Nägemiseni, Eesti! – Auf Wiedersehen, Estland!

Der Somer ist nun offiziell angebrochen, ich genieße meine Schulferien und die letzten Tage hier in Estland.

Am Wochenende konnte ich etwas ganz Besonderes erleben: Eine traditionelle estnische Hochzeit. Dass diese gerade letzten  Sonntag stattfand, ist kein Zufall, denn am 23.6. wird in Estland nicht nur das võidupüha (Siegesfest, an dem an den Sieg der Estnischen Armee über die Deutsche Landeswehr 1919 im Estnischen Unabhängigkeitskrieg erinnert wird und das mit einer großen Militärparade begangen wird), sondern auch jaaniõhtu, der Mittsommerabend, gefeiert. Jaanipäev, das Mittsommerfest, hat für die Esten eine extrem große Bedeutung, viele bezeichnen diesen landesweiten Feiertag sogar als wichtigsten des gesamten Jahres. Die kürzeste Nacht des Jahres, in der im nördlich gelegenen Estland die Sonne nicht untergeht, wird traditionell mit großen Feuern im ganzen Land gefeiert.  Auf der Hochzeit, bei der Brautpaar und Gäste in Erinnerung ans traditionelle estnische Bauernleben im letzten Jahrhundert in Leinen gekleidet waren, konnte ich neben dieser Tradition noch viele weitere erleben: So wurden Farnblüten und Glühwürmchen gesucht, die angeblich nur in dieser besonderen Nacht zu finden sind; Es wurden verschiedene Hochzeitsämter verteilt, so gab es beispielsweise zwei “Schwiegermütter-Unterhalter”, die für das Wohlergehen der Mütter des Brautpaares zuständig waren, einen Schankmeister, der dafür sorgen musste, dass niemandem die (alkoholischen) Getränke ausgehen, etc. ; Eine Hochzeitsflagge wurde gehisst, es wurde zu Livemusik ums Feuer getanzt,… Ein wunderschönes Erlebnis, das ich so schell nicht vergessen werde.

In letzter Zeit habe ich des Öfteren das Gefühl, die jetzige Situation schon einmal erlebt zu haben – eine Art deja vu. Tatsächlich ähneln meine Gefühle denen, die ich vor etwa elf Monaten,  kurz vor meiner Abreise nach Estland, hatte. Ich packe meine Sachen, verabschiede mich von meinen Freunden und meiner Familie, laufe zum letzten Mal durch die Straßen meiner Heimatstadt, im Wissen, sie für eine lange Zeit nicht zu sehen. Ich werde meine Heimat verlassen, um eine Reise anzutreten, auf die ich mit gemischten Gefühlen blicke: Traurigkeit, die Personen, die mir unglaublich wichtig sind, zu verlassen; Nervosität, Ungewissheit, was die Zukunft bringen wird; gleichzeitig aber auch riesige Freude. Meine Situation ist nicht  genau die selbe wie vor einem Jahr: Dieses Mal werde ich nicht in ein mir fremdes Land fahren, ohne auch nur eine einzige Person dort zu kennen, nein, ich werde nach Hause fahren. Endlich werde ich meine Freunde und meine Familie wiedersehen, endlich wieder durch die Straßen meiner Heimatstadt laufen. In drei Tagen werde ich mein Zuhause verlassen, um nach Hause zu fahren.

Ich habe durch das Austauschjahr unglaublich viele tolle Erfahrungen gesammelt, und – auch wenn sich das vorraussichtlich erst in den nächsten Monaten und Jahren in seinem vollen Ausmaß zeigen wird – kann sagen, dass ich als Person sehr gewachsen bin. Die Wahl meines Gastlandes habe ich kein einziges Mal bereut. Auch wenn ich nie den Enthusiasmus der Esten, wenn es ums Militär geht, teilen werde, und mich immer darüber aufregen werde, dass drei Viertel der Bewohner Estlands gegen die homosexuelle Ehe sind, so ist die Estnische Republik, dieser kleine Baltische Staat zwischen Tradition und Moderne, mit seinen Sangesfesten und Online-Wahlen, zu meiner Heimat geworden. Ich kann ein Austauschjahr im Allgemeinen und Estland im Spezifischen uneingeschränkt empfehlen.

Für mich heißt es nicht “Head aega”, sondern “Nägemiseni”, nicht “Leb wohl”, sondern “Auf Wiedersehen”, denn meine Rückkehr im Herbst ist bereits geplant. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Kontakt nicht abbrechen wird, und kann mit Sicherheit sagen, dass ich Estland nie vergessen werde!

Dies war mein letzter Blogeintrag, ich bedanke mich für das Interesse und hoffe, ich konnte Euch meine Erlebnisse etwas näher bringen!

Koolipere – Schulfamilie

Heute möchte ich mich noch einmal etwas mehr meiner estnischen Schule widmen. Ich und meine Klassenkameraden befinden uns gerade in der Endphase des Schuljahres, in der die Lehrer bezüglich Klassenarbeiten und Leistungskontrollen vor der Zeugnisausgabe in knapp drei Wochen noch einmal richtig Gas geben. Dabei haben wir Zehntklässler es eigentlich noch recht leicht, die Elftklässler müssen in diesen Tagen ihre uurismistööd, ihre umfangreichen Hausarbeiten, die einen Großteil ihrer Note in gleich mehreren Fächern ausmachen werden, präsentieren und verteidigen, während die Zwölftklässler mit den riigieksamid, dem Äquivalent des Abiturs in Estland, zu kämpfen haben. Doch trotz dieser stressvollen Zeit für Schüler wie Lehrer kommt der Spaß nicht zu kurz: So wurde Ende April der Tutipäev an meiner Schule veranstaltet. An dem letzten “richtigen” Schultag ihres Lebens – während der Prüfungsphase findet für die zukünftigen Abiturienten in Estland kein Unterricht statt – verkleiden sich die Zwölftklässler wie an ihrem ersten Tag in der Schule, mit Kinderrucksäcken, Luftballons, Kuscheltieren… In der Turnhalle wurden Kinderspiele wie Topfschlagen organisiert, denen die ganze Schule beiwohnen durfte, für die Oberstufe gab es außerdem einen kleinen Festakt, bei denen die Abiturienten für besonderes Engagement für die Schule geehrt sowie Reden von Lehrern und Schülern gehalten wurden. Diese waren teilweise sehr behrührend, einige Lehrer, die die Schüler, die die Schule bald verlassen werden, teilweise schon als Siebenjährige kannten, haben gesungen oder sogar selbstgeschriebene Gedichte vorgetragen. Auch die Abiturienten haben sich in einer witzigen Rede bei den Lehrern, die sie auf ihrer Schullaufbahn begleitet haben, bedankt. Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist hier teilweise gradezu familiär, und auch das Zugehörigkeitsgefühl zur Schule ist ungemein groß. Dieser Zusammenhalt wurde mir auch am letzten Montag noch einmal bewiesen, als die alljährlichen Olympischen Spiele meiner Schule veranstaltet wurden. Alle Schüler und Lehrerwurden in eines von sechzehn Ländern eingeteilt, die sich dann in verschiedensten Wettkämpfen miteinander gemessen haben. Die gesamten letzten Wochen standen bereits im Zeichen der Olympiade, die Teams mussten sich mit Plakaten, Fotos und Geschichten sowie in einem Quizspiel präsentieren, um Punkte zu sammeln. Die Spiele gipfelten am Montag in einem großen Festumzug durch die Stadt sowie lustigen Wettkämpfen wie Tauziehen oder einem Huckepackrennen. Am Ende des Tages wurden alle Teilnehmer mit einer Medaille und und einem kleinen Preis belohnt.

Am letzten Samstag durfte ich mit YFU im Rahmen des Europatages eine tolle Veranstaltung in Tallinn besuchen. Ich und andere Austauschschüler trafen uns nämlich mit Mitarbeiterinnen der deutschen und österreichischen Botschaft in der estnischen Nationalbibliothek. Nachdem wir erst eine Führung durch die riesige Bücherhalle, die auch eine umfangreiche deutschsprachige Abteilung besitzt, bekommen haben, konnten wir uns im österreichischen Lesesaal bei Saft und Kuchen mit zwei in Tallinn arbeitenden Mitarbeiterinnen der Botschaften unterhalten. Es war sehr interressant, über die spannende Arbeit in den Botschaften und das Leben als Diplomat zu erfahren. Außerdem konnten wir uns über die estnische Kultur austauschen, die die Diplomaten und wir Austauschschüler ja auf ganz unterschiedlichen Ebenen erfahren dürfen.

Kevad on käes! – Der Frühling ist da!

Wie man sich anhand des Titels schon denken kann, ist hier in Estland endlich der Frühling angebrochen! Die Sonne scheint, der Schnee ist größtenteils weggeschmolzen und die Tomaten in unserem Gewächshaus sprießen schon munter vor sich hin.

Ende März war Ostern, das hier neben lihavõtte (“Fleischnehmen”, das Ende der Fastenzeit) auch als munadepüha (Eierfest) oder kevadepüha (Frühlingsfest) bezeichnet wird. Auch in Estland wird das Fest gefeiert und Karfreitag war landesweiter Feiertag, allerdings zelebrieren die Esten Ostern weniger als religöses Fest, sondern mehr als Frühlingsfest und Beginn der wärmeren Jahreszeit. Als wir im Geschichtsunterricht über die Auferstehungsgeschichte gesprochen haben, war es für viele meiner Klassenkameraden das erste mal, dass sie davon hörten. Wie in Deutschland werden auch hier in vielen Familien Eier bemalt und gesucht, eine Tradition, die auch in meiner (erweiterten) Gastfamilie gepflegt wird.

Das letzte kooliveerand (Schulviertel) ist angebrochen und in ungefähr fünf Wochen beginnen hier die großen Sommerferien, die in Estland drei Monate lang sind – insgesamt haben die estnischen Schüler die meisten Ferien in Europa.  Während meine Freunde alle schon mit großer Spannung auf den Sommer warten, würde ich meine Schulzeit auf dem Rapla Vesiroosi Gümnaasium gerne verlängern. In den acht Monaten, die ich hier verbracht habe, sind mir die Schule und vor allem meine Klasse unglaublich ans Herz gewachsen. Auch ein Großteil der Stunden macht richtig Spaß: Vor allem auf den Estnischunterricht, der hier in Grammatik, Textlehre und Literatur aufgeteilt ist, freue ich mich jeden Tag.

Zum Schluss noch eine freudige Nachricht: In meiner Gastfamilie gab es Nachwuchs, ich habe jetzt eine kleine Gastschwester! Es ist unglaublich schön, Zeit mit dem noch ganz kleinen Baby zu verbringen und ich bin sicher, dass es meine letzten Monate hier in Estland zu einer unvergesslichen Zeit machen wird!

Kevad? – Frühling?

Obwohl der Winter nun offiziell vorbei ist, ist vom Frühling hier in Estland noch herzlich wenig zu sehen:  Anhand der Temperaturen um die -10 Grad und Schneebergen, die sich meterhoch am Straßenrand türmen, würde man kaum vermuten, dass wir schon Ende März haben. In den letzten Wochen ist einiges passiert:

Angefangen mit dem Eesti Vabariigi Aastapäev, dem “Jahrestag der Estnischen Republik”: Am 24. Februar wird die Gründung der Estnischen Republik im Jahre 1918 gefeiert. An diesem Tag hat sich Estland vom Russischen Reich unabhängig erklärt. Bereits einen Tag später wurde der neue Staat allerdings durch die Deutsche Kaiserreichsarmee besetzt, sodass die Estnische Republik erst nach dem zweijährigen Vabadussõda (Freiheitskrieg), bei dem sowohl gegen die Deutschen als auch gegen die Russen gekämpft wurde, wirklich unabhängig war. Allerdings bestand auch diese Freiheit nur bis 1940, als Estland im Zuge des zweiten Weltkrieges von der Sowjetunion besetzt wurde. Erst im Jahr 1991 konnten die Esten ihre Freiheit wiedererlangen. Dieses Jahr fiel der Vabariigi Aastapäev auf einen Sonntag, sodass wir zum Leid meiner Mitschüler keinen zusätzlichen freien Tag bekamen. In der Schule gab  es am vohergehenden Freitag einen feierlichen Festakt mit festlicher Garderobe, Sanges- und Tanzvorführungen und einer Menge Reden. Am eigentlichen Feiertag hissten die Esten die estnische Flagge (das ist tatsächlich obligatorisch, man kann angezeigt werden wenn man es nicht tut) und in Tallinn gab es eine große Militärparade, die auch im Fernsehen zu verfolgen war.

Am ersten Märzwochenende fand in Tallinn das Model European Parliament statt, eine von der EU organisierte Parlamentssimulation für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Wir 120 Teilnehmer haben in Komissionen über ein Thema diskutiert und dann eine Resolution aufgestellt, in der auf Probleme aufmerksam gemacht wurde und konkrete Lösungsmaßnahmen vorgeschlagen wurden. Die einzelnen Komissionen haben dann im Estnischen Parlament ihre Resolution vorgestellt. Genau wie in der echten Politik wurden Gegenreden gehalten, gegen die man seine Resolution dann verteidigen musste, und am Ende wurde darüber abgestimmt, ob die Resolution angenommen wird oder nicht. Die gesamte Veranstaltung war auf Estnisch, sodass ich zwar nicht gerade große Reden schwingen konnte, aber auf jeden Fall eine Menge gelernt habe! In den vier Tagen habe ich eine Menge toller Menschen aus ganz Estland kennengelernt und kann das Wochenende definitiv als mehr als gelungen bezeichnen!

Vor zwei Wochen ging es dann mit YFU Estland in die Grenzstadt Narva.  Dort, in der östlichsten Stadt der Europäischen Union, sind mehr als 95% der Bevölkerung russischsprachig, sodass von den 15 Schulen der Stadt in nur einer auf Estnisch unterrichtet wird. Diese haben wir Austauschschüler besucht und auch Schüler dieser Schule getroffen, die ungefähr zu gleichen Teilen Esten und Russen sind. Es war natürlich sehr interressant, sich mit ihnen über Estland zu unterhalten und auch den Standpunkt der russischen Bevölkerung in Estland sehen und verstehen zu können. Am zweiten Tag unseres Trips haben wir dann noch die Burg von Narva besucht, von der aus man auch nach Russland hinübersehen konnte – Die beiden Staaten sind nur durch den Narva-Fluss natürlich getrennt.

Momentan sind hier Schulferien, am Montag beginnt das vierte und damit letzte veerand (Schulviertel) – die Schule macht mir jetzt, das ich Estnisch fließend spreche und im Unterricht ganz normal mitarbeiten kann, richtig viel Spaß, insofern werde ich meine letzten Monate auf dem Rapla Vesiroosi Gümnaasium sicher genießen!

Aeg lendab – Die Zeit fliegt

Mehr als die Hälfte meines Austauschjahres ist nun schon vergangen – sechs Monate, die sich einerseits dank unglaublich vieler Erfahrungen und Erlebnisse wie eine halbe Ewigkeit angefühlt haben; Andererseits aber auch viel zu kurz waren, denn ich habe noch so viel vor, und frage mich, wie ich das in den mir noch verbleibenden viereinhalb Monaten bloß schaffen soll.

Ein Gutes hatte das unerfreuliche Datum aber doch: YFU Estland lud anlässlich der Halbzeit zum Kesk-Aasta-Seminaar, dem Mitteljahrseminar, ein! Ungefähr 40 Austauschschüler und Teamer trafen sich an einem schönen Winterwochenende in Põltsamaa, einer kleinen Stadt in Mittelestland. Natürlich war die Wiedersehensfreude bei allen sehr groß, schließlich war es das erste Mal seit Beginn unseres Austauschjahres dass wir Austauschschüler und alle wiedergesehen haben – Alle anderen YFU-Veranstaltungen finden zwischen Nord- und Südestland getrennt statt. Das Wochenende wurde nach typischer YFU-Manier mit Essen, verschiedenen Workshops, Energizern, Spielen und einer Menge Spaß verbracht. Es war toll, sich mit den Anderen auszutauschen und über die Erlebnisse des letzten halben Jahres zu sprechen. Mein persönliches Highlight war das Abendprogramm, bei dem wir in Gruppen Märchen auf Estnisch nachspielen mussten – eigentlich kein Problem, wäre da nicht die Vorgabe, zehn von den Teamern ausgedachte Sätze wie “Einen Megaburger bitte!” in das Stück einzubauen. Danach ging es noch nicht zu Bett, und ein Großteil der Nacht wurde mit Filmegucken und Gesprächen verbracht, sodass ich am Sonntagabend müde aber glücklich wieder zuhause in Rapla ankam.

Am 12.2. war Vastlapäev, eine Tag, der nach estnischem Brauch mit Schlittenfahren und vastlakukkel, ein süßes Brötchen mit Schlagsahne, Essen verbracht wird. In der Nacht zuvor hatte es stark geschneit, was perfekte Bedingungen zum Schlittenfahren bot, die ich ausgiebig genutzt habe: Gleich dreimal bin ich Schlitten gefahren – einmal mit den Viertklässlern, mit denen ich Unterricht hatte, einmal mit meinen Freunden in einer Freistunde und nach der Schule mit meinen kleinen Gastcousinen, die uns besucht haben.  Danach gab es vastlakukkel mit heißem Kakao, die wir vor dem Kamin genoßen haben – So einen Tag wünsche ich mir auch in Deutschland! 🙂