Archiv für den Monat: Dezember 2012

Vom Deutschen Weihnachtsmarkt ueber Hingabe der Lyzeisten bis zur Ausstellung im Expocenter

Dezembertraueme – diese holen mich in den letzten Tagen immer wieder ein und loesen ein paar Sehnsuchtsgefuehle nach Deutschland aus. Gemuetlicher Kerzenschein, Adventsdeko und die Vorfreude auf Weihnachten…alles Merkmale einer anderen Welt von hier aus gesehen 😀  Stattdessen haben wir gestern in der Schule das “Monitoring” geschrieben, eine Art dreistuendige Vorabiklausur, bei der ich den englischen Teil mitgeschrieben und mich danach durch den russischen und Erdkundeteil durchgekaempft habe – anders kann man das echt kaum nennen… als “Ergebnis” bin ich jetzt leider ein bisschen krank geworden,  sodass mir meine Gastfamilie geraten hat, heute zu Hause zu  bleiben…Positiv daran: Ich finde endlich die Zeit dafuer, einen neuen Blog zu schreiben 🙂

Hier wird, genau wie in Russland, “Новый Год” (Silvester) recht gross gefeiert, was der Konsumhandel natuerlich gerne gleich mit Weihnachten verbindet. So habe ich in den letzten Tagen im Supermarkt eine Kuriositaet entdeckt. Neben typischer Lindt-Weihnachtsschokolade, stehen bereits die Osterhasen im Regal: Meine Gastschwester meinte dazu nur, dass diese Anordnung das ganze Jahr ueber so bestehen bliebe….[singlepic id=221 w=320 h=240 float=]

 

Jetzt merke ich schon wieder, dass ich bei euch wahrscheinlich einige Fragen ausloese: Gastschwester?? Ja, es hat sich so einiges veraendert in den letzten Wochen, aber wie immer halte ich es fuer am besten,  meinen Bericht ganz vorne zu beginnen.

Ein Aserbaidschanischer Feiertag

Bayraq Günü (Flaggentag) – damit hatte ich meinen letzten Blogeintrag am 09.11. beendet, bevor wir zum Konzert am  Bulvar des Kaspischen Meer gegangen sind, wo sich laut Guinness Buch der Rekorde die groesste Flagge der Welt befindet (in Wirklichkeit wurde Aserbaidschan bereits von Turkmenistan eingeholt,  das einfach eine kleinere Quadratmeterzahl fuer die Flagge angewendet hat, damit man den Mast hoeher konstruieren kann:D ). Beim Konzert sind zwischen einzelnen Reden zur Geschichte des Landes mehrere in Aserbaidschan bekannte Kuenstler aufgetreten, dessen Songtexte sich alle mit der Schoenheit und dem Reichtum Aserbaidschans befassen. Zwischendurch hatte ich schon das Gefuehl, dass, auch wenn die Aserbaidschaner jetzt nicht mehr die Nummer 1 sind, was die Flaggenhoehe anbelangt, sie auf jeden Fall unschlagbar bleiben was  das Thema “Wie oft kann ich den Namen meines Landes in einem Song singen?” angeht![singlepic id=209 w=320 h=240 float=][singlepic id=208 w=320 h=240 float=][singlepic id=210 w=320 h=240 float=]

 

Ferien = Visumsorganisation

Die darauffolgende Ferienwoche haben mein Gastbruder und ich hauptsaechlich mit der  Organisation der Verlaengerung des Visums verbracht. Im Diagnosezenter, einer super schicken und sterilen Spezialklinik der Regierung, die man nur mit Plastikueberzuegen ueber den Schuhen betreten darf, musste ich zur Blutanalyse. Als dann alle Unterlagen fertig waren, sind wir erneut zum Migrationsamt gefahren, wo dann auch endlich alles bezueglich der Neuheit “Austauschschueler” in ihren Akten geklaert zu sein schien. Vor ein paar Tagen jedoch, kam ein neuer Anruf, dass doch noch eine Einverstaendniserklaerung benoetigt wird, ueber die wir gefuehlt schon mindestens 1000 mal gesprochen haben…es scheint, als ob wir uns im Kreise bewegen und mein aserbaidschanischer Ausweis war nur bis zum 01.12.12 gueltig. Also kann das im Falle einer Polizeikontrolle noch amuesant werden…

Немецкий Разговорн клуб / Alman Danışıq Klubu / German Conversation Club

Direkt nach den Ferien haben Murad und ich dann bei der Schulleiterin um Erlaubnis gebeten,mit einem deutschen Conversation Club in der Schule anzufangen. Aufgeschlossen wie immer hat sie gleich mit: “Всё возможно!” (Alles ist moeglich!”) die Erlaubnis gegeben, sodass sich der Club jetzt zweimal in der Woche trifft. Leider stellt sich die Organisation im Moment noch recht schwierig dar, da viele Schueler nachmittags Extraunterricht haben und deswegen hauefig nicht kommen koennen. Dies ist natuerlich gerade am Anfang nicht von Vorteil, wenn wir die Grundgrammatik usw. durchnehmen. Hoffentlich finden wir bald eine Loesung dafuer, denn das Interesse  an der deutschen Kultur und daran, Deutsch zu lernen ist hier unter den Jugendlichen generell sehr gross. Viele spielen mit dem Gedanken, in Deutschland zu studieren, wofuer auch zahlreiche Programme angeboten werden.

 

Schulolympiade und Gastfamilienwechsel

Das Wochenende vom 23.11. bis zum 25.11. gehoert mit Sicherheit zu den ereignisreichsten meines Austauschjahres: Am Freitag habe ich erfahren, dass es die Moeglichkeit gibt, an der Olympiade unserer Schule am darauffolgenden Tag auch mit Englisch und Franzoesisch teilzunehmen und da viele meine Klassenkameraden schon im “Fieber” waren, habe ich mich spontan auch noch angemeldet, diese Entscheidung  jedoch fuenf Minuten spaeter gleich wieder bereut: Ich hatte mich schliesslich drei Monate nicht mehr mit Franzoesisch beschaeftigt und stehe mit den englischen Aufgaben des aserbaidschanischen Schulsystems immer noch ein wenig auf Kriegsfuss. Also habe ich den Freitagnachmittag ausschliesslich damit verbracht, mich krampfhaft an das zu erinnern, was ich einmal in Franzoesisch konnte. Es ist erschreckend, was man alles innerhalb von drei Monaten vergessen kann, aber es hat nicht lange gedauert und schon sind die Worte wieder wie aus der Feder geflossen 🙂

Allerdings haette ich mich am Freitag anstatt von Lernen lieber laut Anweisung von Minaxanim mit Kofferpacken beschaeftigen sollen, denn fuer Sonntag war der Gastfamilienwechsel geplant. Es klingt jetzt vielleicht sehr ueberraschend fuer euch, da ich bisher im Blog davon nichts erwaehnt hatte, aber um ehrlich zu sein, war dies schon laenger im Gespraech. Es ist jetzt nichts grossartig Schlimmes wie z.B. ein Streit vorgefallen, aber es gab mehrere Faktoren, die meinerseits den Wunsch nach einem Wechsel ausgeloest haben: Zum Beispiel die grosse Entfernung von der Schule im Zentrum nach Yeni Yasamal,  aufgrunddessen die in Richtung Winter immer schlechter werdenden Busverbindung fuer mich zur enormen Belastung wurde. So kam es nicht selten vor, dass ich abends alleine im Dunkeln nach Hause gelaufen bin, was als Maedchen in Aserbaidschan nicht gerade ungefaehrlich ist.

Als ich meiner Freundin Jamila in der Schule von dem obligatorischen Gespraech mit YFU im Falle eines moeglichen Gastfamilienwechsels berichtet habe, hat diese sofort gesagt, dass ihre Familie mich gerne aufnehmen moechte. Ein paar Wochen zuvor hatte ihre Mutter mich schon einmal nach Hause zum Essen und Çay Trinken eingeladen und wir haben uns auf Anhieb alle sehr gut verstanden!

Es hat dann natuerlich noch etwas gedauert, bis alles Dokumente vorbereitet waren usw und ich muss sagen, dass der Wechsel mit sehr vielen Emotionen verbunden war. Als meine erste Gastmutter von der entgueltigen Entscheidung erfahren hat, ist sie zu mir gekommen und meinte, dass ich immer wie ihre Tochter bliebe und zu ihnen nach Hause kommen kann, wannimmer ich moechte. Was ich sehr zu schaetzen weiss, ist, dass meine erste Gastfamilie nicht beleidigt reagiert, sondern fuer die Situation Verstaendnis aufgebracht hat und ich bin ihr sehr dankbar fuer alles, besonders meinem Gastbruder, der mir immer sehr viel geholfen hat! So habe ich in Aserbaidschan ab jetzt halt zwei Familien 🙂

Am Samstagmorgen bin ich dann in voller Aufregung zur Olympiade gegangen und war beim Englischtest kaum in der Lage zu denken, Franzoesisch ist zum Glueck besser gelaufen, aber ich konnte es trotzdem kaum glauben, als ich meine Klassenlehrerin nachmittags in der Stadt getroffen und diese gute Neuigkeiten hatte: Ich habe bei beiden Wettbewerben den ersten Platz gemacht! Auch wenn ich fast jeden Tag hier in der Schule an meinen Faehigkeiten zweifele, geben mir solche Erfolge dann wieder Mut, immer weiterzukaempfen und neue Herausforderungen anzunehmen.

Nachdem ich nachmittags schnell noch ein paar Abschieds- und Gastgeschenke besorgt hatte, haben wir uns mit der ganzen Familie zusammengesetzt und zum Abschied Kuchen gegessen. Die ganze Nacht ueber stand fuer mich dann Kofferpacken an, da der Wechsel fuer den naechsten Tag vorgesehen war, am naechsten Morgen jedoch schon wieder der naechste Programmpunkt auf dem Plan stand:

 

Der Deutsche Weihnachtsmarkt,

der einmal jaehrlich von der deutschen Gemeinde in Baku organisiert wird. Wir haben uns dort mit der YFU-Gruppe getroffen und schon beim Eintreten in das Gemeindehaus (Kapellhaus) habe ich mich wie in einer anderen Welt gefuehlt: Dort war alles weihnachtlich geschmueckt, man konnte Adventskraenze und Waffeln kaufen, an einer Weihnachtstombola teilnehmen und draussen an Bratwurst- und Brezelstaenden ins Gespreach kommen. Dementsprechend “deutschgepraegt” war auch das Publikum: Ich hatte sogar die Moeglichkeit, ein paar Worte mit dem deutschen Botschafter auszutauschen  🙂

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Abends war es dann soweit: Ein neuer Abschnitt meines Austauschjahrs in meiner neuen Gastfamilie begann!

Nach dem Weihnachtsmarkt haben mich Jamila und mein neuer Gastvater abgeholt und wir zusammen zu deren Haus gefahren, das sich im Zentrum von Baku, zu Fuss zehn Minuten entfernt von der Schule befindet. Dort wurde ich sofort herzlich von der ganzen Familie aufgenommen. Und hier sind sie (v. r.): Meine Gastschwester Lala (14), meine Gastmutter Kamala, die ich  “тётя (Tante) Kama” nenne, mein Gastvater Elchin, den ich ”дядя (Onkel) Elchin” nenne, meine Gastschwester Jamila (16), meine Gastschwester Ulker (21) und ich.

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Meine Gasteltern besitzen ein Reisebuero, dass sich ein paar Haueser weiter befindet, Jamila und ich gehen in die gleiche Klasse, Lale geht in die 9. Klasse und Ulker arbeitet bei einer Marketing Firma.  Im Gegensatz zu meiner ersten Gastfamilie wird hier meistens Russisch gesprochen. Es war am Anfang schon eine ganz schoene Umstellung von einem Gastbruder auf drei Gastschwestern, aber ich liebe es, jetzt auch mal “Maedchengespraeche” zu fuehren 😀 Generell ist mir durch den Wechsel nochmal klar geworden, dass jede Familie, unabhaengig von der Kultur, ihre ganz eigenen Gewohnheiten und Tagesablauf hat, sodass ich in den ersten Tagen durch die vielen neuen Eindruecke so meude wie zu Beginn meines Austauschjahres war. Jamila und Lala z.B. (mit denen, die sich mit mir ihr Zimmer teilen), gehen immer erst gegen zwei Uhr nachts ins Bett, schlafen dafuer allerdings nach der Schule eins, zwei Stunden 😀 Meine Gastmutter kocht und backt so unglaublich lecker, dass ich ernsthaft aufpassen muss, um nicht allzu viel zuzunehmen und ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich hier so viel Deutsche Bundesliga wie nie zuvor gucken werde, da das zu den Lieblingsbeschaeftigungen der Familie gehoert. So haben meine beiden juengeren Gastschwestern ihre “zukuenftigen Ehemaenner” aus der deutschen Elf ausgewaehlt und ich werde deren Namen bald sicherlich nur noch mit russischem Akzent aussprechen koennen 😀 Sogar, als wir bei den Grosseltern zu Besuch waren, haben wir alle zusammen ein Spiel geguckt, waehrend der Grossvater mir stolz sein Exemplar einer limitierten Ausgabe des Korans gezeigt hat. Vor dem Oeffnen der Seiten, hat er ihn erfuehrchtig gekuesst und mir erklaert, dass man ihn nur anfassen darf, wenn man sich direct vorher gewaschen hat. Ich liebe diese Lebensweise hier in Aserbaidschan:  Auf der einen Seite orientieren die Menschen sich immer mehr in Richtung Westen, auf der einen Seite werden die alten Traditionen bewahrt.

Weisses Zelt vor dem Haus eines Verstorbenen

Zu diesen Traditionen gehoert auch, dass man ein grosses weisses Zelt mitten auf der Strasse vor dem Haus eines Verstorbenen aufstellt, was mir in den letzten Tagen zum ersten Mal auf dem Schulweg aufgefallen ist. In diesem kommen Angehoerige, Freunde und Bekannte zusammen, um dem Verstorbenen zu gedenken.  Am ersten Tag nach dem Tod versammeln sich lediglich die Angehoerigen, am 3., 7. und 40. Tag allerdings so viele Menschen, dass sie normalerweise nicht alle ins Haus passen. Daher kommt die Tradition des Zeltaufstellens. Darin wird zusammen gegessen und nach Geschlechtern getrennt mit einem Mollah (islamischer Prediger) gebetet.

 

Die Hingabe der  Lyzeisten (Erstklaessler )

Gleich am Tag nach dem Umzug, fand in der Schule eine bedeutende Veranstaltung statt: “Посвящение лисеистам”, die Hingabe der Lyzeisten, bei der die Erstklaessler den Schwur ablegen, dass sie immer fleissig lernen und somit offiziell in der Schule aufgenommen werden. Wir Elftklaessler haben dabei sozusagen als Paten fungiert. Am Anfang wurde wie immer die aserbaidschanische Hymne gesungen, dann hat die Schulleiterin ein paar Worte an die Erstklaessler gerichtet, was es bedeutet, Schuler bzw. Schuelerin zu sein und Elftklaessler haben ueber die Geschichte des Avropa Liseyis berichtet.  Anschliessend kam der bedeutende Moment: Wir Elftklaessler, die auf der einen Seite der Sporthalle standen, sind zu den Erstklaesslern auf der anderen Seite gegangen und haben ihnen die Urkunden ueberreicht, sowie Anstecker des Avropa Liseyis angesteckt.[singlepic id=213 w=320 h=240 float=][singlepic id=214 w=320 h=240 float=][singlepic id=226 w=320 h=240 float=]

 

Danach haben die Erstklaessler in voller Lautstaerke und vollem Ernst in drei Sprachen alle zusammen ihren Schwur abgelegt, was unglaublich suess klang: Aserbaidschanisch: “And İçirəm”, Russisch: “Клянусь” (kljanus), Englisch: ” I swear!” Nach ein paar Tanzeinlagen und dem Singen der Schulhymne haben wir Elftklaessler die stolzen Erstklaessler an die Hand genommen und sind mit ihnen durch die Schulflure gegangen, an dessen Raendern sich alle Klassen versammelt hatten, um zu klatschen und laut im Chor zu gratulieren: “поздравляю, поздравляю» (Wir gratulieren!).

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Expocenter – Austellung der Jugendorganisation- YFU zum ersten Mal dabei!!

Vom 27. bis 29.November fand im Expocenter in Baku die “ 4th Republic Exhibition of Youth Oraganizations” statt, bei der YFU Aserbaidschan zum ersten Mal einen Stand hatte. Minaxanim hatte uns gebeten, dort mitzuhelfen und den Besuchern vom YFU Programm, sowie dessen Zielen zu berichten. Mir persoenlich hat es grossen Spass gebracht von der Arbeit von YFU und meinen eigenen Erfahrungen als Austauschschuelerin zu erzaehlen und die Besucher jeder Altersklasse haben grosses Interesse gezeigt. Bis zu dem Zeitpunkt kannten viele nur Austauschprogramme fuer Studenten und nicht fuer Schueler und auch die Art des Lebens in der Gastfamilie hat viele so sehr angesprochen, dass sie sich als neue Gastfamilie bewerben wollen. Natuerlich war es auch sehr interessant und aufschlussreich, sich mit den Vertretern anderer Jugendorganisationen auszutauschen. Neben einigen Sport – und Musikangeboten, gibt es hier erstaunlich viele Organisation, die internationale Jugendprojekte organisieren. So bin ich auf einen Stand gestossen, der Austausche mit Suedamerika arangiert und wurde gleich zum spanischen Conversation Club an der Fremdsprachenuniverstaet eingeladen, wo ich ab demnaechst Samstags nach dem Volunteering im Maryam Center hingehen werde, um auch Spanisch nicht ganz zu vergessen. Fuer Franzoesisch wurde uebrigens auch eine Loesung gefunden. Da dies in der elften Klasse unserer Schule nicht mehr angeboten wird, gehe ich jetzt zweimal die Woche in den aserbaidschanischen Sektor in die achte Klasse, um auch gleichzeitig aserbaidschanisch zu lernen 😀

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Leider blieben mir auch bei der Expo nicht die “typischen aserbaidschanischen Typen” vom Hals: Ausgerechnet, als ich fuer eine Stunde alleine fuer den Stand verantwortlich war, kam ein Schwarm von Studenten ins Center. “Komischerweise” haben sich besonders die Jungs extrem fuer YFU interessiert, obwohl ich mehrmals betont hatte, dass das kein Programm fuer Stundenten ist. Einige haben so lange gedraengt, bis ich ihnen meine Nummer geben “musste”. Irgendwas mache ich eindeutig falsch!  Ich versuche mich schon anzupassen, indem ich weniger laechele, was mir die Jungs aus der Klasse geraten haben, aber mein westliches Aussehen kann ich leider nicht veraendern… L

Natuerlich darf man es auch nicht provozieren: Einmal habe ich den Fehler gemacht, wegen einer Salsa-Party einen kurzen Rock abends in der Metro zu tragen, sodass ich von einer Gruppe Jungs belaestigt wurde: “Девушка, красивая девушка! Слушайте мне! Вы русская? Дайте мне номер! Жизнь такая!»  heist soviel wie: “Maedchen, wunderschoenes Maedchen! Geben Sie mir Ihre Nummer! Sind Sie Russin? Das ist das Leben!” Eins ist sicher: Diese russischen Worte werde ich nie wieder vergessen 😀 Das einzige Mittel dagegen: Angemessene Kleidung tragen und sie versuchen zu ignorieren! Als ich am gleichen Abend von einem derartigen Typen bis zu unserem Haus verfolgt wurde, habe ich das erste Mal richtig verstanden, wozu es gut es, dass dort rund um die Uhr am Eingang Waechter sitzen….

 

“Enthaltsamkeit”

Wenn wir schonmal bei diesem Thema sind, moechte ich auch dazu ein paar Worte “loswerden”: Bei Gespraechen mit meinen Gastschwestern und Freundinnen habe ich erfahren, dass einige Maedchen sich erst nach der Hochzeit die Augenbrauen zupfen duerfen. Selbstverstaendlich ist ausserdem, dass “Frau” bis zu ihrer Hochzeit Jungfrau bleibt. Wenn “Frau” diese Sitte bricht, wird sie als “плохая девушка” (schlechtes Maedchen) angesehen. In den letzten Jahren faellt es einigen allerdings immer schwerer, an dieser Regel festzuhalten (meiner Meinung nach durch den Einfluss der westlichen Medien), sodass das Geschaeft der Operationen, um seine Jungfrauelichkeit “wiederzugewinnen”, boomt!

Ich muss ehrlichzugeben: Je laenger ich hier bin und je mehr Erfahrungen ich mit aufdringlichen Jungs mache, desto besser gefaellt mir die “Regel der Enthaltsamkeit”! Gestern Abend habe ich mich selbst dabei erwischt, wie ich zusammengezuckt bin, als wir beim durchzappen auf einen amerikanischen Fernsehkanal gestossen sind, der eine Szene gezeigt hat, die ich noch vor drei Monaten als ganz normal empfunden haette….so viel zum Thema unbewusster Anpassung 😉

 

Jetzt ist es schon wieder Abend und gleich wird das Flammenschauspiel auf der Fassade des Hotel Alovs neben den beleuchteten Regierungsgebaueden beginnen, was man sehr schoen von unserem Balkon aus beobachten kann:[singlepic id=222 w=320 h=240 float=]

 

Jetzt wuensche ich euch allen mit dem folgenden Foto noch eine wunderschoene Adventszeit und ein glueckliches Weihnachtsfest!! Ich werde vom 24. bis 26. Dezember besonders an euch denken, wenn ich in der Schule sitze und werde mich fuer ein paar kurze momente mental zu euch nach Deutschland in eure geschmueckten Wohnzimmer beamen!

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Herzliche Gruesse aus dem hell beleuchteten Zentrum Bakus

Eure Philine

 

Perepidu, Suomi und jõulud

Letzte Woche ist der Winter nun endgültig angebrochen: Nach einem nächtlichen Schneesturm stapfte ich am Donnerstagmorgen durch fast fünfundzwanzig Zentimeter Neuschnee sowie Temperaturen um die -5° zur Schule.  Dort haben wir Zehntklässler offiziel die Weihnachtszeit eingeläutet, indem wir vorher gebastelte Weihnachtsdekoration in den Klassen verteilt haben.  Das war es natürlich noch nicht mit den schulischen Weihnachtsfestlichkeiten, die Planungen für den – ebenfalls von den Zehntklässlern organisierten – Päkipikupäev, den sogenannten Wichteltag, laufen schon auf Hochtouren. An diesem Tag werden Kekse gebacken und Spiele gespielt, für mich und meine Klasse fällt der Unterricht aus.

Mit meiner Gastfamilie habe ich letzten Monat das ETV(Eesti televisioon, das estnische Staatsfernsehen)-Studio in Tallinn besucht, wo wir als Zuschauer an der Familiencastingshow perepidu, Familienparty, teilgenommen haben. Meine Überraschung, als zwei Enden für die Episode gefilmt wurden – beide Teams durften sich einmal als Sieger feiern lassen – kommentierte  mein Gastvater trocken mit dem Satz „Fernsehen ist eine größe Lüge”. Diese Aussage wurde mir während der auf die Show folgende Führung noch oft bewiesen. Während dieser Führung haben wir – zur großen Freude meines Gastvaters – auch das Studio besucht, das wir ausnahmslos jeden Abend um Punkt neun Uhr sehen: Das Studio der führenden estnischen Nachrichtensendung, der aktuaalne kameraa. Ja, ihr habt richtig gelesen, die Esten haben den Namen ihrer Nachrichtensendung von der DDR übernommen.

Am letzten Samstag haben ich und andere Austauschschüler endlich die langerwartete Reise nach Helsinki angetreten. Früh am morgen ging es mit der Fähre, auf der wir ein ausgezeichnetes Frühstücksbuffet genossen haben, in die finnische Hauptstadt. Nach kurzem Einchecken im Hotel, hat der estnische YFU-Volunteer Märt, der uns auf der Reise betreut hat, dann eine sehr interressante Stadtführung geboten. Neben dem üblichen Shoppingprogramm haben wir auch das Heurekacenter besucht, eine Art Erlebnisausstellung, die mir ziemlich gut gefallen hat. Helsinki ist definitiv eine sehr schöne Stadt,  die mit historischen Kirchen und futuristisch anmutenden Einkaufszentren für jeden etwas zu bieten hat. Interressant war es für mich, Estnisch und Finnisch vergleichen zu können. Beide Sprachen stammen aus der finno-ugrischen Sprachfamilie und sind sich, was Wortursprünge und grammatikalische Strukturen angeht, sehr ähnlich. Ein sehr gelungenes Wochenende!

Bilder über Bilder

 

So, liebe Leute, hier jetzt mein neuer Eintrag, der eigentlich schon vor zwei Wochen fertig sein sollte… Tut mir leid, dass ich so lange nichts mehr von mir habe hören lassen. Das hole ich jetzt mit einer lettischen Tradition nach: Alles und jeden zu fotografieren, immer! Hier also Bilder aus dem wunderschönen Lettland…

 

Schule und so weiter…

Zwei meiner Klassenkamderadinnen und ich am Sporttag(erinnert sich noch wer?). Was man auf dem Bild nicht sehen kann: Vor dem Schild geht’s ganz schön runter! Leider ist das „P“ abgeschnitten, unser Dorf heißt eigentlich Priekuļi…

 

In der Arena Rīga herrscht leider nicht das beste Fotolicht! Die Roten sind Dinamo Rīga, die Weißen schlicht „Russland“. Das Team hat zwar auch einen Namen, den hat aber keiner interressiert…

Zur Schule noch ein Kleinigkeit, von der ich kein Bild habe: Diese Woche ist meine Klasse „Dežurants“, übersetzt sowas wie „Aufräumer“. In Gruppen aufgeteilt bekommt jeder einen Stock zugeteilt, auf dem er dann in jeder Pause „aufräumen“ muss. Allerdings nicht etwa wirklich saubermachen, sondern Leute aufräumen! Das erste Mal (wir hatten diese Woche schonmal) hieß das ungefähr, das ich daneben stand während meine Klassenkameraden kleine Kinder angeschrien haben. Inzwischen kann ich sie sogar selbst anschreien! Meine Gruppe hat das Glück, auf dem Stock zu sein, wo sich das neueröffnete Cafe befindet. Außerhalb des Cafe darf man nichts mehr essen,  deswegen werden die Schüler von meiner Klasse regelrecht „gefilzt“, ob sie auch wirklich kein Essen haben! Das Alles natürlich halb im Spass, halb im Ernst 🙂

 

Rīga

Eines der schönen Haeuser in vecrīga, der Rigaer Altstadt.

Jeder, der schon versucht hat ein bisschen Lettisch zu lernen, wird dieses Haus wiedererkennen, das ist vorne auf dem Kauderwelsch-Band drauf.

 Essen, wunderbares Essen

 Das war eine sehr freudige Überraschung: Diese Torte hat meine Klasse meiner Klassenlehrerin zum Geburtstag geschenkt, zusammen mit einer riesigen Orchidee. Beim anschließenden Tortenessen war dann für Unterricht nicht mehr viel Zeit…

Eine kleine Abschweifung zum Thema lettischen Essen. Im Allgemeinen gibt es viel Kartoffeln und Buchweizen und wenig Fleisch. In meiner Gastfamilie besteht ein Großteil des Essens aus Gemüse, das meistens ein bisschen verkocht ist. Das liegt daran, das man zuerst etwas fertig macht, bevor man essen geht, und dann muss das Essen halt warten. Auch die Schule verfügt über eine Mensa, in der es immer Kartoffeln, Buchweizen und Frikadellen gibt, dazu wechselnd Nachtische, Nudeln, Salate… Dass so wenig Fleisch gegessen wird, liegt vor allem am Preis: In unserer Mensa kann ich für 50 Santims, also etwa 70 Cent, ein komplettes Mittagessen mit Kartoffeln, Soße und Salat bekommen oder eine einzige Frikadelle. Also könnte das hier im Prinzip das gesündeste Jahr meines Lebens werden…

Gäbe es da  nicht auf der anderen Seite Laima und eine unglaubliche Menge an Süßkram! Laima ist der größte lettische Schokoladenhersteller, der auch Läden hat, in denen es nur Laimaprodukte gibt. Auch im Schulcafe gibt es nach meinem Gefühl jeden Tag mehr Süßigkeiten. Zusätzlich ist es völlig normal, anderen sein Essen abzutreten, manchmal sogar wenn man selbst nur einmal davon abgebissen hat, alles Teil der unglaublichen  Hilfsbereitschaft der Letten. Die Uhr steht in Riga, auch wenn es woanders auch welche gibt, und wurde aufgestellt, damit die Laima-Arbeiter nicht mehr zu spät zur Arbeit kommen.

Lačplēsisdiena und Lettlands Geburtstag

 

Lačplēsis war ein lettischer Volksheld mit Bärenkräften und -ohren, soviel zumindest haben ich von den wirren Erklärungen meiner Brüder verstanden. Wann genau er gelebt hat oder was er gemacht hat, das ihm einen Feiertag eingebrachte, habe ich dann nicht mehr verstanden… Lačplēsisdiena ist am 11. November, also genau eine Woche vor Lettlands Geburtstag. Die ganze Woche ist voller Festlichkeiten, hauptsächlich Konzerte und „Pasakums“, sowas wie Lobreden auf Lettland. Es ist echt eine unglaubliche Erfahrung für mich Deutsche, die wir uns ja kaum trauen, auf unser Land stolz zu sein, wirklich überall kleine Lettlandfähnchen zu sehen und Volkslieder zuhören sowie die lettische Nationalhymne, bei der die patriotischeren Männer sogar den Hut abnehmen.

Aber chronologisch: Zur Einstimmung sah meine Familie und ich am Samstagabend einen Film namens „Rigas sargi“, Rigas Wächter. Dieser erzählt die Geschichte der Besetzung Rigas durch Russland und Deutschland im Jahr 1918, die Befreiung durch die lettische Armee und die darauffolgende Unabhängigkeitserklärung. Der Film ist schon relativ alt, und verwirrenderweise abwechselnd auf Lettisch, Russisch, Deutsch und F’ranzösisch. Das liegt daran, dass die vorkommenden Russen, Deutschen und Franzosen in ihrer Muttersprache geredet haben, mit lettischen Untertiteln. Bei Deutsch hat das mir geholfen, alles andere weniger…

Am 11. November war ein Fackellauf in der nächstgrößeren Stadt Cēsis. Zuerst kam Militär (Fußsoldaten) allesamt mit Fackeln, und danach wir Normalos. Der Lauf führte von einem Denkmal zu einem anderen Denkmal, beide den Kämpfen um Riga 1918 gewidmet, dem Jahr der lettischen Unabhängigkeit. Am Denkmal wurde eine Rede gehalten, zum ‚Teil auf Estnisch, um der Hilfe der estnischen Armee zu gedenken, ohne die Lettland sich nicht hätte befreien können.

Eine Freundin und ich beim Fackellauf, leider überbelichtet. Die kleinen Schleifen hatte die Woche lang fast jeder, steht für „21“.

Die Woche zwischen Lačplēsisdiena (sprich latschpläßis) und dem 18. November, Lettland Geburtstag, war ereignisreich. Donnerstag war wieder eine Art Sporttag, allerdings dieses Mal militärisch orientiert. Es gab drei Stationen und danach zum Aufwärmen ein Lagerfeuer. Freitag hatten alle aus meiner Klasse ausgemacht, schick zur Schule zu kommen, was schon etwas heißen will! Das ging so weit dass sämtliche Jungen (also alle beide) der Klasse im Anzug aufliefen. Die ersten fünf Stunden war normal Schule, nach der Mittagspause gab es ein sogenanntes „Pasakums“.  Dort wurde vom Schulpräsident, ein Junge aus meiner Klasse, eine Rede gehalten, untermalt mit Chormusik und Aufsätzen von Schülern über Lettland. Im Anschluss standen alle auf und sangen die Nationalhymne,die ich schon fast auswendig kann. Samstagabend war ein Konzert in meinem Dorf, das dürft ihr euch so vorstellen: Die Vorstellung war eine Tanzinterpretation des Märchens von den sieben Geißlein, wobei der Wolf und die Geißlein je von einer Gruppe kleiner Kinder und einem Erwachsenen dargestellt wurde. Im Anschluss, wurde von einer sängerin in einem Kleid, in dem sie locker bei einem interntionalen Wettbewerb hätte auftreten können, ein wunderschönes Lied gesungen. Dann wurde ein Rede gehalten und Gäste aus Aserbaidschan, Polen und Litauen begrüßt. Der Aserbaidschaner hat angefangen zu reden, und ich dachte zuerst das müsse Aserbaidschanisch sein, bis meine Gastmutter mir erklärte, dass das Russisch sei. Was ein Akzent! Daran sieht man auch noch den Einfluss der Vergangenheit, dass Russisch und nicht Englisch genutzt wird.

Sonntag der Höhepunkt der Woche: Wir fuhren nach Riga, um den Feierlichkeiten in der Hauptstadt beizuwohnen. Da sowieso schon ein Drittel der Letten in Riga wohnt und gefühlt der ganze Rest auch noch gekommen war, ging es ziemlich hoch her. Der fackellauf war unspektakulär, danach pilgerten alle zum zentralen Platz der Freiheitsstatue, wo sich ein riesiger Chor aufgestellt hatte und Lettlands Präsident eine Rede hielt. Dann nochmal die Nationalhymne, diesmal nur getragen von zehntausenden Stimmen. Überwältigendes Gefühl, so viele Leute vereint ihrem Land zuzusingen, da hat der beginnende Schnee auch nicht gestört. Auch bei dem Feuerwerk, das wirklich gut inzeniert war, fühlte man sich dem Land und den Einwohnern plötzlich viel näher.

Die lettische Freiheitsstatue, eingeweiht an Lettlands Geburtstag im Jahr 1935. Sie hat die Sowjetzeit unbeschadet überstanden und ist der zentrale Platz in Riga. Dort finden viele wichtige Ereignisse statt, wie eben die Geburtstagfeierlichkeiten.

Winter?

Ja wir hatten hier schon Schnee! Und auch nicht zu knapp: Fast ein halber Meter ist innerhalb zwei Tage gefallen, und das Ende Oktober. Diesen Baum hat es wortwörtlich kalt erwischt, wie man an den grünen Blättern erkennen kann. Die Woche drauf war der Schnee wieder weg, das mit den mir versprochenen -25 grad wird aber noch! Inzwischen ist der Schnee wieder da, doch „nur“ etwa 10 Zentimeter und knapp unter null.

Ich fast knietief im ersten lettischen Schnee!

Sonst noch was…?

Zuerst möchte ich mich bei allen meinen Lesern bedanken, das ihr euch für mich interessiert. Es freut mich, dass der Blog sogar in Argentinien gelesen wird!

Die Sprache bereitet mir immer weinger Probleme, auch wenn es immernoch die seltsamste Sache der Welt ist, mich Lettisch reden zu hören. Ich habe wohl auch einen gut hörbaren Akzent, ein Junge konnte sich wochenlang vor Lachen nicht halten, wenn ich nach der Uhrzeit gefragt habe… Gelegentlich stolpere ich aber über solche unmöglichen Buchstabenkombinationen wie zum Beispiel „šķ“ was ungefähr „schktschj“ ausgesprochen wird, oder etwa „četrdesmit“ (bedeutet 40), was aus Faulheit oft „tschäädeßmit“ ausgesprochen wird.

Ansonsten werden auch die nächsten Wochen nicht ereignislos verlaufen: Wir übernachten in der Schule und Mitte Dezember kommt auch endlich das heißersehnte erste Konzert der Tanzgruppe! Und bei einem Konzert wird es nicht bleiben: Freitag haben wir ein Konzert hier, Samstag ist ein Konzert meiner Musikschule und Sonntag fahre ich mit meiner Tanzgruppe nach Litauen zu noch einem Konzert! Ich freue mich schon riesig, ihr bekommt dann auch ein Bild von mir in lettischer Tracht. Der nächste Eintrag kommt hoffentlich bevor Weihnachten, ansonsten nach Neujahr.

Viele Grüße aus Lettland

Jara