17 años.

In den letzten Wochen ist so viel geschehen, bin ich viel gereist, habe so viel erlebt, gesehen, kennengelernt, gedacht, gelacht, geredet und … gegessen!

Vor einigen Wochen, oder war es vor mehr als einem Monat? Hat meine Mama etwas gesagt, woran ich mich jetzt erinnern muss, als ich mich hinsetze, mir Ruhe nehme, um in mich hineinzuhorchen und um Euch endlich wieder ein paar Zeilen aufs Papier zu bringen! Was sie sagt war, ganz einfach; Liebe Leo, es ist so schoen zu merken, dass Du jetzt einfach voll angekommen bist, da drueben. Und damit hat sie wohl Recht gehabt. Doch… kann man immer mehr ankommen? Oder ist man einmal angekommen und damit dann voll da?

Wenn dem so ist, dann weiss ich nicht, wann dieser Wandel passiert ist, ob es ueberhaupt schon so weit ist oder noch in ungewisser Zukunft liegt.

Was ich weiss ist, dass ich hier ein zweites Zuhause gefunden habe.  Dass ich vom Wochenendtrip heimkomme und diese Endlich-Zuhause-Erleichterung empfinde, so schoen das Wochenende auch gewesen war. Froh bin, wieder in meinem Bett zu schlafen, das mir bekannte Essen zu essen, den mir bekannten Rythmus zu leben. Was ich weiss ist, dass mir meine Lunge mittlerweile keine Probleme mehr macht, dieses Organ der Kommunikation, das sich zu Beginn durch meine Unsicherheit mit der Sprache so straeubte.  In meiner Gedankenwelt kann ich spanisch und deutsch mittlerweile nicht mehr so recht trennen und so kommt es schonmal vor, dass ich meine spanischen Gedanken fuer einen Tagebucheintrag uebersetzen muss. Das ist auch der Grund, weshalb ich im naechsten Jahr voll in den Schulstoff einsteigen will; mein Vokabular erweitern und ueber die blosse Alltagssprache hinauszuwachsen. Um irgendwann dann mal mir auf spanisch von der Seele schreiben zu koennen. Es macht so Spass der Sprache Herr zu werden und wenn ich dabei bin meinem Bruder deutsch von null her beizubringen, ueberkommt mich schon wieder Lust, eine neue Sprache zu lernen!

Ich bin nun 17 Jahre alt. Es fuehlt sich gut an, das zu sagen, auch wenn es noch ungwohnt ist; wie jedes Jahr. Vor drei Wochen hatte ich Geburtstag, mein Tag, den ich hier in vollen Zuegen genossen habe. Gemuetlich habe ich ausgeschlafen, in Ruhe mit Miriam geskypt; meine ganze Familie war am samstaeglichen Morgen geschaeftig ausgeflogen!
Dann kam auch schon mein Papá heim, mit dessen Begleitung ich mich hingesetzt habe, und die Pakete aus Deutschland geoeffnet habe. Ganz euphorisch war ich, damit meine wahre Familie so viel mehr hier zu haben; habe genuesslich sicher zwei Stunden mit Geschenke oeffnen verbracht! Denn dann kam meine Mutter heim und gemeinsam haben wir das mitgeschickte Fotoalbum angeschaut.

Zu Mittag assen wir die von mir gewuenschten Maistaschen, dessen Geschmack mir dann aber doch von Guatemala her noch bekannt schien. Es war eines der ersten Male in diesem Sommer, dass wir draussen auf der Terrasse zu Mittag assen!

Am Nachmittag bin ich einkaufen gefahren mit meiner Mamá, um alles Noetige fuer den Abend zu besorgen. Ein Freund von mir hat ganz genau am selben Tag Geburtstag und schon Wochen vorher hatten wir ueberlegt, diesen Tag zusammen zu feiern! Zum Abendessen kam eine Freundin von mir, und wir haben die Geburtstagstorte probiert, eine recht besondere, traditionell-chilenische, die meine Mamá schon seit Tagen am Vorbereiten war.

Dann sind wir auch schon los und ich musste an das vergangene Jahr denken, meinen 16. Geburtstag, den ich so schoen verbracht habe, mit fast all meinen Freunden in Kassel.

Im Haus des Klassenkameradens haben wir noch die letzten Vorbereitungen getroffen, als dann schon die ersten eindrudelten. Und dann vergingen die Stunden wie im Fluge! Ich hatte ploetzlich alle die Menschen vereint, die mir hier wichtig sind, meinen Bruder, meine Freunde aus der Schule und den anderen, daenischen YFUler Svend.
Ich genoss die Stunden in vollsten Zuegen, und hoffte, sie wuerden nie zu Ende gehen. Einen Tag wie diesen wuerde ich nur einmal erlebt haben.
Da es keine Geburtstagsfeier ohne Torte geben kann, hatten wir fuer den Abend eine Schwarzwaelder ausgewaehlt. Die sollte auch hier nicht fehlen! Man merkt dann aber doch immer wieder, dass ich keine Chilenin bin; so war ich nach dem netten Geburtstagsstaendchen ganz und garnicht vorbereitet auf den “Tortazo”, der folgen sollte und fand mich danach mit der Torte im Gesicht wieder!
Verrueckt, diese Chilenen. Gelacht habe ich aber, wie lange nicht mehr.

Es blieb dann noch eine Woche bis, die von allen langersehnte, Klassenfahrt nach Brasilien anstand! Es sprachen alle nur noch davon. Zu meinem Glueck blieb ausser mir auch mein wohl bester Freund hier, Matias, in Concepción, und so beganen wir Plaene zu schmieden, wie wir die Woche anders und trotzdem gut verbringen koennten. Die Einladung von Regine, die Patentante meiner Schwester, die etwas suedlich von hier lebt, stand schon lange aus und nach unkomplizierter Absprache, packten wir also unsere Rucksaecke, um das Wochenende auf dem Land zu verbringen!

Nach einigen Stunden Busfahrt also, fanden wir uns am Samstag in dem Dorf Carahue wieder, einer so ganz anderen Seite von Chile! Regine hiess uns willkommen und sofort ueberkamen mich Heimangefuehle, dank ihrem weichen, schwaebischen  Akzent, der sich auch in ihrem Spanisch wieder findet. Sogar Mati hat als Chilene den Unterschied zwischen unseren deutschen Akzenten bemerkt.

Mit Regine fuhren wir zu ihrem Stueck Land, sodass ich endlich den Ort kennenlerne, von dem mir schon so viel erzaehlt worden war.

Wir lernten ihre Soehne kennen und verbrachten den Nachmittag die Umgebung kennenlernend, mit den Tieren und Tischtennisspielend.

Regine zeigte uns ihr Zuhause, das fuer uns viele Erklaerungen und Beschreibungen erforderte, da es so eng mit der fuer uns fremde Mapuche-Kultur verknuepft ist. So lernten wir vieles; ich, die bisher nur das moderne chilenische Leben naeher kennengelernt hatte, als auch Mati, der damit neue Seiten seines Landes kennenlernte.

Nachdem wir am naechsten Morgen von den zwei Haehnen aus den Betten gerissen worden, fuhren wir mit den Jungs an einen besonders idyllischen Strand! Mit einer kleinen Faehre erreicht man die Halbinsel, die mit ihrer Einsamkeit und ihrer Weite aus Duenen verwunschen wirkt.

Der sonnige Nachmittag verging schnell, Regine und ich nutzten ihn, um uns so von der Seele zu reden, wie man es dann doch nur in deutsch kann.

Zurueck auf dem Hof nutzten wir die Zeit, die uns blieb, um die nahe Umgebung besser kennen zulernen, diese Ruhe des “ganz draussen”- seins in uns aufsaugend.

Wir knuepften Pulseras, waren Regine mit dem Entkernen von Erbsen behilflich, bis es am naechsten Nachmittag schon wieder hiess, die Heimreise anzutreten. Uns beiden fiel es dann schwer, in Temuco, wo wir auf einem Markt Halt machten, wieder in die Realitaet mit all den vielen Menschen zurueckzufinden.

Durch die besondere Auszeit, die wir uns in diesen paar Tagen auf dem Land gegoennt hatten, kam ich ganz weltfremd wieder in Conce an, das mich mit einem Strandtag und Weihnachtsvorbereitungen erwartete. Wenige Naechte schlief ich in meinem Bett, denn schon fuer den Donnerstag hatte mich meine Schwester nach Santiago eingeladen gehabt!

Am Morgen bin ich mit meinem Bruder in den Bus gestiegen und habe den ganzen Weg ueber aufgeregt und gespannt die Landshaft beobachtet, die ich auf meiner Hinfahrt nach Conce nur in der Nacht erlebt hatte. Verrueckt, wie sie sich wandelt und zum Norden hin immer trockener, fast wuestisch wird.
Nach 6 Stunden kamen wir in Santiago an und mich hat schier der Schlag getroffen, als ich aus dem Bus gestiegen bin. Diese Hiiiiitze! Die jedoch im Dezember noch schoen fruehlingshaft ist…
Auf dem Weg zur Wohnung meiner Schwester haben wir schon eine kleine Stadttour gemacht, die mir mehr Neugierde noch beschert hat, Santiago kennenzulernen!
Von ihrer huebschen Wohnung aus sind wir gestartet um das Bellavista-Viertel kennen zu lernen; Ein sehr nettes Studenten- und Touristenviertel. Von dort aus ging es auf den Huegel San Cristobal, auf dessen Spitze stolz eine Maria-Statue drohnt. Von dort aus konnte man Santiago ueberblicken, auch wenn der Smog die fernere Umgebung vernebelt hat.
Am naechsten Tag lernten wir das Zentrum kennen; sind von einem schoenen alten Viertel zum naechsten spaziert, haben die Moneda (Regierungs-Gebaeude) von aussen besichtigt und eine Ausstellung ueber den chilenischen Kuenstler Mata besucht. Haben viel gegessen; so mussten doch all die Hamburger ausprobiert werden, die es nur in Santiago gibt!
An einem anderen Tag haben wir mit dem Auto die Stadtviertel besucht, die naeher an den Anden liegen und von der kleinen Prozentzahl steinreicher Chilenen bewohnt werden.

So verstrichen die Tage dieses sommerlichen Geschwister-Wochenendes! Wir haben die Zeit genossen, zu dritt; haben sie genutzt! Meine Geschwister haben mir soviel von Santiago gezeigt, wie man in der wenigen Zeit nur kennenlernen kann und ich bin ihnen sehr dankbar dafuer! Muede und mit vielen neugesammelten Eindruecken sind wir am Sonntag wieder heimgefahren. Es ist verrueckt, wie Santiago eine eigene kleine Welt ist. Diese komplett andere Mentalitaet, die dort herrscht, von der alle sagen, sie sei fast europaeisch und damit recht haben. Ein gaenzlich anderes Chile, als das, was ich von ausserhalb von Santiago kennengelernt habe.

Es brach dann die letzte Schulwoche an, in der wir von Tag zu Tag weniger Schueler im Klassenraum waren. In der wir die Tage Filme guckend, Karten spielend, Zeit vertroedelnd verbrachten, weil die Noten eigentlich schon laengst beschlossen waren und es nichts mehr zu tun gab. Ganz unwirklich ist das Halbjahr zu ende gegangen und als der letzte Gong ertoente wurde ich mir erst wirklich darueber klar; das war jetzt die erste Haelfte. Die Haelfte meiner chilenischen Schulzeit ist rum, und wenn die Zweite ebenso schnell vergehen wird … sollte ich schonmal meine Sachen packen!

Jetzt ist eine Ferienwoche um, dessen Tage ich genossen und ausgefuellt habe mit sozialem Leben. Strandtag mit meiner Familie, Tischtennis mit Freunden, Laguna.

Mit meinen Maedels bin ich zum Geschenke suchen losgezogen und um gelbe Unterhosen zu kaufen… Denn wer diese zu Silvester traegt, wird im neuen Jahr Glueck haben in der Liebe! 😀

Und so fehlt heute nur noch ein Tag bis zum grossen Fest. Meine Schwester ist gestern aus Santiago angekommen und ich bin nun mit den letzten Geschenkevorbereitungen beschaeftigt.

Etwas wie Weihnachtsstimmung herrscht hier jedoch nicht… Alle sind guter Dinge, es ist total schoen, dass Francisca da ist. Meine Mutter ist etwas gestresst, wegen all dem komplizierten Essen, das vorbereitet werden muss.
Die Weihnachtslichter leuchten, doch nur spaet in der Nacht. Die Weihnachtsmaenner tun mir Leid in ihrer warmen Verkleidung und auch die Plaetzchen haben nichts Erfrischendes!

Es ist doch spuerbar, dass Weihnachten so, eine Erfindung fuer die Nordhalbkugel war.

Und deshalb fuer Euch: Froehliche, schnee-kalt, ofen-warme, kuschelig-glitzernde Weihnachtsfeiertage!

Vorweihnachtszeit

Ich hab für YFU Eesti über meine Vorweihnachtszeit ein bisschen berichtet und euch möchte ich das natürlich auch nicht vorenthalten 😉

” Soon is Christmas – and although there is only very little snow outside I have this Christmas feeling, and I can see it everywhere. Last year there was now up to 70cm snow. Most of the people are glad about the missing snow, but I really look forward that it comes :). In the cities of Tallinn and Tartu are Christmas trees and Christmas markets and the streets are illuminated with nice lighting. Also in Jõgeva, where I live to, are the the streets beautifully lighted.

It is a strange feeling not to be „at home with my family“ in Germany and not to celebrate with them. It is my first time without them. But I enjoy this peaceful time together with my second family, who gives me here in Estonia another home. 🙂

Every weekend there is the nice smell of baked cookies or piparkook (gingerbread) in our house and we eat a lot of mandarins. At our last real school-day we had for lunch veriworst (black pudding), which is traditionally eaten at Christmas.

With my folk-dancing group we performed every weekend in December and more. In the Jõgeva culture center, for Christmas parties of the center and in the old people’s home, as entertainment at a couple dancing Christmas competition or at a lot Christmas market with handmades.

In my school we had a Christmas party and the more official Christmas concert at the last school day. There I sang with the school’s choir for my first time. In his final speech the director thanked all the important persons for their contribution and also me personally 🙂

My Christmas package to my family in Germany arrived, their package is on its way. I have bought many beautiful Estonian Christmas cards, which wait to be written now in the holidays, when I have finally time for it. I had a nice time before Christmas and now I look really forward to celebrate the fest of love with my Estonian family and our relations at mamma’s (grannie’s) house. Christmas eve we will go to the church, although we are all not religious, but for the atmosphere.

Right now the music of the famous Estonian musician Raimond Valgre sounds through our house from a original vinyl record player and I feel that Christmas is almost there :)”

Ich wünsche euch allen ein frohes Fest. HÄID JÕULE!

Ein Bericht… :)

Vor zwei Wochen habe ich einen Erfahrungsbericht geschrieben, u.a. für die YFU-FörderInnen meines Osteuropa-Stipendiums 🙂

 

Liebe Förderinnen und Förderer!

 

Ich bin jetzt schon gute drei Monate hier in Estland und ich kann diese tolle Zeit eigentlich gar nicht in Worte fassen. Es ist unglaublich schön, interessant, spannend, aufregend, faszinierend, einzigartig und vieles mehr! Ich lebe in einer klassen Familie und habe schon viele tolle Menschen kennengelernt. Ich konnte Erfahrungen sammeln, die ich zuhause in Deutschland nie so hätte erleben können und es werden mehr folgen. Einiges wird mir wahrscheinlich auch erst später bewusst werden und ich werde es nach meiner Rückkehr verstehen, so kann ich mein Leben lang von meinen Erfahrungen schöpfen. Ich erfahre hier in Estland eine neue Kultur und neue ‘Wege zu leben’, die sich mir nach und nach erschließen. Ich fange an, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

Familie & Sprache

Ich bin sehr glücklich in so einer tollen Familie zu leben. Vom ersten Augenblick haben mich alle herzlich aufgenommen und ich habe immer das Gefühl willkommen zu sein. Meine Eltern und meine beiden Schwestern helfen und unterstützen mich wo sie können, damit ich mich gut einleben konnte und mich immer zurecht finde. Wir verbringen viel Zeit miteinander, machen Ausflüge, kochen und backen gemeinsam. Sie erzählen und erklären mir viel über Estland, die estnische Kultur und Geschichte, die oft noch sehr präsent und ‘nah’ ist. Gleichzeitig sind sie auch sehr an mir interessiert und ich kann von meinem Leben in Deutschland und meinen Erfahrungen berichten. Es ist toll wie vertraut man Menschen nach so kurzer Zeit sein kann.

Mit der neuen Sprache klappt es auch schon sehr gut. Ab und zu träume ich auch in Estnisch, allerdings sind das noch sehr einfache Sachen wie „Meine Stadt ist kleiner“ oder „Mir geht es hier super!“. Allgemein sind die Menschen in meinem Umfeld sehr motiviert mir Estnisch beizubringen. Ich lerne viel, aber der beste (und lustigste) Weg ist, einfach so viel wie möglich Estnisch zu sprechen. Dabei merke ich, dass ich jeden Tag kleine Fortschritte mache. Es macht mir sehr viel Spaß und Freude diese neue Sprache zu lernen. Es ist unheimlich spannend eine Sprache zu lernen, mit der ich, so wie die meisten Nicht-Esten, vorher noch nie in Berührung gekommen bin und es ist toll zu beobachten, wie sich mir immer mehr erschließt. Auch wenn einige Wörter vom Deutschen abstammen, klang Estnisch anfangs ungewohnt, vor allem der Buchstabe „õ“ dessen Aussprache angeblich 1837 von Otto Wilhelm Masing als „das Aufstöhnen eines Bauern’s bei harter Arbeit auf dem Feld“ beschrieben wurde. Sonst spricht man im Estnischen allgemein alles so aus wie man es schreibt, so wird Gymnasium Gümnaasium und Physik füüsika geschrieben. Ich bin es aus dem Deutschen gewohnt ‘ei’ wie ‘ai’ auszusprechen. Hier wird ‘ei’ tatsächlich ‘ei’ oder ‘ey’ gesprochen und so kommt es nun vor, dass ich bei deutschen Texten auch ‘ei’ lese und beispielsweise ‘es schneit’ anstatt ‘es schnait’ ‘es schneit’ ausspreche oder denke.

Eine Lehrerin meiner Schule, die ein bisschen Deutsch kann, gibt mit zweimal in der Woche Estnischunterricht. Wenn jemand mit mir Englisch spricht, sagen meine Freunde immer zu dieser Person „Spricht Estnisch!“, denn sie wissen, dass ich das meistens auch auf Estnisch kann. 🙂 Natürlich mache ich noch einige Fehler, so habe ich zum Beispiel in einer Präsentation für Musik über das Schloss Neuschwanstein anstelle von „magamistuba“ (=Schlafzimmer) „magamatuba“ geschrieben, was etwa mit „Zuschlafenzimmer“ übersetzt werden kann. Meine Klasse, meine Lehrerin und ich, nachdem ich verstanden hatte, wieso alle losgelacht haben, waren darüber sehr amüsiert.

Auch sehr lustig war, als wir in der Klasse am „õpetajapäev“ (=Lehrertag, die 12er sind für einen Tag LehrerInnen) das Märchen Rapunzel laut vorgelesen haben. Einige zuerst auf Deutsch und ich habe den Schluss auf Estnisch gelesen, von dem ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel verstanden habe. Allerdings habe ich ein umgeschriebenes Ende bekommen, in dem der Prinz mit Rapunzel durchbrennt. Als ich dann nichtsahnend dieses vorgelesen habe, konnte sich meine Klasse vor Lachen nicht mehr halten.

 

Andere Verhältnisse

Estland ist mit einer Bevölkerung von rund 1,3 Millionen ehr ein kleiner Staat. Die Hauptstadt Tallinn ist mit 400.000 EinwohnerInnen auch die größte Stadt, gefolgt von Tartu mit 100.000. Beide Städte sind sehr schön, und Tallinn ist zur Zeit Kulturhauptstadt Europas. Ich lebe außerhalb der Stadt Jõgeva, die zentral-östlich gelegen ist. Ich war schon zweimal am nahegelegen Peipsi-See, dem 5. größten See Europas, den die Menschen hier manchmal liebevoll „kleinen Ozean“ nennen. Jõgeva hat ca. 6000 EinwohnerInnen und ist somit rund 100-mal kleiner als meine Heimatstadt Dortmund. Ich bin auch ein Kind des Ruhrgebiets und für mich ist es ganz neu ‘auf dem Land zu leben’. Doch ich finde es es sehr spannend diese Erfahrung zu machen und die Strukturen zu erkennen. Es ist unglaublich wie schnell sich Neuigkeiten herumsprechen und wie vielen Menschen ich, die hier erst seit 3 Monaten lebt, auf der Straße begegne. Außerdem genieße ich die Ruhe und die Dunkelheit, die in einer Großstadt nicht zu finden sind.

Da es nicht sehr viele Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche in Jõgeva gibt, läuft viel über die Schule. Es gibt viele Veranstaltungen von SchülerInnen für SchülerInnen, z.B. den ‘Salon-Abend’, für den jede 9er bis 12er Klasse einen kleinen Film gedreht hat; der Schulgeburtstag wird jedes Jahr gefeiert; es gibt Gedenktage oder -wochenende für berühmte Personen, die auf unserer Schule waren, etc. Das bin ich von meiner Schule in Deutschland nicht so gewohnt. Ich gehe einmal die Woche zu unserem Frauenchor und einmal zum gemischten. Meine Sportlehrerin ist auch meine Leichtathletiktrainerin und in der Schule gibt es einen Fitnessraum, der auch nachmittags genutzt werden kann. Außerdem gibt es unter anderem eine Theatergruppe, Volleyball- und Basketballtraining in der Schule und ein Fußball- und Leichtathletikstadion neben der Schule. Das alles bei einer Gesamtschülerschaft von 600, jedoch ist in Estland die Schule für alle zusammen, also von der 1. bis zur 12. Klasse.

 

Die estnische Natur ist beeindruckend!

Ungefähr die Hälfte der Landfläche ist mit Wald bedeckt und auch ich wohne neben einem Wald, in dem ich mit meiner Familie schon Pilze gesammelt haben. Viele Esten essen Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten und auch wir haben Apfelbäume, Johannisbeeren, Erdbeeren, Zucchini, ganz viele Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Paprika. Als es noch etwas wärmer war, waren wir auch Sanddorn und Cranberries pflücken. Es gibt viele Moore und Naturschutzgebiete, von denen wir einige gemeinsam besichtigt haben. Durch die viele (unberührte) Natur ist die Luft immer frisch. Mein Vater weiß durch seinen Beruf sehr viel über den Wald und die Tiere und Pflanzen, die in ihm zu finden sind, und er kann mit immer etwas erklären.

Morgens wenn ich aufwache ist es meistens noch so dunkel, dass ich von meinem Fenster die Sterne sehen kann. Wenn ich dann gemeinsam mit meinen Schwestern und meinen Eltern zur Schule fahre, ist der ganze östliche Horizont von der aufgehenden Sonne orange gefärbt. Bei Sonnenuntergang (zur Zeit gegen halb 5) ist der Himmel rosa-rot-orange. Manchmal bleibe ich dann einfach stehen und genießen dieses farbvolle Naturereignis. Wenn wir abends oder nachmittags gemeinsam nach Hause fahren, gucke ich meistens nur aus dem Autofenster genieße den Ausblick und bin beeindruckt, wie verschieden schön der Himmel zur gleichen Zeit sein kann oder wie leuchtend hell das Firmament ist. Ich habe noch nie so viele Sterne beobachten können und ich sehe die Milchstraße fast jeden Tag! Estland ist sehr flach und nicht sehr dicht besiedelt, wodurch der Horizont immer sehr weit ist und der Blick in den Himmel nicht gestört wird.

Ich finde und nehme ich mir hier die Zeit stehenzubleiben, mich um zugucken, zu beobachten, in den Himmel zu gucken, meinen Blick schweifen zu lassen, den ‘Alltag’ und das ‘Normale’ genauer zu betrachten. Alles ist neu und spannend für mich, und ich weiß ich werde nach meiner Rückkehr auch die Dinge in Deutschland anderes betrachten. Dadurch kann ich meine Umfeld besser kennen und schätzen lernen.

 

Außerdem erlebe ich hier eine neue Sicht auf die Dinge. Hier in der Ferne kann ich die alles anders reflektieren, mein persönliches Leben, aber auch meine Einstellung. Durch die unterschiedlich Geschichte, durch die andere Kultur, durch ein anderes Familienleben, sind hier andere Sachen ‘normal’. Das können so banale Sachen wie Garderoben in Schulen und fast allen anderen öffentlichen Gebäuden, oder die Art und Weise wie „Gute Nacht“ gesagt wird.

Ich habe mein gewohntes Umfeld verlassen und mich auf etwas ganz Neues eingelassen. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache und ersteinmal fremde Menschen. Ich war – und bin es natürlich immer noch – sehr neugierig und erkundungsfreudig und möchte so viel wie möglich sehen und lernen.

Jeder Tag bringt neue Erfahrungen und ist ein kleines Abenteuer für sich.

Jeder Augenblick ist ein ganz besonderer, den ich sehr zu schätzen weiß.

Ich danken Ihnen aus ganzen Herzen, dass Sie mir dieses unglaubliche Jahr ermöglichen!!

 

 

 

 

 

Ich mit meinen Schwestern Heli und Helje (vlnr) am 1. Schultag

Ich, meine Schwester Heli und meine Mutter beim kiicking (schaukeln)

Meine Schwestern Helje und Heli und ich im Sanddornfeld.

 

Helje, Heli und ich vorm Pilze sammeln.

Ein Sonnenuntergang, wie ich ihn fast jeden Tag sehe.

 

Der Peipsi-See mit untergehender Sonne.