Der irischste Tag des Jahres und Ostern ohne Osterhase

Hallo ihr Lieben,
es ist glaube ich ein echtes Austauschschülerphänomen, ständig über Zeit zu reden. Man redet ständig darüber: mit anderen Austauschschülern, Freunden Zuhause und im Ausland, der Gastfamilie und der Familie Zuhause. Deswegen habe ich beschlossen dazu jetzt gar nichts weiter zusagen als: Ja, die Zeit vergeht. Und manchmal tut sie das viel zu schnell und manchmal zu langsam und in seltenen Fällen tut sie beides gleichzeitig. So wie im Moment.
Die letzte Zeit war echt vollgepackt. Ich hatte kaum einen Moment um richtig durchzuatmen.
Am 17. März war da erst einmal der irischste Tag des Jahres, der Tag an dem die ganze Welt ein bisschen irisch ist und ich war mittendrin!
Die Iren halten es mit Kleeblättern, Grün und Laprechauns in etwa so wie wir Deutsche mit Dirndl, Lederhosen und Brezeln: das ganze Jahr regen wir uns über die Vorurteile, die die ganze Welt über uns hat auf und dann ist da diese ganz bestimmte Zeit im Jahr, in der wir das alles vergessen und selbst ganz vorurteilsgerecht auftreten. Ob das jetzt in Lederhosen oder in grün ist, ob es Oktoberfest oder St. Patrick’s day heißt: ich erkenne da ganz klar die Parallelen!
Aber das ist ja nichts Schlechtes 🙂 im Gegenteil! Schon von Anfang an habe ich mich hier auf den St. Patrick’s day gefreut. An keinem anderen Tag kann man sich so irisch fühlen!
An besagtem Freitag habe ich mich also mit Freunden getroffen -möglichst früh, um die besten Plätze direkt am Gatter zu erwischen- um zusammen mit ihnen die Parade in Cork zu bestaunen.
Alles war schon abgesperrt und man musste aufpassen auf welcher Straßenseite man sich traf, denn waren die Absperrungen einmal geschlossen gab, es kein Durchkommen mehr.
Die Straßen füllten sich schnell mit Zuschauern: fast jeder mit etwas Grünem geschmückt, Irlandflaggen, Gesichtsbemalung oder lustige Hüte sah man überall. Natürlich haben wir uns da auch angepasst.
Los ging es dann mit einem Aufmarsch der Polizei. Es folgten das Militär, die Feuerwehr und die Regierung. Danach kamen diverse Hurling, Camogie und Gaelic football Vereine. Alle mit Bannern und Musik und stolz wurden die gewonnenen Pokale präsentiert. Aber auch Tanzschulen, Judo- und Karateklubs waren vertreten, BMX-Gruppen und Rudervereine. Dazwischen Marschkapellen, sogar ein Krankenhaus und ganz viele nationale Gruppen aus China, Südkorea, Japan, Indien, Polen, Mexiko, von der Elfenbeinküste und noch einigen mehr. Alle in Trachten und mit lauter Musik. Und dazu kamen dann noch einige Gruppen mit fantastischen Kostümen und mühevoll gebauten Wägen.
Es war ein beeindruckendes und farbenfrohes Spektakel.
Kurz danach ist mein Gastbruder Craig 12 geworden und die ganze Familie kam zu uns. Es war gemütlich und wir haben Kuchen gegessen, aber ich bin froh, dass ich an meinem Geburtstag schon wieder Zuhause bin um ihn mit meiner Familie feiern zu können 🙂
Und dann, einen Tag später Ende März: Schnee!
Zum Glück war es die Tage davor ziemlich kalt und so blieb der Schnee sogar liegen! Die Flocken waren ganz dick, fast als würde es Federn schneien … Ich hab mich ans Wetter angepasst: meine Schuluniform und die Schuhe in den Rucksack gepackt und den Rucksack in eine Tüte.
Und als ich in der Schule angekommen bin, konnte ich schön in meine trockenen Sachen wechseln… ich lerne aus Fehlern! ;D
Der Schnee war am Mittag schon längst wieder geschmolzen aber trotzdem: mein erster Schnee in Irland! Schnee Mitte März!
In Irland reden alle, immer übers Wetter. Und das ist nicht übertrieben. Sogar im Unterricht wird meistens erst noch ein Kommentar zum Wetter abgegeben und im Bus ist es ein super Einstieg in eine nette Plauderei mit dem noch-fremden Sitznachbarn.
Man kann es uns aber auch wirklich nicht verübeln: Das Wetter ist hier so wechselhaft, launisch und vielseitig, dass man immer reichhaltigen Gesprächsstoff hat. Nur als kleine Beispiel: Am Mittwoch war alles Schnee bedeckt und am Freitag lag ich nach der Schule im Park auf der Wiese, habe mich bei 17 Grad ohne Jacke gesonnt und gelesen …
Es war auch gut, dass das Wetter so toll war, den die Busse haben insgesamt drei Wochen gestreikt und so musste ich jeden Tag zur Schule und zurück laufen. Hin ging noch, denn es ging bergab doch der Rückweg war eine Qual: Müde, nach der Schule, mit schwerer Tasche 50 Minuten den Berg hoch.
Naja, wenigstens meine Ausdauer hat sich verbessert 😉
Ende März kamen dann auch meine Großeltern zu Besuch und das war toll! Es war so schön vertraut, so wunderbar normal. Und das mag vielleicht komisch klingen, aber es war so angenehm einen kurzen Urlaub vom Austauschschülerleben zu haben und einfach nur Tourist zu sein, unterwegs mit der Familie. Es war auch super meine Großeltern wiederzusehen und so viele schöne Sachen mit ihnen zu erleben. Wir waren in Dublin, Galway, Kerry und Cork und haben die atemberaubende Natur Irlands bestaunt. Zum Glück hatten wir auch mit dem Wetter Glück 
Und dann haben hier auch schon die Ferien begonnen. Die ersten Tage fand ein „Life-long-learning-Festival“ statt, während welchem man viele interessante Dinge kostenlos in Cork erleben konnte. Wir waren z.B. bei zwei klassischen Konzerten der Musikhochschule, einem Flamenco Auftritt, einem Open-Air Konzert und einer spannenden Stadtführung.
Von meiner Austauschorganisation wurde dann ein dreitägiger Trip nach Galway organisiert. Und diese Zeit war einfach der Hammer. Ich war in einem Haus mit 5 echt guten Freundinnen und wir hatten super viel Spaß, waren lange wach, haben über alles Mögliche geredet und hatten eine wunderbare Zeit zusammen.
Während des Trips saßen wir viel im Bus, haben aber auch eine Radtour gemacht, eine Wanderung und eine Stadttour. Ich war richtig traurig als es vorbei war.
Gestern war dann Ostern und wie soll ich sagen … armes Irland! Keine Ostereiersuche, kein Osterfeuer, keine Eier bemalen. Ja nicht einmal den Osterhasen haben sie hier. Trotzdem war es ein nettes, wenn auch etwas langweiliges Familienessen und ein paar Ostereier habe ich dann doch bekommen 
Jetzt habe ich noch eine Woche Ferien, die ich in vollen Zügen genießen werde und dann sind nur noch 6 Wochen Schule … und dann bin ich schon wieder zurück!
Und ich kann aus vollem Herzen sagen: ich freue mich auf Zuhause und doch würde ich am liebsten noch länger bleiben! Gefühlschaos vorprogrammiert … 😉
Frohe Ostern und liebe Grüße aus Irland!
Eure Neela

Urlaub in Kalifornien, politische Diskussion auf dem Rückflug und Interessantes zu Detroit

Mein aktuellen Erfahrungen aus den USA habe ich für meine heimische Lokalzeitung, den Soester Anzeiger, zusammengefasst:

Nach sonnigen Urlaubstagen in Kalifornien diskutierte Nico Nölken, der momentan in Detroit lebt, amerikanische Politik mit Fremden im Flugzeug. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Er berichtet:

Nach einem für deutsche Verhältnisse kalten Winter machte ich bei sommerlichen Temperaturen eine Woche Urlaub in Kalifornien: Die ersten drei Tage verbrachte ich in Los Angeles. Neben den Universal Studios Hollywood, Madame Tussauds, dem Walk of Fame, Rodeo Drive und Disneyland war ich auch am berühmten Santa Monica Pier. Dort war es seit Tagen voller Smog durch die Abgase der Autos. Wie auch in Detroit gibt es in Los Angeles kaum öffentliche Verkehrsmittel. Der Smog machte die Zeit am Strand ungenießbar. Auch Hollywood ist längst nicht so glamourös wie ich es mir vorgestellt hatte, aber trotzdem sehr sehenswert.
Die achtstündige Busfahrt nach San Francisco gab mir einen Blick auf unberührte Natur in Kalifornien. In den folgenden Tagen hatte ich die Möglichkeit auf einem der berühmten Cable Cars mitzufahren, eine Tour durch die Stadt zu machen, das Gefängnis auf Alcatraz zu besichtigen und über die Golden Gate Bridge zu laufen. San Francisco ist die schönste Stadt in den USA, die ich bisher gesehen habe. Wegen der einmaligen Geschichte leben dort viele weltoffene Menschen, die Beliebtheit der Stadt sorgte aber auch für teurer werdenden Wohnraum.
Sowohl in Los Angeles, als auch in San Francisco habe ich mir die Hauptsitze von Firmen wie Snapchat, Youtube oder Twitter von außen angeschaut. Sehr unscheinbar befinden sich die weltberühmten Technik-Konzerne in normalen Nachbarschaften. Als ich mir die Firmenzentrale von Uber, einem der erfolgreichsten Konzerne in den USA, ansah, traf ich mitten auf der Straße auf den CEO des Unternehmens. Die Atmosphäre scheint, wie ich es mir vorgestellt hatte, sehr lässig zu sein.

Auf dem Rückflug war ich allein und verlor meine Kopfhörer, sodass ich mich etwas langweilte und begann mit meinen Sitznachbarn, einem Ehepaar aus einem Vorort von Detroit, für zwei Stunden über Politik zu sprechen. Viele Amerikaner sind sehr offen und erzählen sofort, für wen sie gestimmt haben und was ihre Sicht auf die aktuellen Ereignisse ist. Das Paar, das Verwandtschaft in Deutschland hat, stimmte für Donald Trump und ist Befürworter einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Dabei schienen sie nicht die stereotypischen Amerikaner zu sein, die noch nie im Ausland waren und viele Waffen besitzen. Sie waren auch Befürworter der „Ehe für Alle“ in den USA. Nichtsdestotrotz hatten beide für Trump gestimmt, auch wenn die Frau zugab sich mittlerweile dafür zu schämen. Sie erklärten mir, dass sie sich insbesondere um die Migration sorgen und Dinge wie den „Muslim Ban“ für sinnvoll hielten. Dass Menschen wegen ihrer Herkunft pauschal als kriminell angesehen und auch Ausländer, die nur auf Geschäftsreise sind oder ihre Familie besuchen wollen, ausgeschlossen wurden, ließen sie als Gegenargument meinerseits nicht gelten. Trotzdem dachten beide nicht, dass Trump ein guter Repräsentant der USA auf der Weltbühne ist. Es ist immer wieder spannend, mit fremden Menschen über die politische Situation zu sprechen und auch aus einer anderen Perspektive zu denken.

Als ich zurück in Detroit war, war ich eine Woche lang täglich von sieben Uhr bis Mitternacht in der Schule, da am Wochenende die Aufführung des Musicals „Shrek“ bevorstand. Ich kümmerte mich darum, alle Schauspieler zu verkabeln und während der Aufführung Mikrofone zu wechseln oder auch zu reparieren. Das Musical gab mir die Gelegenheit, viele neue Mitschüler kennenzulernen und eine Art Gemeinschaft zu erleben.

Da ich in einem relativ wohlhabenden Vorort von Detroit lebe und es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, habe ich nicht sehr häufig die Chance im Herzen der Stadt zu sein. Trotzdem versuche ich es so oft wie möglich, mich dort aufzuhalten. Vor wenigen Wochen fuhr ich mit dem Fahrrad durch Detroit und versuchte die schönsten Stellen der Stadt zu finden. Viele Menschen haben ein absolut negatives Bild der US-Metropole und selbst diejenigen, die in den Vororten leben, meiden Detroit wegen der Kriminalität. Als Amerikaner im 20. Jahrhundert in die Vororte zogen, blieben Minderheiten und der arme Teil der Bevölkerung. Von 1,85 Millionen Einwohnern in 1950 blieben knapp 715.000. Afroamerikanern, die in Detroit heute knapp 83 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurde damals nicht erlaubt in die Vororte zu ziehen. Sie hatten aufgrund von Diskriminierung kaum Jobchancen, sodass Armut und Kriminalität zunahmen. Viele Bürger müssen Lebensmittel noch immer an der Tankstelle kaufen, da Supermarktketten die Stadt verließen.
Insbesondere im Kern der Metropole fühle ich mich durch eine starke Polizeipräsenz allerdings sehr sicher. Außerdem wurde Detroit in den vergangenen Jahren zum Hotspot für die Künstler-Szene in Michigan. Bekannte Marken wie Nike eröffneten Geschäfte in der Innenstadt, in der es bis vor einigen Jahren kaum etwas zu kaufen gab. Im Mai startet eine Straßenbahn, die zumindest einen kleinen Teil der Stadt mobiler macht. Noch in diesem Jahr soll der Bau eines 224 Meter hohen Gebäudes beginnen, um die Attraktivität der Innenstadt zu steigern. Viele leerstehende Häuser wurden abgerissen, um Parks oder auch Flächen für landwirtschaftliche Nutzung entstehen zu lassen. Detroit hat sich in den vergangenen Jahren neu erfunden und es ist auch keine Seltenheit mehr, Touristen anzutreffen.

In meinem Ort ist eine der weltgrößten Holocaust Gedenkstätten, die ich vor wenigen Wochen besucht habe. Das Museum gedenkt den knapp sechs Millionen ermordeten Juden durch den Nationalsozialismus. Viele Ausstellungsstücke sind original und sehr beeindruckend, wie etwa der Waggon eines Zuges, der Menschen zu Konzentrationslagern brachte. Die Aussteller zogen unter dem Motto „Gleicher Kampf, unterschiedliche Verschiedenheit“ bewusst Parallelen zur heutigen Zeit und zur Benachteiligung von Frauen, Dunkelhäutigen, Homosexuellen und Behinderten.

Mir bleiben noch drei Monate in den USA. Im Mai werde ich auf Einladung des deutschen Konsulats an einer Diskussionsrunde mit Bundestagsabgeordneten in Detroit teilnehmen, bei der auch Bernhard Schulte-Drüggelte aus dem Kreis Soest anwesend sein wird. Mittlerweile musste ich mich an einer neuen Schule in Deutschland anmelden und ich mache mir bereits Gedanken um die Zeit nach meinem Auslandsjahr. Ich glaube, dass ich die vergangenen Monate sinnvoll genutzt habe und freue mich schon etwas auf Deutschland. Ich weiß aber auch, dass ich die USA vermissen werde und es mich sicher eines Tages wieder ins Ausland ziehen wird.

YFU Lapplandtrip

Schon im Dezember hatten wir für die Reise angemeldet und nun war es endlich soweit – auf nach Lappland! Vorher hatten wir jedoch noch ganze 17 Stunden quer durch Finnland vor uns. Am Sonntag um Mitternacht fuhr unser Bus in Helsinki ab. Die Nacht war von wenig Schlaf geprägt. Frühstück gab es in der Nähe von Oulu und gegen halb eins erreichten wir Rovaniemi und somit den Polarkreis. Dort besuchten wir den Weihnachtsmann in seinem Dorf, machten ein Gruppenfoto mit ihm und hatten danach noch Zeit für uns selbst zum herumlaufen und Souvenirs kaufen.
Bevor unser endgültiges Ziel erreichten ging es noch 3 weitere Stunden mit unserem Bus nördlich. Es war später Nachmittag, als wir in Pyhä ankamen. Dort gab es zuerst Abendessen und anschließend wurden uns die Zimmer zugeteilt. Da es für unsere große Gruppe nicht ganz an Platz reichte wurde ich mit ein paar anderen Freundinnen in ein fünf Minuten entferntes Mökki gefahren. Dort hatten wir eine eigene Sauna und Dusche, ein Wohnzimmer und alles war super modern eingerichtet. Dafür lohnte es sich definitiv immer 5 Minuten zum Haupthaus zu laufen 🙂
Der Dienstag ging recht früh los, wir fuhren nach dem Frühstück direkt mit dem Bus zur Huskyfarm. Dort hatten wir erst noch etwas Zeit, welche in einer riesigen Gruppenschneeschlacht endete. Im Tiefschnee steckte man bis zur Hüfte fest und hatte Schwierigkeiten sich im über einem Meter hohen Schnee fortzubewegen. 😀
Dann kam auch schon unser Führer, welcher uns eine Einleitung gab. Er erklärte uns, wie wir den Schlitten zu lenken hatten, den wir gleich selbst fahren werden. Einer saß im Schlitten und der andere stand hinten auf den Kufen und kontrollierte in den Kurven und das Bremsen. Vor jedem Schlitten waren sechs Hunde gespannt. Sobald man die Bremse loslässt rennen die Hunde los und halten auch erst wieder an, wenn die Bremse durchgedrückt wird. Also bloß nicht herunterfallen 😀 Die Kilometerlange Strecke ging sehr schnell vorüber und wir kamen unfallfrei im Ziel an. Im Anschluss bekamen wir noch eine Führung durch die Hundezwinger.
Für große Pausen blieb keine Zeit, denn direkt im Anschluss fuhr der Bus weiter zur Rentierfarm. Dort gab es in einem kleinen Tipi für alle Essen, traditionell Rentiersuppe, danach gab es noch eine Präsentation über das Leben der Samen mit den Rentieren. Schwer zu glauben, dass wirklich Leute nur mit dem Einkommen ihrer Rentiere leben. Nach der Präsentation gingen wir dann raus zu den Rentieren, die an einen Schlitten gespannt auf uns warteten. Wieder saßen zwei Personen in einem Schlitten und wurden von einem Rentier gezogen. Nur anders als bei den Hunden rennen sie nicht sofort los, sondern fahren uns eher spazieren. Daran kann man auch nicht wirklich etwas ändern, es sei denn man läuft mit Essen vor ihnen her. Das Essen bekamen sie dann im Anschluss natürlich trotzdem und wir durften sie selbst füttern. Die Rentiere waren einfach unglaublich niedlich, auch wenn sie eher weniger Kuscheltiere waren. Sie waren jedoch schon sehr an die Menschen gewohnt und ließen sich auch von uns anfassen.
Viel zu schnell war der Tag schon vorbei. Der Abend war uns zur Freien Verfügung gestellt und wir konnten in die Sauna gehen.
Von Mittwoch bis Freitag durften wir uns Aktivitäten aussuchen. Ich war zwei Tage lang Skifahren. Die finnischen “Berge” sind zwar lange nicht so wie in den Alpen, aber es waren trotzdem tolle Pisten zum fahren da und mit Freunden machte das alles gleich doppelt so viel Spaß. Am Donnerstag Abend fuhren wir mit unserem Bus in den “Center of Northern Lights”. Wir alle hatten eine Art Museum erwartet, aber wir wurden letztendlich von einer Frau empfangen, die uns in ein kleines Tipi geführt hat. Dort stapelten wir uns alle wortwörtlich aufeinander und bekamen eine Slideshow zu sehen. Unsere Führerin hat viele interessante Dinge über Nördlicher erzählt, welche Arten es gibt und wann und wie man sie am besten zu sehen bekommt. Später waren wir schon allmählich dabei uns bettfertig zu machen, als jemand unserer Gruppe sagte, wir sollen alle schnell rauskommen. Die Freude war riesig, als wir nun wirklich live Nordlichter am Himmel sahen, grün und leicht tanzend waren sie fast eine halbe Stunde immer mal wieder zu sehen. Ein unglaubliches Erlebnis!
Am Freitag hatte ich mich zu einer Schneeschuh-Wanderung angemeldet. Wir schnürten uns die breiten Dinger an die Schuhe und stampften los, durch den tiefen Schnee im tiefen Wald. Zwischendurch machten wir eine kleine Pause an einer Feuerstelle, grillten Würstchen und aßen Brötchen. Gestärkt ging es dann die letzten Kilometer wieder zurück. Es hat mir echt Spaß gemacht und ich würde es auch durchaus noch einmal machen! 🙂
Am Abend ging es dann in Gruppen aufgeteilt noch einmal los. “Avanto” (Eisbaden) stand auf dem Programm! Hier ging es nicht darum in kaltes Wasser zu steigen, sondern in ein in den gefrorenen See gesägtes Eisloch zu steigen. Vorher und nachher wurde sich ordentlich in der Sauna aufgewärmt um sich danach einmal ordentlich zu erfrischen. Natürlich fand ich das auch super kalt und man bleibt meist nicht länger als ein paar Sekunden im Wasser, aber es ist nicht so schlimm wie man es sich vielleicht vorstellt und wenn man wieder aus dem Wasser kommt, macht es den Anschein, als wäre die Lufttemperatur draußen lauwarm. Zumindest war das meine Erfahrung beim Eisschwimmen!
Als nächstes mussten wir dann leider schon unsere Koffer packen, denn am nächsten morgen ging es schon ganz früh wieder los, 16 Stunden südlich zurück nach Helsinki. Ein unbeschreiblich tolle Reise, die meine Erwartungen noch übertroffen hat und die ich sicherlich nicht vergessen werde. Mehr Bilder gibt es in der Galerie ganz oben zu sehen! 😉

Die Zeit verfliegt

Ich kann mich noch recht gut an meine Vorbereitungstagung im vergangenen Jahr in Lauenburg erinnern. Eines der Dinge, die man uns sagte, als wir über Erinnerungen und Blogging sprachen, war, dass 90% aller Austauschschüler, die einen Blog beginnen und in den ersten Monaten noch leidenschaftlich höchstens zwei Wochen vergehen lassen, bevor sie den nächsten Eintrag posten, irgendwann an den Punkt kommen, dass einer ihrer Einträge mit “Ich muss mich dafür entschuldigen, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe…” beginnen. Typischerweise denkt man dann, dass dies bei einem selbst sicherlich nicht der Fall sein wird. Und man irrt sich — ich zumindest. Vermutlich liegt es einfach daran, dass Dinge, die vor drei oder vier Monaten noch neu und besonders waren, inzwischen auch Teil der Routine geworden sind, und ich deshalb schon über zwei Monate ohne neuen Post habe verstreichen lassen.

Um dieses kleine Versäumnis wieder wettzumachen, werde ich berichten, was seit Februar so alles passiert ist:

Am ersten Februarwochenende fand die Middle Orientation, also sozusagen das Halbzeittreffen, zusammen mit allen anderen spanischen Austauschschülern in El Puig, einem kleinen Strandort bei Valencia, statt. Es war wirklich schön, alle anderen einmal wiederzusehen und sich über Erlebnisse und Erfahrungen in den Familien, mit Freunden, in der Schule etc. auszutauschen, da man sich, wenn man nicht gerade in der selben Stadt wohnt, aufgrund der relativ großen Entfernungen nur selten sieht. Gemeinsam mit zwei Freiwilligen von YFU España wurde am ersten Tag Bilanz des ersten Teils unseres Austauschjahres gezogen, während am zweiten Tag Ziele für die verbleibende Zeit festgehalten wurden — für mich sind es inzwischen weniger als 90 Tage. Außerdem planten wir auch unsere gemeinsame Reise zum Camino de Santiago, zu deutsch Jakobsweg, dessen letzte etwa 110km wir in einer Woche im Mai bestreiten werden.

Zeitgleich zur deutschen Karnevalszeit wird auch in allen Teilen Spaniens carnaval gefeiert, wobei die Feierlichkeiten in Cádiz und auf Teneriffa zu den bekanntesten zählen. In Euskadi hat jeder Ort seine eigenen, lokalen Traditionen und auch unterschiedliche Festtage, so sind beispielsweise in meiner Stadt der Samstag und der darauffolgende Dienstag die Feiertage, an denen sich nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Altersgruppen gerne verkleiden. Ich hatte mich für ein Albert-Einstein-Kostüm inklusive Perücke und weißem Kittel entscheiden, und nach dem Abendessen mit meiner cuadrilla ging es in die Straßen der Stadt. Die “cuadrillas” sind Freundesgruppen, die sich größtenteils schon seit Jahren kennen, aus bis zu dreißig Personen bestehen und gemeinsam essen oder feiern gehen. Viele haben auch eigenes lokal, also einen gemeinsam angemieteten Ort, den sie, mit alten Sofas, Tischen, Stühlen und Musikanlagen ausgestattet, als Treffpunkt, an dem sie Teile ihrer Freizeit verbringen. Besonders an Wochenende landet man häufiger in drei oder vier verschiedenen dieser Räumlichkeiten, die meist die Untergeschosse von Mehrfamilienhäusern bilden, da man eigentlich immer jemanden kennt, dessen lokal ganz in der Nähe ist.

Am Karnevalssonntag, der erste wirklich sonnige tag seit längerer Zeit, fuhren meine Familie und ich mit ihrem Wohnmobil in den Küstenort Lekeitio und verbrachten den Tag am Strand, am Hafen und in der Altstadt. Viele dieser Kleinstädte am Kantabrischen Meer werden bevorzugt von Touristen besucht, da sie einerseits schön anzusehen, andererseits auch wirklich baskisch sind, sowohl was die Gebäude als auch die Sprache der Menschen angeht; doch auch Einheimische aus den küstenferneren Orten kommen gerne, um ein paar Stunden am Wasser zu verbringen.

Wie bereits erwähnt, ist der Dienstag der zweite Höhepunkt der Karnevalsfeiern, den meine Schule als Tag zum Skifahren nutzte, da ganz Ermua am Mittwoch frei hat und Schulen und Behörden geschlossen bleiben. Deshalb ging es für alle Schüler ab der siebten Klasse am frühen Morgen in Bussen in das kleine Skigebiet Alto Campoo, im Süden Kantabriens, auf etwa 2000m. Da es in diesem Jahr weniger geschneit hatte als normalerweise, waren die Pistenbedingungen nicht gerade optimal, aber für einen einzigen Skitag ausreichend. Jeder konnte zumindest ein wenig Ski oder Snowboard fahren, sodass größere Stürze ausblieben und wir am späten Abend zurück waren.

Wer meine früheren Einträge gelesen hat, weiß, das Kulinarische im Baskenland einen hohen Stellenwert hat und mehr und öfter zelebriert wird, als an anderen Orten. Neben den berühmten Pintxos, kleinen Häppchen, die man für etwa 1€ in wirklich jeder Bar variantenreich vorfindet und die zu jeder erdenklichen Gelegenheit konsumiert werden, gibt es auch die cazuelitas, kleine Tonschalen mit winzigen Portionen, die aber mit besondererer Detailversessenheit zubereitet und angerichtet werden. In der vergangenen Woche fand der Wettkampf um die beste cazuelita statt, bei der in den 30 teilnehmenden Bars sieben Tage lang eine besondere Eigenkreation angeboten wurde, die sowohl eine Jury als auch die Bewohner gerne verkosteten. Auch meine Freunde und ich haben uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen und eine Menge verschiedener Dinge probiert, sodass wir sagen können, dass das “Giroa”, welches direkt an meinem täglichen Schulweg liegt, mit seinem Fischgericht zurecht gewonnen hat.
Das letzte Wochenende verbrachten meine Gastschwestern und ich außerdem im Haus unserer Cousins, die beide vor Kurzem Geburtstag hatten. Dazu lässt sich sagen, dass es in meiner Gastfamilie mütterlicherseits zehn Cousins und Cousinen im Alter von 10 bis 25 Jahren gibt, die sich bei solchen Gelegenheiten gerne treffen und gemeinsam Zeit verbringen. Wir unternahmen unter anderem einen Spaziergang am Steilufer, da sich das Haus der Familie in unmittelbarer Küstennähe befindet, und verbrachten viel Zeit mit den Haustieren, zu denen auch ein Sittich gehört, der, je nach Laune, einige Sätze sprechen kann.

Zur Schule lässt sich sagen, dass inzwischen auch das dritte “Halbjahr” vorbei und die Zeit der Hausarbeiten und Prüfungen überstanden ist, sodass es zumindest bis zur Semana Santa, also den Osterferien, etwas entspannter zugeht, obwohl man uns trotzdem gut beschäftigt hält; denn Anfang Juni stehen für alle, die ab dem nächsten Jahr die Universität besuchen wollen, die Selectividad, eine Art Zugangsprüfung der Universität der Region, an. Obwohl es auch eine schuleigene Abschlussprüfung gibt, die die Endnote der zweijährigen Oberstufe beeinflusst, liegt der Fokus auf der Selectividad, die 40% der finalen Durchschnittsnote ausmacht. Allerdings werden nicht alle diese Prüfungen absolvieren, da man beispielsweise Fachhochschulen oder Ausbildungszentren auch mit dem einfachen Abschluss des Bachillerato besuchen kann.
Mit meinen Noten bin ich im Übrigen weiterhin zufrieden, und in der letzten Geschichtsklausur ist mir aufgefallen, dass ich mir den Stoff inzwischen mindestens so gut merken kann wie auf Englisch, während ich mir, wenn ich an das erste Semester zurückdenke, zu Beginn kaum drei Fakten auf Spanisch merken konnte. Allgemein zur Sprache würde ich sagen, dass ich mich annähernd so sicher fühle wie auf Englisch, wobei mir im Englischunterricht während des Schreibens auffällt, dass sich dort die zwei Sprachen teilweise vermischen und ich mich wirklich darauf konzentrieren muss, nicht plötzlich auf Spanisch weiter zu schreiben.

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass man spätestens jetzt merkt, dass die Zeit wirklich wie im Fluge vergeht. Ich werde deshalb versuchen, die nächsten drei Monate so gut wie möglich zu nutzen und freue mich auf alles, was ich noch erleben werde. Für die Osterferien ist beispielsweise geplant die Familie meines Gastvaters in Extremadura, also dem Süden Spaniens, zu besuchen. Während Euskadi eine der reichsten Gebiete Spaniens ist, ist Extremadura mit Abstand die ärmste Region, sodass ich sicherlich noch einmal viel Interessantes über die Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen erfahren werde.

Aber bis dahin, saludos y un abrazo fuerte
Timm