Urlaub in Kalifornien, politische Diskussion auf dem Rückflug und Interessantes zu Detroit

Mein aktuellen Erfahrungen aus den USA habe ich für meine heimische Lokalzeitung, den Soester Anzeiger, zusammengefasst:

Nach sonnigen Urlaubstagen in Kalifornien diskutierte Nico Nölken, der momentan in Detroit lebt, amerikanische Politik mit Fremden im Flugzeug. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Er berichtet:

Nach einem für deutsche Verhältnisse kalten Winter machte ich bei sommerlichen Temperaturen eine Woche Urlaub in Kalifornien: Die ersten drei Tage verbrachte ich in Los Angeles. Neben den Universal Studios Hollywood, Madame Tussauds, dem Walk of Fame, Rodeo Drive und Disneyland war ich auch am berühmten Santa Monica Pier. Dort war es seit Tagen voller Smog durch die Abgase der Autos. Wie auch in Detroit gibt es in Los Angeles kaum öffentliche Verkehrsmittel. Der Smog machte die Zeit am Strand ungenießbar. Auch Hollywood ist längst nicht so glamourös wie ich es mir vorgestellt hatte, aber trotzdem sehr sehenswert.
Die achtstündige Busfahrt nach San Francisco gab mir einen Blick auf unberührte Natur in Kalifornien. In den folgenden Tagen hatte ich die Möglichkeit auf einem der berühmten Cable Cars mitzufahren, eine Tour durch die Stadt zu machen, das Gefängnis auf Alcatraz zu besichtigen und über die Golden Gate Bridge zu laufen. San Francisco ist die schönste Stadt in den USA, die ich bisher gesehen habe. Wegen der einmaligen Geschichte leben dort viele weltoffene Menschen, die Beliebtheit der Stadt sorgte aber auch für teurer werdenden Wohnraum.
Sowohl in Los Angeles, als auch in San Francisco habe ich mir die Hauptsitze von Firmen wie Snapchat, Youtube oder Twitter von außen angeschaut. Sehr unscheinbar befinden sich die weltberühmten Technik-Konzerne in normalen Nachbarschaften. Als ich mir die Firmenzentrale von Uber, einem der erfolgreichsten Konzerne in den USA, ansah, traf ich mitten auf der Straße auf den CEO des Unternehmens. Die Atmosphäre scheint, wie ich es mir vorgestellt hatte, sehr lässig zu sein.

Auf dem Rückflug war ich allein und verlor meine Kopfhörer, sodass ich mich etwas langweilte und begann mit meinen Sitznachbarn, einem Ehepaar aus einem Vorort von Detroit, für zwei Stunden über Politik zu sprechen. Viele Amerikaner sind sehr offen und erzählen sofort, für wen sie gestimmt haben und was ihre Sicht auf die aktuellen Ereignisse ist. Das Paar, das Verwandtschaft in Deutschland hat, stimmte für Donald Trump und ist Befürworter einer Mauer an der Grenze zu Mexiko. Dabei schienen sie nicht die stereotypischen Amerikaner zu sein, die noch nie im Ausland waren und viele Waffen besitzen. Sie waren auch Befürworter der „Ehe für Alle“ in den USA. Nichtsdestotrotz hatten beide für Trump gestimmt, auch wenn die Frau zugab sich mittlerweile dafür zu schämen. Sie erklärten mir, dass sie sich insbesondere um die Migration sorgen und Dinge wie den „Muslim Ban“ für sinnvoll hielten. Dass Menschen wegen ihrer Herkunft pauschal als kriminell angesehen und auch Ausländer, die nur auf Geschäftsreise sind oder ihre Familie besuchen wollen, ausgeschlossen wurden, ließen sie als Gegenargument meinerseits nicht gelten. Trotzdem dachten beide nicht, dass Trump ein guter Repräsentant der USA auf der Weltbühne ist. Es ist immer wieder spannend, mit fremden Menschen über die politische Situation zu sprechen und auch aus einer anderen Perspektive zu denken.

Als ich zurück in Detroit war, war ich eine Woche lang täglich von sieben Uhr bis Mitternacht in der Schule, da am Wochenende die Aufführung des Musicals „Shrek“ bevorstand. Ich kümmerte mich darum, alle Schauspieler zu verkabeln und während der Aufführung Mikrofone zu wechseln oder auch zu reparieren. Das Musical gab mir die Gelegenheit, viele neue Mitschüler kennenzulernen und eine Art Gemeinschaft zu erleben.

Da ich in einem relativ wohlhabenden Vorort von Detroit lebe und es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, habe ich nicht sehr häufig die Chance im Herzen der Stadt zu sein. Trotzdem versuche ich es so oft wie möglich, mich dort aufzuhalten. Vor wenigen Wochen fuhr ich mit dem Fahrrad durch Detroit und versuchte die schönsten Stellen der Stadt zu finden. Viele Menschen haben ein absolut negatives Bild der US-Metropole und selbst diejenigen, die in den Vororten leben, meiden Detroit wegen der Kriminalität. Als Amerikaner im 20. Jahrhundert in die Vororte zogen, blieben Minderheiten und der arme Teil der Bevölkerung. Von 1,85 Millionen Einwohnern in 1950 blieben knapp 715.000. Afroamerikanern, die in Detroit heute knapp 83 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurde damals nicht erlaubt in die Vororte zu ziehen. Sie hatten aufgrund von Diskriminierung kaum Jobchancen, sodass Armut und Kriminalität zunahmen. Viele Bürger müssen Lebensmittel noch immer an der Tankstelle kaufen, da Supermarktketten die Stadt verließen.
Insbesondere im Kern der Metropole fühle ich mich durch eine starke Polizeipräsenz allerdings sehr sicher. Außerdem wurde Detroit in den vergangenen Jahren zum Hotspot für die Künstler-Szene in Michigan. Bekannte Marken wie Nike eröffneten Geschäfte in der Innenstadt, in der es bis vor einigen Jahren kaum etwas zu kaufen gab. Im Mai startet eine Straßenbahn, die zumindest einen kleinen Teil der Stadt mobiler macht. Noch in diesem Jahr soll der Bau eines 224 Meter hohen Gebäudes beginnen, um die Attraktivität der Innenstadt zu steigern. Viele leerstehende Häuser wurden abgerissen, um Parks oder auch Flächen für landwirtschaftliche Nutzung entstehen zu lassen. Detroit hat sich in den vergangenen Jahren neu erfunden und es ist auch keine Seltenheit mehr, Touristen anzutreffen.

In meinem Ort ist eine der weltgrößten Holocaust Gedenkstätten, die ich vor wenigen Wochen besucht habe. Das Museum gedenkt den knapp sechs Millionen ermordeten Juden durch den Nationalsozialismus. Viele Ausstellungsstücke sind original und sehr beeindruckend, wie etwa der Waggon eines Zuges, der Menschen zu Konzentrationslagern brachte. Die Aussteller zogen unter dem Motto „Gleicher Kampf, unterschiedliche Verschiedenheit“ bewusst Parallelen zur heutigen Zeit und zur Benachteiligung von Frauen, Dunkelhäutigen, Homosexuellen und Behinderten.

Mir bleiben noch drei Monate in den USA. Im Mai werde ich auf Einladung des deutschen Konsulats an einer Diskussionsrunde mit Bundestagsabgeordneten in Detroit teilnehmen, bei der auch Bernhard Schulte-Drüggelte aus dem Kreis Soest anwesend sein wird. Mittlerweile musste ich mich an einer neuen Schule in Deutschland anmelden und ich mache mir bereits Gedanken um die Zeit nach meinem Auslandsjahr. Ich glaube, dass ich die vergangenen Monate sinnvoll genutzt habe und freue mich schon etwas auf Deutschland. Ich weiß aber auch, dass ich die USA vermissen werde und es mich sicher eines Tages wieder ins Ausland ziehen wird.

Protestieren mit Bernie Sanders, Geburtstag und NYC

Bericht vom 11. Februar in der Lokalzeitung “Soester Anzeiger”:

Bei einer Kundgebung mit Bernie Sanders haben Redner berichtet, wie Angehörige durch eine fehlende Gesundheitsvorsorge verstorben sind. Bei diesem Erlebnis beeindruckte Nico Nölken, der momentan in Detroit lebt, wie Menschen für ein so essentielles Recht kämpfen müssen. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Einen Protest am Flughafen konnte er sich nicht anschauen:

Meine Weihnachtstage verbrachte ich in New York City, an Heiligabend saß ich zwölf Stunden lang im Auto. Das Fest war für mich also gar nicht traditionell, aber trotzdem ein einmaliges Erlebnis. Mein Gastvater arbeitete vor einigen Jahren in New York, so voll wie an Weihnachten hatte er es aber persönlich noch nie erlebt. Für uns war es besonders am Ground Zero zu stehen, der Ort an dem knapp 3.000 Menschen bei den Terroranschlägen am 11. September getötet wurden. Einige Menschen schossen „lustige“ Selfies als Erinnerung zum Besuch an der Unglücksstelle, was ich auch schon am Holocaust-Mahnmal in Berlin beobachtete und mich zum Nachdenken anregte: Ist es ein Ort, an dem man das Leben feiern oder den Opfern respektvoll gedenken sollte? Für uns galt eher Letzteres. Wir wollten uns nicht das „echte“ New York entgehen lassen und haben uns auch außerhalb von den bekannten Sehenswürdigkeiten viel angesehen.

An Silvester wäre ich zugegeben lieber in Deutschland gewesen, weil das neue Jahr hier nur kaum jemanden begeistern konnte. Es wurden keine Raketen abgeschossen und einige meiner Bekannten gingen schon vor Mitternacht schlafen. Ich habe mich mit Freunden getroffen und die Übertragung von Silvester am Times Square angeschaut. Es fühlte sich unglaublich brav an. Alkohol konnten wir dabei natürlich nicht trinken, wir waren mehrere Austauschschüler. Auch für amerikanische Jugendliche ist Alkohol erst ab 21 Jahren erlaubt, wir würden bei Missachtung des Gesetzes allerdings abgeschoben werden.

Nach Donald Trumps „Muslim Ban“ fand ein Protest mit vielen Menschen am Flughafen in Detroit statt, den ich mir eigentlich mit meinem Gastbruder ansehen wollte. Davon wurde uns allerdings abgeraten: Weil die Demonstration nicht angemeldet war bestand für mich die Gefahr, abgeschoben zu werden.

Einen angemeldeten Protest mit Ex-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders und mehreren Tausend Teilnehmern konnte ich mir anschauen: Mit seiner Kundgebung wollte Sanders die Abschaffung von „Obamacare“ verhindern. In seiner Rede erzählte ein Teilnehmer, wie die Gesundheitsvorsorge seiner Mutter eine Chemotherapie finanziert und ihr Leben gerettet hat. Eine andere berichtete: „Mein Ehemann war erkältet, wir hatten keine Krankenversicherung und konnten uns keinen Doktor leisten. Als er 40 Grad Fieber hatte brachte ich ihn in die Notaufnahme, in der er dann gestorben ist. Es geht nicht nur um Worte, es geht um die Leben echter Menschen.“ Auf der Demonstration wurde immer wieder „Lasst uns am Leben, gibt uns eine Gesundheitsvorsorge“ gerufen. Dass man in einem Land wie den USA wegen eines so essentiellen Rechtes auf die Straße gehen muss, hat mich sehr beeindruckt.

In meiner Zeit in Amerika bin ich bisher vielen offenen Menschen begegnet, habe aber auch oft genug die Erfahrung gemacht, wie man sich als Ausländer fühlt. In Diskussionen wurde ich ignoriert, weil davon ausgegangen wurde dass ich keine Ahnung habe. Wenn ein Mitschüler eine Frage hat werden oft alle anderen gefragt, nur ich als Austauschschüler nicht. Einige Amerikaner versuchen mich besonders nett zu behandeln oder mir dauernd zu helfen. Der Gedanke, dass ich mit einem Stipendium des US-Kongress alleine in ein fremdes Land gereist bin, wird gerne vergessen. Natürlich möchten Mitschüler oft nur nett sein, auf Dauer kann das aber nerven. Jetzt habe ich zumindest mehr Verständnis dafür, wie sich Ausländer auch in Deutschland fühlen können. Die große Mehrheit hat mich aber sehr offen in ihre Gemeinschaft aufgenommen, wofür ich wirklich dankbar bin.

Das neue Halbjahr hat auch an meiner Schule begonnen, meine neuen Klassen sind neben den Fächern Geschichte und Englisch auch Jahrbuch, „Life Skills“, TV10 (ein Fernsehprojekt der Schule) und Auditorium-Technik. Mathe musste ich in diesem Halbjahr nicht wählen, sodass ich den Stundenplan mehr an meine Interessen anpassen konnte. Jeden Tag werden die gleichen sechs Fächer unterrichtet.

An meinem Geburtstag, der Tag von Donald Trumps Amtseinführung, habe ich von Freunden, wie es an US-Schulen üblich ist, Luftballons bekommen. Später war ich mit meiner Gastfamilie in einem deutschen Ratskeller in Detroit, der zwar einer stereotypischen Vorstellung eines bayerischen Restaurants entsprach, aber schon deutlich authentischer war als das Hofbräuhaus, das ich in Pittsburgh besucht hatte.

Damit ich bis dahin meine Heimat nicht zu sehr vermisse bekomme ich auch immer wieder Pakete: Mittlerweile stehen fünf Kisten voll mit deutscher Schokolade in unserer Küche. Eine betrunkene Bekannte der Familie hat mir auf unserer Super Bowl Party einen Vortrag über fünfzehn Minuten gehalten, wieso Schokolade unser höchstes deutsches Gut ist. Mehr als die Hälfte meines Aufenthalts in den USA ist jetzt rum. Bevor ich am 29. Juni zurück nach Deutschland fliege, versuche ich noch möglichst viele einmalige Erfahrungen zu sammeln. Im März bin ich für eine Woche in Los Angeles und San Francisco, worauf ich mich besonders freue.

Weihnachten in New York, Suizid einer Mitschülerin und mein Trip nach Philadelphia

Mein Bericht für die Lokalzeitung “Soester Anzeiger”:

Weihnachten am Times Square in New York City und der Besuch im ZDF-Hauptstadtstudio in Washington D.C. werden zurückblickend Höhepunkte des Auslandsjahrs von Nico Nölken sein. Der Scheidinger und Anzeiger-Mitarbeiter hat in diesem Jahr im Rahmen des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms (PPP) die Chance, sich ein eigenes Bild der USA zu machen. Er ist viel gereist, musste aber auch durch schwierige Zeiten gehen:

Meine fünf Tage in Washington D.C. waren straff durchgeplant. Die Reise in die US-Hauptstadt ist für alle Stipendiaten des Bundestages ein Teil des Auslandsjahrs. Ein Tag war beispielsweise nur für Treffen mit Kongressabgeordneten reserviert. Wir hatten die Möglichkeit in kleinen Gruppen mit Mitarbeitern der Abgeordneten zu sprechen und ein Foto mit dem entsprechenden Politiker zu machen. Natürlich haben Repräsentanten der USA einen vollen Terminkalender, nur für ein Foto vorbeizukommen und anschließend von einem wirklichen Treffen zu sprechen wäre allerdings unehrlich. An anderen Tagen sahen wir viele berühmte Denkmale der Hauptstadt und besuchten etwa das neue Museum über afroamerikanische Geschichte. Mir war es möglich mich vom Programm zu trennen und das ZDF-Hauptstadtstudio in D.C. zu besuchen. Da die „heute“-Nachrichten vorher im Radiostudio meiner Gastmutter in Detroit gedreht hatten, bekam ich die Möglichkeit mich mit einer der Journalisten in Washington zu treffen, mir das Studio anzuschauen und über journalistische Perspektiven zu sprechen.

 

Zwei Tage nach meinem Flug zurück nach Detroit bin ich mit meiner Gastfamilie nach Pittsburgh gefahren, um eine Universität für meinen Gastbruder anzuschauen. Dort waren wir auch in einer Kopie des Hofbräuhauses aus München, welches alle deutschen Klischees erfüllte. Für musikalische Untermalung sorgte dabei ein amerikanischer Sänger in bayerischer Tracht, der neben Liedern in gebrochenem Deutsch auch eher untypisch deutsche Songs wie „La Bamba“ von Ritchie Valens in seinem Repertoire hatte. Insgesamt war das ein Abend gemischt aus ein wenig Fremdscham und der Bestätigung, dass deutsche Volksfeste gelegentlich ein Mix aus viel Bier und mittelmäßiger Musik sind. Später fuhren wir dann weitere fünf Stunden mit dem Auto nach Philadelphia um dort Thanksgiving bei Verwandtschaft zu verbringen. Wir kamen bei meiner Gasttante zusammen, haben gemeinsam Truthahn gegessen und American Football geschaut. Es war kein besonders aufregendes, dafür aber ein entspanntes Fest ohne förmliche Kleidung. Der Sinn des Festes besteht darin, möglichst viel Zeit mit der Familie zu verbringen.

Nach einigen Wochen voller Freude lernte ich am vergangenen Donnerstag, dass ich auch im Auslandsjahr in keiner „heilen Welt“ lebe. Eine Durchsage kam, dass die Lehrer alle Schüler in ihren Klassen halten sollen und die Stunde nicht beenden dürfen. Daraufhin wurde ich mit einem weiteren Mitschüler aus dem Raum geholt und wir haben unseren Jahrbuch-Kurs in einem Konferenzraum getroffen. Spätestens als ich die Taschentücher und Seelsorger sah war mir klar, was gleich passieren wird: Sie werden uns mitteilen, dass jemand verstorben ist. Eine ähnliche Situation erlebte ich bereits in 2012 an der Ursulinenrealschule, sodass mir vor anderen bewusst war was wohl passiert ist. Die Chefredakteurin für unser Jahrbuch hatte sich tatsächlich am selben Morgen das Leben genommen. Sie hatte Depressionen und kurz vor ihrem Tod noch getwittert: „6 Uhr am Morgen. Du schläfst, ich heule. Dir geht’s gut, ich sterbe.“ Wir alle sahen unsere Mitschülerin jeden Morgen und viele gehörten zu ihren engen Freunden. Am Abend gingen wir dann zu einer Andacht, schon lange hatte ich nicht mehr so viele Tränen gesehen. Zur offenen Besichtigung des Leichnams ging ich nicht. Bei der Beerdigung am Montag sprach auch die Mutter und hatte einen Appell an alle Gottesdienstbesucher: Die Depression war nicht, was ihre Tochter ausmachte und worauf wir nun zurückblicken sollten. Außerdem sei es wichtig, bei Anzeichen für eine Depression Hilfe zu holen und die Augen im eigenen Bekanntenkreis offen zu halten.

Mittlerweile liegt eine Menge Schnee in Michigan. So viel Schnee sah ich seit Jahren nicht mehr. Wir hatten wegen des Schneefalls auch bereits schulfrei, in den kommenden Tagen wird es bis zu -20 Grad kalt. Im Winter werde ich an meiner Schule beim Musical „Shrek“ hinter den Kulissen helfen. Vor einigen Tagen hielt ich eine für mein Stipendium vorausgesetzte Präsentation über Deutschland. Dabei fiel mir auf, wie viele Freiheiten und Privilegien wir als Deutsche gegenüber den USA haben. Für eine Universität müssen wir nämlich nicht zahlen, wir haben eine Gesundheitsvorsorge und dürfen bereits mit 16 Alkohol trinken. Viele meiner Klassenkameraden fanden das beneidenswert.

Auch in diesem Jahr ist mein Gesicht in der Vorweihnachtszeit wieder in einem Universalgutschein-Werbespot auf den Sendern ProSieben und Sat.1 zu sehen. Meine Weihnachtstage und Silvester verbringe ich nun erstmal in New York City. Für März ist bereits einen Trip nach Los Angeles und San Francisco geplant.