YES!

Also, liebe Freunde, ein vorletzter Blogeintrag! Der vorletzte, weil ein zusammengefasster Eintrag über unsere Litauenreise, Jāņi, das YES und das Gesangs- und Tanzfestival schlicht und ergreifend selbst für den ausdauersten Leser zu viel wären. Außerdem würde ich so ein Monster nie fertigkriegen.

Ja, da ich die Themen schon preisgegeben habe, lege ich mal gleich mit unserer letzten YFU-organiesierten Reise los. Diesmal ging es in die Litauische Hauptstadt Vilnius. Obwohl Litauen sowohl von der Einwohnerzahl sowie von der Fläche her größer ist, ist Vilnius kleiner als Riga. Viel werde ich nicht erzählen, nur das Vilnius ein paar beeindruckende Aussichten von Hügeln aus hat, und auch tatsächlich Hügel besitzt, die Altstadt sehr kunstvoll ist und die lieben YFU-Teamer und nicht haben verhungern lassen. Ein witzige Rallye war natürlich auch dabei- ob eine leere Coladose wohl denselben Wert hat wie ein Orange? Litauisch war eine merkwürdige Erfahrung, da es irgendwie halb russisch und halb lettisch ist und wir deswegen fast alles verstanden. Wie man die Speziallaute ausspricht, weiß ich leider immmernoch nicht…

Der letzte Schultag wurde hier am 31. Mai begangen. Wie am ersten Schultag kommt man schick angezogen, es werden Reden gehalten, Zeugnisse verteilt und Torten gegessen. Meine Klasse hatte sich die Mühe gemacht, mir ein Fotoalbum mit Betrag von jedem zu gestalten, sodass ich für immer eine Erinnerung an meine Klassenkameraden und Schule haben. Als ob ich die so schnell vergessen würde!

Ein besonderes Ereignis war “Pēdējais zvans”, die “letzte Klingel” für die neunte und zwölfte Klasse, die danach nur noch Nachhilfe und Prüfungen haben. In Lettland gibt es zentrale Prüfungen nach der dritten, sechsten, neunten und zwölften Klasse. Nach der neunten ist die Grundschule beendet und man kann entweder weiter in die Oberstufe gehen oder in ein berufsorientierte Schule. “Pēdējais zvans” ist eine feierliche Veranstaltung zwei Wochen vor Schulschluss, die von den Absolventen der neunten und zwölften Klasse organisiert wird, wobei man versucht so kreativ wie möglich zu sein. Unsere Neuntklässler zum beispiel fuhren in Schubkarren an, und die Zwölftklässler trugen die neuste Kartoffelsackmode.

Neben der letzten Klingel gibt es noch den offiziellen Abschluss, wenn die jeweiligen Neuner und Zwölfer ihre Prüfungen abgelegt haben und Zeugnisse verteilt werden. Bedeutete ein voller Saal bei schönster Sommersonne, Berge von Blumen für die Absolventen und Fotos ohne Ende. In Lettland ist es üblich, zu jeder Gelegenheit Blumen zu verteilen und von meinen Klassenkameraden musste ich mir anhören, dass diese Blumen vorallendingen eins sind-schwer!

Das muss natürlich noch erwähnt werden: Jāņu nakts, Mittsommernacht. Die lettisch Bezeichnung(eigentlich Līgo/Jāņi) beruht auf den Namenstagen:der 23. Juni feiern alles Līgas und am 24. Juni alle Jānisse. Und das sind nicht wenige! Traditionell bleibt man die ganze, kürzeste des Jahres, Nacht auf, singt Lieder und isst Käse. Mit meiner Familie fuhren wir nach Latgale, das östlichste der vier lettisch Regionen und das “russischste”. Das fiel auch sofort auf: Bei aller Anstrengung, ich verstand erstmal gar nichts! Latgalisisch ist ein abgespaltener Dialekt des Lettischen und für alle, die nicht aus Latgale kommen(Chewits, wie sie dort genannt werden) ziemlich unverständlich. Doch nach ein paar Stunden hatte man sich daran gewöhnt. Die Mittsommernacht ist erfüllt von Traditionen, einem vier Meter hohen Lagerfeuer(riesig!) und Volkstrachten. Wer eine besitzt trägt sie mit Stolz- so wie ich in der Nacht. Was mir nicht aufgefallen war: Mit meiner Mittellettischen Tracht falle ich 200 Kilometer im Osten ganz schön auf! Aber was solls. Dazu tragen alle Mädchen Blumenkränze und alle Janise Eichenbaumkränze, in denen der Kopf plötzlich ganz klein wirkt! Noch eine interessante Tradition ist zum Hochzeitterminfeststellen gedacht: Jedes unverheiratetes Mädchen wirft ihren Blumenkranz in eine Eiche. Wie oft geworfen werden muss, bis der Kranz hängen bleibt, so viele Jahre bis zur Hochzeit. So werden alle Bäume mit Blumen verziert…

 

So viel ich jetzt noch schreiben könnte, es bleibt mir noch nicht aml mehr Zeit für ein paar Bilder. Ich sitze wortwörtlich auf gepackten Koffern, morgen geht es auf zum YES nach Berlin! Doch ich bin noch nicht zu traurig – ich werde nicht nach Hause fahren, sondern direkt zurück nach Riga fliegen, um am Gesangs- und Tanzfest teilzunehmen. Aufgrund der abnormal vielen Proben(jeden Tag mindestens sechs Stunden, zwischen acht Uhr morgens und ein Uhr nachts) werde ich erst danach dazu kommen, euch zu berichten. Doch ich werde es tun, versprochen! Doch erstmal freue ich mich, alle alten Bekannten, gute Freunde und völlig Unbekannte auf dem YES zu treffen.

 

Uz tikšanos!

 

Jara

Bald nach Hause

Dieses ein Austauschjahr schneller als ich dachte.Aber habe ich hier in Deutschland vieles gemacht, Deutsche Kultur kennengelernt, Deutsche Sprache verbessert und bisschen Selbstständig geworden.Meine Schule wird nächste Woche fertig aber seit eine Woche die 11 Klassen sind Praktikum zum machen gegangen.Mein Austauschjahr war richtig toll.Ich habe sehr viele nette Leute  und auch mit den Austauschschülern kennengelernt und Freunde geworden.Ich bedanke mich, dass YFU mir immer unterstützt, viel geholfen hat übrigens die alle Programms und Seminar waren richtig cool mich immer motiviert und weiter zum gehen geholfen .Aber ich hoffe, dass ich in Deutschland wieder komme.Ich muss erst mal Schule fertig machen und dann studieren dannach möchte ich hier in Deutschland wieder besuchen. Ich wünsche alle Austauschschülern alles Gute 🙂

schöne Frühling

Ich habe lange nicht geschrieben und letzte Monaten vieles gemacht.Am schönsten habe ich Mittelseminar viele Kinder kennen gelernt und meine beste Freundin da zufällig getroffen.Das war echt wunderbar und viel Spaß gemacht.In Mitteseminar war ich in Ludwigsburg und nach Stuttgart.In Stuttgart habe ich ganz viele Sehenswürdigkeiten gesehen,gibt es da Mercedes Benz Museum,Moda,Zoo,Schloss.Jetzt habe ich schöne Ferien noch ich freue mich auf Ostern,sehe ich Erst mal wie Ostern feiert,weil in der Mongolei kein Ostern gibt.Ganz viele Eier und schön färben lustigstens Eier suchen.Ich erwarte tolle Frühling aber leider immer noch es schneit na ja bald kommt schöne Frühling.Diese Zeit ist unglaublich ziemlich so schnell jetzt fast nur 4 Monaten geblieben sondern werde ich letzte Monaten noch etwas was machen.Also dann schreibe ich viele neue interessante Blog.Bis dann 🙂

 

Nägemiseni, Eesti! – Auf Wiedersehen, Estland!

Der Somer ist nun offiziell angebrochen, ich genieße meine Schulferien und die letzten Tage hier in Estland.

Am Wochenende konnte ich etwas ganz Besonderes erleben: Eine traditionelle estnische Hochzeit. Dass diese gerade letzten  Sonntag stattfand, ist kein Zufall, denn am 23.6. wird in Estland nicht nur das võidupüha (Siegesfest, an dem an den Sieg der Estnischen Armee über die Deutsche Landeswehr 1919 im Estnischen Unabhängigkeitskrieg erinnert wird und das mit einer großen Militärparade begangen wird), sondern auch jaaniõhtu, der Mittsommerabend, gefeiert. Jaanipäev, das Mittsommerfest, hat für die Esten eine extrem große Bedeutung, viele bezeichnen diesen landesweiten Feiertag sogar als wichtigsten des gesamten Jahres. Die kürzeste Nacht des Jahres, in der im nördlich gelegenen Estland die Sonne nicht untergeht, wird traditionell mit großen Feuern im ganzen Land gefeiert.  Auf der Hochzeit, bei der Brautpaar und Gäste in Erinnerung ans traditionelle estnische Bauernleben im letzten Jahrhundert in Leinen gekleidet waren, konnte ich neben dieser Tradition noch viele weitere erleben: So wurden Farnblüten und Glühwürmchen gesucht, die angeblich nur in dieser besonderen Nacht zu finden sind; Es wurden verschiedene Hochzeitsämter verteilt, so gab es beispielsweise zwei “Schwiegermütter-Unterhalter”, die für das Wohlergehen der Mütter des Brautpaares zuständig waren, einen Schankmeister, der dafür sorgen musste, dass niemandem die (alkoholischen) Getränke ausgehen, etc. ; Eine Hochzeitsflagge wurde gehisst, es wurde zu Livemusik ums Feuer getanzt,… Ein wunderschönes Erlebnis, das ich so schell nicht vergessen werde.

In letzter Zeit habe ich des Öfteren das Gefühl, die jetzige Situation schon einmal erlebt zu haben – eine Art deja vu. Tatsächlich ähneln meine Gefühle denen, die ich vor etwa elf Monaten,  kurz vor meiner Abreise nach Estland, hatte. Ich packe meine Sachen, verabschiede mich von meinen Freunden und meiner Familie, laufe zum letzten Mal durch die Straßen meiner Heimatstadt, im Wissen, sie für eine lange Zeit nicht zu sehen. Ich werde meine Heimat verlassen, um eine Reise anzutreten, auf die ich mit gemischten Gefühlen blicke: Traurigkeit, die Personen, die mir unglaublich wichtig sind, zu verlassen; Nervosität, Ungewissheit, was die Zukunft bringen wird; gleichzeitig aber auch riesige Freude. Meine Situation ist nicht  genau die selbe wie vor einem Jahr: Dieses Mal werde ich nicht in ein mir fremdes Land fahren, ohne auch nur eine einzige Person dort zu kennen, nein, ich werde nach Hause fahren. Endlich werde ich meine Freunde und meine Familie wiedersehen, endlich wieder durch die Straßen meiner Heimatstadt laufen. In drei Tagen werde ich mein Zuhause verlassen, um nach Hause zu fahren.

Ich habe durch das Austauschjahr unglaublich viele tolle Erfahrungen gesammelt, und – auch wenn sich das vorraussichtlich erst in den nächsten Monaten und Jahren in seinem vollen Ausmaß zeigen wird – kann sagen, dass ich als Person sehr gewachsen bin. Die Wahl meines Gastlandes habe ich kein einziges Mal bereut. Auch wenn ich nie den Enthusiasmus der Esten, wenn es ums Militär geht, teilen werde, und mich immer darüber aufregen werde, dass drei Viertel der Bewohner Estlands gegen die homosexuelle Ehe sind, so ist die Estnische Republik, dieser kleine Baltische Staat zwischen Tradition und Moderne, mit seinen Sangesfesten und Online-Wahlen, zu meiner Heimat geworden. Ich kann ein Austauschjahr im Allgemeinen und Estland im Spezifischen uneingeschränkt empfehlen.

Für mich heißt es nicht “Head aega”, sondern “Nägemiseni”, nicht “Leb wohl”, sondern “Auf Wiedersehen”, denn meine Rückkehr im Herbst ist bereits geplant. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Kontakt nicht abbrechen wird, und kann mit Sicherheit sagen, dass ich Estland nie vergessen werde!

Dies war mein letzter Blogeintrag, ich bedanke mich für das Interesse und hoffe, ich konnte Euch meine Erlebnisse etwas näher bringen!

Finale

(Zuerst: Falls die Grafik nicht mitmacht, tut mir das Leid.)

Wie fasst man ein Austauschjahr zusammen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach zu finden, denn diese unglaubliche Zeit war keineswegs ein großes Erlebnis, sondern ein Jahr meines Lebens, in welchem ich ganze Paletten an Eindrücken, Gefühlen und Erfahrungen sammelte. In diesem Sinne fällt es mir schwer, in ein paar würdigen Sätzen auszudrücken, was mein Jahr in Estland für mich bedeutet. Dennoch werde ich es versuchen.

Die Esten

Der Punkt, der für meinen Aufenthalt in diesem kleinen, aber feinen Land ausschlaggebend war, waren natürlich seine Bewohner. Dieses 1,4 Millionen-Seelen-Völkchen scheint zwischen einem starken Stolz und Minderwertigkeitsgefühlen zu schwanken; doch wer kann es ihnen verübeln, wenn die entschiedene Mehrheit der Ausländer nur das Allergröbste über Estland weiß? …wenn ihnen überhaupt bewusst ist, dass dieses Land existiert. Auch ich hatte bis zu meinem Urlaub in Estland, der für mein ein Jahr später stattfindendes Austauschjahr ausschlaggebend war, nicht die leiseste Ahnung, was es mit ihm denn auf sich hat.

Doch auf der anderen Seite hat man hier einen unbändigen Nationalstolz, überall ist die blau-schwarz-weiße Flagge zu sehen und es gibt alle möglichen Feiertage wie den Flaggentag oder den Muttersprachentag. Anfangs war ich darüber recht skeptisch, immerhin hat das Wörtchen „Nationalstolz“ für die Deutschen immer auch einen sauren Beigeschmack, doch in Estland ist das sozusagen eine Frage der Notwendigkeit. Mit seinen astronomischen Auswanderungsbilanzen und den im Gegensatz dazu sehr strikten Einwanderungsgesetzen sieht es aus demografischer Sicht für das kleine Land katastrophal aus. Nimmt man diesen und den Faktor des relativen Ignoriert-Werdens  („Ist Estland in Südamerika?“) zusammen, so ist es zu verstehen, dass man sich eine eigene Identität bewahren möchte. Allerdings ist es auch wichtig, eine gewisse Skepsis zu bewahren, und so muss ich sagen, dass mir zum Beispiel die Behandlung der in Estland lebenden Russen zuwider ist; erst werden sie ausgegrenzt, dann schimpft man, dass sie sich nicht integrieren wollen. Auch gab es neulich den Vorschlag, homosexuelle Ehe zu legalisieren, was vehement bekämpft und in einer Umfrage von der Mehrheit der Bevölkerung (!) abgelehnt wurde. Und das N-Wort für dunkelhäutige Menschen hat hier anscheinend absolut keinen rassistischen Beiklang, sondern wird ohne jeden Hintergedanken verwendet. Bei diesen Faktoren ist es nicht immer leicht, zwischen gesundem Bewusstsein der eigenen Identität und sehr nach rechts tendierenden Gedanken zu unterscheiden, doch das hat man wohl, mehr oder weniger, in jedem Land. 

Volkstanz und Warteschlangen

Die starke Pflege alter Traditionen könnte auch der Grund sein, aus dem Volkstanz hier sehr populär ist; in allen Altersgruppen und bei Mädchen sowie bei Jungen. Ich war sehr erstaunt, herauszufinden, dass beinahe meine halbe estnische Klasse bei der Volkstanzgruppe dabei ist und sich absolut nicht schämt, in traditionellen Trachten vor der versammelten Schule aufzutreten – warum auch? Folklore hat hier nicht diesen albernen Schlagersänger- und Oktoberfest-Beiklang. Als ich meine estnischen Freunde vorsichtig fragte, ob das denn wirklich niemand albern fände (traditionelle Tänzer hätten es in meiner deutschen Schule nicht besonders leicht), verstanden sie gar nicht, was ich meinte.

Es sind diese kleinen Unterschiede, die das Leben hier anders machen. Oft wird davon ausgegangen, dass der estnische Alltag sehr dem deutschen ähnelt, was grob gesehen auch stimmen mag; doch je länger man hier lebt, desto mehr fallen einem die Ungleichheiten ins Auge. Zum Beispiel wurde mir hier klar, dass man in Deutschland doch sehr höflich ist. Nicht ehrlich herzlich oder generell besonders freundlich, sondern höflich. Als Paradebeispiel dazu dienen Busfahrten in Estland. Erstmal, und da kommt wohl die deutsche Seele in mir durch, wollen oder können sich die Esten einfach in keine ordentliche Warteschlange stellen. Der Portugiese Joao Lopes Marques, der in Estland lebt, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch „Estonia – Paradise without palm trees“ (sehr empfehlenswert) in einem eigenen Kapitel. Hier tut man nämlich so, als würde man in einer Schlange stehen, bis der Bus kommt: Dann rennt man um sein Leben und schubst notfalls die anderen Wartenden beiseite. Am vehementesten wird dieser Sport übrigens von älteren Damen betrieben. Wenn man es dann heil in den Bus geschafft hat (was durchaus nicht immer der Fall ist), so sieht man sich mit größter Anstrengung nach einer freien Bank um, und nur, wenn wirklich jede einzelne Bank in der hintersten Ecke besetzt ist, setzt man sich auf einen freien Platz neben einem anderen Menschen. Keine Begrüßung, kein Lächeln, nicht mal ein Nicken; man setzt sich einfach, und zwar so weit von dem anderen entfernt wie möglich und starrt in die entgegen gesetzte Richtung. Es ist mir auch schon passiert, dass jemand, der auf einer kurzen Strecke neben mir saß, auf eine eigene Bank wechselte, sobald sie frei wurde. Freunde findet man hier überall, aber nicht im Bus.

Nachtrag: Gerade heute ging es mir im Bus sehr schlecht und ich fiel kurz in Ohnmacht (das lag nur daran, dass ich zu wenig getrunken hatte und es heiß war, keine Sorge), und die Mehrheit der Leute eilte mir zu Hilfe, eine ältere Dame überließ mir sogar ihren Sitz. Bei so viel Freundlichkeit kann man eine längere Wartezeit vor dem Bus durchaus verkraften.

Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln. Überall Kartoffeln.

Das estnische Wort für „Kartoffel“, kartul, war eines der ersten, das wir in unserem kleinen Sprachkurs zu Beginn des Jahres lernten, und das hat auch seinen Grund. Dieses Nahrungsmittel ist in Estland von großer Bedeutung und die Esten haben, soweit ich weiß, absolut kein Problem damit, es täglich zu essen. Mir passt das ganz gut, denn die estnischen Kartoffeln sind einfach besser (vielleicht liegt es auch nur daran, dass meine Familie sie direkt vom Bauern kauft, und dann in Jahresvorräten). Dazu gibt es, und zwar ausnahmslos, Fleisch. Ich habe dieses Jahr in Estland nicht einen Vegetarier getroffen und Restaurants, die eine vegetarische Karte haben, sind selbst in Tallinn eine Seltenheit. Interessanterweise wurde bei dem YFU-Seminar am Anfang des Jahres eine vegetarische Alternative angeboten, bei dem Abschlussseminar allerdings nicht mehr; das ist wahrscheinlich mit „Anpassung an eine fremde Kultur“ gemeint.

14 Fälle

Ja, die estnische Sprache kann furchteinflößend sein. Auf mehreren Internetseiten wird sie als eine der schwierigsten Sprachen der Welt bezeichnet. Nun weiß ich nicht, wie kompliziert Mandarin oder Hebräisch sind, aber Estnisch zu lernen ist durchaus kein Zuckerschlecken; vor allem nicht für mich, die ich den fünften Fall in Latein schon für eine echte Herausforderung hielt. Die Esten haben tatsächlich für fast jedes denkbares Fragewort einen eigenen Fall, zum Beispiel drückt man mit dem Terminatiiv aus, dass man etwas erreicht und mit dem Essiiv, dass man etwas als etwas tut („Wir gehen zu dem Essen als Familie“). Aktiv, also wenn man sich wie ich nicht besonders gehoben auf Estnisch ausdrückt, werden sie allerdings nicht alle häufig gebraucht und man versteht mich auch, wenn ich einmal nicht durchblicke.

Ich will euch einige meiner Lieblingswörter der estnischen Sprache nicht vorenthalten: Mein Favorit ist wohl „kallirally“, obwohl es in keinem Wörterbuch steht; es heißt soviel wie „viele Umarmungen“ (Umarmungs-Rally). Dann wären da natürlich noch üleüleeile (vorvorgestern) und lapselapselaps (Urenkelkind) und auf putzige Weise übertragene Wörter aus dem Englischen (smuuti – smoothie; edišn – edition).

Das Wichtigste!

Tja, zu guter Letzt darf ich natürlich auf gar keinen Fall meine wunderbaren Freunde, seien es Esten oder andere Austauschschüler, und meine unglaublich tolle Gastfamilie vergessen. Ich werde versuchen, diesen Abschnitt nicht allzu sehr wie eine Oscar-Rede klingen zu lassen, doch es wird nicht leicht sein, denn diese Leute haben mein Leben in unvorstellbaren Ausmaßen beeinflusst.

Einen Austauschschüler aufzunehmen, erfordert Mut. Es ist nicht einfach, sich bereit zu erklären, buchstäblich sein gesamtes Leben einer völlig fremden Person zu offenbaren, mit all seinen Macken und Makeln. Es ist ein riesiges Wagnis und wahrscheinlich gehört auch etwas Glück dazu, dass die Familie und der Austauschschüler zueinander passen. Obwohl es ja nichts Verwerfliches ist, die Gastfamilie zu wechseln, habe ich nie auch nur eine Sekunde ernsthaft darüber nachgedacht; wir hatten Glück, es hat gepasst. Von Anfang an empfing mich meine Gastfamilie wie ein eigenes Kind, mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten. Niemals gab man mir das Gefühl, in irgendeiner Form anders als die anderen Kinder zu sein. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, finde ich es verblüffend, wie bedingungslos man mich hier von Anfang an einbezogen hat. Ich bin unendlich dankbar.

Mehrere Austauschschüler meinten häufig, wir seien füreinander eine „dritte Familie“, nach der „echten“ und der Gastfamilie. Der Australier Aiden war es, der den Nagel auf den Kopf traf, als er uns als eine „family of friends“ bezeichnete. Dadurch, dass wir verhältnismäßig wenige Austauschschüler im ganzen Land waren, ungefähr 35, wurden wir mit der Zeit unzertrennbar. Schon nach dem YFU-Abschlusseminar, welches letztes Wochenende stattgefunden hatte, gab es nicht wenige Tränen und ich möchte mir nicht vorstellen, wie es uns am Flughafen ergeht. Aufgrund der Tatsache, dass wir diese unbeschreibliche Erfahrung miteinander teilten, hatten wir immer etwas zum Reden und selbst das siebentägige Anfangsseminar schien uns zu kurz. Nun gehen wir bald, die meisten nach Deutschland oder wenigstens nach Europa, doch einige auch nach Australien, Neuseeland, Kanada, Mexiko, Uruguay, Thailand. Ich kann es jetzt schon kaum erwarten, meine wunderbaren Freunde wieder in Estland zu besuchen, doch ich werde auch mit allen Mitteln versuchen, meine dritte Familie in der großen weiten Welt wiederzusehen.

Was bleibt, ist ein flaues Gefühl im Magen, denn bald wird mein Leben mal wieder radikal umgekrempelt werden. Dem sehe ich mit Neugier, Nervosität und Freude entgegen, denn dieses Jahr hat mich gelehrt, neue Wege zu beschreiten und Vergangenes zu würdigen, ihm aber nicht nachzutrauern. Wenn Ihr die Möglichkeit habt, nutzt die Gelegenheit und werdet Austauschschüler oder Gastfamilien! Dieser Satz wird oft gesagt, aber seine Bedeutung erfuhr ich erst innerhalb des letzten Jahres: Auf diese Weise lernt man viel über die eigene

Kultur und eine fremde Kultur, vor allem jedoch über sich selbst.Cianna aus Neuseeland in Lettland mit der Estland-Flagge. in Südestland Modell ist (vorrangig) meine Brille Essen, diesmal keine Kartoffeln Niels aus Deutschland braucht eine Pause Lilian aus Deutschland, María Pía aus Uruguay, Laetitia aus Frankreich Niklas aus Deutschland und ich Touristen in Riga Die Riga-Gruppe So muss es sein! Freiheit! Alejandro, Mará Pía und ich In Narva Vera aus der Schweiz und Marjolijn aus Belgien sind sauer Die Bremer Stadtmusikanten... in Riga Aiden aus Australien und ich freuen uns über einen Balon Aiden macht Jazz-Hands Ich vor der deutschen Botschaft in Tallinn Denen geht's gut! glücklich über Riga und eine Pizza