Archiv des Autors: Anne

10 Wochen Chile

Nach zweieinhalb Monaten Aufenthalt in Chile (Antofagasta) starte ich, nach meiner Eingewöhnungsphase, mit meiner Berichterstattung:
Ich bin Anne und mache für 11 Monate einen Austausch in Chile mit YFU („Afterschool-Programm“) und geh ich auf eine Universität und nicht, wie sonst häufig üblich, auf eine Schule.

Direkt nach dem Abitur habe ich meine Koffer gepackt und bin im August diesen Jahres nach Chile geflogen, um in der Stadt Antofagasta (1.400 km nördlich von Santiago de Chile) als Studentin in einer Gastfamilie zu leben.
Zunächst berichte ich ein wenig über die Universität in Antofagasta:

Ich dachte am ersten Tag, ich würde in einen riesigen Hörsaal kommen, aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Kurse haben in meinem Fach (Journalismus) meistens gerade einmal 30 Schüler, dementsprechend sehr übersichtlich. Dies macht das Studieren meiner Meinung nach einfacher, da die Professoren ein wenig mehr Rücksicht auf die Austauschschüler nehmen können und auch die Zeit haben, Dinge nochmals persönlich zu erklären. Ich bin auch nicht die einzige Austauschschülerin in Antofagasta. Zwei weitere Mädchen von YFU gehen mit mir an die Uni und noch viele andere Austauschstudenten aus allen möglichen Ländern.
Nun zum Leben in einer Gastfamilie:

In der ersten Zeit habe ich mich ein wenig wie ein Besucher gefühlt. Man wohnt mit Menschen in einem Haus, die einem ja eigentlich fremd sind. Man kennt den Tagesablauf nicht, weiß nicht, wo sich was im Haushalt befindet und vieles mehr. Zum andern war ich schon damit überfordert, dass zum Bespiel in der ersten Zeit, wenn die Gastfamilie grillte (in meiner Familie mindestens einmal im Monat), sich auf einmal 30 fremde Leute im Haus einfanden, mich willkommen hießen, ich aber nichts verstand, niemanden kannte und somit ein bisschen dumm aus der Wäsche geschaut habe. Man will sich unterhalten, nur leider spricht man ja noch nicht so wirklich spanisch. Dies legt sich allerdings sehr schnell.

Nach circa zweieinhalb Monaten kann ich „sprechen“ und auch relativ gut verstehen, längst nicht alles und die Grammatik ist sehr wackelig, aber die Chilenen verstehen mich und das reicht mir fürs Erste. Mein Englisch wird unglaublich schlecht hier und ich merke wirklich, dass mir Deutsch auch von Tag zu Tag schwerer fällt. Ich bin sehr überrascht, wie schnell man eine neue Sprache lernt, vor allem deshalb, weil ich im ersten Monat das Gefühl hatte, ich werde das chilenische Spanisch nie sprechen, geschweige denn verstehen können.
Aber nun zurück zur Gastfamilie: Ich bin wirklich mehr als glücklich mit meiner Familie. Meine Gastschwester ist mit vier Jahren eine der besten Lehrerinnen, die ich je hatte. Mein Gastbruder ist elf und versucht mich für Sport zu begeistern, was mal mehr, mal weniger klappt. Meine Gasteltern sind mit Mitte dreißig sehr jung, aber auch sehr modern für chilenische Verhältnisse. Was sich zum Beispiel darin zeigt, dass ich sehr oft nach meiner Meinung über politische Dinge gefragt werde und eine ehrliche Antwort erwartet wird. Dies ist wirklich nicht gängig in Chile. Außerdem ist meine Gastfamilie sehr interessiert an Deutschland und an der deutschen Kultur. Mein Gastvater war aus beruflichen Gründen schon öfters in Deutschland (wie viele Chilenen).
Meine Gastfamilie ist außerdem sehr ambitioniert darin, mir Chile zu zeigen. Normalerweise leben wir in Antofagasta. Eine sehr trockene Stadt mit vielen Stränden. Aber über die Fiestas Patrias waren wir in Pucón. Eine Stadt im Süden von Chile – sehr grün, viel Wasser und Vulkane (aktive!). Landschaftlich das komplette Kontrastprogramm zu Antofagasta.

Während der Fiestas Patrias hat sich mein Spanisch auch enorm verbessert, da unser Haus die ganze Zeit voll war mit Familienangehörigen bis zum 5. Grad, was für Chilenen aber als der enge Familienkreis angesehen wird. Außerdem isst man die ganze Zeit, was mir wirklich sehr gut gefallen hat J.

Nachts konnte man von unserem Haus aus sehen, dass die Spitze des nächsten Vulkans rot leuchtete, was schon wirklich ein imposanter Anblick war. Während ich in Pucón war, gab es in Chile ein relativ starkes Erdbeben. Ich war in Sicherheit und habe erst als wir wieder in Antofagasta waren ein kleines Nachbeben gespürt.

Chile als Land gefällt mir wirklich super gut. Für meine Gastfamilie (also bis zum 5. Grad) war ich von Anfang an wirklich ein Teil der Familie. Meine Gastopas und-omas nennen mich nur „hija“

(Tochter) und meine Gasteltern „millaray“, was so viel heißt wie „Frau aus Gold“ in der Sprache der Ureinwohner Chiles. Jeder Chilene versucht, einem gegenüber hilfsbereit zu sein.

Am Anfang war es schwierig für mich damit umzugehen, dass hier alles ein wenig chaotischer ist als in Deutschland, z.B. dass ein jeder zu spät zu vereinbarten Terminen erscheint. Die Menschen lassen sich hier für alles unglaublich viel Zeit. Dies weist schon einen großen Unterschied zu meiner deutschen Pünktlichkeit und der“ Zeit ist Geld Mentalität“, die ich aus Deutschland gewöhnt war, auf. Aber ich merke, dass ich hier immer gelassener werde und aufhöre, mir Sorgen zu machen. Ich geh nun an den Strand. Nos vemos…