Archiv für den Monat: Oktober 2016

Politisches Engagement in den USA

Mein heutiger Bericht für die Lokalzeitung „Soester Anzeiger“:

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Politisches Engagement junger Menschen steht beim Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (PPP) des Deutschen Bundestags im Mittelpunkt. Jährlich erhält ein Stipendiat die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild der Vereinigten Staaten zu machen. In diesem Jahr wählte der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Hellmich den Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter Nico Nölken aus, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Er hatte bereits Bill Clinton getroffen, am Montag konnte er nun Hillary Clinton live erleben:

„Ich möchte in diesem Jahr nicht nur täglich die High School besuchen und einem beliebigen Hobby nachgehen. Genau das könnte ich nämlich auch in Deutschland machen. Diese Chance ist einmalig im Leben und sollte sinnvoll genutzt werden. 2016 ist ein spannendes politisches Jahr in den USA. Ich bin überzeugt, dass die Menschen zur Wahl gehen sollten. Anders als in Deutschland müssen sich Erstwähler oder Wähler mit neuem Wohnsitz vorher für die Wahl registrieren. Viele vergessen das, sodass Ehrenamtliche überall sind und Bürger fragen, ob sie schon registriert sind.

Am Samstag habe ich mich mit anderen Freiwilligen getroffen und bin in einer der ärmsten Städte Michigans allein von Tür zu Tür gelaufen, um Menschen zu registrieren. Ich habe Wähler registrieren können, alle davon waren offensichtlich bekifft.

Einer der anderen Ehrenamtlichen hat selbst in Deutschland gelebt und in München Theologie studiert. Ihn habe ich gemeinsam mit seinem Partner kennengelernt. In Deutschland kam er viel rum und hat sich unter anderem von einem katholischen Priester anhören müssen, dass seine Homosexualität eine geistige Störung sei. In dem Moment habe ich mich zutiefst geschämt, aus dem gleichen Land wie jener Priester zu stammen und dachte mir gleichzeitig, dass das der Grund ist wieso ich hier bin. Ich möchte Menschen, die zum ersten Mal einem Deutschen begegnen, ein möglichst weltoffenes Bild vermitteln.

Hillary Clinton

Am Montag hatte sich US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton in Detroit angekündigt. Der Schule bin ich dann „für den guten Zweck“ ferngeblieben. Herbstferien habe ich nicht. Bereits vor einem Monat hatte ich die Möglichkeit Bill Clinton zu treffen und habe auch ein Foto mit ihm gemacht. Hillary Clinton kam einen Tag nach der TV-Debatte an die Wayne State Universität um möglichst viele Erstwähler zum Registrieren zu bewegen. Zwei Stunden vor Einlass habe ich mich als einer der Ersten angestellt, einige Minuten später war die Schlange mehrere Kilometer lang. Nach einer typischen Flughafen-Kontrolle durch den Secret Service stand ich in der zweiten Reihe neben Clinton. In der Halle und in einer Menschenmasse musste ich weitere zwei Stunden warten. Viele Menschen haben versucht sich nach vorne zu drängeln, sodass es nur noch wärmer und anstrengender wurde. In ihrer Rede hat sie unter anderem über Rechte von Frauen, Migranten, LGBTQs und Dunkelhäutigen gesprochen. Natürlich ging es auch um ihren Rivalen Donald Trump: Sie ist der festen Überzeugung, dass jeder Einzelne im Saal mehr Einkommenssteuern gezahlt hat als Trump. Sie möchte den Besuch von Universitäten kostenlos machen, bisher kostet der US-Amerikanern durchschnittlich zwischen 12.000 und 16.000 Dollar pro Jahr. Außerdem wurde für öffentliche Verkehrsmittel geworben, welche hier eine Rarität sind. Busse existieren, haben aber in der Regel eine Verspätung von sechs bis acht Stunden und halten sich nicht an den Fahrplan. Züge gibt es hier nicht, Detroit hat keinen Bahnhof mehr. Welche Versprechen sie halten kann, ist bei einem aktuell durch die Republikaner dominierten Kongress unklar.

Während Hillary Clintons Rede zog ein Mann seine Jacke aus und zeigte sein Shirt, das Bill Clinton als Vergewaltiger bezeichnet. Er störte durch seine Zwischenrufe die Veranstaltung und wurde vom Secret Service rausgeworfen. Am Ende der Veranstaltung ging sie zu den Zuschauern, machte Fotos und schüttelte Hände. Auch ich habe dabei ihre Hand schütteln können und ein Foto gemacht, wie bei einem Popstar eben. Clinton könnte allerdings die mächtigste Frau der Welt werden.

Als Stipendiat des Bundestags werde ich einige Tage nach der Wahl am 08. November nach Washington D.C. fliegen und das politische Zentrum der USA kennenlernen. Bis dahin tue ich weiter alles, dass Menschen hier zur Wahl gehen.“

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Hillary Clinton getroffen!

Ich bin mit dem Parlamentarischen Patenschaftsprogramm in den USA und muss „Community Service“ leisten. Was passt da besser als politisches Engagement? In den vergangenen Tagen habe ich bereits Wähler registriert. Am Montag war ich dann bei der Voter Registration Rally mit Hillary Clinton. Sie hat eine Rede in der Wayne State University in Detroit gehalten. Am Labor Day habe ich bereits Bill Clinton getroffen und ebenfalls ein Selfie mit ihm gemacht. Es war ein einmaliges Erlebnis Hillary Clinton live zu sehen und wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben! Selbstverständlich hat sie auch viel über ihren Konkurrenten Donald Trump gesprochen. In ihrer Rede hat sie deutlich gemacht, dass Diskriminierung gegen Muslime, Dunkelhäutige, LGBTs und andere Minderheiten nicht zu den USA gehören. Natürlich hatte ich auch meine Kamera dabei, ein Video über diesen Tag folgt bald.

 

Hillary Clinton

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Der Erste Monat = wie im Flug!

Fast fünf Wochen ist es jetzt schon her. Denn am Montag, dem 5. September habe ich mich am frühen Morgen mit meiner Mutter auf den Weg zum Flughafen Hannover gemacht. Es war schrecklich seltsam für ein Jahr Tschüss zu sagen, da ich die Situation überhaupt nicht realisieren konnte. Es fühlt sich immer noch so an als ob Ich alle, meine Freunde und meine Familie in den nächsten Wochen wiedersehen werde.

Ich bin dann mit einigen bekannten und zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Austauschschülern und Schülerinnen nach Frankfurt geflogen. Hier hatte ich während einer Wartezeit von drei Stunden, den schlechtesten Kaffe meines Lebens.

Habe ich schon erwähnt das ich an diesem Tag nur 2 Stunden geschlafen habe?

Nach einer gefühlten Ewigkeit ging es dann weiter nach Edinburgh. Hier hatten wir bis zum Mittwoch ein so genanntes „Arrival Camp“.

Das war um ehrlich zu sein ein wenig überflüssig, da wir die meisten Themen die dort nochmal angesprochen wurden schon auf der VBT in Deutschland besprochen hatten.

Aber naja, eine ziemlich gute Sache gab es an dem Arrival Camp. Wir durften an einem Ceilidh teilnehmen, ein gälisches Tanzfest.

Das war absolut das was ich mir unter so einem Tanzfest vorgestellt habe. Gälische Musik und Tänze, die viel mit Drehungen, klatschen und die Arme auf seltsamste Weise verschränken zu tun haben.

Es hat unglaublich viel Spaß gemacht!

Am nächsten Tag (Mittwoch) wurde es dann richtig spannend, denn es ging auf nach Dublin. Und das hieß für mich auf zu meiner Gastfamilie.

So was seltsames habe ich noch nie erlebt. Als ich die Ankunftshalle betreten habe, sah ich schon meine Gastmutter mit ihrer Tochter und ihren zwei Enkeln auf mich warten. Es war so komisch in dem Moment zu wissen, das ich bei dieser mir fremde Frau, die ich nur von Fotos und ein paar Facebook Nachrichten kannte für 9 Monate zuhause zu sein werde. Langsam ist auch das Eis zwischen uns gebrochen und sie ist mir nicht mehr ganz so fremd ;).

In meinem neuen zuhause angekommen, habe ich dann meine Gastschwester Julie kennengelernt. Mit ihr verstehe ich mich super! Wir sitzen oft bei einer Tasse Tee in der Küche und erzählen. Übrigens verstehe ich jetzt wieso die Leute hier so viel Tee trinken.Vorallem jetzt da der Herbst beginnt ist es ziemlich kalt in den Häusern und so muss man sich eben von innen aufwärmen.

Im allgemeinen ist das Wetter hier sehr seltsam! Es gibt Tage an denen ist es am Morgen sehr warm und die Sonne bringt einen in der Schuluniform zum schwitzen und am Nachmittag tobt ein Sturm, es schüttet wie aus Eimern und man hat das Gefühl zu erfrieren. Dank der Schuluniform hab ich gar keine großen Optionen mich Wetter passend anzuziehen.

Apropos Schuluniform. Meine Schule ist echt nicht übel;). Ich besuche das Riversdale Community College und gehe dort ins Transition Year. Transition Year bedeute soviel wie kaum Hausaufgaben, kaum Tests und sehr viel Praxis. Ich habe hier ziemlich viele ungewöhnliche Fächer, wie zum Beispiel Design, Musikunterricht in dem wir lernen Irische Musikinstrumente zu spielen und Selbstverteidigung. Die Klassen im Transition Year haben hier Irisch Baumnamen. Meine Klasse heißt zum Beispiel Daireach, Eiche.

Am Montagabend besuche ich einen Irisch Kurs, an einer Art Volkshochschule. Morgen ist meine dritte Stunde und ich kann schon fast mein Aussehen in Irisch beschreiben ;). Im allgemeinen begleitet einen Irisch die ganze Zeit, es ist ja auch die erste Amtssprache. Dafür sprechen es leider hier in Dublin ziemlich wenige. Man findet die irische Sprache vor allem im Bus und an allen Wegweisern, aber sonst passiert hier alles in Englisch.

Am Wochenende bin ich oft in der Innenstadt. Mein Lieblingsplatz dort ist das „Irish Film Institut“, denn hier bezahle ich nur drei Euro pro Vorstellung. Die drei Kinosäle sind sehr gemütlich und das Programm ist fantastisch! Deswegen bin ich dort mindestens zwei mal die Woche, mal mit Freunden, mal alleine.

Am Samstag gehe ich in einen Schauspiel Kurs in der Innenstadt. Ich liebe es! Es geht hier vor allem um Improvisation, was oft ein bisschen schwierig für mich ist, weil ich immer ein bisschen angst habe eine seltsame Grammatik Konstruktion zu verwenden oder die anderen nicht zu verstehen. Es macht aber unglaublich viel Spaß!

Eine Sache die mir hier noch ein bisschen schwer fällt, ist Freunde finden. Um genau zu sein Irische Freunde zu finden. Ich mache hier viel mit den anderen Austauschschülern, weil es viel schwerer ist als gedacht auf andere Leute zuzugehen. Immer wenn ich mich dann mal zu einer Gruppe dazu stelle, habe ich das Gefühl, das ich irgendwie ein bisschen störe, aber ich denke da muss ich dann auch mal über meinen eigenen Schatten springen.

Sonst geht es mir hier echt ziemlich gut!

Liebe Grüße aus Átha Cliath (Dublin)

und bis bald

Franziska 😀

PS: auf dem Foto könnt ihr mich (rechts) mit meine Gastschwester Julie (links) in unserer Schuluniform sehen ;).

Meine Gastschwester Julie und ich in Uniform ;)

Meine Gastschwester Julie und ich in Uniform 😉

 

Die ersten Schulwochen

Eine kurze Anmerkung zu Beginn: Ich probiere in meinen Posts gerne verschiedene Dinge aus, wie zum Beispiel die Vorstellung in Interviewform oder der Post über die Ankunftswoche, der in der Gegenwartsform verfasst ist. Heute geht es aber – wie in Erzählungen wohl üblich – in der Vergangenheitsform weiter.

Schule. Man möchte meinen, dass Schule etwas ist, mit dem man nach dem Abitur abgeschlossen hat, denn die Uni ist nicht wie die Schule – denke ich zumindest. Für meinen Teil kann ich sagen: hat man auch. Prüfungen im April und Mai, seitdem quasi Sommerferien. Ohne seitenlange Lernzettel zu erstellen, Formeln und Methoden auswendig zu lernen, ja, wahrscheinlich sogar ohne besonders oft einen Stift in die Hand zu nehmen.

Zwar hat sich das mit dem Stift hier nur teilweise geändert (dazu später mehr), aber es dauert eine gewisse Zeit, sich wieder an einen Schulalltag zu gewöhnen, besonders wenn man sich in einer völlig neuen Umgebung und Sprache befindet. Inzwischen habe ich drei Wochen Schule hinter mir, und kann sagen, dass sich glücklicherweise eine gewisse Routine eingestellt hat.

Aber der Reihe nach: Am Montag, dem 7. September, hatte ich, gemeinsam mit meiner Gastmutter, einen Termin bei der Direktorin des „Colegio San Pelayo Ikastetxea“ (dieses Buchstabengewusel da hinten sind keine 17 Tippfehler, sondern einfach nur Baskisch) in Ermua, einer benachbarten Kleinstadt. Das Colegio ist eine kleine, teilprivate Schule, in der von der Vorschule bis zur Oberstufe SchülerInnen jeden Alters unterrichtet werden. Die entscheidende Besonderheit dieser Schule ist, dass sie in der Umgebung als einzige einen Unterricht auf castellano, also dem normalen Spanisch, anbietet, während zum Beispiel meine Gastschwestern Schulen besuchen, in denen auf Euskera unterrichtet wird. Zum spanischen Schulsystem lässt sich sagen, dass jeder eine Grundschule von der ersten bis zur sechsten Klasse besucht, und anschließend bis nach dem zehnten Schuljahr auf eine einheitliche Sekundärschule geht. Die sich anschließende Oberstufe (Bachillerato) besteht aus zwei Jahren, ist aber nicht verpflichtend.

Ich besuche den zweiten Bachillerato-Jahrgang, der aus nur etwa 30 Schülern besteht, die, teilweise gemeinsam, teilweise getrennt in ihre jeweilige Wahlfächer, unterrichtet werden. Nach einer kurzen Besprechung mit der Direktorin, die gleichzeitig auch meine Mathelehrerin ist, stand für mich fest, dass ich den sprachlichen Zweig (letras) besuchen würde. Neben den Standardfächern wie Spanisch, Mathe, Englisch und Euskera habe ich deshalb auch Fächer wie Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte, außerdem Sport und Wirtschaft. Für mich ging es an diesem Montag direkt in den Unterricht, der überwiegend frontal abgehalten wird und in dem es eher weniger um Eigeninitiative geht und in dem es auch gerne mal etwas lauter zugeht, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Am Colegio werden, abgesehen von den Naturwissenschaften, ausschließlich Laptops oder Tablets verwendet, mit denen die Schüler auf ein schuleigenes Netzwerk zugreifen können. Der ständige Internetzugang führt allerdings auch dazu, dass man sich lieber dem Surfen in Netz anstatt dem Unterricht zuwenden kann.

Von meinem Jahrgang wurde ich freundlich und offen aufgenommen, und ich kann mir inzwischen auch alle Namen merken. Den Unterrichtsinhalten kann ich inzwischen größtenteils folgen, auch wenn die Kommunikation mit meinen Mitschülern und Lehrern meist noch aus einer Mischung aus Spanisch und Englisch besteht.
Ein typischer Schultag beginnt für mich mit dem Aufstehen um 6.30 Uhr, die Fahrt den Berg hinunter zur Bahnstation funktioniert entweder mit einem meiner Gasteltern im Auto, oder mit dem Fahrrad – damit ist man zwar schnell unten, der Rückweg auf den Berg dauert dafür umso länger. Mit einigen anderen Leuten, die meine Schule besuchen, geht es auf eine etwa zehnminütige Bahnfahrt nach Ermua. Vom Bahnhof aus führt unser Weg durch die Stadt, in der um diese Zeit mehrere Hundert Schüler, Studenten und andere Pendler unterwegs sind. Auf meinem ersten morgendlichen Schulweg war ich zugegebenermaßen sehr überrascht, als unsere kleine Gruppe plötzlich vor einem Aufzug stand, der die Menschen in dieser bergigen Region hinauf zu ihren Häusern oder zur Schule bringt. Auch mehrere Systeme von Rolltreppen und weitere Aufzüge gehören hier zum Stadtbild. Der Schultag beginnt morgens um 8 Uhr und besteht an Tagen ohne Nachmittagsunterricht aus sechs Stunden, die jeweils 55 Minuten dauern, und einer halbstündigen Pause nach der dritten Stunde. Um 14 Uhr geht es den Berg wieder hinunter, diesmal allerdings über gewöhnliche Treppen, und mit dem Zug zurück nach Zaldibar, wo für mich dann meist der nächste Aufstieg in Richtung Haus meiner Gastfamilie beginnt. Viele, die hören, dass ich fast täglich diesen nicht allzu kleinen Berg hinaufsteige, reagieren erstaunt, aber ich muss sagen, dass man sich recht schnell daran gewöhnt und es nach inzwischen drei Wochen nicht mehr allzu anstrengend ist.

Einige der Aufzüge in Ermua

Einige der Aufzüge in Ermua

Die ersten Matheklausur ist bereits geschrieben, die nächsten in Englisch und Wirtschaft stehen in der nächsten Woche an, außerdem müssen alle „Bachi’s“ in diesem Jahr ein Abschlussprojekt ausarbeiten, dass aus einem Text von 20 bis 30 Seiten und einer medialen Darstellung (Modell, Film, Fotos, Musik etc.) besteht und sich auf ein oder zwei Fächer bezieht. Da wir für die Abgabe bis zum Ende des Schuljahres Zeit haben, bin ich zuversichtlich, bis dahin auch ein Projekt anfertigen zu können.

Das ist erstmal alles, was es über mein Schulleben hier zu berichten gibt, doch das nächste Thema wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Saludos,
Timm