilder auf Kyrillisch(das ich zumindest lesen kann), nicht die prachtvoll russischen Kuppelbauten, nicht das Russisch. So wie Tallinn eine Atmosphäre des sehr aufgeschmückten Alters hat, sieht Sankt Petersburg aus wie im 19. Jahrhundert mit modernen Mitteln erbaut, und Riga- ist und bleibt meine Lieblinghauptstadt!- wirkt wie zerfallen und neu zusammengenäht, ist es in jeder größeren Stadt anders.

Samstag folgte ein Spaziergang durch das Catherinenschloß, mit dem berühmten Bernsteinzimmer. Ein Geschichtsstein der russischen Geschichte, in der man sich zu meinem Leidwesen sehr gut verlaufen kann… Wo kamen plötzlich die ganzen Leute her?! ‚Ich entschuldige mich übrigens für die blumigen Ausdrücke, das wurde uns genau so erklärt.

Abends nutzten wir die freie Zeit, mit ein paar Russen spazieren zu gehen, die wir am Morgen zuvor im Hotel kennengelernt hatten. Eine von ihnen hatte uns auf Deutsch angesprochen und sich als Studentin aus dem Süden Russlands auf Urlaub vorgestellt. Beim Gespräch versuchten wir uns so gut wie möglich auf Deutsch zu unterhalten, während Säbelzahn vor uns fröhlich auf Russisch plapperte. Mit Händen und Füßen erzählten wir uns Geschichten aus Deutschland, Lettland, und Russland, und freuten uns über Verständnis auch ohne gemeinsame Basis.

Von der Nachttour am selben Abend kann ich nicht viel erzählen- wir waren einfach zu übermüdet, um uns allzusehr auf die weitgeschwungenen Reden unserer Reiseführerin zu hören. An der Brücke über die Neva wachten wir wieder auf- an dem Abend war die Brückenanhebung und orthodoxes Ostern, was Fastenbrechen beduetet. Brückenanhebung bedeutete zu meiner Enttäuschung aber nicht, dass sich die gesamte, etwa 100 Meter lange Brücke anhebt, sondern nur der erste Brückenbogen.

Am nächsten  Morgen hieß es schon:“Einpacken, wir fahren!“ Mit Halt in Peterhof, einem großen, hübschen Park, ging es über Estland zurück nach Riga. Etwa ein Uhr morgens waren wir an der Grenze und ließen die Grenzformalitäten über uns ergehen, diesmal wesentlich angenehmer(und langsamer) da- wer hätt’s gedacht!- um eins ist nicht viel los so an der Grenzstation! Auch wenn ich das Gefühl habe,dass der Grenzbeamter fast nicht durchgelassen hätte. Was ein Pokerface dieser Russe drauf hatte! So gut, dass Säbelzahn bei der Frage, wo wir denn waren, fast einen Herzinfakt bekommen hätte. Dabei war er nur nett und wollte wissen, ob es uns gefallen habe. Ohhh ja…

 

Tja, und nach zwei Wochen Kampf konnte ich endlich diesen Blog halbwegs logisch formulieren! Dazu ist heute ein besonderer Tag. Habe ich schon erzählt, dass man in Lettland Namenstage feiert? Jeden Tag sind etwa 2-4 Namen im Kalender geschrieben. Oft ohne (mir) enkenntlichen Sinn, aber wenigstens kann ich verstehen, dass Adams und Ieva(Eva) am 24. Dezember Namenstag haben. Naja, Jara ist in den meisten Ländern dieser Welt ein seltener Name, aber in Lettland habe ich immer das Gefühl, alle Letten würden sich mit ungefähr 15 verschiedenen Namen abwechseln. Beim 22. Mai stehen zwei Einträge: Emilija; kalendarā neierakstītu vārdu diena. Im Klartext: an alle wie mich, die gar nicht im Kalender drinstehen, kann man trotzdem Spontangeschenke machen! Oder einfach gratulieren…. So „feiere“ ich diesen Tag mit meinem Bruder und selbstgebackenen Kuchen und wünsche allen ATS noch wundervolle letzte Wochen, allen Daheimgebliebenen ein gutes Restschuljahr und allen zusammenhanglos diesen Blog lesenden einfach einen schönen Tag!

Jara

 

So viel zu erzählen, so schwierig es zu beschreiben

Ehrlich, es ist ziemlich schwer alles zusammenzukriegen. Zu den Klängen der Gruppe PeR, die für Lettland zum Eurovision Contest dieses Jahr fährt, werde ich es wahrscheinlich doch irgendwie schaffen. Lest und genießt!

 

Proben über Proben

Tja, was ist in der lettischen Volkstanzwelt passiert? Es kamen noch ein paar Konzerte dazu, in Aizkraukle, Jaunpiebalga und in meiner Schule. Auch wenn sich letzteres eher unspektakulär anhört, war es etwas ganz Besonderes, denn zum ersten Mal tanzten wir zusammen mit einem anderen Kollektiv zur selben Zeit! Vor fast einem Monat fand das Lielkoncerts (übersetzt sich ganz einfach Großkonzert) mit 17 Kollektiven aus ganz Vidzeme (Lettlands größter Bundesstaat, in der sich auch Rīga befindet) statt. Die Schule habe ich noch nie so voll gesehen, sämtliche sechs Stockwerke waren überladen mit herumwimmelten Tänzern und Trachten. Überspringet man die üblichen Konzerte, die gut, aber nichts Herausragendes waren, landet man in der letzten Woche, inder wir eine Probe zusammen mit dem uns schon bekannten Kollektiv aus Balga hatten. Am Wochenende und sowieso zu unmöglichen Zeiten zur Schule zu gehen, bin ich ja gewöhnt, also war Sonntagmorgen in der Schule zu verbringen mehr oder weniger normal. Schaut man auf diese Woche, kann ich ein stolzes Pensum von sechs Stunden Tanzprobe in drei Tagen aufweisen. All diese Stunden sind die Vorbereitung auf skate, das Samstag in Cēsis (zu deutsch Wenden) stattfinden wird.

Um dieses spezielle Konzert und skate zu erklären, muss ich ein bisschen weiter ausholen(Achtung, Geschichte): Lange Zeit waren die Letten in Unterdrückung von Russen, Deutschen, Schweden und so weiter. Als einzige Möglichkeit, ein Volksgefühl und -kultur zu erhalten, wurden Tanz und Gesang erkannt. So entstanden die Volkslieder und -tänze, die zuerst von Krišjānis Barons im Jahre 1894 gesammelt und zu mehreren Büchern zusammengetragen wurden. Dafür ist er von den Letten hoch geachtet und ziert die 100-Lats-Note. Im Jahr 1873 fand das erste Lettische Gesangsfest statt, lettisch Vispārējie latviešu Dziesmu svētki. Dieses Fest findet alle fünf Jahre in Riga statt. Es nehmen etwa 30000 lettische Volksmusik- und tanzgruppen aus aller Welt, aber hauptsächlich aus Lettland, teil. Das nächste Fest (eigentlich ist das Wort Fest viel zu klein, deswegen nenne ich es einfach svētki) findet, zu meiner unendlichen Freude, diese Jahr Ende Juni/Anfang Juli statt. Insgesamt werden 90000 Teilnehmer und Zuschauer erwartet, was zu den Einwohnern Rigas gezählt etwa 40% der lettischen Bevölkerung ausmacht. Wer teilnimmt, entscheiden erwählte Choreografen, Musiker, Tänzer, die sich mit den Regeln des Volkstanzes aufs Penibelste auskennen. Neben der Einteilung nach Alter wird jedes Kollektiv nach Können aufgeteilt. Die Alterseinteilung ist von 16 aufwärts: Jugend, ab etwa 30 Jahren Mittlere, älter als 55 Jahre Senioren. Diese Senioren verlangen mir einen ziemlichen Respekt ab- 70-jährige, die schon ihr ganzes Leben tanzen und es mit aller Kraft tun, die in ihren Knochen steckt.  Die jüngeren Gruppen zähle ich hier nicht auf, für sie gibt es ein Kindersvētki. Es zählt aber nur das ungefähre Alter, an Unter-16-jährigen in einem Jugendkollekitv stört sich keiner.

Jugendgruppen nehmen 900 teil, davon 167 C-gruppen, zu denen mein Kollektiv auch gehört. Die Vorbereitungen laufen zwei Jahre, letztes Jahr wurden alle in genannte Kategorien aufgeteilt, was bestimmt, welche Tänze gelernt werden. Im Klartext: Sämtliche C-Gruppen in Lettland tanzen dieselben Tänze, schon das zweite Jahr. Man kann ja auch nicht einfach Duzende Kollektive auf einen Rasen stellen und jeder tanzt etwas anderes, oder?

Wer das weiß, kann die Zahl der Proben in Vorbereitung verstehen. Neben Stunden reinen Tanzens verbrachten wir aber auch Stunden damit, uns in jedem erdenklichen anderen Weg zurechtzumachen. Da wir auch nach Ordenlichkeit bewertet werden, stehen neben mir frisch geputzte glänzende Schuhe, meinem Rock wurde ein neuer Saum verpasst(drei Meter Saum nähen ist kein Spaß), unser Tanzlehrer, den wir einfach beim Vornamen rufen, hat allen Mädchen neue Haar- und Sockenbänder ausgeteilt. Die bequemen Lederpastelen gehören zumindest bei Konzerten der Vergangenheit an, wie die Mittlere Altersgruppe tragen wir jetzt schwarze Schuhe mit leichten Absatz.

 

So ein dymanisches Bild

Valentintag

 

So furchtbar steht es mit deutsch schon, das ich nicht mehr weiß, ob es Valentins- oder Valentintag heißt. S hin oder her, der 14. Februar wurde groß gefeiert. Wie auch schon zu Weihnachten wurde in der Schule ein ‚Post’kasten aufgestellt, in den jeder kleine Briefchen seiner zweiten Hälfte, heimlich Bewunderten oder  auch einfach Freunden schicken konnte. Am Morgen des 14. wurden diese dann verteilt.  Zur Erheiterung der älteren Schüler führten hauptsächlich die Drittklässlerinnen, die in rauen Mengen Liebesbriefe an Elfklässler verschickten. Ganz gemäß dem lettischen Gentlemenprinzip verteilten zwei der besagten Elftklässler in der Pause Pralinen und wünschten allen einen fröhlichen Valentinstag. Die Stimmung in der Schule, besser als sowieso schon, wurde durch die Vorfreude auf den Nachmittag noch gesteigert: Popiela mit anschließender Disko, organisiert vom Schulparlament, das hauptsächlich aus zwei meiner Klassenkameraden besteht. Popiela (iela=Straße) ist wie Karaoke mit Playback, also jemand steht auf der Bühne und fuchtelt mit den Armen, während die Musik von der Rolle spielt. Das war genauso witzig wie es sich anhört, am besten drei Jungen aus der Siebten, die sich als Mädchen verkleidet hatten und Spice Girls ‚I tell you what I want‘ sangen. Danach- wie denn auch sonst?- eine Disko,  bei der ich spontan als DJ engagiert wurde.

 

Ein ungewöhliches Treffen

 

Eine Einladung nach Riga, zu einem Treffen mit dem Außenminister? Etwas verblüfft war ich schon, aber die Chance lasse ich mir nicht entgehen. Nach ein paar Orientierungsproblemen (blöde Großstadt, wer kennt sich hier noch aus?!) saßen 10 Leute im Raum: vier ATS, fünf junge Letten und der lettische Außenminister Edgars Rinkevīčs. Unterhalten wurde sich über die Situation der Letten im Ausland, über junge Arbeitslose und über Markt im Ausland. Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit ist groß, viele junge Letten gehen ins Ausland, weil sie hier einfach keine Perspektive sehen. Oder auch um weiter zu lernen, was beide meine älteren Gastgeschwister betrifft. Meine Gastschwester studiert im Ausland, und mein Gastbruder, der schon eine Ausbildung hat, kämpft sich gerade durch Berge von Hochschulflyern aus ganz Europa. Die Wirtschaftskrise hat Lettland schwer getroffen, und viele verloren ihre Arbeitstellen und wanderten aus. Mir wurde oft traurig erzählt, wie hier oder fort einmal ein blühender Laden war, wo jetzt ein leeres Haus steht. Auch auf die Menschen hat sich der Druck ausgewirkt: Mir wird erzählt, wie hilfsbereit und immer fröhlich alle einmal waren- meistens auf meine Aussage hin, dass die Menschen in Letten hilfsbereiter und fröhlicher als in Deutschland sind. Aber es geht aufwärts- in meinem Ort haben in den letzten Monaten schon drei Läden renoviert oder neu eröffnet. Da ist die Sorge, dass alles sich durch die Einführung des Euro verteuert, nicht unbegründet…

 

Diverse Feierlichkeiten

 

Von der zeitlichen Abfolge sollte ich wohl zuerst meinen Geburtstag erwähnen. Den lasse ich aber hinten anstehen- zuerst werde ich vom Geburtstag meines Gastvaters erzählen. Den eigentlichen Tag haben wir mit Skifahren verbracht. Hier, in Lettland, das den durchschnittlichen Pfannkuchen erstaunlich hügelig aussehen lässt, habe ich -das Mädel aus den Kurpfälzer Bergen- Skifahren gelernt. Die höchste Erhebung beträgt 312 Meter, und ich hatte schon mehrere Gespräche, bei denen ich mir das Lachen verkneifen musste, wenn jemand über riesige Hügel auf dem Nachhauseweg spricht und dass er deswegen nicht mit dem Fahrrad fährt. Nichtsdestotrotz legte ich mich einige Male ordentlich auf die Nase, weniger auf Skiern als mit dem Snowboard, was eine ziemlich schmerzhafte Sache ist.

Geburtstag gefeiert wurde am Wochenende. Als ganz besonderer Ehrengast ist meine Gastschwester angereist, was das erste Treffen mit ihr war. Bisher kannte ich sie nur durch Skype und durch Bilder, wovon in ihrem alten Zimmer, meinem jetzigen, jede Menge stehen. Sie ist die einzige Lettin, die ich kenne, mit Naturlocken! Da sie am Valentintag ankam, war unsere erst gemeinsame Aktion zusammen Titanik anzusehen- der Romantikfilm schlichthin. Und wie mit den meisten verstand ich mich auf Anhieb mit ihr 🙂 Gut so- in den vier Tagen die sie blieb verbrachten wir ordentlich viel Zeit miteinander, hauptsächlich bei der Essensvorbereitung. In Lettland ist es üblich, Gästen alles Essbare im Haus/Wohnung anzubieten, auch wenn jemand überraschend reinschneit. Bei geplanten Feiern kann man sich getrost auf volle Essenstüten verlassen, welche gekocht und zubereitet werden müssen.  Am Abend tauchte der erste Gast erst 45 Minuten zu spät auf, witzigerweise hatte ich mich vorher mit meiner Gastschwester über Höfliches Zuspätkommen unterhalten, und wir waren bei den üblichen 15 Minuten verblieben. Aber macht nichts- der letzte Gast war sensationelle viereinhalb Stunden im Verzug!

 

Als ich fragte, wie man in Lettland üblicherweise Geburtstage feiert, antwortete mir mein Gastbruder: ‚Du lädst alle deine Freunde ein, lässt dich von ihnen beschenken, schickst sie dann nach Hause und isst die Torte alleine auf.‘ Nach einiger Überlegung verwarf ich diese Idee aber, die Torte hätte ich gar nicht aufessen können. Bei einer Feier in Lettland ist das Essen das Wichtigste, und wir hatten mehr als genug für die letztendlich 14 Gäste. Am Morgen hatte ich so viel Zeit mit Kuchendekorieren verbracht, das ich den Anfang der zweiten Stunde versäumte. Angerannt, schon mit Ausreden auf der Zunge, unsere Gardarobistin meinte aber einfach nur „Alles Gute zum Geburtstag!“. Kleine Schulen sind was Feines, das haben meine Freundinnen und ich mit einer Teetasse in der Hand durch die Schule spazierend schon öfters festgestellt.

 

Piroggen, klassisches lettisches Essen. Üblicherweise mit Fleischfüllung, wir backten sie vegetarisch.

Eine spaßige, aber angsteinflößende Tradition bei Geburtstagen ist „Werfen“ des Geburtstagkindes. Dazu setzt sich der Glückliche auf einen Stuhl und Freunde heben einen sooft an, wie Jahre sind. Wenn fünf Mädchen werfen, ist es in Ordnung, aber von den fünf stärksten Jungen des Tanzkollektivs geworfen zu werden ist wesentlich wackliger. Gut festhalten empfolen!

Auch etwas Neues für mich war, drei Kerzen anzuzünden und für jede mir etwas wünschen zu dürfen. Nach dem Essen, was wegen der Masse ziemlich anstrengend war (Verflucht! Es ist so lecker! Aber ich platze!), verwandelte ein spontan angefahrener Freund unser Wohnzimmer in ein Fotostudio und  meine Freundinnen und ich warfen uns in meine schönsten Kleider und ließen uns professionell ablichten. Am Ende kamen mehr als 500 Bilder zusammen…

Eine Woche später war es Zeit, sich hübsch anzuziehen und nach Riga zu fahren: Meine Gasteltern hatten der ganzen Familie Eintrittskarten fürs Ballett „Gulbju ezers„, Schwanensee, geschenkt. Das Ballett fand in der Nacionālā Opera Rīga statt, die nach der Sowjetzeit vollständig renoviert wurde und ein wunderschöner Anblick ist, ausgestattet mit hunderten goldenen Dekorationen, ein Cafe in jedem Stock, in denen man für horrende Preise Kaffee und Kuchen essen kann, und Duzenden Logen auf drei Galerien. Unsere Loge war die am nächsten der Bühne- laut meiner Gastmutter einmal Loge des Staatpräsidenten!  Die Aufführung war wunderschön, die Nationaloper ist über Lettlands Grenzen hinaus als sehr gut bekannt. Ich muss zustimmen, auch wenn ich von Ballett eher wenig verstehe.

Ich neben einer Laterne.

Ach, diese Letten. Gerade wenn ich einen neuen Blogeintrag fertiggestellt habe, zeigt sich in höchstens drei Tagen das Nächste, wovon ich erzählen möchte. Der achte März- bei wem klingelt’s? Richtig, internationaler Frauentag. Ehrlich gesagt wusste ich bis vor einem Monat auch nicht, wann der ist. Meine Gastmutter war ehrlich erstaunt, als ich sagte, den feiert man in Deutschland eigentlich weniger. Laut ihren Beschreibungen ist die Hauptstadt der Blumen an jenem Tag Sankt Petersburg. Viele Leute züchten speziell für den achten März in Gewächshäusern und fahren auf drei Tagen nach Sankt Petersburg, um die Blumen zu verkaufen. In diesen drei Tagen kann man an Blumen angeblich mehr verdienen als im ganzen übrigen Jahr. Klar dass in der Schule viel mehr Röcke zu sehen waren als sonst, und als Mädchen konnte man kaum den Flur runtergehen ohne „Apsveic sieviešu dienā!“ „Alles Gute zum Frauentag!“ zu hören. Und Blumen wurden natürlich auch verschenkt, unsere Schulgentlemen aus der Elften verteilten allen Mädchen ihrer Klasse und der Tanzgruppe Ansteckblümchen und Pralinen. Zu guter Letzt bekam ich von meinem Gastvater Tulpen, die klassischen Frauentagsblumen. Schade, dass solchen kleinen Aufmerksamkeiten in Deutschland kaum Beachtung geschenkt wird.

 

Mathe könnte ich noch erwähnen. Eine Woche haben diverse Klassenstufen der Grundschule Mathe beigebracht. Das dürft ihr euch so vorstellen, dass wir zu dritt zweimal täglich bei den Viertklässlern reingeschneit sind und ihnen kleine Übungen überreicht haben. Zum Beispiel, dass sie eine Geschichte mit möglichst vielen Zahlen schreiben sollten. Meine persönliche Lieblingsgeschichte:

Es war einmal eine Zwei. Ihr schien, dass sie nicht so hübsch ist wie die Zehn. Die Zwei ging zur Zehn. Die Zwei erzählte der Zehn von ihrer Trauer und die Zehn bot an, Ziffern zu wechseln. Die Zwei war zufrieden. Und noch bis heute besteht die Zahl Zwölf!

Auch an einer Olimpiade nahm ich teil. Nagut, nicht die Olympischen Spiele, sondern landesweite Wettbewerbe in allen Fächern. Im Mathebereich gewann ich den zweiten Platz, und in einigen Wochen steht eine Fahrt nach Riga zum Finale an! Das war einer der Anlässe, warum ich in der Zeitung gelandet bin.. insgesamt viermal in zwei Wochen. Einmal neben dem Außenminister, einmal wegen der Olimpiade, einmal wegen meiner Teilnahme beim „Enu-diena“ und dann noch ein Artikel über Eifersucht. Die letzten beiden muss ich kurz erklären- „Enu-diena“ ist ein Tag im Jahr, bei dem jeder Schüler sich jemanden suchen kann, den er einen Tag begleitet und bei der Arbeit zusieht. Ich hatte mir Karumlade ausgesucht, eine Konditorei. Am Tag danach wurden alle Teilnehmer für eine Fotographie in der Zeitung gebeten. Am mir als ATS wurde besonderes Interresse genommen, leider nicht genug um meinen Namen richtig zu schreiben 🙂 Dass ich in einem Artikel über Eifersucht erschien, ist eher ein Zufall: der Fotograph fragte die drei Größten, noch schnell für ein weiters Bild zu posen- ohne uns zu sagen, wofür. Fingen meine Klassenkameraden aber an zu lachen, als sie den Klassenältesten und mich in der Zeitung sagen, mit der Überschrift „Eifersucht bei Jugendlichen“. Das Beste bei der Bildern ist aber immernoch, dass wir spontan gerufen wurden- aus dem Sportunterricht, mit entsprechenden Klamotten…

 

Tja, un heute, am Internationalen Pi-Tag, der uns zwei interressante Mathestunden über Pi beschert hat, stelle ich endlich diesen Blog fertig. Die meiste Zeit verbringe ich, auf meine Computerbildschirm zu starren, nicht wissend, was ich schreiben soll. Wie soll ich alles nur beschreiben, erzählen, erklären? Ich hoffe, es ist mir gelungen.

 

Noch ein Nachtrag: Ihr möchtet bestimmt das Ergebnis unserer Tanzerei erfahren, hab ich Recht?

Die Punkteskala versuche ich mal so kurz wie möglich zusammenzufassen: Für unsere Altersstufe gab es eine Wertung bis zu 50 Punkten. Besser als 45 Punkte ist die höchste Stufe, mehr als 40 Punkte die ersts Stufe, zwischen 20 und 40 Punkten zweite Stufe und alles weniger ist dritte Stufe und allerletzte Sau. Punkte werden vergeben für Trachtenordenlichkeit, Sorgfältigkeit der Schritte und was weiß ich sonst noch alles. Allein 10 Punkte werden für Lächeln vergeben- zum Glück komm ich ja viel zum Üben!

Schon zweieinhalb Stunden vor Auftritt stand ich mit meiner Freundin vollständig ausgerüstet im Kulturhaus in Wenden- wir suchten uns erst mal den Weg quer durch sämtliche 25 auftretenden Gruppen zur allerletzten Nische, wo sich unsere „Gardarobe“ befand- etwa drei mal vier Meter groß und mit gutem Ausblick auf die in der Vorhalle schon Übenden. Sämtliche kleinere Katastrophen, wie etwa ein gerissenes Band oder ungeputzte Schuhe, meisterten wir anhand des Mitdenkens aller spielend („Ich dachte mir schon, das so etwas passiert. Deswegen habe ich gleich mal Nadel, Faden, Schere und zwei Tuben Schuhcreme mitgebracht“). Das Unahmgenehmste am ganzen Tag- abgesehen von der Warterei auf das Ergebnis- war die Frisur: Französische Zöpfe und Lettischer Volkstanz passen nicht zusammen, deswegen wurde mir zur Bändigung meiner Locken mit vollen Händen Schaumfestiger in die Haare geschmiert. Effektiv und sehr eklig.

Nach zwei Stunden Umziehen, zehn Minuten Probe auf der Bühne und einem lettischen Geheimmittel, das beim Lächeln helfen soll -Essen von Zitronenscheiben mit Schale und allem – war es endlich soweit. Völlig nervös und freudig standen wir hinter der Bühne. Wir waren das allererste Kollektiv, was die Nerven nicht gerade beruhigt, aber besser auf der Punkteskala anschlägt. Etliche mussten sich zusammenreißen, nicht sofort laut loszulachen oder noch schlimmer anfangen zu heulen. Drei Tänze mit je fünf Tänzen Zwischenzeit gehen furchtbar schnell rum, und schon war es Zeit, sich aus den Trachten zu schälen und den anderen zuzusehen. Da wir uns dieselben Tänze schon seit Dezember ansehen, geht das Gefühl sich sofort auf die Bühne stellen und mittanzen zu können. Etwas langwierig ist es aber schon, sich 12-mal „Gailis und vista“ (Hahn und Huhn) anzusehen… Endlich, nach ewigen Wartens, bei dem jeder Fehler zehnmal durchgekaut wurde und das allerschlimmste schon sicher schien, die Verkündung der Jury: „An die hier versammelten Kollektive… Ihr seid alle Teilnehmer des XV Dejusvētki!“ Wir fahren! Auch wenn wir nur die zweite Stufe erreicht haben und offiziel noch bis Ende April warten müssen, um das endgültige Ergebnis zu erfahren, ist es doch sehr sicher, dass ihr in ein paar Monaten direkt aus Riga von mir hören werdet!

Bis dahin Alles Gute

Jara

Zum allerletztes Ende noch ein paar Videos der diejährigen Tänze:

Wir Miķelēni, so der Name meines Kolektivs,  in skate.
Der erste Tanz: Ko man dosi liela diena?    Ostertanz

Der zweite: Lai sakuru uguntiņu    Mittsommernacht

Der dritte: Vilks un kaza   Wolf und Lamm

Zum Glück ist ein ordentliches Malheur, das mir beim ersten Tanz passiert ist, nur für Eingeweihte sichtbar. Besonders stolz bin ich auf den letzten Tanz, der ist wunderbar gelungen, dass hätte man bei unseren Proben nicht denken können(„Ach, wir tanzen den Schritt mit rechts? Nicht mit links? Wusste ich gar nicht“).

 

 

Tec, peleite

 

http://www.youtube.com/watch?v=5mX3F-r7Rns

 

Ein ruhiger romantischer Tanz: Ai zaļā birztaliņa. Gefällt mir besonders wegen der E-Gitarre!

 

Unser neuer Tanz, ein echter Publikumsliebling. Der beweist, das Volkstänze nicht unbedingt alt sein müssen: Die Musik ist aus einem bekannten lettischen Film „Elpojiet dziļi“ (Atmet tief) aus dem Jahre 1967.

 

Ein typisch lettischer Tag

Hallo wieder aus dem hohen Norden! Tja, was sind typisch lettische Tage? Im Prinzip für mich ganz normale Tage, die sich einfach durch das überwältigendes Gefühl unterscheiden, dass ich solche Tage in Deutschland nie erleben könnte.

Ein typisch lettischer Tag könnte ungefähr so aussehen:

Kurz nach sieben würdest du aufstehen, frühstücken, dich fertigmachen, dir deine Tasche schnappen und dich auf den Weg zur Schule machen. Frühstück würde aus Grießbrei oder Haferbrei bestehen, ohne den in Lettland gar nichts geht. Sogar nach unserem Fahrradmarathon im Sommer bekamen wir als erstes eine Schale Haferbrei in die Hand gedrückt, der hier mit Marmelade gegessen wird.  Anders sieht es an den beiden Tagen aus, an denen du Chorprobe in der nullten Stunde hast, da diese ’schon‘  um 8:10 Uhr anfängt. Selbst wenn die erste Stunde erst um neun Uhr losgeht, bist du zusammen mit den meisten anderen schon gegen halb neun in der Schule. Zuallererst machst du dich zu deinem Schließfach auf, um deine Jacke abzulegen, Schuhe zu wechseln und die benötigten Bücher einzusammeln. Ja, Schuhe wechseln: In meiner Schule sogar eine Regel, die im Winter streng beachtet wird. Liegt daran, das man im Winter ganz schön viel Schnee und Matsch mit in die Schule trägt

Wenn du das getan hast, setzt du dich, wenn du gerade nichts zu tun hat, an einen der Tische im Flur. Da wir eine kleine Schule sind, kennst du fast alle und scherzt bis zum Stundenbeginn herum, besprichst diverse Pläne, schreibst Hausaufgaben oder leistest einfach deinen Freunden Gesellschaft. Drei Minuten vor Stundenbeginn klingelt es, wobei ihr alle zusammen wie auf Kommando aufsteht und euch auf den Weg in eure Klassen macht. Selbst an dem Tag, an dem du zur zweiten Stunde hättest, wärst du um neun in der Schule und würdest einfach wie in der Pause weitermachen. Es könnte zum Beispiel deine Klassenkameradin mit einer Fünfliterflasche Kvasa, einer Art Limonade, auftauchen und allen, Lehrer eingenommen, den Rest des Tages Kvasa anbieten.

In den Stunden würdest du je nach Fach mehr oder weniger gut aufpassen, da die Lehrer mehr nach dem Prinzip unterrichten: Ich lehre. Entscheide selbst, ob du lernen möchtest. Ein gutes Prinzip, wenn man sich einen Tag nicht so gut fühlt und dann Hauaufgaben und ähliches einfach am nächsten Tag einreicht, aber es öffnet natürlich dem Missbrach Tür und Tor… Eine Schulstunde geht 40 Minuten, mit zehn Minuten Pause. Die Pausen würdest du Klassenzimmer wechseln, da jeder Lehrer sein Zimmer hat,  ins Schulcafe gehen um einen Snack zu kaufen, und ungefähr alle zwei Stunden zum Schließfach pilgern, da sämtliche Bücher mitzunehmen zu anstrengend ist. Nach fünf Stunden, also um ein Uhr,  ist die Mittagspause, die von den jüngeren Schülern genutzt wird um in der Mensa zu essen. Die Älteren wären aber meistens eher zu etwas anderem als ein warmes Mittagessen aufgelegt, also würde sich dir die Wahl stellen, in den nahen Minimarkt zu gehen (und höchstwahrscheinlich mit einer Tüte Chips wieder rauszukommen) oder im Cafe einen Salat, ein Eis oder sonst eine Kleinigkeit zu essen. Dann würdest du die 25 Minuten mit deinen Freunden verquatschen oder könntest auch auf dem Schulflur Wiener Walzer tanzen. Nach weiteren ein bis drei Stunden wäre dein Unterricht offiziel vorbei, was aber noch lange nicht bedeutet, das du nach Hause gehst. Vor und nach den Stunden habe Lehrer sogenannten konsultācijas, in denen man vermasselte Tests oder verpassten Stoff nachholen kann. Das finde ich persönlich eine wunderbare Idee, da man jede schlechte Note verbessern kann. Gehst du nicht zu konsultācijas , hängst du noch herum bis der Schulbus kommt, auch wenn du wie ich in kurzer Entfernung wohnst und gar nicht mit dem Bus fährst. Eine sehr beliebte Beschäftung für diese Zeit wäre zum Beispiel Bilder machen, oder ein dir unbekannter Junge aus dem nahen Technikum, eine Berufsschule die mit der zehnten anfängt und vier Jahre geht,  könnte dich mit seinem Parfüm einsprühen. Wäre die letzte Stunde Sport, könntest du noch bleiben und Volleyball spielen. Sport hättest du nicht nur mit deiner Klasse, sondern abwechselnd mit der zwölften und elften Klasse und immer in der selben Halle wie die männliche Fraktion, wobei Vorsicht angesagt ist, dich nicht von herumfliegenden Bällen treffen zu lassen. Einmal im Monat wäre Schwimmen angesagt, wozu du noch nicht mal die Schule verlassen müsstest, um ins Schiwmmbad zu kommen.

Wenn also endlich der Bus gekommen ist, würdest du nach Hause gehen. Oder auch Schlittern, da die kleineren Straßen überhaupt nicht geräumt werden und du über zehn Zentimeter festgepackten Schnee spazieren würdest. Du hättest den Nachmittag entweder frei, wobei ‚frei‘ sich relativ schnell ändern kann, oder hättest je zwei Mal die Woche Musikschule und Volkstanz, ergänzt durch gelegentlich Skifahrten oder Schlittschuhlaufen.

Für die Musikschule müsstest du etwa eine Viertelstunde mit dem Bus nach Cesis fahren, was dich 50 santims(=70 Cent) kosten würde, und würdest dort mehr oder weniger fleißig Solfežau und Klavierspielen lernen, selbst wenn dein Hauptinstrument ein anderes ist. Solfedžau lässt sich kaum übersetzten, im Prinzip schreiben wir Rythmusdiktate, singen oder lernen Akkorde.

Volkstanz wäre einer der Höhepunkte der Woche. In der eiskalten Halle würdest du dich möglichst schnell umziehen, und bis zum Beginn herumhüpfen und versuchen warm zu bleiben. Die anderen Tänzer aus deiner Schule und aus dem schon erwähnten Technikum würden nach und nach eintrudeln. Nach zehn Minuten Training wäre jenes Wärmeproblem vom Erdboden verschluckt…  Die schon beherrschten Tänze würdet ihr perfektionieren, bis der Tanzlehrer zufrieden ist. Es könnte aber auch passieren, das die Jungen der Gruppe rebellieren und vor Übermut die Stoffeier des Osterntanzes herumschmeißen. Das wäre noch harmlos, denn wenn jemand dich mit einem Stoffei abwirft, ist es nur mäßig schmerzhaft. Einen Jutesack gefüllt mit Papier ins Gesicht zu bekommen, ist schon weniger angenehm. Nach den zwei Stunden konzentrierten Tanzens würdest du abhängig von der Außentemperatur entweder drinnen oder draußen noch mit den anderen herumscherzen und erst, wenn alle abgeholt worden, dich selbst auf den Weg machen. Lange Wartezeiten wären deswegen nötig, weil unsere Schule die beste im Umkreis ist und deswegen viele von weit weg kommen. Endlich würdest du dich zusammen mit den anderen anwohnern auf den Nachhauseweg machen, wobei vorsicht angesagt ist, nicht durch die Gegend gewirbelt, in den Schnee geschmissen oder getragen zu werden.

Zuhause angekommen würdest du das leckere essen, das deine Gastmutter gekocht hat, verschlingen(das mittagessen bestand schließlich nur aus Kleinigkeiten) und den restlichen Abend mit Klavier- und Schachspielen verbringen, bis du gegen elf Uhr abends ins Bett fällst und dich schon auf den nächsten typisch lettischen Tag freuen würdest!

An einem typischen Wochende könnte man dich wahrscheinlich in Volkstracht auf einer Bühne tanzend finden. Immernoch kämpfend mit dem Lächeln und mit den unglaublich engen Rock, der Atmen zu einer Sache der Unmöglichkeit macht. Nach dem Volkstanz wäre der moderne Tanz an der Reihe, wobei alle die Regel, das man mit unter 16 um elf Uhr zuhause sein muss, geflissentlich ignorieren und die halbe Nacht durch tanzen.

Hättest du kein Konzert, könntest du mit deinen Freunden auch einfach in die Disko gehen oder es ein bisschen ruhiger angehen lassen und mit deinen Gastbrüdern  Hügelchen diverse Sportarten ausführen (nein, ich weiß nicht wie das an besten geht! Ehrlich gesagt fahre ich zum ersten Mal mit dem Rad durch den Tiefschnee!). Oder du würdest vor dem Computer sitzen und dir den Kopf zermartern, wie du deine so schwer beschreiblichen Gefühl trotzdem irgendwie verständlich aufschreiben kannst…

…wovon ich hoffe, das es mir halbwegs gelungen ist.

Jara

Übrigens sind sämtlichen gegebenen Beispiele in dieser Woche  wirklich passiert und entstammen nicht meiner Fantasie 🙂