Archiv für den Monat: November 2012

…Alltag?

Es ist vollkommen einerlei, wie viel Alltag sich inzwischen schon bei mir durchgesetzt hat – er tut den Ereignissen keinen Abbruch. So wechselte ich kurz nach den Herbstferien aufgrund von einigen Unstimmigkeiten die Klasse. Ich kam von der elften in die zehnte Klasse, wo die Schüler so alt sind wie ich, denn in Estland kommt man mit sieben in die Schule, wobei man schon vorher lesen und schreiben können muss. Und bei solchen (meiner Meinung nach recht strengen) Bedingungen hält man den Schulbeginn mit sechs Jahren für zu früh. Es ist letztendlich doch eine Frage der Gewöhnung.

In meiner neuen Klasse fühle ich mich pudelwohl, ich würde sogar sagen, niemanden von den 43 (!) Schülern in ihr nicht zu mögen. Die Leute sind sehr neugierig auf mich Eindringling und immer zuvorkommend und freundlich.

Damit änderten sich selbstverständlich auch einige andere Dinge, zum Beispiel besuche ich in der Schule nun Finnischstunden. Meine Hoffnungen, in der Sprache großartige Erfolge erzielen zu können, sind gering, zumal ich auch hier weder benotet werde noch Hausaufgaben machen muss. Immerhin ist der Unterricht auf Finnisch und Estnisch und die anderen haben einen nicht unerheblichen Vorsprung. Zumindest bin ich froh, die beiden Sprachen mühelos unterscheiden und sogar Wörter aus dem Estnischen ableiten zu können.

Außerdem habe ich, die ich meine Talente und Vorlieben eher nicht in sportlichen Bereichen habe, nun begonnen, zweimal die Woche schwimmen zu gehen. Der Vorschlag kam von meiner sehr wohlwollenden Sportlehrerin angesichts meiner „Technik“. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass mein Training in diesem Bereich niemals über die Schwimmstunden der dritten Klasse und ein wenig Freibadgeplansche hinausging und ich es für ausreichend hielt, mich über Wasser halten zu können. Nun hilft mir eine sehr freundliche Klassenkameradin, die schon seit Jahren ernsthaft trainiert.

Neulich war ich auf dem Geburtstag von Laetitia, der (sogar in der gesamten YFU-Geschichte) einzigen Austauschschülerin in Estland. Sie wohnt derzeit in Tallinn. Das war schon ein Erlebnis: Dort waren einige ihrer estnischen Freundinnen zusammen mit Austauschschülern aus Frankreich, Deutschland, Brasilien, Mexiko und Neuseeland. Natürlich war die Wiedersehensfreude riesig und anscheinend hatten auch die Estinnen Spaß an dem Feedback aus aller Welt. Allerdings waren ich und der andere Deutsche neben den Esten die einzigen, die dieselbe Muttersprache hatten, was schließlich dazu führte, dass sich einer der anderen zwischen uns setzte, um für die anderen unverständliche Gespräche zu vermeiden.

Es folgen ein paar Impressionen aus Kadrina und Rakvere, wo ich den Großteil meiner Zeit verbringe.

von Sprachen, Helsinki und Testwochen..

Moi und ein herzliches Willkommen zu meinem vierten Blogeintrag 🙂

Die Zeit rennt und rennt – übernächste Woche beginnt schon der 3. Jakso! Aber davor kommt erstmal die Testwoche. Die schaut so aus, dass eine Woche lang jeden Tag am Vormittag ein Test geschrieben wird und man dann am Nachmittag dann eine Stunde Vorbereitung für den Test am nächsten Tag hat. Also wenn ich jetzt z.B am Mittwochnachmittag Mathevorbereitung habe, dann schreibe ich am Donnerstagvormittag den Mathetest.

Wie ihr jetzt bei den ersten Zeilen  sicherlich schon gemerkt habt, wird mein Deutsch immer schlechter. Mein Wortschatz verkleinert sich und ich muss oft länger nachdenken bis ich das richtige Wort gefunden habe. Auch fühlt es sich für mich immer komischer an, Deutsch zu sprechen. Momentan fühle ich mich mit Englisch am Wohlsten, und ich hoffe, dass sich das bald in Finnisch umwandelt.

Übrigends – für diejenigen, die Zweifel daran haben, dass sich das Englisch verbessert, wenn man in ein nicht-englischsprachiges Land geht: Glaubt mir, es verbessert sich wirklich! Bei mir hat sich mein Englisch um Welten verbessert. Vor dem Austauschjahr habe ich mich nie getraut Englisch zu reden, die mündliche Schulaufgabe war der reinste Horror für mich. Und nun kann ich fast fließend sprechen und mir fehlt fast nie ein Wort.
Mein Finnisch wird auch besser. Ich verstehe immer mehr, doch das Sprechen ist sehr schwierig für mich. Aber wie soll man auch eine Sprache mit 15 Fällen und 6 Verbtypen fließend sprechen können? Das ist immer noch ein Rätsel für mich, dass sich aber hoffentlich bald auflösen wird.

Inzwischen habe ich mich hier schon richtig gut eingelebt und fühle mich wie zu Hause. Es ist schön zu fühlen, wie eine fast fremde Familie, die man anfangs nur durch ein paar Mails, ein paar Fotos und einem Skypegespräch kannte, immer mehr zur Familie für einen selbst wird.

Wie im letzten Eintrag schon geschrieben, hat YFU Finnland im September einen zweitägigen Sprachkurs in Helsinki veranstaltet. Es war wirklich toll, wieder so viele andere Austauschschüler zu sehen und sich zu unterhalten. Am Samstag haben wir uns alle in das viel zu kleine YFU-Finnland-Büro gequetscht und versucht, die Geheimnisse der finnischen Sprache zu lüften und zu verstehen. Ist den meisten von uns sogar mehr oder weniger gut gelungen ;). Am Sonntag haben wir uns dann die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Helsinki „erlaufen“, vom Dom angefangen, über die Esplanade runter zur Ostsee und wieder zurück, vorbei am Hauptbahnhof und dem Parlament. Abends taten dann zwar die Füße ziemlich weh, aber Helsinki ist wirklich eine sehenswerte Stadt. Ganz Finnland ist sehenswert! 😀

Das war es vorerst wieder einmal von mir.

Bis bald,

Helene

 

 

Dies und Das

So, jetzt wird es langsam mal wieder Zeit etwas zu schreiben… In dem
letzten Monat ist echt viel passiert und ich versuche, dass mal ein
wenig in Reihenfolge zu bringen.
Also am 29.September war Sportsmeeting in unserer Schule. Das heißt, alle Schüler kommen auf dem Sportplatz zusammen und haben Leichtathletikwettbewerbe. Der erste Wettbewerb war etwas Besonderes und zwar begann es mit dem Einlaufen auf dem Sportplatz. Jede Klasse hatte sich eine Performance überlegt, manche dazu noch einheitliche Kleidung und führten diese dann den Lehrern und Schulleitern unserer Schule vor. Außerdem gab es 10 Wettkampfrichter die, diese dann bewerteten. Danach gab es Wettbewerbe wie Laufen, Hochsprung u.s.w.  Meine Klasse wurde am Ende zweite in unserem Jahrgang. Ich habe nur zugeschaut und nicht an den Wettbewerben teilgenommen. Die meisten aus meiner Klasse machen echt gerne Sport und besonders im Laufen sind einige richtig gut. Wie in Deutschland ist Fußball sehr beliebt. Ich glaube Basketball ist etwa genauso beliebt und Badminton kommt knapp danach. In meiner Schule kann man während der Pause auf den Sportplatz wo es 2 Fußballfelder und 3 Basketballfelder gibt, die eigentlich immer voll sind. Was mich verwundert ist, dass es viele Schüler gibt die einfach während der Pause laufen gehen.
Nachdem das Sportmeeting zu Ende war fingen für unsere Schule die Nationaldays an. Das sind 7 Tage Ferien und ich bin mit meiner Familie für die ersten drei Tage nach Jixian gefahren, ein Ort ungefähr 2
Stunden von Tianjin entfernt, der in den Bergen liegt. Wir waren
ungefähr 20 Leute, alles Familiemitglieder, die mitgekommen sind und
alles in allem war es echt eine super Zeit, nur dass ich mir die Namen
von allen nicht merken konnte… Da haben wir eingentlich nur relaxt. Das heißt Karten spielen, Essen, Lesen, Reden und Fernsehn schauen. Zweimal haben wir Berge bestiegen und haben uns die Gegend angeschaut.
Nachdem wir zurück gekommen sind, habe ich mich dann die restliche Zeit mit meinen Mitschülern getroffen, um ins Kino zugehen, Basketball/Fußball zuspielen oder sowas halt. Die meisten meiner Mitschüler mussten aber nach 5 Tagen Ferien für 10 Tage ins Militärcamp, was nach den Erzählungen der Teilnehmenden echt schlimm war. 10 Tage kein Fleisch, 1 mal in 10 Tagen duschen,(man konnte sich sonst nur waschen. Nur die wenigen die Krank waren oder aus anderen Gründen verhindert waren, durften zuhause bleiben. Im Camp muss man um 5:30 aufstehen, um Laufen zu gehen. Am Tag mussten meine Mitschüler maschieren oder einfach stehen.
Ich hatte anstatt 7 Tage 15 Tage Ferien. Ich musste zwar jeden Tag 4 Stunden zur
Schule, aber das war sehr entspannt. In dieser Zeit hatte ich alternativen Unterricht, also mal Badminton oder Taiji oder sowas in der Art.
Als meine Klassenkameraden wieder kamen, ging es wieder mit dem Alltag los. In der Woche zur Schule, die ich jetzt von 7:20-18:20 besuche da ich mir dachte, dass ich hier bin, weil ich wie ein chinesischer Schüler leben möchte, und am Wochenende mit Freunden treffen. Zum Glück habe ich in meiner Klasse gleich ein paar Freunde gefunden, sodass mir nicht langweilig wird. Natürlich probiere ich auch alle möglichen Arten von chinesischem Essen und lerne auch selber kochen. In der Schule haben wir auch Kunstunterricht, wo ich gerade meine kreative Ader endecke. 🙂

Das war’s erstmal

Joscha!

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Electionday

 

Schon bei meiner Abreise habe ich mich auf das Ereignis der Wahl des amerikanischen Präsidenten gefreut. Selber erleben, was man nur aus dem Fernseher kennt. Vor ein paar Tagen war es dann endlich so weit. Am 6. November war Electionday. Der Wahlkampf war etwas besonders, da wir das in Deutschland so nicht kennen. Vor allem wie die Kandidaten sich gegenseitig fertig gemacht haben sind wir in Deutschland nicht gewohnt und das hat wirklich genervt. Da Missouri wenig Electoral Votes (Wahlmänner) hat und zudem als sicheres republikanisches Land gilt, war der Wahlkampf hier eher ruhig. Sieht man von den Werbungen ab, die den ganzen Tag im Fernsehen gelaufen sind. Da wir in American History die ganze amerikanische Verfassung und das Wahlrecht gelernt haben, habe ich in den USA erst realisiert wie spannend und knapp das alles werden kann. Am Wahltag, dem 6. November liefen überall wo man hingekommen ist Fernseher, so dass man ständig die News, Hochrechnungen und Spekulationen sehen könnte. Nach der Schule saß ich dann den Rest vom Tag vor dem TV. Es war teilweise wirklich spannend und aufregend, vor allem weil Obama und Romney lange gleichviele Electorial Stimmen hatten. Da das meiste aber nur Spekulationen waren wurde es mit der Zeit für mich etwas langweilig. Da der Electionday an diesem Tag wirklich das einzige Thema war, verfolgten mich in dieser Nacht sogar Romney und Obama in meinen Träumen. Nachdem mir meine Gastmama , als sie mich weckte, mir das Ergebnis verkündet hat, haben wir natürlich sofort den TV eingeschalten und uns die Nachrichten angeschaut.  Es war und ist immer noch eine wunderbare Erfahrung während den Wahlen in den Staaten zu sein und das alles mitzuerleben. Ich habe dadurch sehr viel gelernt und bin so froh, tolle Gasteltern und einen tollen Amerikan History Lehrer zu haben, die mir alles ausführlich erklären. Der Wahlkampf unterscheidet sich so sehr zum dem was  wir in Deutschland kennen. Angefangen bei den vielen Werbungen, den Reden, die mit voller Begeisterung gehalten werden, die vielen Wahlpartys, bis hin zu der anderen Verfassung und natürlich dem überall sichtbaren Nationalstolz. Ich glaube, ich habe am Electionday so viele amerikanische Flaggen gesehen und Gebete für Amerika gehört wie noch nie in meinem Leben. Es war ein unglaublich spannender und aufregender Tag, den ich nie vergessen werde und ich bin gespannt wie Amerika sich weiter entwickeln wird.

 

„Bayramın mübarək!”, “ С праздником!“ Feiertage ueber Feiertage und die Small Academy of Science

Bayramın mübarək!”, “ С праздником!“ Feiertage ueber Feiertage und die Small Academy of Science

Tief  haengen die grauen Novemberwolken ueber dem kaspischen Meer, wo ich mit ein bisschen Fantasie ein paar der Bohrinseln erkennen kann, es ist 17.30h: Feierabendverkehr und die Menschen kehren von der Stadtmitte in die Randbezirke zurueck, wobei sie  das alltaegliche Hupkonzert veranstalten. Diesem lausche ich aus dem 18. Stock hier in Yeni Yasamal, waehrend ich die Plastiktueten beobachte, die es aufgrund des stark pfeifenden Windes schaffen, ganz bis hier nach oben zu fliegen 😀 Wie ihr merkt, ist jetzt auch hier endlich der Herbst in vollen Zuegen eingekehrt: In der Stadt bleibt es einem oft nicht erspart, ueber groessere Rinnsale zu springen, die aufgrund der starken Regenschauer durch die Strassen fliessen, der Wind peitscht einem Sand ins Gesicht und wegen der allgemeinen Erkaeltungswelle ist viel Unterricht ausgefallen, sodass es heute bereits nach der dritten Stunde „Счастливые каникулы!“ (Glueckliche Ferien!) hiess. Gemeinsam sind wir zusammen in die Stadt gegangen, um die kommenden Ferien einklingen zu lassen, die fuer uns zwar schulfreie, aber natuerlich nicht lernfreie Zeit bedeuten…[singlepic id=202 w=320 h=240 float=]

Aber meinen Bericht sollte ich natuerlich mal wieder chronologisch beginnen – Halt!! Vorher moechte ich mich noch bei Ihnen und euch fuer die vielen lieben, anregenden und aufmunternden Kommentare und Nachrichten bedanken, die mir im Laufe der letzten Wochen zugekommen sind! Ihr koennt euch gar nicht vorstellen, wie gluecklich mich das macht, dass ihr Freude daran habt, diesen Blog zu verfolgen J Deswegen kommt jetzt wieder einmal „Nachschub“:

Elmlər Akademiyası („Small Academy of Science“)-auf den Spuren der gemeinsamen Wurzeln!

Am 20.10.12 hatte ich das grosse Glueck, an der Elmlər Akademiyası („Small Academy of Science“) teilzunehmen. Dies ist ein Projekt des Avropa Liseyis in Kooperation mit der State Academy of Science, bei dem die Schueler ueber ein sie interessierendes Thema nachforschen und dann vor einer Jury bestehend aus Professoren, Wissenschaftlern, Philologen und Lehrern eine Praesentation darueber halten.  Dies wusste ich allerdings noch nicht, als Murad (ein Freund aus der Parallelklasse) mich schon zu Beginn des Schuljahres gefragt hatte, ob ich mit ihm der Frage auf den Grund gehen moechte, ob Aserbaidschaner und Deutsche gemeinsame Wurzeln haben.  Daraus hat sich dann unser Projektthema ergeben: „Untersuchung des Einflusses westlicher Turkstaemme auf alte germanische Staemme auf der Grundlage von literarisch-geschichtlichen Monumenten und Quellen“. Unser Ziel war es, enge Verbindungen zwischen diesen beiden ethnischen Gruppen zu Zeiten der grossen Voelkerwanderungen zu beweisen und ihre Beziehung in Bezug auf sprachliche, etymologische und kulturelle Einfluesse zu identifizieren. Der britische Historiker Peter J. Heather beispielsweise bezeichnet die Skythen (Reiternomadenvoelker, die die eurasischen Steppen bewohnten) und Saken (Vertreter der Kultur der Skythen) als erste turkstaemmige Gruppe, die nach Europa vorgedrungen ist und verbindet sie so mit der Entstehung des Namen„Sachsen“ des heutigen deutschen Bundeslandes.

Der germanische Schlachtruf „Urarum!“, woraus sich unser heutiges „Hurrah!“ entwickelt hat, kommt aus dem Tuerkischen  und bedeutet soviel wie „Ich werde kommen!“. Der Name des Gebets „Vater Unser“ kommt ebenfalls vom tuerkischen Ursprung „Atta Unsar“, worueber ich besonders ueberrascht war. Des Weiteren haben wir herausgefunden, dass Goten und das Volk der Altai (Turkstamm) nicht nur beide totemistische Braueche pflegten, sondern es der Legende nach sogar eine naehere Verbindung gibt: Demnach haben die Eidechsen (Totem der Goten) das Haus der Woelfe (Totem derAltai) verlassen. Ausserdem sind Aehnlichkeiten zwischen Germanen und Tuerken bei dem Gebrauch von Waffen sowie bei Begraebnisritualen festzustellen. So wurden beispielsweise identische Urnen in der Tuerkei und Westphalen gefunden. Unser Fazit: Alte Germanen behielten Spuren des tuerkischen Einflusses, was moeglicherweise auf die Wurzeln eines grossen Volkes, der „Gentilis Europeais“ zurueckgeht…

Ich hatte ich den hohen Stellenwert dieses Projektes eindeutig unterschaetzt.! 😀 Da wir die Projektarbeit auf Englisch gemacht haben, bin ich davon ausgegangen, dass die Praesentation auch in dieser Sprache stattfinden wird. Eine Woche vorher habe ich dann erfahren, dass sie, wenn schon nicht auf Aserbaidschanisch, zumindest auf Russisch stattfinden muss. Also sind wir fast taeglich bis abends in der Schule geblieben, um alles auszuarbeiten, was sehr lange gedauert hat, weil es beim genauen Nachforschen unglaublich schwer ist, sich nicht in anderen geschichtlichen und politischen Themen zu verlieren, sodass wir staendig vom eigentlichen Thema abgekommen sind und manchmal gar nicht mehr wussten, wieso eigentlich :D.

Zwei Tage vorher hat Murad mir dann verraten, dass Professoren und Wissenschaftler zuhoeren und den Vortrag beurteilen werden. Ihr koennt euch gar nicht vorstellen, wie aufgeregt und panisch ich nach dieser Info war. Tag und Nacht habe ich meine Texte geuebt und als wir dann einen Tag vorher unseren „Magisterkittel mit Hut“ erhielten, haben meine Knie gar nicht mehr aufgehoert zu zittern. Zehn Minuten vor der Praesentation, als wir alle schon startklar waren, wurde Murad dann gebeten, seinen Teil doch bitte auf Aserbaidschanisch zu halten, da wir so eine bessere
Bewertung erhalten wuerden! Fuer ihn kein Problem – was ich absolut bewundere: Dass er spontan die auf Russisch eingeuebte Praesentation mit all ihren historischen Fachbegriffen auf aserbaidschanisch gehalten hat! Zu so etwas sind nur Aserbaidschaner faehig!! 😀 Ich wurde noch besorgter, dass ich so meine „Einsetze“ verpassen wuerde, aber auf der Buehne ist die Aufregung dann wie verflogen. Nachdem die Schulleiterin schmunzelnd erklaert hatte, dass unsere Praesentation aufgrund der “Austauschschuelerin aus Deutschland“ bilingual abgehalten wird, konnte es dann endlich losgehen. Es hat unglaublich viel Spass gemacht, abgesehen davon, dass der Hut nicht auf meinem Kopf bleiben wollte und immer weggerutscht ist 😀 Besonders interessant war auch, den anderen Praesentationen aus den Bereichen Chemie, Biologie und Physik zuzuhoeren, die gezeigt haben, wie intelligent, interessiert und engagiert die Schueler des Avropa Liseyis sind…da entwickeln sich bei mir schon manchmal Komplexe! Doch wurde ich seitens der Schueler und Eltern fuer meine Russischfortschritte gelobt, mit tausend Fragen belagert und musste versprechen, bald einen deutschen Konversationsclub zu eroeffnen, was Murad und ich ebenfalls zusammen planen. Am Ende haben wir bei der Preisverleihung ein  richtiges Diplom mit einem ersten Platz fuer unsere Forschungsarbeit erhalten (gehoert laut der anderen unbedingt in den Lebenslauf) und waren uebergluecklich!!![singlepic id=188 w=320 h=240 float=][singlepic id=189 w=320 h=240 float=][singlepic id=190 w=320 h=240 float=]

 

Russisch – der Knoten ist geplatzt! Jetzt kommt Aserbaidschanisch!

Ich habe das Gefuehl, dass die Small Academy of Science sprachlich bei mir den Schalter umgelegt hat. JSeitdem habe ich keine grossen Probleme oder Hemmungen mehr, mich auf Russisch zu artikulieren. Unsere Aserbaidschanischlehrerin meinte neulich zu mir, dass ich auf Russisch jetzt frei reden wuerde, also sei jetzt Aserbaidschanisch an der Reihe 😀 Sie hat angefangen, mit mir die aserbaidschanische Abitursgrammatik durchzuarbeiten. Und wirklich: Obwohl diese Sprache wie alle Turksprachen agglutinierend aufgebaut ist (also alle moeglichen Artikel, Zeitformen, Praeposition usw werden wie eine Kette an das Wort angehaengt), erscheint sie mir leichter als Russisch. Beispielsweise wuerde man „meine Buecher“ (Kitablarımdan)so bilden: Kitab(Buch) -lar(Plural) -ım(meine) –dan(aus)! Bezueglich der russischen Sprache ist weiterhin Ausdauer und Selbstdisziplin angesagt: Ich zwinge mich dazu, Nachrichten an Freunde und mein Tagebuch mit aufgeschlagenem Grammatikbuch nur auf Russisch zu schreiben und wenn ich mal Musik zur Entspannung hoeren will, auch nur russische. Ausserdem versuche ich, viele verwandte Woerter zu identifizieren, um den Aufbau der Sprache immer mehr zu verstehen. Und siehe da: Mittlerweile erscheint es mir schon merkwuerdig, auf Deutsch zu schreiben, geschweige denn zu reden 😀  Da meine Gastfamilie untereinander nur Aserbaidschanisch spricht, versuche ich, mich jetzt auch dem immer mehr anzupassen und zu Hause weniger Russisch zu sprechen. Meine Gastmutter hilft mir dabei auch recht konsequent: Selbst als es um Visumsangelegenheiten ging, hat sie mir neulich am Telefon keine „russische Erleichterung“ gegeben. Und ich bin ihr dafuer sehr dankbar, denn wenn ich Aserbaidschanisch beherrsche, werde ich auch Tuerkisch beherrschen und es waere ein Leichtes, diese Sprache irgendwann auch noch zu lernen 😀

Wie ihr merkt, werde ich beim Thema Lernen immer mehr aserbaidschanisch und muss aufpassen, dass ich nicht suechtig werde! Doch wo soll ich Prioritaeten setzen? Auf diese Frage habe ich immer noch keine Antwort gefunden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Gehirn aufgrund der vielen neuen Eindruecke und Informationen gar nicht mehr funktioniert und ich essenzielle Infos aus meiner Erinnerung nicht mehr hervorrufen kann, was mir unglaublich unangenehm ist: Vor 3 Tagen z.B.der Name unseres deutschen Bundespraesidenten!!! Schwer vorstellbar, oder? Als ich neulich mal wieder an den Matheaufgaben verzweifelt bin, meinte meine Gastmutter, dass Moskau auch nicht an einem Tag erbaut wurde und alles seine Zeit braucht. Diesbezueglich kann ich absolut auf meine superlieben Klassenkameraden und Freunde zaehlen, die nicht selten zwei Stunden nach Schulschluss dableiben, um mir die Aufgaben zu erklaeren! Umso deprimierender ist es dann, wenn ich trotzdem vieles nicht verstehe. Ich glaube, es ist waehrend des Austauschjahres die grosse Kunst, die Erwartungen an sich  selbst runterzusetzen, aber gleichzeitig nicht phlegmatisch zu werden…

 

Qurban Bayramı – Das Opferfest

Vom 25. Bis 26. Oktober wurde hier zwei Tage lang das Opferfest gefeiert, das wichtigste muslimische Fest, das sich alljaehrlich aufgrund des islamischen Mondzyklus verschiebt. Der Anlass kam mir aus der Bibel sehr bekannt vor: Indem jede Familie ein Schaf schlachten laesst, also ein „Qurban“ (=Opfer) bringt, es in sieben Teile teilt und mit Verwandten und Armen teilt, wird an das Gottvertrauen Ibrahims (Abrahams) gedacht. Dieser war dazu bereit, Allah (Gott) seinen Sohn Ismail (Isaak) im Alter von 12 Jahren zu opfern. Als Anerkennung liess Gott ihn jedoch an dessen Stelle ein Schaf opfern. Dementsprechend sah man hier ein paar Tage vor dem Fest ganz viele Hirten ihre Schafe durch die Strassen treiben und an „Verkaufsstaenden“ konnte man sich direkt eins auswaehlen und warten, bis es geschlachtet wurde. Zu dieser Prozedur sind meine Gasteltern alleine hingefahren und ich muss zugeben, dass mir der Geruch des Bluts bei der Zubereitung hier zu Hause schon merkwuerdig vorkam, ich aber fasziniert von der Art der Zubereitung war und deswegen zugeschaut habe…[singlepic id=198 w=320 h=240 float=]

Atemberaubende Natur und Kleinstadt Mingəçevir

Ueber die Feiertage sind meine Gasteltern und ich nach Mingəçevir gefahren, eine Stadt, die im Osten Aserbaidschans mitten in der Natur an einem grossen Stausee liegt, dessen Zentrum mich jedoch an Baku in klein erinnert – sehr sauber und wunderschoen beleuchtet bei Nacht. Dort befindet sich das zweite Haus meiner Gastfamilie mit einem grossen Garten. Auf dem Weg dorthin sind wir durch die Auslauefe des Grossen Kaukasus gefahren und haben den Blick auf die wunderschoene Landschaft genossen. Jetzt im Herbst stellen die prachtvollen Farben der Baueme, gepaart mit den Nebelschwaden, ein einmaliges Naturschauspiel da.[singlepic id=191 w=320 h=240 float=][singlepic id=192 w=320 h=240 float=] Nicht zu vergessen die kleinen Rinnsaale, die sich in den Taelern durch die riesigen Flussbetten schlaengeln, die nun ausgetrocknet daliegend kaum den Eindruck erwecken, dass sie im Fruehjahr zu reisserisch brechenden Stroemen mutieren.[singlepic id=194 w=320 h=240 float=]

An anderer Stelle sind grosse Schafherden zu erkennen, die friedlich grasend so eine Ruhe ausstrahlen, dass sie den Eindruck vermitteln, die Zeit anhalten zu koennen. Zauene gibt es nicht, dafuer Hirten und Huetehunde.[singlepic id=193 w=320 h=240 float=]

Ein Stueck weiter erheben sich schroffe Felsen empor, auf dessen sandigen Untergrund sich trotzdem am Strassenrand Granatataepfelstrauecher befinden.[singlepic id=195 w=320 h=240 float=]

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Davon gibt es auch reichlich im Garten meiner Gastfamilie, sodass wir ein ganzes Auto voller Fruechte geerntet haben. So riesige Granataepfel, die schwer in eine Hand passen, habe ich noch nie zuvor gesehnen. Das ist die suesse Sorte, aus dessen Schale Medizin gemacht wird. Die andere ist farbintensiver und sauer bis salzig, sodass sich einem der Mund aehnlich wie bei einer Zitrone zusammenzieht. Unbekannt waren mir ausserdem Karalyok und Xurma, zwei orangene Fruechte in der Groesse eines Apfels, die vom Aussehen schwer voneinander zu unterscheiden, vom Geschmank her jedoch gravierend unterschiedlich sind. Karalyok schmeckt wie Banane, Xurma hingegenist extram jodhaltig, sodass man durchaus einen trockend brennenden Hals bekommen kann.[singlepic id=197 w=320 h=240 float=]

Abends, als es dunkel wurde, haben wir Verwandte besucht, um an sie traditionell die Teile des Qurbans weiterzureichen, bevor wir uns am naechsten Tag uns wieder Richtung Grossstadt orientiert haben, wo eine halbe Woche spaeter schon wieder “Bayram” (=Feier) anstand….

 

Halloween

…allerdings nur fuer unsere Klasse, denn eigentlich ist es total unueblich, hier Halloween zu feiern 😀 Wir haben uns jedoch Erlaubnis von der Schulleiterin geholt, einen Tag lang nicht gemaess der Kleiderordnung zu erscheinen, die sich im Laufe des Schuljahres schon so aufgelockert hat, dass wir zwar helle Oberteile tragen, aber weiss muss nicht unbedingt sein und statt Roecken koennen auch ganz normal Jeans getragen werden. Jedenfalls hat sie uns erlaubt, an diesem Tag in dunkler Kleidung zu erscheinen…dabei ist es allerdings nicht geblieben: Einige haben Kostueme getragen und unsere Mathelehrerin hat uns sogar erlaubt, uns waehrend des Unterrichts gegenseitig zu schminken 😀 Wir hatten auf jeden Fall viel Spass und versucht, nicht allzu viele juengere Schueler zu erschrecken :P[singlepic id=200 w=320 h=240 float=][singlepic id=201 w=320 h=240 float=]

 

Visumsverlaengerung in Migrationsbehoerde – Ein Abenteuer fuer sich

Da Mari (die andere Austauschschuelerin aus Tschechien) und ich beide nur ein Visum fuer drei Monate haben, ging es jetzt ans Thema Verlaengerung.  Generell haben sich die Behoerdengaenge fuer uns als ziemlich kompliziert herausgestellt, da wir die ersten Austauschschueler in Aserbaidschan sind und dementsprechend keiner so richtig weiss, wie er uns einordnen soll. Schon die  Registrierung in der Anmeldebehoerde Anfang Oktober lief nicht reibungslos ab, weil wir uns schon innerhalb der ersten drei Tage haetten registrieren muessen (eine neue Regel, die uns nicht bekannt war) und sie so eine Strafe in Hoehe von 400 Manat erheben wollten. Unsere Gasteltern haben es dann aber irgendwie geschafft, sie auf 50 Manat zu beschwichtigen, wovon wir 30 sowieso fuer unseren aserbaidschanischen Ausweis haetten bezahlen muessen. Bezueglich der Verlaengerung des Visums hatten wir ebenfalls viele Diskussionen hier zu Hause, da mein Gastvater im Internet gelesen hatte, dass ich 90 Manat alle drei Monate bezahlen muesste plus Registrationsgebuehr, plus die Gebuehr fuer die erforderliche Blutanalyse im Krankenhaus. Da uns in Deutschland jedoch gesagt wurde, dass ich das Visum aufgrund eines Bildungsabkommens zwischen Deutschland und Aserbaidschan kostenlos erhalten wuerde, kam mir das alles nur noch auesserst suspekt vor! Also sind mein Gastbruder und ich zum Migrationsamt gegangen, wo wir erstmal erklaert haben, was ueberhaupt ein Austauschschueler ist 😀 Ueber YFU konnten sie keine Informationen in ihren Unterlagen finden, obwohl Minaxanım sie schriftlich und telefonisch bereits informiert hatte. Sie waren jedoch sehr freundlich und bemueht, meinten, dass ein Jahresvisum nur 120 Euro kosten wuerde, wenn wir als Studenten durchgehen wuerden 40 Manat und da es fuer Schueler keine Bestimmungen gibt, evtl. sogar kostenlos… „посмотрим“ „wir werden sehen“ J

 

Und heute (09.11.) ist schon wieder Feiertag: Bayraq Günü – „Der Flaggentag“

Heute feiern wir hier die aserbaidschanische Nationalflagge (35mal70m), dessen Mast mit 162 Metern der hoechste der Welt war, bevor ihm 2011 der turkmenische den Rang abkaempfte.  Gleich gehen wir zum Platz der Staatsflaage ans kaspische Meer, wo anlaesslich des heutigen Tages ein Konzert stattfinden wird…

Darueber berichte ich dann beim naechsten Mal!

 

Ich hoffe von Herzen, dass es euch allen gut geht und sende ich windig staubige Gruesse!

Сердечный привет!!!!

Eure Philine