Archiv des Autors: Philine

Die “Letzte Klingel”, ein blumenartiges Jubiläum und (Alb)Träume von Deutschland

05.06.2013: Es ist viertel nach acht, die flimmernde “junitypische” Tageshitze scheint sich langsam zu legen, sodass ich es wage, einen Schritt auf den Balkon hinauszutreten und meinen Blick ueber die Bucht des kaspischen Meeres schweifen zu lassen. Am anderen Ufer, wo die hohen Haueser von der Abendsonne noch hell erleuchtet sind, vermischt sich eine merkwuerdige Rauchwolke mit den tief haengenden Wolken am Himmel – dort hinten scheint also ein Haus zu brennen, oder sind es doch nur die Abgase einer Fabrik?

Mit dieser Frage werde ich mich aus “zeittechnischen” Gruenden jedoch jetzt nicht weiter beschaeftigen, denn ich sitze sozusagen auf gepackten Koffern  – NEIN!!!! Es handelt sich zum Glueck nicht um eine vorzeitige Zwangsrueckreise, sondern lediglich um einen dreitaegigen YFU-Trip in die historische und landschaftlich wunderschoen gelegene Stadt Şəki (Scheki) im hohen Norden Aserbaidschans. Morgen frueh geht es schon im Morgengrauen los, sodass ich den heutigen Blog wirklich einmal etwas kuerzer halten werde 😉

Die “Letzte Klingel” des Schuljahres – ein einmaliges Erlebnis!

Es hat sich ohnehin in den letzten Wochen hauptsaechlich alles um die Vorbereitung  jener Veranstaltung gedreht, die mir mein Leben lang in unfassbarer Erinnerung bleibt: Unserer grossartigen “Letzten Klingel”. Mit dieser Veranstaltung werden die Elftklaesser am 31. Mai, dem offiziellen Schuljahresende, von der Schule verabschiedet, einer der wichtigsten Momente im Leben meiner Mitschueler. Also hatten wir in den Wochen davor alles dafuer unternommen, um diese Veranstaltung so besonders wie moeglich zu gestalten. Unsere Tanzchoreographie wurde immer besser und um dem Ganzen noch das I-Tuepfelchen zu verleihen, haben wir uns bei einer total netten Schneiderin gleiche Roecke schneidern lassen. Da der Abschlussball auch noch bevorsteht, habe ich ihr den Entwurf meines Traumkleides (mit aserbaidschanischem Touch) gezeigt und sie war auf Anhieb bereit, es ebenfalls zu schneidern. Als ob das ganze Organisieren nicht schon genug waere, mussten wir in der letzten Schulwoche noch unsere Abschlusstests schreiben, denn die Zeugnisse werden erst spaeter in den Ferien verliehen. Ausserdem gab es am 23. Mai eine feierliche Zeremonie fuer die nun in die Mittelstufe wechselnden Viertklaessler,  bei der  wir Elftklaesseler ihnen ein Halstuch der Schule umgebunden und somit symbolisch ein Stueck unseres Wissens weitergegeben haben.  Natuerlich haben die Kids auch ihr taenzerisches Talent bewiesen, wie auf dem dritten Foto mit vollem Einsatz bei dem weltbekannten “Gangnam Style” :

Azerbaijan Diplomatic Academy                                                                                       

In den letzten zwei Schulwochen hatten wir fast jeden Tag “Universitaetsprogramm”: Wie bereits berichtet, versuchen hier viele Abiturienten sich an Unis im Ausland zu bewerben und wenn man in dem “abiturartigen” Test (TQDK) eine gute Punktzahl erreicht, wird das Auslandsstudium sogar von der aserbaidschanischen Regierung bezahlt. Natuerlich sind die hiesigen Universitaeten jedoch daran interessiert, dass ein paar der guten Studenten hier bleiben, sodass tagtaeglich ihre Vertreter an unsere Schule gekommen sind. Von der “Azerbaijan Diplomatic Academy”, einer hochmodernen Uni, an der nur auf Englisch studiert wird, wurden wir sogar zu einer Fuehrung eingeladen. Als ich berichtet habe, dass ich aus Deutschland sei und mich fuer Diplomatic Studies interessiere, wurde mir sofort freudestrahlend erzaehlt, dass es bis jetzt noch keine Studentin aus Deutschland dort gibt, ich aber aufgrund meiner Russisch-und Aserbaidschanischkenntnisse gute Chancen auf das Vollstipendium haette, das jedes Jahr an einen auslaendischen Studenten vergeben wird …. baxarıq…wir werden sehen 😉

So lagen bei uns allen durch das viele Programm die Nerven  blank und es war schwer, bis zum 31. Mai durchzuhalten, aber als dann der grosse Tag kam, war der Stress vergessen.

Der schoenste Moment war sicherlich, als wir uns am besagten Feiertag morgens ein letztes Mal im Klassenzimmer versammelt, von unserer Klassenlehrerin die Schleifen mit der Goldaufschrift “Выпускник” (Abiturient) umgebunden bekommen haben  und danach von den Erstklaesslern an der Hand durch die Schulflure gefuehrt wurden und uns alle Klassen zugejubelt und gratuliert haben! Mir war vor Aufregung so wackelig auf den Highheels zumute, dass mich der arme kleine Junge stuetzen musste, damit ich nicht umfalle. Das Aufeinandertreffen der Erst-und Elftklaessler bei der Ersten und Letzten Klingel ist Tradition, genauso wie dass die 10.-Klaessler den 11.-Klaesslern zum Abschied das Schulhalstuch umbinden und die 11.-Klaessler ihnen den «ключзнания» (Wissensschluessel) ueberreichen. Die Veranstaltung begann wie immer damit, dass die aserbaidschanische Nationalhymne gesungen wurde. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich vor Aufregung gar nicht so viel von den Einzelheiten der Veranstaltung mitbekommen habe, sodass ich froh bin, dass alles von Kameraleuten gefilmt wurde, sodass ich es spaeter noch einmal bei klarem Kopf anschauen werde. Die grossartige Atmosphaere hat sich wie in einem Rausch angefuehlt: Es wurden viele lobende Abschiedsworte an Lehrer und Schueler verkuendet, jede  Abschlussklasse des aserbaidschanischen und russischen Sektors hatten ihren Auftritt. Nach unserer Choreographie haben wir zu der Melodie von “Heleluja” einen Abschiedssong auf Russisch (die Lyrics hatten wir vorher dem Anlass angepasst) gesungen, haben uns an die Haende genommen und sind im Kreis gegangen, in dessen Mitte ein riesiger Ballon mit der Aufschrift “11r 2” (unsere Klasse) schwebte. Als wir dessen Baender am Ende des Lieds losgelassen haben und er hoch in die Luft geflogen ist, wurde mir auf einmal ganz mulmig zu Mute: Auch wenn ich in Deutschland noch weiter zur Schule gehen werde, ist die aserbaidschanische Schulzeit nun zu Ende… навсегда…fuer immer – und gleichzeitig stieg eine riesige Dankbarkeit in mir hoch, dafuer, dass ich diese wunderbare Zeit hier erleben durfte. Ich kann YFU, meiner Gastfamilie, meinen Lehrerinnen und Freunden gar nicht oft genug dafuer danken. Sie haben mich alle so grossartig unterstuetzt, wie z.B. meine Mathelehrerin (auf einem der folgenden Fotos zu sehen), die es wirklich nicht einfach mit mir hatte … 😀

Am Ende der Veranstaltung kam es zum symbolisch wichtigsten Moment, bei dem wie bei der Ersten Klingel ein Elftklaesser  eine Erstklaesslerin auf die Schultern nimmt und diese dann mit einer Glocke klingelnd das Schuljahr beendet, genauso wie es im September angefangen hat …

Hatte ich schon erwaehnt, dass das aserbaidschanische Fotografierverhalten absolute dem japanischen aehnelt 😛 :D????? Dementsprechend viel wurde nach Abschluss der Veranstaltung fotographiert und obwohl wir professionelle Filmleute und Fotographen organisiert hatten, haben einige noch ihre Privatphotografen antanzen lassen 😀

Anschliessend haben wir uns traditionell gegenseitig auf mitgebrachte T-shirts gute Wuensche geschrieben, bevor es nach Hause ging, wo mit den Grosseltern gefeiert wurde. Abends ging es dann zur Schuljahresabschlussdisco, wo die Traenen schon heftig geflossen sind. Auch ich habe ploetzlich realisiert, dass die fabelhafte Zeit bald zu Ende sein wird, allerdings gab es mittendrin noch einen Grund zur Freude: Anlaesslich des Tages hat meine Gastmutter das sonst recht streng gehaltene Ausgehverbot nach 18h gemildert und mir erlaubt, die Einladung von einem Freund anzunehmen, der ein paar seiner Freunde und Freundinnen ins “Chinar”– einem der feinsten Restaurants Bakus eingeladen hat  😉 Als ich um Mitternacht von seinem Chauffeur durch das Lichtermeer nach Hause gefahren wurde, habe ich darueber nachgedacht, wie komisch und falsch es mir vorkommen wird, bald in Deutschland als Maedchen den Fuehrerschein machen zu  muessen …

 

9. Mai – Tag des Sieges

Jetzt moechte ich zwei schon etwas zurueckliegende Anlaesse auf keinen Fall missen:

Zum einen den 9. Mai, an dem wir schulfrei hatten, was ich zuerst nicht glauben konnte, aber in einem Mal wurde dann alles klar: Der День победы (Tag des Sieges) wird in Russland anlaesslich des Endes des zweiten Weltkrieges gross gefeiert und als ehemaliges Mitglied der Sowietunion feiert Aserbaidschan mit. So haben wir die Uebertragungen der Parade auf dem Roten Platz in Moskau im Fernsehen angeschaut. Besonders beeindruckend war die Flugzeugparade, die die russische Flagge fliegend in den Wind gemalt hat.

 

10. Mai 2013 – 90 – jaehriges Jubilaeum Heydar Aliyevs

Der 10. Mai war erstaunlicherweise hingegen kein arbeitsfreier Tag obwohl der ehemalige Praesident Aserbaidschans Heydar Aliyev 90 Jahre alt geworden, wenn er noch am Leben waere. Die Aserbaidschaner verehren den von 1993 bis 2003 regierenden Praesidenten sehr, weil er bereits vor seiner Amtszeit als Praesident waehrend der Sowietzeit sehr viel fuer sein Volk getan, z.B. Fabriken und Kraftwerke erbaut und zum wirtschaftlichen Aufschwung sowie zum kulturellen Leben beigetragen hat und nach der Unabhaengikeitserklaerung 1991 Aserbaidschan zur Selbststaendigkeit verholfen hat. Deshalb wurde ihm zu Ehren anlaesslich des Jubilaeums am Heydar Aliyev Palast (vor der Erbauung der Crystal Hall die groesste Konzerthalle Bakus) ein wunderschoener, riesiger Blumenpark errichtet, den man eine Woche lang besuchen konnte. Wie auf den Fotos zusehen, war es am 11. Mai kaum moeglich, dort hereinzukommen und die Situation hat mich an Jahrmarktgedraenge erinnert, mit dem Unterschied, dass hier alle zwei Meter Security fuer Ordnung gesorgt und “Vorwaerts!” gerufen hat. Wie auf einem der Bilder zu sehen, wurden die wichtigsten Attraktionen und historischen Staetten Aserbaidschans “in Blume erbaut”, wie z.B. die Mərdəkən – Festung, von der ich im letzten Blog berichtet hatte. Ausserdem  waren (ortsanseassige) Tiere und Fotos der Praesidentenfamilie ausgestellt. Der Hoehepunkt der Ausstellung war das aus tausenden von Blumen ausgearbeitete Gesicht Heydar Aliyevs direkt vor dem Palast.

 

Ein Leben voller Disparitaeten …

… das ich im Moment hier fuehre, werde ich gleich nach den mir so sehr ans Herz gewachsenen Menschen nach meiner Rueckkehr wohl am meisten vermissen!!! Ein perfektes Beispiel stellt der gestrige Tag dar: Morgens haben die Austauschschuelerin aus Tschechien Marie und ich in der Einrichtung “Mission of Charity” mitgeholfen, die von Nonnen aus Indien errichtet wurde und in der kranke, arme, aeltere Menschen gepflegt werden und wenige Stunden spaeter sass ich als “braves Maedchen” um einen reich gedeckten Tisch in einem edlen Saal, da mich Maries Gastmutter wieder einmal zu einer Hochzeit mitgenommen hatte, um mir die Gelegenheit zu geben, das “aserbaidschanische Tanzbein” zu schwingen. Dieses Mal handelte es sich zudem um eine “fast richtige Hochzeit” (keine Beschneidungsfeier – fuer die, die sich an den vorletzten Blog erinnern 😀 :D). Dieses Mal konnte ich zwar das Brautpaar entdecken, habe mich  jedoch gewundert, warum die Braut ein rotes und kein weisses Kleid trug: Es handelte sich um eine “Qızın toyu”( Maedchenhochzeit), bei der nur die Verwandten und Freunde des Maedchens eingeladen werden, da bei der “richtigen Hochzeit” sonst zu viele Gaeste erscheinen wuerden. Meine Gastmutter hat mir allerdings erklaert, dass die meisten Familien heutzutage “nur” eine Hochzeitsfeier veranstalten.

Was in Europa mittlerweile ueber Partnervermittlungsagenturen ablaueft, wird in Aserbaidschan noch bei Hochzeitsfeiern “geregelt”. So war  eines der gestrigen Themen der edlen Damen unseres Tisches die “Vermittlung von Philine” an einen aserbaidschanischen Oğlan (Jungen). Es wurde heftig diskutiert und am Ende sind sie zum Beschluss gekommen, dass mein zukuenftiger Gatte auf jeden Fall Journalist sein sollte – wenigstens etwas !!! 😀 Vor ein paar Monaten waere ich dem Ganzen noch mit einer schnippischen Antwort wie “ Ich suche mir meinen  Mann lieber selber !” entgegnet, aber das habe ich inzwischen gelernt zu unterlassen. So habe ich mir die Diskussion mit einem Laecheln auf dem Gesicht angehoert und dabei die Klaenge der so vertrauten aserbaidschanischen Musik genossen.

 

(Alb)Traeume von Deutschland …

habe ich jetzt schon fast jede Nacht! Wenn ich dann aufwache, wuenschte ich mir in einigen Momenten nichts sehnlicher, als jetzt schon dort zu sein, in anderen Momenten kralle ich mich an der Bettkante fest und moechte die derzeitig durchlebte Phase am liebsten fuer immer festhalten. Dann sage ich mir: Alles hat seine Zeit und die Kunst ist es, jeden Augenblick zu verinnerlichen und zu geniessen …

…und dass werde ich natuerlich besonders auf der Reise nach Şəki tun, zu der wir in weniger als sieben Stunden aufbrechen werden!!

 

Euch wuensche ich jetzt eine gute Nacht “ Gecəniz xeyrə qalsın!” und verabschiede mich bis zum naechsten, allerletzten Blogeintrag!!

 

Eure noch fuer 21 Tage in Aserbaidschan verweilende Philine  (Es ist heute das erste Mal, dass ich die Tage bis zu meiner Rueckkehr zaehle!!!)

Vaxt gözləmir! Время бежит! Die Zeit rennt! ….

 

….so wie am heutigen Tag, Samstag 27.04. 19.09 Uhr  – strahlendster Sonnenschein, 25 Grad, eine leichter Luftzug und bewegungslos hupende Autos in der Innenstadt Bakus – das habe ich wahrgenommen, als ich heute aufgewuehlt von der Arbeit im Maryam – Center (Wohltaetigskeitszentrum fuer Kinder, wo ich Englisch unterrichte) nach Hause gegangen bin. Meine Gastmutter hat die Situation folgendermassen kommentiert: Der Praesident scheint unterwegs zu sein, also steht das Volk still, denn saemtliche Wege wurden abgesperrt. Zum Stillstehen war mir allerdings bereits seit heute Morgen so gar nicht zumute, als ich bemerkte, dass ich mein Portemonnaie verloren hatte, in dem sich mein deutscher Personalausweis, aserbaidschanischer Ausweis sowie Bankkarte befinden. Und ich dachte schon, ich waere durch das Auslandsjahr erwachsener geworden – NEIN! Es hat sich wie ein Rueckschlage angefuehlt: Statt ins Maryam-Center, bin ich sofort zur Schule gegangen, wo wir mit der Schulleiterin, Lehrerinnen und Hausmeistern alle Ecken abgesucht haben – erfolglos. Mit Freundinnen haben wir versucht jeden einzelnen meiner gestrigen Schritte zurueckzuverfolgen – ebenfalls erfolglos. Dass jemand es gestohlen haben koennte, war uebrigens von Anfang an ausgeschlossen – Aserbaidschan ist wirklich ein sehr sicheres Land und die Gesellschaft absolute loyal, sodass man um seine Wertsachen keine Angst haben muss – in der Schule, z.B., lassen wir selbstverstaendlich Handys, Geld, Kameras immer offen liegen.

Erst abends bin ich dann nach einigem detektivischen Nachdenken auf eine vielversprechende Idee gekommen. Wie ich vor einigen Monaten berichtet hatte, steht hier Sauberkeit in der Gesellschaft mit an oberster Stelle – so ist es zu einer meiner Gewohnheiten geworden, meine Tasche gruendlichst ueber dem Balkon auszuschuetteln, sobald sich in dieser ein bisschen Staub angesammelt hat – so wie gestern Abend. Und siehe da: Ich musste nur einen kurzen Blick nach unten werfen und schon ist mir mein schwarzes Portemonnaie ins Auge gesprungen – “gebettet” auf einem niedrig gelegeneren Hausdach zwischen den sich dort oben sonnenden Katzen. Sofort hat sich die naechste Frage gestellt : Wie bekommt man es am Besten dort herunter? Nur ehe ich mich versehen hatte, war einer der Eingangswaechter schon durchs Fenster aufs Nachbardach geklettert. Ich musste mich erstmal vom Schock des Tages erholen, aber (wie Mari aus Tschechien jetzt so schoen sagen wuerde) es ist schliesslich alles Erfahrung ! 😀

Viele neue Erfahrungen und Eindruecke gab es in den letzten Wochen natuerlich auch wieder:

Novrus – das Fruehlingsfest des Land des Feuers

Es liegt zwar schon eine Weile zurueck, aber ich moechte mit dem Bericht vom Novrus Bayramı beginnen, dem Fruehlingsfest, dessen Hauptfeiertage vom 19. – 22. Maerz stattgefunden haben. “Novrus” bedeutet “neuer Tag”, weil nun die Tage laenger und die Naechte kuerzer werden. Allerdings beginnt das Fest eigentlich schon viel frueher, denn es gibt vier Festtage, die jeweils Dienstagsabends stattfinden: Der erste war am 26.02., namens “Su Çərşənbəsi”. “Su bedeutet “Wasser”,  Çərşənbə” – Mittwoch, also mit etwas uebertragener Bedeutung erschliesst sich “der Abend vor dem Mittwoch, der dem Element Wasser gwidmet ist”. Am 06.03. war der “Od (Feuer) Çərşənbəsi”, am 12.03. der “Əl (Hand) Çərşənbəsi” und am 19.03. dann der “Torpaq (Erde) Çərşənbəsi”, der ueberall gross begangen wird: In meiner Gastfamilie wurde mit den Grosseltern gefeiert. Es gab wieder einmal das nationale Reisgericht “Plov” und auf keinen Fall duerfen selbstgemachte Suessspeisen fehlen. Auf dem ersten Foto ist“Paxlavan” zu sehen, aus Zuckermasse und Mandeln bestehend sowie “Şəkərbura”, halbmondfoermige Teigtaschen mit einer kruemmeligen Zuckerfuellung – alles auesserst suess, sodass man dazu schwarzen Tee trinken MUSS. Ausserdem werden blaetterteigartige runde Broetchen mit einer Curry-Fuellung gebacken (Goğal).[singlepic id=403 w=320 h=240 float=]

Schon den ganzen Maerz ueber hatte ich gefuehlt an jeder Strassenecke aufgestellte “Grasbueschel” entdeckt, das sogenannte “Səməni”, gruen spriessender Weizen, der eine erfolgreiche Aussaat und reiche Ernte symbolisiert, so wie hier an der Eingangstuer des Ateliers eines bekannten Kuenstlers der İçərişəhər (Altstadt Bakus)[singlepic id=399 w=320 h=240 float=]

Səməni gehoert auch zu den sieben Dingen, die unbedingt auf dem Novrus-Tisch stehen muessen. Auf dem folgenden Foto sieht man es im Hintergrund, auf dem kleinen Tablett stehen die anderen 6 Sachen (von links nach rechts): Süd (Milch), Su (Wasser), Sari kök (gelbes Möhrenpulver), Sumaq (Tomatengewürz), Sikkə (Münzen) und sığra (Ohrringe) – letztere hat meine Gastfamilie anstelle von “balıq” (Fisch) ausgewaehlt …[singlepic id=400 w=320 h=240 float=]

 

Um Mitternacht wurde am Bulvar – wie bereits zu Neujahr – ein grosses Feuerwerk gezuendet und meine Gastschwestern und ich haben uns die Eier vom bunten Nussteller genommen und ein traditionelles Spiel gespielt: Die Eier werden and der Spitze aufeinandergeklopft und derjenige, dessen Ei am laengsten “der Belastung standhaelt” und nicht kaputtgeht, hat gewonnen. Die bunten Eier haben mich doch sehr an unser Osterfest in Deutschland erinnert und ein bisschen Sehnsucht in mir ausgeloesst – selbst wenn sie anstatt von Punkten und Streifenmustern die aserbaidschanische Flagge als Schmuck getragen haben.[singlepic id=401 w=320 h=240 float=]

Eine andere Novrus-Tradition hingegen, hat mich an Nikolaus und Halloween erinnert: Als ich zwei Tage spaeter mit meiner ersten Gastfamilie Novrus feierte, haben meine Gastmutter und ich auf dem Weg zur Gasttante Muetzen mitgenommen, einmal kurz geklingelt, die Muetzen vor die Tuer gelegt und uns im Fahrstuhl versteckt. Mucksmaeuschenstill haben wir das herzhafte Lachen der Gasttante wahrgenommen, die die Muetzen mit Nuessen, Apfeln und Suessigkeiten gefuellt hat. Gegen Mitternacht sind wir in den Innenhof gegangen, wo Mitten zwischen all den schicken Autos ein grosses Feuer gezuendet wurde. Mir schien es ein bisschen gefaehrlich, da der Wind sehr stark war und ich habe meine Gastmutter gefragt, ob man so etwas bei der Polizei anmelden muss, aber sie meinte nur, dass es an Novrus jeder nach Lust und Laune macht. Und dann ist einer meiner grossen Wuensche in Erfuellung gegangen. Der Tradition nach durfte ich uebers Feuer springen und alle meine Aengste und Sorgen hinter mir lassen [singlepic id=402 w=320 h=240 float=]

 

Osterschnitzeljagd und Fotosession

Am 24.03. war ein Tag, an dem sehr viel Koordinationsfaehigkeit und starke Nerven gefordert wurden: Zusammen mit dem Kulturbereich der Deutschen Botschaft in Baku hatte ich eine Schnitzeljagd in den kleinen Gassen der Altstadt zum Thema “Fruehlingstraditionen – Ostern in Deutschland” fuer die ehemaligen Austauschschueler des Paedagogischen Austauschdienstes und YFU-Austauschueler organisiert. Allerdings wurden fuer den gleichen Tag Fotographen in die Schule bestellt, denn in der 11. Klasse ist es hier ueblich, ein schoenes Fotobuch als Erinnerung an die Schulzeit anzulegen und um “seinen Kindern spaeter zu zeigen, wie es damals war” (Worte unserer Klassenlehrerin). Die Frage, ob man ueberhaupt Kinder haben will, stellt sich hier uebrigens gar nicht: Es gehoert zur guten Sitte, dass man Mitte 20 heiratet und danach sofort Kinder bekommt! Die Fotosession sollte von morgens bis abends stattfinden- es herrschte absolute Anwesenheitspflicht, aber die Schnitzeljagd wollte ich natuerlich auch nicht absagen. Zum Glueck gab es da Mina xanim von YFU, die mit meiner Klassenlehrerin gesprochen hatte, sodass ich blitzschnell zwischen den beiden Veranstaltungen hin und herspringen konnte.[singlepic id=404 w=320 h=240 float=]

Mein Part bei der Schnitzeljagd ist es gewesen, sich die Quizfragen auszudenken. Am Besten ist die folgende angekommen:

 

“In katholischen Regionen Deutschlands, Österreichs und Frankreichs werden die Kirchenglocken zwischen Karfreitag und der Osternacht nicht geläutet.

Was erzaehlt man den Kindern als Begründung dafür?

 

a.       Der Weihnachtsmann und der Osterhase hatten einen Streit, sodass die Glocken kaputt gegangen sind.

b.      Zwischen Karfreitag und Ostersonntag geht man nicht zur Kirche.

c.       In der heutigen Zeit wird per “WhatsApp” und “Facebook” zum Gottesdienst gerufen.

d.      Die Glocken fliegen am Karfreitag nach Rom und kommen am Ostersonntag wieder zurück.”

 

Naaaaa????? Richtig ist natuerlich “d”, aber es hat sich gezeigt, dass Antwort “c” zuerst zum heissen Tipp gehoerte – in der heutigen Zeit schliesslich ja auch nicht mehr unrealistisch :P[singlepic id=405 w=320 h=240 float=][singlepic id=406 w=320 h=240 float=][singlepic id=407 w=320 h=240 float=]

 

Obwohl die Jugendlichen hier Schnitzeljagden nicht kannten, war es absolut amuesant. Denn wir haben uns gewundert, warum so viele der kleinen Dosen mit den Fragen verschwunden waren. Beim vorsichtigen Erkundigen bei den Souvenirhaendlern hat der erste zugegeben, dass er die Dose fuer Muell gehalten und deswegen entsorgt hatte und versuchte, leider vergeblich sie fuer uns aus dem grossen Container herauszufischen. Der zweite hat von einem Hochzeitspaar berichtet, dass sich an den sich in der Dose befindenden Schokoeiern erfreut und sie danach mitgenommen hatte 😀

 

26.03. : “Baku in einem Tag”- Einmal alles aus der Sicht eines Touristen

An diesem Tag hatte ich die grossartige Gelegenheit, so viele Touristenattraktionen der Umgebung Bakus zu sehen, wie ich es meine ganzen ersten 7 Monate lang nicht erlebt hatte. Grund dafuer war ein Familienfreund aus Deutschland, der eine abenteuerfreudige Reisegruppe durch Persien, den Iran, Aserbaidschan und Georgien geleitet, und mich dazu eingeladen hatte,an der Erkundungstour rund um Baku teilzunehmen. Es war fuer mich, als ob ich Aserbaidschan noch einmal neu kennenlernte und mir ist klar geworden, dass es etwas voellig anderes ist, ob man ein Land aus dem Blickwinkel eines Touristen erlebt oder ob man als Austauschschueler fast wie ein Einheimischer Stueck fuer Stueck in die Gegebenheiten der Kultur hereingelangt. Ausserdem habe ich so viel Neues, Interessantes erfahren, was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ueber mein Austauschland gewusst hatte: Zum Beispiel dass die Oelentdeckung in Baku total unerwartet geschah, den eigentlich wurde nach Wasser gegraben! Des weiteren, dass es einen Joint Venture mit einer deutschen Strassenbaufirma gab, die hier die im Land erste existierende Autobahn vom Flughafen nach Baku gebaut hat.

Unser erstes Ausflugsziel war der “Yanar Dağ” (brennende Berg),aus dem von Natur aus das ganze Jahr ueber, selbst bei Schnee, Feuer sprudelt. Grund dafuer ist das grosse Erdgasvorkommen suedlich der Abşeron – Halbinsel. Diese Art von Erdgasquellen soll es schon im Altertum gegeben haben und sind auesserst selten auf der Welt zu finden, Marco Polo hatte ueber die “ewigen Feuer” in Aserbaidschan im 13. Jahrhundert das erste Mal berichtet. Je nach Witterung sind die Flammen mal kleiner, mal groesser und obwohl sie an unserem Ausflugstag nicht ihre Maximalhoehe von 3 Metern erreicht hatten, war es fuerchterlich heiss um sie herum…[singlepic id=408 w=320 h=240 float=][singlepic id=409 w=320 h=240 float=][singlepic id=410 w=320 h=240 float=][singlepic id=411 w=320 h=240 float=]

 

Danach sind wir zur Burg “Mərdəkən” gefahren: “Mərd” bedeutet “mutig” und  “kən” heisst “Dorf” – daraus ergibt sich: Wohnort der mutigen Menschen. Der 28 Meter hohe Turm wurde im 15.Jahrhundert gebaut und diente bis zur russischen Eroberung als eine der vier Verteidigungsanlagen, auf deren Spitzen bei Gefahr Feuer gezuendet wurde. Eine der anderen Verteidigungsanlangen ist der Jungfrauenturm “Qız Qalası”, ueber den ich ganz zu Anfang berichtet hatte.[singlepic id=412 w=320 h=240 float=]

Auf dem Weg zu unserem naechsten Ausflugsziel, dem Feuertempel “Atəşqah”, sind wir durch die riesigen Oelfelder rund um Baku gefahren. Besonders intensiv wahrzunehmen war der stechende Oelgeruch, der selbst durch geschlossene Busfenster gedrungen ist:[singlepic id=413 w=320 h=240 float=]

 

Der Feuertempel wurde Ende des 17. / Anfang des 18. Jh. von Haendlern der Seidenstrasse aus Indien gebaut und als Gedenkstaette genutzt. Ausserdem konnten Maenner dort von ihren Suenden freikommen. Allerdings deutet der Name auf eine Gedenkstaette der Zoroastrier hin, die ihre Rituale dort aufgrund des frueher natuerlich austretenden Feuers durchgefuehrt haben. Als im 19. Jahrhundert die Oelanlagen dort aufgestellt wurden, hat man diesem Ort allerdings wenig Ehre zugewiesen: Unsere Reiseleiterin hat uns erzaehlt, dass in den 1960-ern dort 11.000 Tonnen Muell abtransportiert wurden, bevor man an diesem Ort ein Museum errichtet hat.[singlepic id=414 w=320 h=240 float=][singlepic id=415 w=320 h=240 float=]

 

Wie an so vielen Orten in Aserbaidschan, wird rund um den Feuertempel herum noch fleissig gebaut, was aber auf keinen Fall die Touris fernhalten soll, sodass die Jungs auf dem folgenden Foto gerne fuer uns posiert haben :D[singlepic id=416 w=320 h=240 float=]

 

Weiter ging es in die “Villa Petrolea”, die 1881 von den Nobel-Bruedern aus Schweden gebaut wurde (Alfred Nobel hat 1901 den Nobelpreis gestiftet). Sein Bruder Robert Nobel war 1873 zuerst nach Baku gekommen, um mit Walnussholz zu handeln. Aus der suedlichen Region Aserbaidschans “Lenkeran” hat er fruchtbaren Boden nach Baku transportiert, um gutes Holz fuer Gewehrkolben zu erhalten, die er nach St. Petersburg verkaufte. Dann ist ihm allerdings aufgefallen, dass es durchaus effizienter sein koennte, mit dem Oel hier zu handeln, ist zum Oelbaron geworden und hat seinen Bruder Alfred Nobel ebenfalls nach Baku geholt. [singlepic id=417 w=320 h=240 float=]

Die Villa ist heute zwar fuer Touristen zugaenglich, wird aber von der Nobel-Familie gelegentlich noch bewohnt und ist Veranstaltungsort fuer wichtige Meetings der Oelbranche. Auf dem ersten Foto sieht man die beiden Portraits der Nobel-Brueder, auf dem zweiten einen typischen schwedischen Holzschrank, der beweist, dass die Brueder die Villa nach ihren Heimatstandarts eingerichtet hatten J Leider wurden viele der Antiquariate natuerlich waehrend der Sowietzeit beschlagnahmt, aber mittlerweile wieder “nachgeliefert” …[singlepic id=418 w=320 h=240 float=]

Anschliessend wurden wir zu einem der “touristischsten Plaetzen” Bakus kutschiert: Warum ich dies so zynisch betrachte? Es handelt sich um eine riesige Aussichtsplattform, die vor Sauberkeit glaenzt, sodass nahezu kein Staubkorn vorzufinden ist. Zu ihr gelangt man ueber die Gedaechtnisallee, die an die Opfer des 20. Januars 1990 erinnert (s. vorletzten Blogeintrag und erstes Foto) und von ihr aus hat mein einen malerischen Blick ueber ganz Baku (zweites Foto: Cristall Hall, drittes Foto: Promenade usw). Bemerkenswert nur, dass ausser ein paar Touristen dort niemand anzutreffen ist: Ein Blick in die vereinzelten Baueme zeigt den Grund: Dort ist eine versteckte Kamera nach der anderen angebracht, um Touristen nicht mit Wache haltenden Polizisten zu beunruhigen, aber gleichzeitig die Liebespaare von diesem romantischen Ort fernzuhalten, die es doch tatsaechlich wagen koennten, die oeffentliche Ordnung zu stoeren: Die Strafen fallen allerdings vergleichsweise gering aus – fuer einen oeffentlichen Kuss beispielsweise, werden einem lediglich 15 Manat abkassiert :D[singlepic id=398 w=320 h=240 float=][singlepic id=420 w=320 h=240 float=][singlepic id=419 w=320 h=240 float=]

Unser letzter Tagespunkt war die Altstadt Bakus “İçərişəhər”: Dort haben wir die Attraktionen abgeklappert, ueber die ich im Laufe der ersten 7 Monate hier schon berichtet hatte: Den Schirwanschahs Palast, das Miniaturbuchmuseum, das Atelier des Malers, bei dem ich gelegentlich mal hereinschaue und selbst den Pinsel in die Hand nehmen kann. Besonders Spass gebracht hat es, beim Souvenirkauf fuer die Mitglieder der Reisegruppe die Preise herunterzuhandeln und es ist mir erneut bewusst geworden, dass man als Austauschschueler durch Sprach-und Kulturkenntnisse in nicht selten die Privilegien eines Einheimischen geniessen kann 😀

Der Abschluss des Tages hat in einem gemuetlichen Restaurant stattgefunden, wo zu traditionellen Speisen Feuerspucker und Bauchtaenzerin fuer Unterhaltung gesorgt haben. Ich musste mir ein Laecheln auf den Lippen verkneifen, als ich die etwas Entsetzung andeutenden Gesichtsausdruecke der Kellner bemerkt habe, als die Frauen aus der Reisegruppe Bier und Wein bestellten. Alkohol konsumieren in der Oeffentlichkeit? Fuer aserbaidschanische Frauen ein No-Go! [singlepic id=421 w=320 h=240 float=]

 

Anzeichen auf einen deutschen Kulturschock, fragwuerdige Attestatpruefung und Polizeischulung

Dies ist nur eine der vielen kleinen Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Rueckkehr nach Deutschland in zwei Monaten zu einem riesigen Kulturschock wird. Darueber haben wir am 10.04. bei unserem YFU-Mittelseminartag diskutiert und waren uns einig, dass wir uns wie ein Fremder im eigenen Land vorkommen werden.

Ausserdem haben wir ueber das grosse Thema “Attestatpruefung” gesprochen. Diese legen hier alle Schuler am Ende der 11. Klasse ab, um am TQDK, dem Uniaufnahmetest teilnehmen zu koennen. Mari aus Tschechien wird diese Pruefung mitschreiben duerfen und bei Bestehen sogar gleich an die Uni in Teschechien gehen. Mir wurde an der Schule hingegen gesagt, dass man laut Bildungsministerium 11 Jahre hier zur Schule gehen muss, um das Attestat zu erhalten. Die ganze Chose zieht sich jetzt schon Monate hin und es erinnert mich so ein bisschen an das Verfahren zur Visumsverlaengerung im Migrationsamt damals. Und dadurch, dass der Bildungsminister hier gerade gewechselt hat, wird alles noch komplizierter. Abgesehen davon ist es fraglich, ob ich das Attestat ueberhaupt schaffen kann, da es sich auf ALLE Inhalte ab der 5. Klasse bezieht und meine Klassenkameraden jetzt in den letzten Monaten von morgens bis abends zu Privatlehrern gehen. Und da Deutschland sich beim Anerkennen auslaendischer Zertifikate ja bekanntlich etwas schwertut, wuerden mir die Abiturpruefungen sowieso nicht erspart bleiben…

Apropos Schulabschluss: Hier ist es seit einigen Jahren ueblich, dass die Polizei gegen Ende der Schulzeit den Elftklaesslern darueber einen Vortrag haelt, dass man doch bitte im Falle eines Auslandsstudiums unbedingt zurueckkommen soll, um die Entwicklung des eigenen Staates zu foerdern. Zunaechst wurde natuerlich gruendlichst die Anwesenheit kontrolliert. Als mein Name an der Reihe war, weiteten sich zuerst die Augen des Polizisten, dann ging ganz langsam “P..pp..i..l..i..n…Bex..rrens” ueber seine Lippen, gefolgt von :”WOHER kommst du bitte?” was einen Lachanfall bei meinen Mitschuelern, aber in mir nachdenkliche Stimmung ausgeloest hat: So sehr ich es im Moment auch moechte, werde ich NIE ganz wie eine Aserbaidschanerin sein …

 

19.04.: Internationales Flair im Hilton Hotel

Als sich an unserer Schule Anfang April eine amerikanische Universitaet vorgestellt hatte, ist das “Azeri Stundent – Magazin” auf mich aufmerksam geworden und haben mich zu einem Interview in ihre Redaktion eingeladen. Dort habe ich erfahren, dass es das erste Magazin fuer Jugendliche ueberhaupt in Aserbaidschan ist und in erster Linie Infos und Beratung zum (internationalen) Studium gibt. habe ich mich sehr darueber gefreut, dass sie mich sofort dazu eingeladen haben, bei der internationalen Universitaetsausstellung im Hilton Hotel dabei zu sein.[singlepic id=424 w=320 h=240 float=][singlepic id=397 w=320 h=240 float=]

Nachdem ich am Messestand von “Azeri Student” ein bisschen mitgeholfen hatte, bin ich selbst auf Erkundungstour gegangen und habe das internationale Flair der Ausstellung in vollen Zuegen genossen. Ich war begeistert davon, dass Vertreter von Universitaeten aus Istanbul und ich uns ohne Probleme verstanden haben, auch wenn sie auf Tuerkisch und ich auf Aserbaidschanisch geredet haben. An einem anderen Stand aus der Tuerkei haben wir uns als gemeinsame Sprache auf Franzoesisch geeinigt, waehrend ich bei der Vertretung einer Universtitaet in Suedengland, die Austauesche mit Spanien durchfuehrt, mit einem gebuertigen Spanier meine etwas eingerosteten Spanischkenntnisse auffrischen konnte. Auf Englisch ging es bei Unis aus Schottland und Amerika weiter, bevor ich es gewagt habe, mit den etwas streng aussehenden blond-blauauegigen Herren von der weissrussischen Stadtsuniversitaet ins Gespraech zu kommen. Das “gute alte Deutsch” war natuerlich auch “involviert”, denn der Deutsche Akademische Austauschdienst war ebenfalls anwesend.[singlepic id=422 w=320 h=240 float=][singlepic id=423 w=320 h=240 float=]

 

“Monitoring” – 3-stuendiger Vergleichstest und in 5 Wochen Schuljahresende

Da ich es  – wie so hauefig nicht geschafft habe, den Blog in einem Mal fertigzustellen ist es heute schon wieder Montagnachmittag und es fuehlt sich gerade so an, als ob mein Kopf jede Sekunde auseinanderplatzt. Grund dafuer ist das “Monitoring”, dass wir heute 3 Stunden lang geschrieben haben. Dieses Mal ist es eine erste Schuljahresabschlussarbeit, die unsere fuenf Hauptfaecher Russisch, Mathe, Erdkunde, Geschichte und Englisch umfasst hat, aber bedauerlicher Weise auch wieder Inhalte ab der 5. Klasse sodass eigentlich geplant war, dass ich nicht mitschreibe. So haben meine Freundin und ich gestern ganz gemuetlich das schoene Wetter an der Promenade des kaspischen Meers genossen, anstatt zu lernen (auf dem zweiten Foto sieht man im Hintergrund das Regierungsgebaeude):[singlepic id=425 w=320 h=240 float=][singlepic id=426 w=320 h=240 float=]

In der Schulleitung wurden mir dann heute Morgen allerdings zwei Moeglichkeiten angeboten: “Philine, entweder wir schicken dich fuer heute nach Hause oder du versuchst einfach mitzuschreiben!” Ich habe kurz gezoegert, weil ich die letzten allumfassenden Vergleichstests in kaempfender, “sich durchbeissender” Erinnerung hatte, aber mir dann gesagt, dass ich meinen guten Willen zeigen will und es zumindest einen Versuch Wert ist. Und siehe da: Ich habe schon wesentlich mehr verstanden, als bei den ersten Malen und weitaus mehr beantworten koennen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich an all den Herausforderungen der letzten 8 Monaten gewachsen bin und scheinbar unloesbaren Aufgaben jetzt wesentlich gelassener entgegenblicke.

 

Das Schuljahr neigt sich nun mit grossen Spruengen dem Ende entgegen: Unterricht wird kaum noch durchgefuehrt, da viele meiner Klassenkameraden nur noch fuer Tests zur Schule kommen und sich sonst auf Hochtouren mit ihren Privatlehrern auf die Pruefungen vorbereiten. Aus diesen Gruenden muss ich zugeben, dass ich mich manchmal etwas unwohl fuehle, da ich mich gerne auf Tests vorbereiten wuerde, es aber in meinem Fall unsinnig waere, monatlich an die 600 Euro fuer Privatlehrer auszugeben. Dass hier Bildung so stark mit finanziellen Mitteln verbunden ist, hat den Grund, dass Lehrerinnen nur 200 Manat (wie Euro) monatlich vom Staat erhalten, die Lebenshaltungskosten allerdings auf westeuropaischem Standart sind. Klar, dass man sich dann in erster Linie auf seinen Privatunterricht konzentriert, der einem pro Schueler 100 Manat monatlich einbringt! So bin ich gluecklich, dass ich die Gelegenheit habe, im Maryam-Center jetzt Russisch -, Aserbaidschanisch -, sowie ein bisschen Matheunterricht auf Aserbaidschanisch (fuer mich als Schuelerin aus dem russischen Sektor total die Umstellung 😀 ) zu erhalten …

 

Jetzt werde ich mich ganz schnell auf den Weg zum Tanzunterricht begeben und sende euch ein paar der grellen Sonnenstrahlen, verbunden mit ein paar frischen Brisen vom kaspischen Meer!!!

 

Herzliche Gruesse

Philine

 

Deutsche Botschaft, Jugendparlament, Tanzauftritt und “Toy, Toy, Toy!”

Salam ihr Lieben!!!

 

Heute melde ich mich aus einem Land, das mitten im “Novrus – Bayramı – Fruehlings – Neujahrsfestfieber” steckt, denn morgen wird dessen Hauptfesttag begangen! Dieses Mal ist mir danach, meinen Bericht von hinten anzufangen, also mit dem Aktuellesten zu beginnen!!

 

17. 03. :  Toy!!! Toy?! Sünnət Toyu!! 😀

 

Gestern Morgen waere ich am liebsten vor Freude in die Luft gesprungen, als die Gastfamilie von Marie, der tschechischen Austauschschuelerin, mir spontan angeboten hat, mich abends auf eine “Toy” mitzunehmen. “Toy” bedeutet “Hochzeit” – dachte ich zumindest – und ich konnte es kaum erwarten, so ein zeremonielles Ereignis einmal hautnah mitzuerleben! Novrus ist das beliebteste Datum, um so eine Feier zu begehen. So hat mir Maries Gastmutter erzaehlt, dass sie im Moment fast jeden Tag eingeladen sind!

 

Dort angekommen, ist mir der Mund vor Erstaunen offen stehen geblieben: Einen so prachtvoll orientalisch geschmueckten, riesigen Saal hatte ich selten vorher betreten. Mir wurde erzaehlt, dass das “Yəganə – Restaurant” dem Onkel des Praesidenten gehoert, pro “Stuhl” (also Gast,der so gross ist, dass er alleine sitzen kann :D), zahlt der Gastgeber 100 Manat,  was mir angesichts der reichhaltigen Tafel verhaeltismaessig wenig vorgekommen ist. Von Kebab bis Kaviar war dort alles zu finden, was das Herz begehrt und wenn man vom Tanzen an seinen Platz wieder zurueckgekehrt ist, wuerde einem vom Kellner schon der Stuhl zugeschoben.  Das Programm hat keine Sekunde Langeweile aufkommen lassen. Zwischen zahlreichen traditionellen Tanzauffuehrungen und Konzerteinlagen wurden alle Gaeste zusammen immer wieder aufgefordert, das Tanzbein zu schwingen und mit Marie und ihrer Gastfamilie hat es natuerlich doppelt Spass gemacht.[singlepic id=326 w=320 h=240 float=][singlepic id=322 w=320 h=240 float=][singlepic id=320 w=320 h=240 float=]

 

Nur irgendwann habe ich mich ehrlich gewundert, wo den das Brautpaar bleibt, was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht entdeckt hatte. Verwundert habe ich Maries Gastschwester gefragt, die nur laut aufgelacht und mir erklaert hat, dass man im Aserbaidschanischen das Wort “Toy” fuer zwei verschiedene Zeremonien benutzt: Hier handelte es sich nicht um eine Hochzeit, sondern um ein Beschneidungsfest – “sünnət toyu”! 😀 Deswegen waren so viele Kinder und Animateure anwesend – von Clowns bis Zauberern, die selbst die Erwachsenen und auftretenden Saenger geneckt haben – war alles dabei! Die eigentliche Beschneidungszeremonie fand allerdings nicht mit uns 300 Leuten, sondern erst am naechsten Morgen im Kreis der engsten Familie (50 Leute) statt. Gegen Ende der Feier hat dann ein hier bekannter DJ fuer Stimmung gesorgt, sodass Gaeste jeden Alters zu einem Mix aus aktuellen Hits und traditionellen Liedern die Leidenschaft des Tanzens geteilt haben, bevor gegen 1.00 Uhr alle geimeinsam wie nach Programm gegangen sind 😀 Auf der einen Seite haette ich noch stundenlang weitertanzen koennen, auf der anderen Seite droehnte mir ganz schoen der Kopf: Auch wenn ich die aserbaidschanische Musik liebe, reicht es nach sechs Stunden – dachte ich, denn selbst im Traum danach haben mich die Klaenge nicht losgelassen!!![singlepic id=323 w=320 h=240 float=]

 

Natuerlich sind die Kinder bei dieser Art von “Toy” die Hauptpersonen: Sie sitzen an ihrem eigenen Tisch am Ende des Saals auf einer Art Tribuene, die sonst fuer das Brautpaar genutzt wird. Auf dem ersten Foto sind Mari und ich u.a. mit dem gefeierten Jungen zu sehen, das zweite Foto gibt einen Einblick ins Animationsprogramm: selbst die Kleinsten beherrschen schon den traditionellen Tanz! Das “leuchtende Buendel” ist ein aegypitscher Taenzer, der sich atemberaubend schnell im Kreis drehend mit Regenschirmen eine tolle Show hingelegt hat![singlepic id=325 w=320 h=240 float=][singlepic id=324 w=320 h=240 float=]

 

 

 

14. 03.: Novrus – Fest und “Hochzeit” in der Schule

 

Da ich es  –  fasziniert von den aserbaidschanischen Hochzeitszeremonien  –  scherzhaft zu sagen pflege, dass ich unbedingt hier meine Hochzeit feiern moechte, hatten sich meine lieben Klassenkameraden fuer den vorletzten Schultag vor den Ferien etwas Besonderes ueberlegt und eine traditionelle“Toy” der besonderen Art fuer mich vorbereitet – diesmal natuerlich wirklich in der Bedeutung von “Hochzeit” 😀 So wurde ich beim Betreten des Klassenraums lautstark empfangen, sofort verschleiert und von meinen Freundinnen fuer die “Hochzeit” vorbereitet. Genauso lautstark ging es dann bei der “Uebergabe” durch den “Brautvater” an den “Brauetigam” weiter, denn daraus entwickelte sich sogar ein kleiner Kampf. Der Vater war allerdings schnell besiegt, sodass am Ende alle getanzt haben – die “Frauen” heulend – trauernd um die nun vergebene Braut 😀 Wir hatten sichtlich Spass beim Schauspielern und dass wir ein bisschen lauter waren, hat niemanden wirklich gestoert, denn die ganze Schule hat an diesem Tag bereits Novrus gefeiert! Aus den Schullautsprechern erklang traditionelle Musik und ueberall auf den Fluren wurde zusammen getanzt! Ein Besuch bei der Schulleiterin in unseren Kostuemen durfte fuer die 11. – Klaessler nicht fehlen (1. Foto)  und die Lehrerinnen, die sich nicht verkleidet hatten, haben sich schnell ein Stueck unserer Schleier geschnappt (s. 2. Foto: hier mit meiner Russischlehrerin)! [singlepic id=317 w=320 h=240 float=][singlepic id=319 w=320 h=240 float=][singlepic id=318 w=320 h=240 float=][singlepic id=307 w=320 h=240 float=]

 

 

E-mail Freundschaften zwischen Gast- und Heimatschule

 

Um auch andere deutsche Jugendliche am Entdecken der vielseitig spannenden Kultur Aserbaidschans teilhaben zu lassen und auf der anderen Seite den Jugendlichen hier die Moeglichkeit zu geben, die deutsche Kultur kennenzulernen sowie ihre Deutsch – oder Englischkenntnisse zu verbessern, habe ich das Projekt “E-mail-Freundschaften” in die Wege geleitet – eine neue Kooperation zwischen dem Baku European Lyceum (meiner Gastschule) und der Halepaghen – Schule (meiner Heimatschule)!

Es laueft so ab, dass jeder, der Teilnehmen moechte, einen Steckbrief ueber sich verfasst und ich dann die internationalen „Freundschafts – Paare“ alters  – und interessengerecht zusammenfuege. Hier treffen wir uns regelmaessig mit der Projektgruppe und diskutieren ueber Themen, ueber die man sich gut mit seinen E – mail -Freunden austauschen kann, z.B. ueber Familienleben, Feiertage usw.

Schon jetzt freue ich mich immer wieder, wenn mir die Teilnehmern von interessante Gespraechen mit ihren neuen Freunden berichten und bin den uns so lieb unterstutzenden Lehrerinnen auf beiden Seiten unendlich dankbar! Mein groesster Wunsch ist es natuerlich, dass daraus lebenslange Freundschaften entstehen … ;)[singlepic id=313 w=320 h=240 float=]

 

 

 

8. Maerz = Weltfrauentag = Feiertag = SCHULFREI!!!

 

Ja, ihr habt in der Ueberschrift richtig gelesen: der Weltfrauentag wird hier als offizieller Feiertag anerkannt und verspricht zumindest den Jungs und Maennern leere Taschen – denn an diesem Tag werden die Frauen reichlich beschenkt – rund um dieses Datum herum machen die Blumenlaeden Aserbaidschans wohl den besten Umsatz im Jahr. So wie der kleine Laden unten auf dem Foto: “Çiçək Səbəti” (Blumenkorb) – “Çiçəksiz olmaz” – meine “freie Uebersetzung”: OHNE BLUMEN GEHT NİCHT! Und wirklich: Als meine Freundin und ich uns am 08.03. auf die gleichzeitig an diesem Tag ueberall anfangenden Angebote gestuerzt haben, war auf der Strasse ein glueckliches Liebespaar nach dem naechsten zu sehen; die Maedchen vollbeladen mit ueppigen Blumenstraeussen oder Riesenkuscheltieren. Abends haben wir den Weltfrauentag dann im Kreise der Familie mit Oma, Tanten, Cousinen usw. gefeiert![singlepic id=316 w=320 h=240 float=]

 

Am siebten Maerz wurden bereits die Lehrerinnen  beschenkt und die Jungs hatten fuer alle Maedchen der Klasse Rosen und eine gigantische Torte organisiert, was ich nur aus Erzaehlungen mitbekommen konnte!

 

Denn dieser Tag war fuer mich einer der Hoehepunkete meines Austauschjahres: Ich wurde zu einem Schnuppertag in die Deutsche Botschaft eingeladen. Aus “protokollarischen Gruenden” ist im Nachfolgenden der Bericht zu lesen, den ich auch fuer die Homepage der Botschaft geschrieben habe 😉

 

 

 

07. 03. : Diplomatisch-deutsche Luft schnuppern am Schnuppertag in der Deutschen Botschaft

“Heute durfte ich als YFU – Austauschschülerin in der Deutschen Botschaft in Baku ein bisschen  diplomatisch-deutsche Luft schnuppern und somit einen ereignisreichen Schnuppertag verbringen.

Nachdem mich Kristina Siebke um 8.30 Uhr am Eingang der Botschaft abgeholt hatte, stellte sie mich zuerst ihren Kollegen vor, die mich alle sehr freundlich und aufgeschlossen begrüßt haben, sodass ich mich gleich äußerst wohl gefühlt habe. Kurz darauf hat sich der Botschafter Herr Quelle für ein Gespräch mit mir Zeit genommen, sodass ich die Gelegenheit hatte, ihm ein paar Fragen zu seiner Arbeit zu stellen. Besonders hat mich interessiert, wie er mit seinen aserbaidschanischen Kooperationspartnern bei kritischen, gesellschaftspolitischen Themen geschickt durch diplomatisches Feingefühl kommuniziert. Anschliessend habe ich einen Einblick in den Fachbereich Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Kultur erlangt, indem  mir  u.a. einige soziale Projekte, wie zum Bespiel Schulprojekte, vorgestellt wurden, die die Deutschen Botschaft begleitet. Danach durfte ich im Bereich der Pressearbeit bei einem Gesprächstermin mit einem unabhängigen Medienvertreter Aserbaidschans dabei sein, was für mich persönlich sehr informativ und aufschlussreich war. Nicht zuletzt habe ich durch die am Gespräch teilnehmende Dolmetscherin einen ersten Eindruck des komplexen sprachmittlerischen Aufgabenfelds erhalten und natürlich ein paar neue, pressespezifische aserbaidschanische Wörter gelernt. Anschliessend ging es zur Mittagspause, während der mich meine netten“Eintageskollegen” in ein türkisches Restaurant eingeladen haben. Die Unterhaltung mit ihnen war sehr spannend aufgrund der zahlreichen Dienst- und Lebenserfahrungen, die jeder von ihnen individuell in unterschiedlichsten Ländern bereits gemacht hat. Nach der Mittagspause ging es in der Rechts- und Konsularabteilung weiter. Dort konnte ich über die Regeln, die für nach Deutschland einreisende Aserbaidschaner gelten,  Interessantes erfahren sowie direkt mit an der Annahme der Visastelle sitzen, wo die Aserbaidschaner ihre Visumsantraege oder bei Problemen diesbezüglich Fragen stellen. Ich war beeindruckt von der Tatsache, dass dort in sekundentempo zwischen Deutsch, Englisch, Aserbaidschanisch und Russisch– je nach bedarf des Kundens –  gewächselt wird!

Gegen 17 Uhr neigte sich mein Tag in der deutschen Botschaft dem Ende zu, sodass ich noch eine Ablschlussbesprechung mit dem Botschafter und Kristina Siebke hatte, bevor ich mich wieder auf den Heimweg zu meiner aserbaidschanischen Gastfamilie begeben habe – ein bisschen wehmütig durch die Tatsache, die Auslandsvertretung meines Heimatlandes wieder verlassen zu müssen, aber gleichzeitig beglückt durch die vielen neuen Eindrücke, die ich heute erhalten habe! Ein riesengroßes Dankeschön an alle in der Deutschen Botschaft, die mir diesen Schnuppertag zu einem unvergesslichen Erlebnis meines Austauschjahres gemacht haben! Der heutige Tag hat mir meinen langjährigen Wunsch erneut bestätigt: später selbst im diplomatischen Dienst zu arbeiten …”

Das erste Foto zeigt den Botschafter Herrn Quelle und mich, auf dem zweiten bin ich vor dem ISR – Plaza (grosses Gebauede, in dem sich die Botschaft befindet) mit “Sturmfrisur” zu sehen …

[singlepic id=315 w=320 h=240 float=][singlepic id=314 w=320 h=240 float=]

 

 

 

“Xocalı” – Ein Massaker des Bergkarabachkonflikts

 

Am 26.02. wird hier der Trauertag “Xocalı” (Chodschali) begangen, anlaesslich der Tragoedie, die sich 1992 in der Nacht vom 25.02. auf den 26.02. in der gleichnamigen Stadt in Bergkarabach abgespielt hat. Armenische Streitkraefte zerstoerten die Stadt und griffen in brutaler Weise auf die aserbaidschanische Bevoelkerung ueber, um eine “ethnische Saueberung” durchzufuehren.

 

In der Schule hat unsere Geschichtslehrerin uns eine Praesentation darueber gehalten und – auch wenn ich bei Aussagen bezueglich des Bergkarabachkonflikts persoenlich ausserst vorsichtig bin – muss ich sagen, dass die von den Armeniern mutmasslich gemachten Bilder einfach nur schockierend sind. Zum Beispiel wurden hochschwangeren aserbaidschanischen Frauen die ungeborenen Babys aus dem Bauch geschnitten, als Symbol der “Ausloeschung des aserbaidschanischen Volkes”.  Vor Alten und Kranken wurde ebenfalls nicht halt gemacht. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, durch die in Deutschland erhaltenen Informationen bezueglich des Holocausts, schon das Grausamste gesehen zu haben, aber ich hatte mich geirrt …

 

Bezeichnend finde ich, dass selbst sechs – bis siebenjaehrige Kinder hier auf dieses Massaker schon aufmerksam gemacht und ihnen die schrecklichsten Bilder gezeigt werden. Auf meine Frage, ob der Hass gegen die Armenier oder sogar ein Rachegefuehl auf diese Weise nicht nur noch verstaerkt wird, hat meine Lehrerin geantwortet, dass das Gegenteil erreicht werden soll: Die Bilder sollen zeigen, wozu der Mensch faehig ist, damit so etwas nie wieder passiert!

Auf dem Foto sind Zeichnungen zum Thema “Xocalı” von Kindern aus der Grundschulstufe zu sehen:[singlepic id=312 w=320 h=240 float=]

 

Jetzt fehlen noch zwei Ereignisse, die schon etwas weiter zurueckliegen und die ich schon im letzten Blog angekuendigt hatte: Zum einen meine erste Tanzauffuehrung am 16. 02., zum anderen die Sitzung des Europaeischen Jugendparlamentes am 16.02. und 17.02.!

 

Meine erste Tanzauffuehrung – das Annehmen einer anderen Kultur mit Leib und Seele

Die Auffuehrung auf der Party der “LİNGVA – School” (Sprachschule, in der ich zum Aserbaidschanischunterricht gehe), ist super gelaufen, auch wenn mir selbst tausend Bewegungen einfallen, die ich haette besser machen koennen! Es war mir ein Genuss, aus den Augenwinkeln  die Erfreutheit in den Gesichtern der klatschenden Zuschauer zu sehen, die es zuerst bei der Ansage durchs Mikro nicht glauben konnten, dass ein deutsches Maedchen nicht nur ihre Sprache lernt, sondern ebenfalls ihren Nationaltanz vorfuehrt und somit ihre Kultur mit Leib und Seele annimmt! Das Kostuem aus ihrer Sammlung hat mir meine liebe Tanzlehrerin uebrigens geschenkt ;)[singlepic id=309 w=320 h=240 float=][singlepic id=311 w=320 h=240 float=][singlepic id=310 w=320 h=240 float=][singlepic id=308 w=320 h=240 float=]

 

Die erste Schulsitzung des European Youth Parliaments – DROIT, DROIT, DROIT

Die Teilnahme an diesem Projekt war auf jeden Fall atemberaubend politisch, interessant, manchmal auch nervenaufreibend und crazy – ein einmaliges Erlebnis. Die immer auf Englisch abgehaltenden Sitzungen des Europaeischen Jugendparlamentes sind denen des richtigen Parlamentes in Strassburg nachempfunden und finden jaehrlich ca. 200 Mal in unterschiedlichen Laendern ganz Europas statt. Unsere Themen waren auf die Suedkaukasusregion und die “Oestliche Partnerschaft” (Zusammenschluss einiger Mitgliedsstaaten der ehemaligen Sowjetunion) spezialisiert.  Im Voraus konnten wir zwischen den Ausschuessen “Frauenrechte und Gleichberechtigung der Geschlechter”, “Auswaertige Angelegenheiten”, “Kultur und Bildung” und “Menschenrechte” waehlen. Ich hatte mich fuer Letzteres entschieden.

Den Samstag haben wir mit intensivem Arbeiten in unseren Ausschuessen verbracht und dem Vorbereiten der Sitzung, also dem Aufstellen von Resolutionen. Unser Ausschuss trug die Abkuerzung “DROIT” (franz. “Recht”) und es schien recht kompliziert, konstruktiv zu diskutieren und am Ende sechs Resolutionspunkte aufzustellen: A. den Mangel an demokratischen Wahlen in den Mitgliedsstaaten der Oestlichen Partnerschaft, B. den Mangel an Meinungsfreiheit, C. den anhaltenden Einfluss Russlands auf diese Staaten, D. Die Disparitaeten in der Gesellschaft, E. das Desinteresse an politischen Angelegenheiten in der Gesellschaft, F. die Abhaengigkeit der Medien von den Regierungen[singlepic id=330 w=320 h=240 float=][singlepic id=331 w=320 h=240 float=]

Zwischen all dem kritisch analytischen Denken, tat es gut, zwischendurch durch ein paar lustige Spielchen eine Auszeit zu bekommen, um danach fit und munter weitermachen zu koennen …[singlepic id=328 w=320 h=240 float=][singlepic id=329 w=320 h=240 float=]

Am Sonntag wurde dann die Sitzung protokollarisch und ernstvoll abgehalten:[singlepic id=332 w=320 h=240 float=] Nach der Eroeffnungsrede hat jeder Ausschuss nacheinander seine Resolution nach fester Zeitvorgabe vorgestellt. Nach jeder Vorstellung  durften Fragen gestellt werden.[singlepic id=333 w=320 h=240 float=] Ich habe gemerkt, wie schwer es ist, spontan in der Rolle des Abgeordneten mit vollster Ueberzeugung auf diese antworten zu muessen, denn es galt, am Ende moeglichst viele Stimmen fuer seinen Ausschuss zu gewinnen, damit die Resolution vom Parlament angenommen wird.  Zusammen mit einem  anderen “Abgeordneten” war ich dafuer verantwortlich, die Abschlussrede  unseres DROIT – Ausschusses zu halten. “Dramatisch” haben wir erneut alle wichtigen Punkte unserer Resolution zusammengefasst, bevor wir in sieben Sprachen lautstark an die anderen Ausschuesse appelliert haben, fuer unsere Resolution zu waehlen: “Vote for us!”(engl.), “Votez pour nous!”(franz.), “Голосуйте за нас!” (russ.),“Bizə səs verin!” (aserb.), “Oyunuzu bize verin!” (türk.),  “Votan por nosotros!” (span.),” Waehlt fuer uns!” : “Droit, Droit, Droit!”[singlepic id=334 w=320 h=240 float=][singlepic id=335 w=320 h=240 float=][singlepic id=336 w=320 h=240 float=]

 

 

Gluecksmomente im Alltag und fortschreitende Anpassung

Meiner Meinung nach sind es die kleinen Dinge des Alltags, die einem waehrend des Austauschjahres die groessten Gluecksmomente bescheren. Auf der “Toy” wurde Maries Gastmutter von einer bei uns am Tisch sitzenden aelteren  Dame gefragt, ob ich ihre richtige Tochter sei. Ein bisschen erschrocken war ich schon darueber, dass ich mich anscheinend mittlerweile nicht nur tanzend und sprachlich immer mehr in die aserbaidschanische Gesellschaft einfuege, sondern auch automatisch meine Auftretens – und Verhaltensweise anpasse. Das, was mir noch vor ein paar Monaten gesagt wurde – “Deine Gesten, offene Blickweise, Laecheln, Gangart – dir ist sofort anzumerken, dass du aus Westeuropa kommst!” – scheint endlich vorueber zu sein!!!

 

Familienleben und Regeln

Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Momente bezueglich der Anpassung, in denen ich mir ganz schoen auf die Zunge beissen muss. Meine absolut liebe, fuersorgliche Gastmutter nimmt ihre Verantwortungsaufgabe sehr ernst und sieht es nicht gerne, wenn ich mich mit Leuten treffe, die sie nicht persoenlich kennt. Da man aber im Austauschjahr viele neue Bekanntschaften macht, faellt es mir unglaublich schwer, diese Regel zu akzeptieren, denn hier ist es auch nicht ueblich, seinen Eltern neue Freundinnen sofort vorzustellen oder sie gar mit nach Hause zu bringen. Und mit Jungs muss man als Maedchen natuerlich gar nicht erst ankommen 😀

Mit ihnen bekannten Freunden, erlauben meine Gasteltern uns (meinen Gastschwestern und mir) SPAETESTENS bis 20 Uhr draussen zu bleiben und selbst dann fragen sie uns schon, ob jemand von den Freunden einen Chauffeur hat, der uns nach Hause bringen koennte.

Anfangs hatte ich hin und wieder versucht, fuer bestimmte Anlaesse eine kleine Sonderregel zu erhaschen, aber meine Gastmutter meinte nur, dass sie mich wie ihre richtigen Toechter behandelt und es keine Ausnahmen gibt! In solchen Momenten haette ich in Deutschland angefangen, nach Argumenten zu suchen und  zu diskutieren, aber hier ist dies zwischen Kindern und Eltern nicht angesagt, sodass ich dann meistens  in unser Zimmer gehe, bis 100 zaehle und die Angelegenheit danach schon halb so wild ist! Ich muss sagen, dass diese Art des Gehorsams auf lange Sicht gesehen absolut kraeftesparend ist und bin meinen Gasteltern sehr dankbar dafuer, dass ich mich dank ihnen in solchen Situation nicht mehr so schnell aufrege!

 

Zweisprachig leben

Sprachlich geht es immer weiter bergauf, wobei ich gelegenlich meinen Kopf am liebsten gegen die Wand schlagen wuerde, wenn ich einfachste Woerter in einer der beiden Sprachen nicht sofort abrufen kann 😀  Dies geschieht in Situation, in denen ich etwas z.B. mit Leuten von YFU auf Aserbaidschanisch erlebe, meiner Gastmutter davon dann aber auf Russisch hinterher berichte oder umgekehrt 😀  Trotz der komplexen Grammatik bleibt Russisch nach wie vor die fuer mich angenehmere Sprache, aber es gibt noch so viel zu lernen, sodass mir eine Lehrerin aus dem Maryam – Center jetzt netterweise intensiven Grammatikunterricht gibt!

 

Ferien – Tanztraining fuer die letzte Klingel!!!

Jetzt haben wir gerade 1,5 Wochen Novrus – Ferien  – schulfreie Zeit, sollte man meinen! Fuer uns geht es jedoch jeden morgen fuer zwei Stunden in die Schule, wo die Tanzlehrerin mit der ganzen Klasse eine Choreographie fuer unsere “letzte Klingel” ( Abschlussfeier) in der Schule vorbereitet. Sogar morgen, am offiziellen, arbeitsfreien Novrus – Feiertag werden wir trainieren! Falls ihr mir unterstellt, dass mein Leben hier im Moment sehr einseitig auf Tanzen bezogen ist, gebe ich euch gerne recht 😛 😀 !!![singlepic id=306 w=320 h=240 float=]

 

Bevor dieser Beitrag wieder “Romanlaenge” annimmt, verabschiede ich mich jetzt fuer heute von euch, wuensche euch “Bayramınız mübarək olsun!” (Alles Gute zum Feiertag!”) und verspreche, euch im naechsten Blog ueber die Novrus – Feierlichkeiten genauer zu berichten!!!

 

Stuermische Gruesse vom Ufer des kaspischen Meers, wo heute der Wind einem bei acht Grad das Gesicht zufrieren laesst, man aber an anderen Tagen bei 24 Grad schon ins Schwitzen kommt …

 

Eure Philine

Vom Schwarzen Januar ueber „Gen-Tests“ bis zu traditionellem Tanzunterricht

Beschwingt von den Klaengen des traditionell aserbaidschanischen Liedes “Gözü Qaşı Qara Qız” (“ Das Maedchen mit den schwarzen Augenbrauen”), zu dem ich am Samstag auf dem Fest der Sprachenschule meinen ersten kleinen aserbaidschanischen Tanzauftritt  haben werde, verfasse ich heute meinen Blogeintrag. Dieses Wochenende wird ausserdem in unserer Schule eine Sitzung des “European Youth Parliament” stattfinden, eine internationale Organisation, die Jugendliche in mehreren Laendern Europas dazu einlaedt, auf nationaler und internationaler Basis sich mit politischen Themen gemeinsam kritisch auseinanderzusetzen.  Da ich mich besonders auf die Themen bezueglich Aserbaidschan noch genauer vorbereiten muss, die Choreographie lieber noch hundert mal wiederhole, sowie euch das Lesen etwas erleichtern moechte, bemuehe ich mich heute, etwas kompakter zu schreiben 😉

 

“Qara Yanvar” – 20. Januar 1990 – in trauriger Erinnerung

“Qara Yanvar” – unutmayaq! – Den schwarzen Januar werden wir nie vergessen: Das stand auf dem Flugblatt, das jedem von uns in der Schule anlaesslich des 20.Januars, einem aserbaidschanischen Volkstrauertag, ausgehaendigt wurde. Fast jeder, den ich hier zu diesem Anlass befragt habe, hat fuer einen Moment innegehalten, bevor er mir die Geschichte erzaehlt hat: Die Unabhaengigkeitsbewegung unter den von der Sowietunion besetzten Laendern Ende der 1990-er Jahre ging natuerlich nicht an Aserbaidschan vorbei. Viele Menschen protestierten, um Freiheit zu erlangen. So kam es dazu, dass in der Nacht vom 19.bis 20. Januar 1990 ohne jede Vorwahnung sowietisches Militaer in Baku eingedrungen ist, um die Aufstaende brutal niederzuschlagen. Getoetet oder verletzt wurden allerdings hunderte Menschen der unschuldigen Zivilbevoelkerung – ein blutiges Gemetzel, dessen Bilder hier vielen noch genau in Erinnerung sind, besonders denen, die Angehoerige oder Freunde verloren haben.

So ist der 20. Januar zum Arbeits – und schulfreien Tag geworden, ausserdem ist die Benutzung von Metro und Bus an dem Tag kostenlos, damit wirklich jedem der Zugang zu den Gedenkplaetzen ermoeglicht wird. Sogar im Migrationsamt, wo ich in der Woche vorher endlich mein dauerhaftes Visum bis Anfang Juli abholen konnte, war eine Ausstellung bezueglich des 20.Januars organisiert (s.Foto) und in den Eingaengen der Kaeufhaeuser wurden Blumenkraenze und Kerzen aufgestellt.[singlepic id=281 w=320 h=240 float=]

Am Trauertag selbst bin ich mit Freunden ins Kino gegangen, was erstaunlicherweise geoeffnet hatte, aber in der ganzen Stadt lag eine bedrueckend stille Stimmung in der Luft, die mir nach dem Gucken des Horrorfilms noch intensiver schien…

Metrofahren – ein musikalisch – historisches Vergnuegen

[singlepic id=280 w=320 h=240 float=]Auf dem Foto ist das Denkmal zu dieser Tragoedie zu sehen (Aufschrift: “In lieber Erinnerung an die Opfer”). Dieses befindet sich dort, wo das Gemetzel am schlimmsten war. Die dort entstandene Metrostation heisst ebenfalls “20.Yanvar”. Generell sind die Metrostationen hier hauptsaechlich nach wichtigen historischen Daten oder Persoenlichkeiten benannt. Die Zentralstation z.B. heisst “28. May”: Am 28. Mai 1918 wurde Aserbaidschan zur Demokratischen Republik erklaert. Waehrend der Sovietzeit wurde diese Station allerdings zum “28.April” umbenannt, da zwei Jahre spaeter (1920) an diesem Tag die Bolschewisten Aserbaidschan zur Sowietischen Sozialistischen Republik erklaert haben. Dem Vorsitzenden des ebenfalls an dem Tag gegruendeten Rat der Volkskomissare Nəriman Nərimanov, ist ebenfalls eine Metrostation gewidmet. Dieser war sowohl Autor und Revolutionist, als auch ein sehr geschaetzter Politiker, da er zwischen den Interessen des aserbaidschanischen Volkes und den Sowietischen Regierungschefs erfolgreich vermittelt hat. Uebrigens: Erst nach dem Erhalt der Unabhaengigkeit Aserbaidschans 1991 bekam die Zentralstation wieder ihren urspruenglichen Namen: 28.May.

Ausserdem erklingt im Zug beim Einfahren in die Metrostation fuer jede Station eine andere, nach meiner Auffassung klassisch klingende wunderschoene Melodie, sodass man sich daran gut orientieren kann, auch wenn einem der Name der jeweiligen Station nicht bekannt ist. J

 

Aserbaidschanisches Notensystem und “Gen – Tests”

Als mir Mitte Januar in der Schule mitgeteilt wurde: “In den naechsten zwei Wochen haben wir Gen – Test”, dachte ich mir: “Oh Gott, welcher aerztlichen Untersuchung muss ich mich denn jetzt unterziehen!” 😀 Aber es handelte sich lediglich um die “General – Halbjahrestests” in den Hauptfaechern, also Mathe, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Russisch und Aserbaidschanisch. Die letzten beiden Faecher sind erstaunlicherweise fuer mich recht gut gelaufen, sowie Englisch natuerlich. Allerdings wuerde mir die Bedeutung dieser Tests erst bewusst, als mir eine Freundin das mir sehr streng vorkommende Notensystem erklaert hat: Im “Gen-Test” kann man maximal 85 % erreichen, die in die Halbjahresnote zaehlen. Die letzten 15 % heissen “Bonus” und bestehen aus den Ergebnissen von Tests und muendlicher Mitarbeit des ganzen Halbjahres, sodass man bestenfalls 100 % erreicht. Wenn man also als Austauschschuelerin kaum etwas vom “Gen-Test” versteht, haette man theoretisch selbst mit vollen 15 % Bonus (was sehr selten vorkommt) schlechte Karten. Jedoch ist der “Человектический фактор” (“menschliche Faktor”), wie meine Lehrerin immer so schoen sagt, hier sehr gross, sodass sie die Tatsache, dass ich gerade zu Anfang dem Unterricht aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten kaum folgen konnte, grosszuegig beruecksichtigen.

Die Noten jeder Stunde werden uebrigens per Internet in ein zentrales System eingetragen, das vom Bildungsministerium ueberwacht wird!

Jetzt, wo ich dem Unterricht immer besser folgen kann, staune ich Tag fuer Tag ueber gewisse Fakten Aserbaidschans: z.B. das Aserbaidschan am Ende des 19.Jahrhunderts Russland mit 90 % des dort benoetigten Erdoels versorgt hat und insgesamt die Haelfte des auf der ganzen Welt benoetigten Erdoels aus Aserbaidschan bezogen wurde! Im Erdkundeunterricht habe ich erfahren, dass der Klimawandel auch hier deutlich zu spueren ist: Die die Promenade zierenden Palmen haben erst vor 10 Jahren angefangen, hier zu wachsen, vorher hat das Klima dies nicht zugelassen… 😀

Sonst sind Lehrer, Eltern und Schueler gerade mit viel Eifer dabei, unsere “Последный Звонок” (letzte Klingel), vorzubereiten, den 31.Mai, an dem wir 11. – Klaessler offiziell von der Schule verabschiedet werden, sowie den Abschlussball im Hotel am Meer. Diese beiden Anlaesse werden hier riesig zelebriert, sodass eine Menge organisiert werden muss: Tanzkurs, Aufnahme des Abschlusssongs im Tonstudio, Kameraleute, DJ, Kleidung, besonderer Schmuck usw…

 

Das Miniaturbuchmuseum und interessante Begegnungen

[singlepic id=283 w=320 h=240 float=]Ueber die Schule habe ich einen anderen Deutschen kennengelernt, der hier gerade sein freiwilliges soziales Jahr macht. Zusammen sind haben wir das Miniaturbuchmuseum in der Altstadt besichtigt, dessen Exponate absolute bemerkenswert sind. Die drei kleinsten dort vorzufindenden Buecher stammen aus Japan und haben einen Durchmesser von 2mmx2mm, sodass sie nur mit einer Lupe richtig zu sehen sind (s. Foto). Jedes von ihnen hat 16 Seiten, 50-100 Zeichen und eines sogar Illustrationen. Die Miniaturbuecher sind in Vitrinen nach Laendergruppen geordnet. Deutschland hat seine eigene Vitrine (s. Foto), bei der uns sofort aufgefallen ist, das besonders viele Buecher von Erich Honecker, ausserdem u.a. Pixi  – Buecher vertreten sind 😀 Insgesamt enthaelt das Museum 4 700 Minibuecher aus 64 Laendern, aber woher stammen diese alle?! Die Buechersammlerin Zarifa xanim ist jahrelang durch die Welt gereist, bis 2002 diese Ausstellung eroeffnet wurde. Zarifa Xanim hat der sehr netten Museumsfuehrerin auch den Auftrag gegeben, jedem deutschen Besucher  ein Exemplar von den aus Deutschland mitgebrachten Minibuechern zu ueberreichen, sodass sie uns am Ende ein nettes Souvenir mitgegeben hat J[singlepic id=282 w=320 h=240 float=][singlepic id=284 w=320 h=240 float=]

 

Auf dem Weg durch die Altstadt sind wir auf ein Maleratelier gestossen, in dem mir erneut die Offenheit und Zuvorkommenheit der hier lebenden Menschen bewusst wurde. Als ich den Kuenstler gefragt habe, wie er es schafft, die Aeste der Tannen so besonders fein und aesthetisch zu malen, hat er mir ein paar gekonnte Pinselschwuenge auf einem bereits angefangenem Gemaelde demonstriert, mir den Pinsel danach in die Hand gedrueckt und meinte: “Versuch es selbst!”. Auf meinen Kommentar, dass ich ihm sein schoenes Gemaelde nicht zerstoeren moechte, hat er mir nur zugezwinkert und meinte: “Du schaffst das schon!” :D[singlepic id=285 w=320 h=240 float=]

 

Eine andere interessante Begegnung ist mir beim Schulbuchkauf in der Metro widerfahren: Als ich auf aserbaidschanisch meinen Wunsch geauessert habe, ist ein Mann namens Baylar Hajiyev auf mich aufmerksam geworden, der als Dozent die englischsprachigen Fakultuaeten (Internationale Beziehungen, Jura usw.) der Baku State University leitet. Nachdem er mir sein neustes Conversational – Buch (Englisch – Aserbaidschanisch – Russisch) geschenkt hat, hat er mich zu sich in die Uni eingeladen, wo er mir eine halbe Woche spaeter ein paar seiner Konzepte vorgestellt und mich gefragt hat, ob wir nicht zusammen ein weiteres Conversational – Buch veroeffentlichen wollen ,das auch die deutsche Sprache beeinhaltet. Meine Antwort auf dieses Angebot koennt ihr euch sicherlich denken 😉 In Momenten dieser Art bin ich YFU immer wieder dankbar dafuer, mir dieses Austauschjahr zu ermeoglichen!!![singlepic id=290 w=320 h=240 float=]

 

Aserbaidschanische Kueche

Wie bereits berichtet, versuche ich, auch mit meiner ersten Gastfamilie etwas Zeit zu verbringen, sodass ich die Sonntage gerne dort verbringe und mir meine Gastmutter traditionelle Rezepte beibringt. Besonders angetan war ich von “ Əriştə Plov” (Reisnudeln), eine Abwandlung des aserbaidschanischen Nationalgerichts “Plov”  mit nudelartigen Teigstreifen und einem Hauch von Kuerbisfleisch. Auf dem ersten Foto ist das hier typische Ausrollbrett zu sehen, dass den Teig besonders fein und duenn werden laesst. In einer bestimmten Technik wird dieser dann gefaltet und in duenne Streifen geschnitten (Foto 2), zusammen mit kleingeschnittenem Kuerbis und Reis ergibt dies ein absolutes Festmahl! [singlepic id=305 w=320 h=240 float=][singlepic id=286 w=320 h=240 float=][singlepic id=289 w=320 h=240 float=]

Ausserdem haben wir “Göyərti qutabı” zubereitet. “Göy” heisst soviel wie “Gruenzeug” (z.B. Petersilie), denn das gibt es hier in zahlreichen Varianten. “Qutab” ist die Zubereitungsart eines hauchduennen, festen Teiges. Zwischen jede Teigschicht wird hausgemachter, salziger Kaese und das Gruenzeug gelegt, sodass sich sich am Ende eine Art Kraeuterlasagne ergibt:[singlepic id=288 w=320 h=240 float=]

Nach jedem Essen wird Gaesten ja bekanntlich “Çay” und etwas Suesses gereicht. Beliebt ist auch “Şirin Cörək” (suesses Brot), dessen Zubereitung recht einfach ist: Zum normalen Brotteich gibt man einfach drei Glaeser Zucker und Gewuerze nach Belieben hinzu :D[singlepic id=287 w=320 h=240 float=]

Besonderer Respekt vor dem Brot

In ein “kulinarisches Fettnaepfchen” bin ich neulichs getreten, als meine Gastschwester mich dabei erwischt hat, wie ich altes Brot in den Muelleimer entsorgt habe. Sofort hat sie entsetzt aufgeschrien und mir erklaert, dass man hier Brot besonderen Respekt erweist und es so gesondert entsorgt. Ein paar Tage spaeter habe ich meine Gastmutter zu dem Grund dieser Tradition befragt, als wir einen Film angeschaut haben, der waehrend des zweiten Weltkrieges in Aserbaidschan spielt und durch den ich erfahren habe, dass auch hier wie in Deutschland Lebensmittelkarten verteilt wurden. Allerdings nur fuer Brot, da es sonst kaum etwas anderes zu Essen gab. Also war die Antwort meiner Gastmutter: “Siehst du Philine: Brot ist das einzige Lebensmittel, von dem man sich ausschliesslich  ernaehren kann, deswegen erweisen wir ihm besonderen Respekt!”

Erst ab diesem Zeitpunkt sind mir die vielen Brottueten aufgefallen, die gesondert an den Muellcontainern haengen, ausserdem haben aermere Menschen auf diese Weise noch die Moeglichkeit, dieses Brot noch zu verwenden.

 

Ein Einblick in den aserbaidschanischen traditionellen Tanz

Nachmittags besuche ich jetzt bereits seit einem Monat zweimal die Woche die Sprachenschule im “Caspian Buisiness Center” und habe jetzt endlich das Gefuehl, neben Russisch auch in der aserbaidschanischen Sprache den Durchblick zu erlangen J

Und zweimal die Woche geht es seit Dezember zum traditionellen Tanzunterricht, welcher zu meiner absoluten Lieblingsaktivitaet geworden ist!!! Nachdem sich die noch zu Anfang bestehende “hochzeitsvorbereitende” Gruppe fuer Jugendliche aufgeloest hat, sind meine Freundin und ich zu den etwas kleineren Maedchen gegangen, die sogar vor dem Praesidenten tanzen, sodass dort “strenge Schule” herrscht, wie es unsere Lehrerin nennt. Diese hat frueher im aserbaidschanischen Staatsensemble getanzt und ist u.a. auch in Deutschland aufgetreten J

Und in der Tat: Seit der ersten Stunde werden in mir immer wieder Kindheitserinnerungen hervorgerufen, denn der aserbaidschanische Tanz umfasst viele Elemente aus dem klassischen Ballett, nur dass es hier anstatt von “zweiter Position” , “ikinci vəziyyəti” heisst 😀

Was mir besonders gefaellt ist, dass uns eine Klavierspielerin in jeder Stunde begleitet!

Im Aserbaidschanischen Tanz gibt es viele verschiedene Arten, die unter den einzelnen Volksgruppen entstanden sind. Die Lesginka, z.B. ist unter den im Norden Aserbaidschan lebenden Lesgiern entstanden. Dieser Tanz hat einen sehr ruppigen Charakter und wird im harten Vierertakt gezaehlt.

Viel grazioeser ist der im schnellen Dreiertakt gezaehlte allgemeine aserbaidschanische Volkstanz. Fuer Maedchen bestehen die Elemente hauptsaechlich darin, die pure Schoenheit zu repraesentieren: Beim Betrachten der Haende symbolisieren diese einen Spiegel (s. erstes Foto).[singlepic id=295 w=320 h=240 float=]

Das “Sich- Abwenden” von diesem Spiegel ist die uebliche Schlusspose eines Elements,  in der man sich dem Publikum zuwendet:[singlepic id=296 w=320 h=240 float=]

 

Das folgende Element wird am haeufigsten auf Hochzeiten getanzt. Als Faustregel gilt: Die Hand nach oben, in dessen Richtung man sich fortbewegt, in diese schauen und sich dann im Takt dazu drehen[singlepic id=297 w=320 h=240 float=]

 

Das Kreuzen der Haende symbolisiert einen Blumenstrauss:[singlepic id=304 w=320 h=240 float=]

 

Besonders wichtig ist es, die Finger immer in der richtigen Position zu halten, sodass sich Daumen und Mittelfinger fast, aber nicht ganz beruehren:[singlepic id=303 w=320 h=240 float=][singlepic id=298 w=320 h=240 float=]

 

Der “Naz Ələmə” ist ein Tanz, der eine “aserbaidschanische Konversation” zwischen Maedchen und Junge darstellt, sodass es mich einige Zeit gekostet hat, bis ich mich in die Mentalitaet dieses Tanzes hineinversetzten konnte:

Auf dem ersten Bild drueckt der Junge (in diesem Fall von meiner  Freundin getanzt :D) dem sich um ihn drehenden Maedchen kniend die Bewunderung ihr gegenueber aus.[singlepic id=291 w=320 h=240 float=]

Dann sagt er ihr mit erhobenen, Kraft und Stolz ausdrueckenden Armen: “Ay qız, mənə bax!” (Hey Maedchen, schau mich an!), aber sie verweigert sich ihm:[singlepic id=294 w=320 h=240 float=]

Nun scheint der Junge aber doch Erfolg zu haben, denn sie wendet sich ihm zu…[singlepic id=293 w=320 h=240 float=]

Und laesst sich auf ihn ein![singlepic id=292 w=320 h=240 float=]

 

 In einem traditionellen Kostuemladen

Da der Auftritt Samstag immer naeher rueckt und ich immer noch kein Kostuem hatte, bin ich gestern das erste Mal in eine traditionelle Kostuemschneiderei gegangen, wo ich eines der Prachtstuecke anprobieren durfte. Auf dem ersten Foto ist eine weitere Geste zu sehen, die die Schoenheit der dunklen schwarzen Augen der Aserbaidschanerinnen betonen soll. Dieses Element symbolisiert das “Sich  schminken mit einem schwarzen Kayal”:[singlepic id=301 w=320 h=240 float=]

[singlepic id=299 w=320 h=240 float=][singlepic id=300 w=320 h=240 float=][singlepic id=302 w=320 h=240 float=]

 

Leider betraegt die Leihgebuehr solch eines Kostuemes fuer einen Auftritt 100 Manat. Als ich meiner Tanzlehrerin davon berichtet habe, hat sie mich abends nach dem Unterricht heute einfach mit zu sich nach Hause genommen, wo ich eines ihrer Kostueme anprobiert habe, was gluecklicherweise sofort gepasst hat. Wegen ihrer konsequenten, strengen, aber immer sehr hilfsbereiten und humorvollen Art habe ich meine Tanzlehrerin mittlerweile richtig in mein Herz geschlossen. Diese Woche hat sie mir neben dem normalen Unterricht einige Extrastunden  gegeben, damit die Choreographie Samstag klappt und generell beantwortet sie nach dem Unterricht jede Frage und zeigt einem dann auf Wunsch die neuen Elemente so lange, bis man sie komplett verstanden hat! Dank ihr ist aserbaidschanischer Tanz jetzt zu einer echten Leidenschaft fuer mich geworden!!!!!

 

Verzeiht mir bitte, dass es heute schon wieder so ein halber Roman geworden ist!!!  Jetzt ist es gleich bereits Mitternacht, sodass ich noch ein paar Hausaufgaben erledigen  und mich dann gegen 1.30h oder 2h ins Bett legen werde – der Schlafrhythmus aserbaidschanischer Jugendlicher 😀 Dann werde ich vielleicht  von weiten, wehenden Roecken in Tanzdrehungen trauemen oder von Deutschland – meiner Heimat, nach der ich mich sehr oft sehne. Jedoch ist alles, was mit schmerzhaftem Heimweh zu  tun hat, vorrueber, denn ich moechte jeden Tag, nein – jede Stunde, nein – jede Minute, der mir hier noch verbleibenden 4,5 Monate geniessen!!

 

Taenzerisch drehend beschwingte Gruesse aus der Stadt der Winde sendet euch

Eure Philine

Yeni İliniz mübarək! Каждый день не похожий на другой!…Kein Tag ist wie der andere!!!

Ereignisse ueber Ereignisse, Eindruecke ueber Eindruecke: Kein Tag ist wie der andere oder vergeht, ohne dass ich  etwas Aussergewoehnliches erlebe und wieder einmal sitze ich hier schon mindestens 15 Minuten  vor dem unbeschriebenen Word – Dokument und denke krampfhaft nach, wie ich am Besten die vielen Erlebnisse und Gefuehle der letzten Wochen zusammenfasse….[singlepic id=237 w=320 h=240 float=]

 

Je greller, desto besser

Um mit dem Naheliegendsten anzufangen, wuensche ich euch zunaechst einmal zweisprachig, so wie hier ueblich: “Yeni iliniz mübarək!”  “ C Новым Годом!” – Frohe Neues Jahr! Auch wenn wir mittlerweile schon den neunten Januar haben, sind wir hier noch in Neujahrsstimmung, die nicht zuletzt durch die extrem bunt geschmueckten Tannenbauemen in den Strassen hervorgerufen wird. Diese wurden im Dezember alle nach und nach aufgestellt. Bei einem Blick in die Geschaefte, hat mich die glitzernd glaenzende Farbenpracht sofort an amerikanische Weihnachten erinnert, sowie ich sie aus Filmen kenne. Dort gibt es zusammensteckbare Tannenbaueme aus Plastik, Engel und Weihnachtsmaenner in allen Farbvarianten zu kaufen: Von orange ueber pink bis blau und die Idee von besinnlichen Weihnachten war nichts als eine blasse Erinnerung and fruehere Zeiten…[singlepic id=244 w=320 h=240 float=]

Weihnachten in Aserbaidschan?

Und wie feierst du Weihnachten in Aserbaidschan? Diese Frage wurde mir von deutscher Seite aus in den letzten Wochen wohl am hauefigsten gestellt…um ehrlich zu sein, war ich mir Anfang Dezember darueber selbst nicht so ganz im Klaren. Soll ich Weihnachten zusammen mit der tschechischen Austauschschuelerin in der Kirche feiern oder mich an die grosstenteils muslimisch gepraegte Gesellschaft anpassen und Weihnachten ausfallen lassen? Ich hatte mich fuer letzteres entschieden, aber so ganz ist es mir nicht gelungen: So sind zwei Freunde mit mir am dritten Advent in die deutsche Kirche gegangen, wo der Gottesdienst ueberwiegend auf Russisch abgehalten wurde, einige Lieder allerdings auf Deutsch gesungen. [singlepic id=238 w=320 h=240 float=]

Diese haben bei mir ein unbeschreibliches Sehnsuchtsgefuehl nach deutscher Weihnacht ausgeloest, aber ich bin konsequent geblieben und vom 24. Bis 26.12 wie an jedem anderen Tag auch in die Schule gegangen. Mit den Gedanken war ich allerdings weit weg und als meine Mathelehrerin mich dann an die Tafel “geordert” hat,  ich gefleht habe: “Bitte nicht, fuer mich ist heute Weihnachten!”, war ihre Antwort nur: “ Новый Год – это наше рождество!” ( Neujahr – das ist unser Weihnachten!) Und mit dieser Antwort hatte sie mehr als Recht….aber bevor ich von den zahlreichen Neujahrsfeiern berichte, moechte ich erst einmal von einer typisch aserbaidschanischen Feier erzaehlen, die ich am 22.12. miterleben durfte.

 

Aserbaidschanisches Fest auf der Datscha!

Die Aserbaidschaner lieben es, zu Anlaessen von Geburtstagen grooooooooosse Feste zu veranstalten. Da im Kreise meiner Gastfamilie im Dezember mehrere Geburtstag liegen, stand fast jede Woche eine Feier an: Einmal sind wir sogar auf die дача (Datscha –Wochenendehaus wie in Russland) ans Meer gefahren, was fuer mich ein besonders praegendes Erlebnis war. Dazu muesst ihr wissen, dass ich seit Mitte Dezember traditionellen Tanzunterricht habe (darueber berichte ich im naechsten Blog genauer) und es kaum erwarten konnte, das Gelernte auf einer grossen Feier anzuwenden.

Ueblicherweise beginnt so ein Fest Samstags am spaeten Nachmittag: Nachdem der Grossteil der Gaeste eingetroffen ist, wird zunaechst einmal gegessen. Hier gilt die unausgesprochene Regel: Der Tisch sollte bis zum Rand mit Speisen vollbeladen sein! Als Vorspeise gibt es mehrere Varianten an Salat (hauefig auch mit Fisch) sowie Piroggen, als Hauptspeise ist das Nationalgericht “Plov” auesserst bliebt: Ein Reisgericht mit getrockneten Fruechten (Datteln und Aprikosen), dazu werden Esskastanien mit Zwiebeln, sowie Haehnchenfleisch gereicht. An diese Suss-Sauer- Mischung musste ich mich erst einmal gewoehnen, aber mittlerweile kann ich mir eine feierliche Angelegenheit ohne dem kaum noch vorstellen! J Auf dem Foto ist “Plov” angerichtet in einem Kuerbis zu sehen:[singlepic id=257 w=320 h=240 float=]

Zum Nachtisch gibt es prachtvoll verziehrte, leckere Torten sowie Konfekt, wozu der “Çay” (schwarzer Tee) auf keinen Fall fehlen darf!

Zwischen den Mahlzeiten gab es am 22.12. ein umfangreiches traditionelles Programm: Zum ersten Mal habe ich die eindringlichen Klaenge des Saz (eine Art kleine Gitarre in der Groesse einer Geige) live gehoert, dessen Spieler “ Aşiq” (gespr. Aschik) sich waehrend des Musizierens in einer anderen Welt zu befinden scheint – so tief ist er mit seinem Instrument verbunden:[singlepic id=240 w=320 h=240 float=]

Zwischendurch hoerte er hin und wieder auf zu spielen, um dem zu Beglueckwuenschenden ein paar gute Worte zuzusprechen. Ausserdem  haben zwei Maenner  mit Tar (groesser als Zar, wird aber ebenfalls wie Gitarre gespielt) und Qaval (Trommel) waehrend des Essens gespielt und nach jedem Gang  die Gaeste auf die Tanzflaeche gebeten…

Tanzen – die Verbindung zwischen Himmel und Erde

Als meine Gastmutter mir zugezwinkert und mit dem Kopf in Richtung der tanzenden Gaeste genickt hat, war ich zuerst ein bisschen schuechtern, aber dann habe ich mir einen kleinen Ruck geben und bin ihr gefolgt: Es war ein unbeschreiblich schoenes Gefuehl, die Freude in den Gesichtern der anderen  darueber zu sehen, dass auch ich als Deutsche ihren traditionellen Tanz liebe. Natuerlich gibt es auch hier mehrere Varianten…von schnell bis langsam passt jeder so gut er kann seine Tanzschritte an, die Stimmung ist froehlich und aufgelockert, hin und wieder tanzt man zu zweit. Wenn ein Mann eine Frau auffordert, hat er auch einfach die Moeglichkeit, sich hinzuknien, ihr zuzuklatschen und sie somit um sich herumtanzen zu lassen. Die Art des Gruppentanzens gibt es auch: Dabei fassen sich alle an den Haenden und wiederholen immer die gleiche Schrittfolge im Kreis. Nach einer gewissen Zeit, stellen sich die meisten Gaeste an den Rand, um den Kuensten einzelner “Akteure” zuzuschauen und diese im Takt zu beklatschen. So ist es auch mir ergangen: Ehe ich mich versah, , waren wir nur noch zu zweit auf der Tanzflaeche und an die 50 Leute haben uns “begutachtet”….aber das war mir in diesem Moment gar nicht bewusst: Ich habe mich wie im Rausch der Traditionen gefuehlt: In meinem Kopf vermischten sich die Klaenge des Tars (Gitarre) und Qavals (Trommel) mit der Stimme meiner Tanzlehrerin «Руки красиво!»  (Haende schoen) und «Показать глаза!» (Augen zeigen – wichtiges Element des aserbaidschanschen Tanzes fuer Maedchen, um die Schoenheit des Auges zu betonen) und ich habe mich einfach von diesem schwebenden Gefuehl tragen lassen….[singlepic id=241 w=320 h=240 float=]

Die Gaeste waren begeistert und haben mich fuer die Tanzkuenste gelobt – ich war uebergluecklich und habe in diesem Moment nur gedacht: Ich haette es frueher nicht fuer moeglich gehalten, vor so vielen unbekannten Leuten zu einer mir neuen Musikrichtung in einer neuen Tanzart spontan vorzutanzen: Das Auslandsjahr gibt einem in einigen Momenten ueberdimensionale Kraefte und ein ungeheures Selbstbewusstsein!

 

Das folgende Foto zeigt meine Gastmutter, Gastschwester, meinen Gastopa, eine entfernte Cousine und mich….

[singlepic id=242 w=320 h=240 float=]

BAZAR –endlich!!

Am darauffolgenden Tag (Sonntag) habe ich meinen Gastvater das erste Mal zum Grossbazar begleitet: Dies war laengst ueberfaellig, denn ich bin mittlerweile schon vier Monate hier und wollte endlich mal den “Geburtsort” der prallvollen Tueten kennenlernen, die die Menschen immer in die Busse wuchten. Dort gibt es alles an Fruechten zu kaufen, was das Herz begehrt, sowie Kaese in riesigen Toepfen, Gewuerze aller Art, nicht zu vergessen die Nuesse, auf denen die Marktlauete selbst gerne herumkauen, waehrend sie den Vorbeikommenden lautstark Angebote zurufen. Diese gilt es aufmerksam zu vergleichen, hat mir mein Gastvater erklaert, denn ueber ALLES laesst sich hier verhandeln. Fuer unsere schweren Einkauefe hatten wir einen Tuetentraeger, der eine halbe Stunde alles hinter uns hergeschleppt und am Ende 1 Manat (ca. 1 Euro) dafuer genommen hat. In dieser Situation bin ich mir erneut ueber die enormen Disparitaeten hier bewusst geworden: Unser Lebensstandart hier im Zentrum unterscheidet sich in keinster Weise von dem, wie ich es in Deutschland gewohnt war. Aber schon ein paar Bezirke weiter sieht es ganz anders aus. Nicht nur das Leben der Marktleute scheint hart: Besonders ergreifend finde ich das Schicksal der meist sehr abgearbeiteten Frauen, die fuer die Stadtreinigung arbeiten, Tag fuer Tag mit Besen und Eimer losziehen und die Strassen bei jedem Wetter sauebern, um ueberleben zu koennen. Gruende dafuer sind z.B., dass deren Maenner ein sehr geringes Einkommen erhalten oder arbeitslos sind, was hier nichts Gutes bedeutet, den die Sozialversicherungssysteme sind nicht gerade ausgeweitet…

[singlepic id=243 w=320 h=240 float=]

 

Und jetzt kommt eine kleine Chronologie von den zahlreichen Events zum Jahreswechsel:

21.12. : Конецсвета– Ende des Lichts – Tag des Weltuntergangs = Schuldisco

Fuer diesen Tag hatte unsere russische Parallelklasse die “New Year Disco” organisiert. Ich war sehr gespannt darauf, wie Disco in Aserbaidschan so ablaueft und muss sagen: Auf jeden Fall brauchen die Eltern hier keinen Grund zur Besorgnis zu haben 😀 Es lief alles sehr, sehr brav ab: “Teacher is watching you!” koennte man sagen, denn wir wurden auf jeden Fall gut beaufsichtigt. Zu trinken gab es Wasser, denn Cola koennte ja “aufputschen”, von Alkohol ganz zu schweigen. Letzterer ist hier in der Gesellschaft generell nicht gut angesehen (hat auch religioese Urspruenge) und fuer junge Maedchen ein “No – Go”. Ich muss jedoch zugeben: Die Stimmung war trotzdem super, auch ohne jeglichen Alkohol!!!

[singlepic id=239 w=320 h=240 float=]

25.12.: Ausflug in die Kaukasische Universitaet und ein Wunder in Mathe ist geschehen

Am “ersten Weihnachtstag” wurden wir von der Kaukasischen Universitaet in Sumqait zu einem Vortrag eingeladen, nach dem wir ueber das Gelaende der Universitaet gefuehrt und uns saemtliche Labor und Klassenraueme gezeigt wurden…Ja! Richtig! Auf grosse Hoersaale sind wir vergeblich gestossen, da in Aserbaidschan an vielen Unis noch aehnlich wie an der Schule unterrichtet wird. Dort ist mir mal wieder der Ernst des Lebens bewusst geworden: Meine Klassenkameraden sind jetzt schon wie wild auf Unisuche – schon im Mai wird fuer sie alles, was mit Schule zu tun hat vorbei sein. Uebrigens: So langsam laeuft es fuer mich immer besser mit der Anpassung an das aserbaidschanische Schulsystem: In der letzten Matheklausur vor den Ferien habe ich 90 Prozent geschafft – ich glaube es hing bei mir am Anfang auch viel mit Komplexen zusammen, die durch sprachliche Schwierigkeiten entstanden sind, dass ich auch andere Dinge auf einmal nicht mehr konnte. Diese sind jedoch jetzt eindeutig ueberwunden – Geduld scheint der Schluessel des Raetsels zu sein J

 

26.12.: Charity – Neujahrsfeier mit dem Roten Halbmond und dem Kinderheim…

Die Organisation des roten Halbmonds (entspricht der des roten Kreuzes in Deutschland) hatte ein paar Freiwillige vom Europa Liseyi darum gebeten, ein Programm fuer die Weihnachtsfeier des Kinderheims vorzubereiten. Die Kinder wurden in ein Restaurant zum Essen eingeladen, waehrenddessen ihnen Geschenke aller Art, Hauptsaechlich Spielzeug ueberreicht wurde. Die Sechstklaessler haben getanzt und gesungen, wir haben ein Quiz vorbereitet….Der blaue Rock, den ich auf den Fotos trage, ist uebrigens Teil unserer offiziellen Schuluniform ;)[singlepic id=246 w=320 h=240 float=][singlepic id=245 w=320 h=240 float=][singlepic id=247 w=320 h=240 float=]

 

26.12.:… und Neujahrsparty mit der Klasse im Restaurant mit Animationsprogramm!

Da eine Neujahrsparty pro Tag nicht genug zu sein scheint, ging es abends gleich weiter: Zusammen mit der ganzen Klasse haben wir bereits das neue Jahr begruesst und gefeiert. Was hier besonders bemerkenswert ist, dass die DJs sowohl moderne, als auch traditionelle Songs spielen, sodass natuerlich auch traditionell getanzt wird J Ausserdem haben gab es ein Programm, bestehend aus Spielen, bei denen Jungs und Maedchen immer als “Paar” im Team angetreten sind: z.B. Tanzen oder Wettessen (besonders amuesant war, als die Maedels die Jungs mit verbundenen Augen fuettern mussten), beim Muffinwettessen hat unser Team gewonnen 😀 Das Foto zeigt uns mit unserer sehr herzlichen Klassenlehrerin, zu der wir ein sehr enges Verhaeltnis haben J Generell nehme ich hier eine intensive Harmonie zwischen den Schulern selbst sowie zwischen Schuelern und Lehrerinnen war (Lehrer gibt es kaum), was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass sie 11 Jahre lang zusammen lernen…[singlepic id=236 w=320 h=240 float=][singlepic id=248 w=320 h=240 float=]

 

29.12.: Neujahrsfeier im Maryam Center und Spanischer Conversation Club

Keine Angst – noch 2 Neujahrsfeiern, dann seid ihr von diesem Thema erloest 😛 Im Maryam – Center fand am 29.12. die Feier fuer alle Lehrerinnen statt, die dort unterrichten, also waren Mari und ich aus der Fachrubrik “Englisch” auch dabei: Wir haben den Raum mit Neujahrswuenschen als Tafelanschriften in mehreren Sprachen geschmueckt. Hier die deutsche Version:[singlepic id=249 w=320 h=240 float=]

Am Nachmittag hatte ich dann das letzte Mal vor den Ferien Spanischen Conversation Club in der Fremdsprachenunivesitaet, wo ich seit Anfang Dezember teilnehme. Das ist eine sehr nette Runde, in der wir immer interessante Themen haben, die wir jedes Mal vorher vorbereiten, z.B. “Amistad” (Freundschaft) oder “El papel del dinero en nuestra vida” (Die Rolle des Gelds in unserem Leben). Gluecklicherweise kann ich jetzt wieder auf Spanisch reden, aber lange nicht so fliessend wie Russisch. Es ist schon verrueckt, wenn man bedenkt, dass ich drei Jahre Spanisch in der Schule hatte, aber erst vier Monate richtig Russisch lerne. Daran erkennt man die Wirkung der tagtaeglichen Konfrontation mit einer Sprache und auf der anderen Seite die Gefahr des Verlernens bei “Nichtanwendung”. Was allerdings die Richtigkeit der Sprache anbelangt, sieht es ganz anders aus: Spanische Grammatik kenne ich, aber die russische bleibt mir teilweise noch so raetselhaft, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, dies einfach mit schnellem Reden zu vertuschen 😀

Auf dem Foto sieht man unsere Lehrerin (links), eine Teilnehmerin und mich…

[singlepic id=250 w=320 h=240 float=]

Abends sind Mari in die katholische Kirche gegangen, wo wir vor der Messe zusammen deutsche und tschechische Weihnachtslieder auf dem Klavier gespielt und dazu gesungen haben. Da kam wieder das vertraute Heimatgefuehl auf, dem ich gerne etwas Raum gewidmet haette, aber der 31.12. rueckte gefaehrlich nahe und es musste viel fuer die Familienfeier (= 20 Leute) in unserem Haus vorbereitet werden…

 

 31.12.: C новым Годом! Желаем удачи, здоровья и счастья в 2013!

Alles Gute fuers Neue Jahr! Wir wuenschen Erfolg, Gesundheit und Glueck fuer 2013!

… zum Beispiel den“Салат „Гранатовый браслет“ Salat “ Granatapfelartiges Armband” (oh nein klingt die Uebersetzung schrecklich :D) Er besteht aus mehreren Schichten: Kartoffeln, Zwiebeln, Nuessen, Huehnchen, Mayonnaise und ganz wichtig, nicht nur als Zierde: Granatapfel![singlepic id=251 w=320 h=240 float=]

 

Gegen Abend sind nach und nach alle Gaeste eingetroffen, besonders suess sind meine beiden Zwillingsgastcousinen und die grosse Frage ist natuerlich, was sie nach dem Essen unbedingt mit mir machen wollten: Tanzen natuerlich! Auf dem Foto machen wir gerade aserbaidschanische Tanzposen vor unserer Ёлка (Jolka) Tannenbaum im Wohnzimmer. Dann gab es Bescherung, bei der wir uns gegenseitig Geschenke ueberreicht haben, allerdings nicht so umfangreich wie in Deutschland. Vorteil: Der Vorweihnachtsstress, also hier “Vorneujahrsstress” bleibt einem erspart J Besonders habe ich mich ueber das Geschenk meiner Gastgrosseltern gefreut: Eine CD mit traditioneller Tanzmusik 😀

[singlepic id=252 w=320 h=240 float=]

Dann gab es natuerlich die schwere Frage, wessen Neujahrsansprache wir im Fernsehen schauen: Die von Vladimir Putin oder Ilham Aliyev? Letztendlich hat sich meine Gastfamilie dann fuer die ihres eigenen Praesidenten entschieden…Um Mitternacht sind wir alle auf den Balkon gegangen, um das Feuerwerk am Ufer des Kaspischen Meers zu beobachten und haben aufs Neue Jahr 2013 angestossen.

[singlepic id=253 w=320 h=240 float=]

 

Am 01.01.13 haben wir einen Neujahrsspaziergang am Bulvar gemacht (Foto: mein Gastvater und ich vor dem riesigen Tannenbaum)

[singlepic id=254 w=320 h=240 float=]

 

Das neue Jahr ging gleich mit vielen Aktionen weiter. Vom 31.12. bis zum 06.01. war zwar eine offiziell arbeits – und schulfreie Woche, aber keine Spur von Zeit zum Ausruhen 😀

 

Am 02.01. sind wir zur Datscha des Maryam Centers gefahren, die sich im Dorf  “Dübəndi”befindet, wo gerade inmitten einer Sandwueste ein neuer Ort am Meer errichtet wird. Dort haben wir die Spiele fuer die Sommercamps der Kinder ausgetestet, auch hier wieder alles zweisprachig: Schatzsuche mit Loesungswort auf Aserbaidschanisch und Russisch 😀

[singlepic id=255 w=320 h=240 float=][singlepic id=256 w=320 h=240 float=]

Das erste Mal als Teamerin bei einer YFU -Vorbereitungstagung

Vom 03. Bis 05.10. ging es dann gleich weiter mit der Vorbereitung und Durchfuehrung des Qabağı Seminars, der Vorbereitungstagung fuer die aserbaidschanischen Austauschschueler, die jetzt im Januar nach Deutschland fliegen. Alle, die jemals so eine Tagung erlebt haben, wissen, was fuer ein einmaliges Erlebnis dies fuer Austauschschueler und Teamer ist und deswegen koennte ich jetzt Baende darueber schreiben. Da aber einige Elemente unter “YFU – Geheimnis” laufen, um zukuenftigen Austauschschuelern nicht die Spannung vorwegzunehmen nur in Kuerze: Wir haben zusammen aus dem bisherigen Ablauf von aserbaidschanischer Seite, den Elementen von der VBT aus Deutschland und nicht zuletzt unserer eigenen Kreativitaet ein voellig neues Konzept erstellt, das ein voller Erfolg war. Einige der “gewissen Modelle” gibt es jetzt auch auf Russisch und Aserbaidschanisch, genauso wie die Energizer und zum Thema “Simulation”: Es war schwer, ernst zu bleiben, aber es ist uns Teamern gelungen 😀 Allen, fuer die ich jetzt in Raetseln spreche und keine zukuenftigen Austauschschueler sind, antworte ich natuerlich gerne auf weitere Fragen diesbezueglich 😉

Auf den Fotos spielen wir gerade eine Szenen in einer deutschen Gastfamilie: Jeder Austauschschueler hat eine andere Situation bekommen, in die er hineinversetzt wurde und spontan reagieren sollte. Gülüş, Teymur (waren beide als ATS in Deutschland) und ich haben die Gastfamilie gespielt 😀

[singlepic id=260 w=320 h=240 float=][singlepic id=259 w=320 h=240 float=][singlepic id=261 w=320 h=240 float=][singlepic id=262 w=320 h=240 float=]

Als wir das deutsche Schulsystem thematisiert haben, wurden die ATS in einen kleinen Schock verstetzt, indem ich ihnen Beispiele der umfangreichen Analyseaufgaben des Politikunterrichts der Oberstufe inDeutschland gezeigt habe. Zuerst war es sogar schwer fuer sie, sich unter „Politikunterricht“ etwas vorzustellen, da dieser hier nicht im Lehrplan aufgefuehrt ist…

Uns allen hat diese Tagung sehr viel Freude bereitet und mir persoenlich auch nochmal den Anreiz gegeben, viele Ereignisse und Situationen meines eigenen Austauschjahrens zu reflektieren:

 

Kosmopolitismus?! Nicht mehr ganz deutsch aber auch nicht aserbaidschanisch!

 “Deine Generation hat den großen Vorteil, im Rahmen der Globalisierung die Welt und im Sinne der wunderbaren Völkerverständigung viele Menschen und Kulturen außerhalb des eigenen Landes kennenzulernen, sich zu einem Kosmopolit zu entwickeln. Das kann aber auch die Gefahr der Entwurzelung in sich birgen.” Diese Antwort habe ich von meiner lieben Mama aus Deutschland erhalten, als ihr ueber meine derzeitige Gefuehlslage berichtet habe. Auf der einen Seite kommen mir Dinge, die ich in Deutschland als normal empfunden habe, wie z.B. die Wochenendgestaltung der Jugendlichen, auf einmal merkwuerdig vor; bei einigen Partybildern zucke ich sogar zusammen :D. Auf der anderen Seite merke ich immer wieder, dass ich hier ewig “die Deutsche” bleiben und nie ganz eine von ihnen sein werde, auch wenn ich gute Freunde gefunden habe. Doch wo gehoere ich wirklich hin? Die Frage der Dazugehoerigkeit plagt mich in den letzten Wochen immer wieder und ich fuehle mich wirklich wie ein Kosmopolit, zwischen den Laendern und ohne Bodenhaftigkeit, der sein wahres Gesicht zwischen den vielen Masken nicht wiederfinden kann.

Das Eintauchen in die Kultur

Auf der anderen Seite verstehe ich immer mehr den Grundkonsens der aserbaidschanischen Kultur und das daraus folgende Handeln der Menschen: Besonders hilft mir dabei meine Gastfamilie, die auf alle (kritischen) Fragen geduldig antwortet sowie meine Klassenlehrerin, die mir erst neulich die Grundzuege des Islams erklaert hat: Sofort haben wir Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam entdeckt! Die Aussage: “Auge um Auge – Zahn um Zahn” steht sowohl im Koran als auch in der Bibel. Auf meine Frage, warum die Maenner / Jungen auf ihre Frauen / Toechter / Schwestern so stark achten und sie verehren, hat meine Lehrerin mir mit dem Satz “ Das Paradies befindet sich am Fuße der Mutter!” als Zitat aus dem Koran geantwortet. Warum im Koran steht, dass ein Mann vier Frauen gleichzeitig haben kann, wenn er sie materiell und physisch gleich behandelt und sie damit einverstanden sind, habe ich zuerst nicht verstanden. Als meine Lehrerin mir allerdings als Grund die Wichtigkeit des Fortlebens der Gesellschaft angegeben hat, konnte ich es schon eher nachvollziehen. Religioes werden in Aserbaidschan heutzutage solche Hochzeiten durchgefuehrt, wenn die erste Frau also z.B. keine Kinder bekommen kann, staatlich wird die 2. Bis 4. Hochzeit allerdings nicht anerkannt…

 

Gastfreundliche Aserbaidschaner – Verwandte suchen = Neujahrstradition

Bevor es wieder mit der Schule losging, habe ich auch noch einen Tag bei meiner ersten Gastfamilie verbracht. Als ich in deren Wohnzimmer eingetreten bin, war ich erstaunt ueber die unbekannten Gaeste, die dort sassen. In der Kueche hat mir meine Gastmutter dann zugefluestert, dass dies angeblich ihre Verwandten seien. Diese haben mich dann ueber den Neujahrsbrauch in Aserbaidschan aufgeklaert, dass man irgendwelche entfernten Verwandten  sucht und dann spontan zu Besuch geht, also eine Stunde vorher anruft 😀 Als ich die Fremden gefragt habe, ob sie die Familie uebers Internet gefunden haben, wurde mir geantwortet: “Grossmutter und Grossvater sind unser Internet!”

 

Jetzt werde ich mich jetzt erstmal ein bisschen von den Ferien erholen, denn drei Stunden Schlaf pro Nacht ist als Teamer waehrend einer Vorbereitungstagung normal, oder?! 😀 Die ganzen Vorbereitungen machen dafuer zum Glueck unglaublich viel Spass!Freitag werden wir uns erneut in Sumqayıt treffen, um das neue Konzept aufzuschreiben. Doch morgen faengt erstmal mein aserbaidschanischer Sprachkurs an. Es ist wie ein Fluch: Ich kann diese Sprache mittlerweile gut verstehen, aber da ich meistens nur Russisch rede, faellt es mir sehr schwer , Aserbaidschanisch zu sprechen, aber auch hier traegt das Geheimrezept wahrscheinlich mal wieder die Ueberschrift “Geduld” oder besser gesagt “ Səbir / Терпение”!

[singlepic id=258 w=320 h=240 float=]

Ereignisse ueber Ereignisse, Eindruecke ueber Eindruecke: Kein Tag ist wie der andere…so oder so aehnlich wuerde ich im Moment mein bisheriges Austauschjahr in einem Satz zusammenfassen, wenn man mich dazu “zwingen” wuerde 😀

Jetzt bleibt mir nur noch, euch allen ein wunderschoenes Jahr 2013 zu wuenschen und euch ganz herzlich zu Gruessen aus einem Land, in dem sich gerade alle ueber die Wettervorhersage fuer morgen freuen, die da lautet: “ SCHNEE!!!!!!”

 

Alles Liebe

Eure Philine