Die “Letzte Klingel”, ein blumenartiges Jubiläum und (Alb)Träume von Deutschland

05.06.2013: Es ist viertel nach acht, die flimmernde “junitypische” Tageshitze scheint sich langsam zu legen, sodass ich es wage, einen Schritt auf den Balkon hinauszutreten und meinen Blick ueber die Bucht des kaspischen Meeres schweifen zu lassen. Am anderen Ufer, wo die hohen Haueser von der Abendsonne noch hell erleuchtet sind, vermischt sich eine merkwuerdige Rauchwolke mit den tief haengenden Wolken am Himmel – dort hinten scheint also ein Haus zu brennen, oder sind es doch nur die Abgase einer Fabrik?

Mit dieser Frage werde ich mich aus “zeittechnischen” Gruenden jedoch jetzt nicht weiter beschaeftigen, denn ich sitze sozusagen auf gepackten Koffern  – NEIN!!!! Es handelt sich zum Glueck nicht um eine vorzeitige Zwangsrueckreise, sondern lediglich um einen dreitaegigen YFU-Trip in die historische und landschaftlich wunderschoen gelegene Stadt Şəki (Scheki) im hohen Norden Aserbaidschans. Morgen frueh geht es schon im Morgengrauen los, sodass ich den heutigen Blog wirklich einmal etwas kuerzer halten werde 😉

Die “Letzte Klingel” des Schuljahres – ein einmaliges Erlebnis!

Es hat sich ohnehin in den letzten Wochen hauptsaechlich alles um die Vorbereitung  jener Veranstaltung gedreht, die mir mein Leben lang in unfassbarer Erinnerung bleibt: Unserer grossartigen “Letzten Klingel”. Mit dieser Veranstaltung werden die Elftklaesser am 31. Mai, dem offiziellen Schuljahresende, von der Schule verabschiedet, einer der wichtigsten Momente im Leben meiner Mitschueler. Also hatten wir in den Wochen davor alles dafuer unternommen, um diese Veranstaltung so besonders wie moeglich zu gestalten. Unsere Tanzchoreographie wurde immer besser und um dem Ganzen noch das I-Tuepfelchen zu verleihen, haben wir uns bei einer total netten Schneiderin gleiche Roecke schneidern lassen. Da der Abschlussball auch noch bevorsteht, habe ich ihr den Entwurf meines Traumkleides (mit aserbaidschanischem Touch) gezeigt und sie war auf Anhieb bereit, es ebenfalls zu schneidern. Als ob das ganze Organisieren nicht schon genug waere, mussten wir in der letzten Schulwoche noch unsere Abschlusstests schreiben, denn die Zeugnisse werden erst spaeter in den Ferien verliehen. Ausserdem gab es am 23. Mai eine feierliche Zeremonie fuer die nun in die Mittelstufe wechselnden Viertklaessler,  bei der  wir Elftklaesseler ihnen ein Halstuch der Schule umgebunden und somit symbolisch ein Stueck unseres Wissens weitergegeben haben.  Natuerlich haben die Kids auch ihr taenzerisches Talent bewiesen, wie auf dem dritten Foto mit vollem Einsatz bei dem weltbekannten “Gangnam Style” :

Azerbaijan Diplomatic Academy                                                                                       

In den letzten zwei Schulwochen hatten wir fast jeden Tag “Universitaetsprogramm”: Wie bereits berichtet, versuchen hier viele Abiturienten sich an Unis im Ausland zu bewerben und wenn man in dem “abiturartigen” Test (TQDK) eine gute Punktzahl erreicht, wird das Auslandsstudium sogar von der aserbaidschanischen Regierung bezahlt. Natuerlich sind die hiesigen Universitaeten jedoch daran interessiert, dass ein paar der guten Studenten hier bleiben, sodass tagtaeglich ihre Vertreter an unsere Schule gekommen sind. Von der “Azerbaijan Diplomatic Academy”, einer hochmodernen Uni, an der nur auf Englisch studiert wird, wurden wir sogar zu einer Fuehrung eingeladen. Als ich berichtet habe, dass ich aus Deutschland sei und mich fuer Diplomatic Studies interessiere, wurde mir sofort freudestrahlend erzaehlt, dass es bis jetzt noch keine Studentin aus Deutschland dort gibt, ich aber aufgrund meiner Russisch-und Aserbaidschanischkenntnisse gute Chancen auf das Vollstipendium haette, das jedes Jahr an einen auslaendischen Studenten vergeben wird …. baxarıq…wir werden sehen 😉

So lagen bei uns allen durch das viele Programm die Nerven  blank und es war schwer, bis zum 31. Mai durchzuhalten, aber als dann der grosse Tag kam, war der Stress vergessen.

Der schoenste Moment war sicherlich, als wir uns am besagten Feiertag morgens ein letztes Mal im Klassenzimmer versammelt, von unserer Klassenlehrerin die Schleifen mit der Goldaufschrift “Выпускник” (Abiturient) umgebunden bekommen haben  und danach von den Erstklaesslern an der Hand durch die Schulflure gefuehrt wurden und uns alle Klassen zugejubelt und gratuliert haben! Mir war vor Aufregung so wackelig auf den Highheels zumute, dass mich der arme kleine Junge stuetzen musste, damit ich nicht umfalle. Das Aufeinandertreffen der Erst-und Elftklaessler bei der Ersten und Letzten Klingel ist Tradition, genauso wie dass die 10.-Klaessler den 11.-Klaesslern zum Abschied das Schulhalstuch umbinden und die 11.-Klaessler ihnen den «ключзнания» (Wissensschluessel) ueberreichen. Die Veranstaltung begann wie immer damit, dass die aserbaidschanische Nationalhymne gesungen wurde. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich vor Aufregung gar nicht so viel von den Einzelheiten der Veranstaltung mitbekommen habe, sodass ich froh bin, dass alles von Kameraleuten gefilmt wurde, sodass ich es spaeter noch einmal bei klarem Kopf anschauen werde. Die grossartige Atmosphaere hat sich wie in einem Rausch angefuehlt: Es wurden viele lobende Abschiedsworte an Lehrer und Schueler verkuendet, jede  Abschlussklasse des aserbaidschanischen und russischen Sektors hatten ihren Auftritt. Nach unserer Choreographie haben wir zu der Melodie von “Heleluja” einen Abschiedssong auf Russisch (die Lyrics hatten wir vorher dem Anlass angepasst) gesungen, haben uns an die Haende genommen und sind im Kreis gegangen, in dessen Mitte ein riesiger Ballon mit der Aufschrift “11r 2” (unsere Klasse) schwebte. Als wir dessen Baender am Ende des Lieds losgelassen haben und er hoch in die Luft geflogen ist, wurde mir auf einmal ganz mulmig zu Mute: Auch wenn ich in Deutschland noch weiter zur Schule gehen werde, ist die aserbaidschanische Schulzeit nun zu Ende… навсегда…fuer immer – und gleichzeitig stieg eine riesige Dankbarkeit in mir hoch, dafuer, dass ich diese wunderbare Zeit hier erleben durfte. Ich kann YFU, meiner Gastfamilie, meinen Lehrerinnen und Freunden gar nicht oft genug dafuer danken. Sie haben mich alle so grossartig unterstuetzt, wie z.B. meine Mathelehrerin (auf einem der folgenden Fotos zu sehen), die es wirklich nicht einfach mit mir hatte … 😀

Am Ende der Veranstaltung kam es zum symbolisch wichtigsten Moment, bei dem wie bei der Ersten Klingel ein Elftklaesser  eine Erstklaesslerin auf die Schultern nimmt und diese dann mit einer Glocke klingelnd das Schuljahr beendet, genauso wie es im September angefangen hat …

Hatte ich schon erwaehnt, dass das aserbaidschanische Fotografierverhalten absolute dem japanischen aehnelt 😛 :D????? Dementsprechend viel wurde nach Abschluss der Veranstaltung fotographiert und obwohl wir professionelle Filmleute und Fotographen organisiert hatten, haben einige noch ihre Privatphotografen antanzen lassen 😀

Anschliessend haben wir uns traditionell gegenseitig auf mitgebrachte T-shirts gute Wuensche geschrieben, bevor es nach Hause ging, wo mit den Grosseltern gefeiert wurde. Abends ging es dann zur Schuljahresabschlussdisco, wo die Traenen schon heftig geflossen sind. Auch ich habe ploetzlich realisiert, dass die fabelhafte Zeit bald zu Ende sein wird, allerdings gab es mittendrin noch einen Grund zur Freude: Anlaesslich des Tages hat meine Gastmutter das sonst recht streng gehaltene Ausgehverbot nach 18h gemildert und mir erlaubt, die Einladung von einem Freund anzunehmen, der ein paar seiner Freunde und Freundinnen ins “Chinar”– einem der feinsten Restaurants Bakus eingeladen hat  😉 Als ich um Mitternacht von seinem Chauffeur durch das Lichtermeer nach Hause gefahren wurde, habe ich darueber nachgedacht, wie komisch und falsch es mir vorkommen wird, bald in Deutschland als Maedchen den Fuehrerschein machen zu  muessen …

 

9. Mai – Tag des Sieges

Jetzt moechte ich zwei schon etwas zurueckliegende Anlaesse auf keinen Fall missen:

Zum einen den 9. Mai, an dem wir schulfrei hatten, was ich zuerst nicht glauben konnte, aber in einem Mal wurde dann alles klar: Der День победы (Tag des Sieges) wird in Russland anlaesslich des Endes des zweiten Weltkrieges gross gefeiert und als ehemaliges Mitglied der Sowietunion feiert Aserbaidschan mit. So haben wir die Uebertragungen der Parade auf dem Roten Platz in Moskau im Fernsehen angeschaut. Besonders beeindruckend war die Flugzeugparade, die die russische Flagge fliegend in den Wind gemalt hat.

 

10. Mai 2013 – 90 – jaehriges Jubilaeum Heydar Aliyevs

Der 10. Mai war erstaunlicherweise hingegen kein arbeitsfreier Tag obwohl der ehemalige Praesident Aserbaidschans Heydar Aliyev 90 Jahre alt geworden, wenn er noch am Leben waere. Die Aserbaidschaner verehren den von 1993 bis 2003 regierenden Praesidenten sehr, weil er bereits vor seiner Amtszeit als Praesident waehrend der Sowietzeit sehr viel fuer sein Volk getan, z.B. Fabriken und Kraftwerke erbaut und zum wirtschaftlichen Aufschwung sowie zum kulturellen Leben beigetragen hat und nach der Unabhaengikeitserklaerung 1991 Aserbaidschan zur Selbststaendigkeit verholfen hat. Deshalb wurde ihm zu Ehren anlaesslich des Jubilaeums am Heydar Aliyev Palast (vor der Erbauung der Crystal Hall die groesste Konzerthalle Bakus) ein wunderschoener, riesiger Blumenpark errichtet, den man eine Woche lang besuchen konnte. Wie auf den Fotos zusehen, war es am 11. Mai kaum moeglich, dort hereinzukommen und die Situation hat mich an Jahrmarktgedraenge erinnert, mit dem Unterschied, dass hier alle zwei Meter Security fuer Ordnung gesorgt und “Vorwaerts!” gerufen hat. Wie auf einem der Bilder zu sehen, wurden die wichtigsten Attraktionen und historischen Staetten Aserbaidschans “in Blume erbaut”, wie z.B. die Mərdəkən – Festung, von der ich im letzten Blog berichtet hatte. Ausserdem  waren (ortsanseassige) Tiere und Fotos der Praesidentenfamilie ausgestellt. Der Hoehepunkt der Ausstellung war das aus tausenden von Blumen ausgearbeitete Gesicht Heydar Aliyevs direkt vor dem Palast.

 

Ein Leben voller Disparitaeten …

… das ich im Moment hier fuehre, werde ich gleich nach den mir so sehr ans Herz gewachsenen Menschen nach meiner Rueckkehr wohl am meisten vermissen!!! Ein perfektes Beispiel stellt der gestrige Tag dar: Morgens haben die Austauschschuelerin aus Tschechien Marie und ich in der Einrichtung “Mission of Charity” mitgeholfen, die von Nonnen aus Indien errichtet wurde und in der kranke, arme, aeltere Menschen gepflegt werden und wenige Stunden spaeter sass ich als “braves Maedchen” um einen reich gedeckten Tisch in einem edlen Saal, da mich Maries Gastmutter wieder einmal zu einer Hochzeit mitgenommen hatte, um mir die Gelegenheit zu geben, das “aserbaidschanische Tanzbein” zu schwingen. Dieses Mal handelte es sich zudem um eine “fast richtige Hochzeit” (keine Beschneidungsfeier – fuer die, die sich an den vorletzten Blog erinnern 😀 :D). Dieses Mal konnte ich zwar das Brautpaar entdecken, habe mich  jedoch gewundert, warum die Braut ein rotes und kein weisses Kleid trug: Es handelte sich um eine “Qızın toyu”( Maedchenhochzeit), bei der nur die Verwandten und Freunde des Maedchens eingeladen werden, da bei der “richtigen Hochzeit” sonst zu viele Gaeste erscheinen wuerden. Meine Gastmutter hat mir allerdings erklaert, dass die meisten Familien heutzutage “nur” eine Hochzeitsfeier veranstalten.

Was in Europa mittlerweile ueber Partnervermittlungsagenturen ablaueft, wird in Aserbaidschan noch bei Hochzeitsfeiern “geregelt”. So war  eines der gestrigen Themen der edlen Damen unseres Tisches die “Vermittlung von Philine” an einen aserbaidschanischen Oğlan (Jungen). Es wurde heftig diskutiert und am Ende sind sie zum Beschluss gekommen, dass mein zukuenftiger Gatte auf jeden Fall Journalist sein sollte – wenigstens etwas !!! 😀 Vor ein paar Monaten waere ich dem Ganzen noch mit einer schnippischen Antwort wie “ Ich suche mir meinen  Mann lieber selber !” entgegnet, aber das habe ich inzwischen gelernt zu unterlassen. So habe ich mir die Diskussion mit einem Laecheln auf dem Gesicht angehoert und dabei die Klaenge der so vertrauten aserbaidschanischen Musik genossen.

 

(Alb)Traeume von Deutschland …

habe ich jetzt schon fast jede Nacht! Wenn ich dann aufwache, wuenschte ich mir in einigen Momenten nichts sehnlicher, als jetzt schon dort zu sein, in anderen Momenten kralle ich mich an der Bettkante fest und moechte die derzeitig durchlebte Phase am liebsten fuer immer festhalten. Dann sage ich mir: Alles hat seine Zeit und die Kunst ist es, jeden Augenblick zu verinnerlichen und zu geniessen …

…und dass werde ich natuerlich besonders auf der Reise nach Şəki tun, zu der wir in weniger als sieben Stunden aufbrechen werden!!

 

Euch wuensche ich jetzt eine gute Nacht “ Gecəniz xeyrə qalsın!” und verabschiede mich bis zum naechsten, allerletzten Blogeintrag!!

 

Eure noch fuer 21 Tage in Aserbaidschan verweilende Philine  (Es ist heute das erste Mal, dass ich die Tage bis zu meiner Rueckkehr zaehle!!!)